{"id":91388,"date":"2022-12-11T11:45:32","date_gmt":"2022-12-11T10:45:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91388"},"modified":"2022-12-11T13:09:41","modified_gmt":"2022-12-11T12:09:41","slug":"der-doppelte-general-oder-ein-schatten-der-auf-ein-denkmal-faellt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91388","title":{"rendered":"Der doppelte General \u2013 Oder: Ein Schatten, der auf ein Denkmal f\u00e4llt"},"content":{"rendered":"<p>In zahlreichen St&auml;dten und Gemeinden werden NS-Wegbereiter und -Parteig&auml;nger von Stra&szlig;enschildern verbannt. Nicht im w&uuml;rttembergischen Heidenheim. Dort steht ein Denkmal f&uuml;r den NS-Generalfeldmarschall Erwin Rommel &ndash; nun versehen mit einer Gegen-Skulptur, die einen Schatten auf ihn wirft. &Uuml;ber die Frage, ob Hitlers Lieblingsgeneral ein stiller Widerstandsk&auml;mpfer oder ein gehorsamer Elite-Soldat war, wird bis heute heftig gestritten. Ein Ortsbesuch. Von <strong>Helmut Ortner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1804\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-91388-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221209-Der-doppelte-General-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221209-Der-doppelte-General-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221209-Der-doppelte-General-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221209-Der-doppelte-General-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=91388-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221209-Der-doppelte-General-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"221209-Der-doppelte-General-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Heidenheim an der Brenz, hoch oben auf der Schw&auml;bischen Alb, ist eine vitale Stadt. Knapp f&uuml;nfzigtausend Menschen leben hier, es gibt einen Fu&szlig;ballclub, der seit Jahren f&uuml;r Furore sorgt, eine spektakul&auml;re Stadtbibliothek und einen Gedenkstein, der an den Generalfeldmarschall Erwin Rommel erinnert, der hier geboren wurde. Auch 78 Jahre nach dessen Tod wird noch immer in der B&uuml;rgerschaft dar&uuml;ber debattiert, ob Hitlers einstiger Lieblingsgeneral tats&auml;chlich eines Gedenksteins w&uuml;rdig ist. Zu Rommels Ehren, anl&auml;sslich seines 70. Geburtstags im Jahr 1961, wurde er errichtet. Der einstige Oberb&uuml;rgermeister&nbsp;beabsichtigte, &bdquo;etwas architektonisch Sch&ouml;nes&ldquo; zu schaffen. Auch der Gemeinