{"id":91331,"date":"2022-12-09T09:00:01","date_gmt":"2022-12-09T08:00:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91331"},"modified":"2022-12-09T13:13:43","modified_gmt":"2022-12-09T12:13:43","slug":"keine-zukunft-ohne-vergangenheit-ein-leben-mit-russischem-pass-in-der-ukraine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91331","title":{"rendered":"Keine Zukunft ohne Vergangenheit: Ein Leben mit russischem Pass in der Ukraine"},"content":{"rendered":"<p>Ganz unerwartet habe ich gestern den Mann einer Bekannten kennengelernt, der seit 1997 in Kiew lebt. Nennen wir ihn Alex. Er ist Russe mit russischer Staatsb&uuml;rgerschaft und unbefristeter Aufenthaltserlaubnis f&uuml;r die Ukraine. Seine Frau, Natascha, hat einen ukrainischen Pass, auch sie ist Russin und lebt seit vierzig Jahren in Kiew. Sp&auml;testens seit 2014 ist die Ukraine gespalten &ndash; und diese Spaltung geht durch die Familien. Alex konnte es bis gestern nicht glauben, dass er diesem ganzen Wahnsinn entkommen konnte! Die letzten neun Monate waren &auml;u&szlig;erst schwierig: Man muss genau darauf achten, was man sagt, jedes zu schnelle Wort kann einem zum Verh&auml;ngnis werden. Auf keinen Fall durfte Alex seinen russischen Pass bei sich haben. Von <strong>Maria Popow<\/strong>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91331#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>].<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8456\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-91331-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221208-Leben-mit-russischem-Pass-in-der-Ukraine-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221208-Leben-mit-russischem-Pass-in-der-Ukraine-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221208-Leben-mit-russischem-Pass-in-der-Ukraine-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221208-Leben-mit-russischem-Pass-in-der-Ukraine-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=91331-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221208-Leben-mit-russischem-Pass-in-der-Ukraine-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"221208-Leben-mit-russischem-Pass-in-der-Ukraine-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Seit neun Monaten f&auml;hrt er mit dem Fahrrad zur Arbeit, weil er in &ouml;ffentlichen Verkehrsmitteln st&auml;ndig kontrolliert wird. Im Herbst und Winter wird es schwierig &ndash; es ist kalt und dunkel, er hat dauernd Bronchitis. Aber es gibt keine Alternative. Alex muss mehrere Br&uuml;cken unterqueren, auch dort gibt es Patrouillen. Alles was er zeigt, ist sein F&uuml;hrerschein und Arbeitsausweis, wo man nicht von ableiten kann, dass er die russische Staatsangeh&ouml;rigkeit besitzt. Alex muss sich immer entschuldigen, dass er den Pass zu Hause vergessen hat. Er lebt st&auml;ndig mit der Angst aufzufliegen. Es ist nicht die Furcht vor russischen Bomben und Raketen, sondern Alex kann jeden Moment verraten und geschnappt werden.<\/p><div class=\"imagewrap\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/221208-Russischer_Pass_.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Quelle: Symbolbild Russischer Pass &ndash; Shutterstock \/ vovidzha<\/p><p>Auf seiner Arbeitsstelle wissen alle, dass er die russische Staatsb&uuml;rgerschaft hat. In Kiew gibt es &uuml;berall gro&szlig;e Schilder mit der Aufschrift &bdquo;Liefere den Feind &ndash; hier!&ldquo; und einem QR-Code, den man mit dem Handy herunterladen kann, und sofort den &bdquo;b&ouml;sen&ldquo; Nachbarn, den verhassten Kollegen oder sogar einen Verwandten &bdquo;ausliefern&ldquo; kann, dessen Wohnung oder Eigentum man im Auge hat. Menschen werden verhaftet und viele kehren nicht zur&uuml;ck.<\/p><p>Ich frage, ob es viele Leute wie ihn mit einem russischen Pass gibt. Alex sagt, er kenne niemanden. Vor dem Krieg hat er sich eine Wohnung in der N&auml;he von Kiew gekauft, aber die offizielle Eintragung noch nicht erledigt. Die Sachbearbeiterin in der Verwaltung sieht seinen roten Pass und sagt: &bdquo;Seien Sie vorsichtig mit diesem Pass. Sie k&ouml;nnen festgenommen werden!&ldquo; Es gebe in der Region Tschernihiw ein Lager, in dem alle Russen mit einer Aufenthaltserlaubnis festgehalten werden. <\/p><p>Alex: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Sie hat mir sogar gesagt, wie dieses Lager hei&szlig;t. Ich habe sofort meine Beine in die Hand genommen! Die Wohnung kann warten!&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Es ist nicht m&ouml;glich, die ukrainische Staatsangeh&ouml;rigkeit auf die Schnelle zu erhalten, um &uuml;berhaupt rauszukommen. So haben Natascha und Alex entschieden, &uuml;ber Ungarn und Deutschland in die Niederlande zu gehen, wo die erwachsenen Kinder sind. Vorab rufen sie das ungarische Konsulat in Uzhgorod an, um herauszufinden, ob generell ein Visum ben&ouml;tigt wird. Gott sei Dank ist mit einer ukrainischen Aufenthaltserlaubnis ein 30-Tage-Aufenthalt ohne Visum m&ouml;glich. &Uuml;ber private Kan&auml;le finden sie einen Minibus und einen Fahrer, der solche Fahrten ein- bis zweimal im Monat durchf&uuml;hrt. <\/p><p>An der ukrainisch-ungarischen Grenze werden die P&auml;sse der Insassen zur &Uuml;berpr&uuml;fung eingesammelt. Der Grenzposten schaut auf den roten russischen Pass und wird aggressiv: &bdquo;Was ist das?! Was ist das f&uuml;r ein&hellip;?&ldquo; Alle schweigen. &bdquo;Habe ich recht?&ldquo; &ndash; er spricht seine Frau an, die neben ihm sitzt, sie hat einen anderen Namen und einen ukrainischen Pass. Sie nickt mit dem Kopf. Der Grenzposten dreht sich um und geht.<\/p><p>Nach einiger Zeit werden die P&auml;sse zur&uuml;ckgegeben und alle atmen erleichtert auf. Sie fahren weiter. Alex sagt zu seiner Frau: &bdquo;Nun &hellip; das war der Zoll, jetzt gibt es Grenzbeamte, wir m&uuml;ssen unsere Beine breit machen. Sie wickeln meinen roten Lappen auf und stecken ihn mir in den Arsch!&ldquo; Aber der Fahrer sagt: &bdquo;Wir sind schon durch, jetzt kommt Ungarn, jetzt kommen ungarische Grenzschutzbeamte.&ldquo; Die gr&uuml;&szlig;en h&ouml;flich auf Russisch: &bdquo;Guten Abend&ldquo; und auf den russischen Pass zeigend fragen sie: &bdquo;Wo ist das Visum?&ldquo; Alex erz&auml;hlt ganz aufgeregt, dass er mit dem Konsul telefoniert hat und alles in Ordnung sein sollte. Sie h&ouml;ren lange zu und dann wendet sich einer ab und sagt: &bdquo;Der Konsul ist eine Kurva (Hure)!&ldquo; Aber sie werden durchgelassen.<\/p><p>Um drei Uhr nachmittags sind sie in den Bus gestiegen und am Abend des n&auml;chsten Tages rufen sie mich an, ob sie bei mir &uuml;bernachten k&ouml;nnen. Natascha und Alex f&uuml;rchten, nie in Holland anzukommen! Der Fahrer f&auml;hrt seit 30 Stunden und hat nur 20 Minuten geschlafen! Der Kleinbus muss keinen gro&szlig;en Umweg machen, h&auml;lt kurz bei mir an und f&auml;hrt mit zwei weiteren Passagieren weiter nach Amsterdam. Ob sie da wohl angekommen sind?<\/p><p>Sie erz&auml;hlen: In Kiew gibt es momentan keine Stra&szlig;enbeleuchtung. Beleuchtet wird nur das Denkmal f&uuml;r die Opfer des Holodomor. Dies sei ein anderes Thema, bei dem diese nationale Katastrophe der UdSSR zu einem Instrument des Kampfes gegen das verhasste Russland gemacht werde, wobei vergessen werde, dass die Hungersnot auch die Menschen in Nordkasachstan, Sibirien und Zentralrussland getroffen habe. Alex: &bdquo;Was soll das?! Alles wird in den Ofen gegen den gehassten Feind geworfen!&ldquo; Ich frage: &bdquo;Wann hat das angefangen?&ldquo; Er sagt, dass das &bdquo;Moskalyaku na Gilyaku&ldquo; schon vor 2014 war, aber damals wurde das alles nicht ernst genommen. Niemand dachte daran, dass es eines Tages Realit&auml;t werden w&uuml;rde und die Doktrin und Ideologie der Ukraine.<\/p><p>Wir fragen uns: &bdquo;H&auml;tte es gestoppt werden k&ouml;nnen? Wann war der Punkt ohne Wiederkehr &uuml;berschritten?&ldquo; Natascha meint: &bdquo;Ja, dieser Krebs wuchs jedes Jahr, metastasierte in den K&ouml;pfen und Seelen der Menschen, die in der Ukraine leben&hellip;&ldquo; Seit Oktober gebe es in Kiew sehr oft Stromausf&auml;lle. Manchmal sogar f&uuml;r drei Tage. Sobald wieder Elektrizit&auml;t da ist, springen sie auf und laden alle Telefone und Powerbanks auf. Das Wichtigste f&uuml;r Alex ist die Aufladung seiner Fahrradlampe! Sie kochen Wasser und machen die Thermoskanne damit voll, aber morgens ist das Wasser schon wieder kalt. Abendessen gibt&rsquo;s bei Kerzenlicht mit kalten Konserven. Diejenigen, die einen Gasherd besitzen, haben es leichter.<\/p><p>Bis Oktober, als die Russen nach der Explosion der Krimbr&uuml;cke Raketenangriffe auf milit&auml;rische Anlagen und die Infrastruktur starten, unterschied sich das Leben in Kiew praktisch nicht von der Vorkriegszeit, sagen Natascha und Alex. Gegen&uuml;ber ihrem Haus liegt der Dnjepr, mit vielen Restaurants und Caf&eacute;s. Abends &ndash; st&auml;ndige Partys, teure Autos, junge Leute feiern. &bdquo;Was f&uuml;r junge Leute? &ndash; frage ich, &ndash; es gibt doch die allgemeine Mobilisierung?&ldquo; <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Ja, es gibt sie, aber diese jungen Leute haben Eltern, die sie freikaufen k&ouml;nnen. Vorladungen werden an alle in der U-Bahn, auf der Stra&szlig;e, an Studenten, Arbeiter, aber nicht in den Nachtclubs verteilt.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Alex sagt, Kiew sei eine russischsprachige Stadt. &bdquo;Fast alle sprechen Russisch. Sogar 2014\/2015 gibt es im ukrainischen Fernsehen einen Bericht &uuml;ber den Fall, dass ein Fl&uuml;chtling aus dem Donbas irgendwie in die Westukraine gelangt war und dort irgendwo Russisch sprach und ihm der Mund aufgerissen wurde. Der Bericht verurteilte diesen Vorfall. Tja, dann ging sowieso alles schief. Poroschenko unterzeichnete ein Sprachverbotsgesetz, Selenskyj versprach bei den Wahlen, dass jeder frei Russisch sprechen k&ouml;nne, aber er hat sein Versprechen nicht umgesetzt.&ldquo;<\/p><p>Und jetzt, wie Alex sagt, sprechen alle in dem Laden, wo er gearbeitet hat, Russisch, ein Kunde kommt &ndash; sie wechseln sofort zu Ukrainisch, manchmal vergessen sie es und einige Kunden beschweren sich: &bdquo;Warum sprechen Sie kein Ukrainisch?!&ldquo; Alex ist emp&ouml;rt dar&uuml;ber, dass die Leute &uuml;berhaupt keine normale Sprache sprechen. Die jungen Leute k&ouml;nnen &uuml;berhaupt nicht korrekt schreiben. &bdquo;Sprichst du diese Sprache?&ldquo; &bdquo;Stell dir vor &ndash; nein! Aus Prinzip! Ich will nicht! Nein, nat&uuml;rlich, ich lebe dort seit 30 Jahren, und wenn es wirklich n&ouml;tig ist, mache ich einen sehr korrekten Satz, aber ich spreche nur Russisch.&ldquo;<\/p><p>Fr&uuml;hmorgens und abends ist es stockdunkel auf den Stra&szlig;en! Menschen laufen mit reflektierenden Bandagen und Taschenlampen herum. Es ist be&auml;ngstigend, wie viele private Waffen im Umlauf sind. Russland bombardiert die Infrastruktur und Milit&auml;ranlagen, und jeder wei&szlig;, dass diese Bomben wohl eher nicht in Wohngebiete fliegen werden, niemand achtet auf die Explosionen, das Leben in der Stadt geht weiter wie gewohnt &ndash; jeder versucht, sich irgendwie anzupassen und einfach zu &uuml;berleben. Der Arbeitsplatz von Alex ist zwei Kilometer vom Panzerreparaturwerk entfernt. Es wurde f&uuml;r diese Zwecke umgebaut. Einmal sieht er dort mit eigenen Augen eine russische Rakete fliegen. <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Ich war erstaunt, wie tief sie fliegt, mit dickem Bauch und solchen Fl&uuml;geln. Ich habe gesehen, wie sie zwischen hohen Geb&auml;uden man&ouml;vriert, sich um sie herum beugt und zielstrebig auf das Ziel zusteuert! Ein schrecklich faszinierendes Spektakel! Man konnte vermuten, dass sie lebendig w&auml;re! Erst wenn du es mit eigenen Augen siehst, beginnst du zu verstehen, wie be&auml;ngstigend das alles ist! Im M&auml;rz, als Kiew umzingelt ist, ist meine Frau auf den Balkon gegangen, und dann sind drei russische Kampfflugzeuge ganz tief vorbeigeflogen! Und sie fing sofort an, ihre Koffer zu packen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Natascha ist seit dieser Zeit in Amsterdam. &bdquo;Aber ich musste hier bleiben, wegen meinem Pass. Wenn sie jetzt nicht hierher gekommen w&auml;re, um mich rauszuholen, wei&szlig; ich nicht, wie ich weitergelebt h&auml;tte. Meine Frau ist wohl eine Dekabristin!&ldquo;, sagt er lachend. (Als Dekabristen wurde die Teilnehmer an dem Offiziersaufstand f&uuml;r eine konstitutionelle Verfassung in Russland im Jahre 1825 bezeichnet.) <\/p><p>Zun&auml;chst wurde das Panzerreparaturwerk nur am Wochenende bombardiert, um die dort arbeitenden Zivilisten nicht zu verletzen. Aber in letzter Zeit ist nat&uuml;rlich alles h&auml;rter geworden. Ich frage, was denkt der normale B&uuml;rger &uuml;ber all das? Alex sagt, dass alle den Mund halten, alle haben Angst, etwas zu sagen. Wenn man das Thema irgendwie anspricht, weichen sie aus. Bei seiner Arbeit gebe es einen Mann, der fast offen sagt, dass er davon tr&auml;umt, die Rote Armee zu begr&uuml;&szlig;en! &bdquo;Wahrscheinlich hat er auch schon eine rote Fahne parat&ldquo;! &ndash; Alex lacht und sagt, dass jeder diesem Mann verzeiht, dass der schon ein bisschen seltsam sei. Er erz&auml;hlt von einer Nachbarin, wie sie &uuml;ber die Ukrainer geschimpft hat, die Bandera-Anh&auml;nger waren, &ndash; &bdquo;sie sollen &uuml;berhaupt nicht aus den Kellern kommen, da krepieren oder verhungern&ldquo;, dass sie das erleben sollten, was die Bev&ouml;lkerung vom Donbas in den letzten acht Jahren erlebt hat. Und er fragt sie: &bdquo;H&ouml;r zu, du sitzt selbst in dieser ganzen Schei&szlig;e!&ldquo; Und sie antwortet: &bdquo;Ich werde ausharren und &uuml;berleben! Und es ist mir egal, aber sie m&uuml;ssen b&uuml;&szlig;en!&ldquo; <\/p><p>Natascha und Alex haben Freunde, mit denen sie offen reden k&ouml;nnen. Eine Freundin behauptet, dass im Haus, wo sie lebe, fast die H&auml;lfte genauso denken w&uuml;rde. Aber viele schweigen. Ich frage, gibt es diejenigen, die ganz hartn&auml;ckige Patrioten sind &ndash; f&uuml;r Bandera, Selenskiy? Alex sagt, jede Menge:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Es reicht, zwei Tage vor dem Fernseher zu sitzen, um ein flammender Anh&auml;nger von Bandera und Selenskjiy zu werden. Du kannst dir nicht vorstellen, was f&uuml;r einen M&uuml;ll sie da erz&auml;hlen! Ich sehe schon seit mehreren Jahren nicht mehr fern, eine normale Psyche kann es nicht ertragen. Ich habe Beispiele &ndash; die kl&uuml;gsten, gebildeten Menschen! Und wie sie sich ver&auml;nderten! Ich suche alles aus dem Internet, YouTube, aber in letzter Zeit ist alles entweder geblockt oder zensiert und du findest fast keine normalen Informationen mehr.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Wir unterhalten uns und ich erz&auml;hle Alex und Natascha, was die westliche Presse schreibt. &bdquo;Der verr&uuml;ckte Putin hat die friedliche Ukraine angegriffen, und dies ohne irgendwelche Provokationen von Seiten der Ukraine!&ldquo; Alex lacht lange und laut! &bdquo;Ja,&ldquo; sagt er, &bdquo;ganz ohne Grund! Keine Provokationen! Was ist mit Odessa, Zugres, Lugansk, dem Beschuss von Zivilisten in Donezk? Die Ukraine wollte die Republiken Donezk und Lugansk am 26. Februar dem Erdboden gleichmachen! Und jeder wei&szlig; das in der Ukraine! Der Donbass war schon 2014 nicht ukrainisch &ndash; die gesamte Infrastruktur war mit Russland verbunden &ndash; Renten, Strom, Banken, Gas. Was haben sie gedacht? Dass sie ungestraft t&ouml;ten, dem&uuml;tigen, foltern k&ouml;nnen? Dachten sie, dass die Antwort niemals kommen w&uuml;rde? Die m&uuml;ssen so naiv sein!&ldquo;<\/p><p>Ich erz&auml;hle Alex und Natascha die Geschichte der Ukraine, die deutschen Schulkindern in den Kopf gestopft wird: Die Ukraine k&auml;mpfe seit Jahrhunderten f&uuml;r ihre Unabh&auml;ngigkeit! Dass der ukrainische und der russische Zar miteinander k&auml;mpften! An dieser Stelle verschluckte Alex sich fast:<\/p><p>&bdquo;Ukrainischer Zar! Unglaublich! Das Wort Ukraine gab es bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts &uuml;berhaupt nicht! Es war der Stadtrand! Deshalb sagt jeder &ndash; in der Ukraine (am Stadtrand &ndash; an okraine) und nicht in der Ukraine. Lenin verlieh ihnen Staatlichkeit und gab ihnen die urspr&uuml;nglichen russischen L&auml;ndereien des industriellen Donbass. Stalin gab die Westukraine und Transkarpatien, Chruschtschow die Krim! Und sie zerst&ouml;ren ihre Denkm&auml;ler! Was haben Puschkin, Lermontow, Dostojewski damit zu tun? Und jetzt verbieten sie bald die orthodoxe Kirche!&ldquo;<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Es l&auml;uft der Krieg und sie verabschieden ein Gesetz zur gleichgeschlechtlichen Ehe! Zusammen mit diesem Gesetz verabschiedeten sie ein Gesetz, dass alle Immobilien russischer B&uuml;rger in der Ukraine beschlagnahmt werden.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Alex setzt sich, fasst sich mit den H&auml;nden an den Kopf und wiederholt die ganze Zeit: &bdquo;Nein, ich kann einfach nicht glauben, dass ich diesem Mordor entkommen bin! Es ist hart, dort zu leben! Es ist einfach Wahnsinn!&ldquo; Und ich ahne, was er meint. Er meint nicht den Krieg, sondern diesen Angstnebel, der die ganze Ukraine &uuml;berzieht.<\/p><p>Und es werde und es k&ouml;nne keinen Widerstand geben! Weil mindestens seit Odessa am 2. Mai 2014 jeder verstanden hat, dass jeder jeden straflos umbringen kann, wenn er etwas gegen dieses Regime sagt oder sich wehrt. Ich frage, ob es stimmt, dass man jedem das Handy wegnehmen k&ouml;nne, um zu sehen, welche Kan&auml;le man liest und was man schreibt. <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Ja, das stimmt. Sie k&ouml;nnen Mobiltelefone &uuml;berall und sofort ohne gro&szlig;e Begr&uuml;ndung konfiszieren. Als ich entschieden habe, &uuml;ber die Grenze zu gehen, habe ich alles vom Handy und Computer gel&ouml;scht, absolut alles!&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Ich sehe ihn an und finde, er sieht aus wie ein zum Tode Verurteilter, der pl&ouml;tzlich begnadigt wurde. Und ich denke, wieviele solcher Leute sitzen da und warten nur darauf, dass dies alles ein Ende hat. Wenn die Hauptideologie eines Staates nicht die Sch&ouml;pfung, sondern die Zerst&ouml;rung ist, wenn Hass der scheinbar gro&szlig;e Motor des Lebens ist, dann zerst&ouml;rt sich der Staat von innen heraus. Hass war noch nie kreativ. Versuche, aus einigen Fetzen eine eigene Geschichte zu erschaffen, getrennt von Russland, sollen den Erfolg bringen? Es ist, als w&uuml;rde man seine Familie, seine Eltern versto&szlig;en und neue f&uuml;r sich erfinden. Ich kann Alex verstehen: Es gibt f&uuml;r die Ukraine keine Zukunft, ohne eine selbstkritische, aufrichtige Reflexion der Vergangenheit.&ldquo;<\/p><p>Titelbild: shutterstock \/ Fire-fly<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <em>Der Name ist ein Pseudonym. Die Autorin ist Russin mit ukrainischen Wurzeln. Sie lebt seit &uuml;ber 20 Jahren in Deutschland und m&ouml;chte aus Gr&uuml;nden der pers&ouml;nlichen Sicherheit anonym bleiben. Der Redaktion ist der reale Name bekannt.<\/em><\/p>\n<\/div><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91091\">Ukrainische Menschenrechtlerin Larissa Schessler: &bdquo;Alle haben Angst&ldquo;<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=90737\">In Kiew zehn Stunden am Tag kein Strom &ndash; B&uuml;rgermeister Klitschko schlie&szlig;t Evakuierung der Bev&ouml;lkerung nicht aus<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/05d4ad1b29554879b263c7c169e34888\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ganz unerwartet habe ich gestern den Mann einer Bekannten kennengelernt, der seit 1997 in Kiew lebt. Nennen wir ihn Alex. 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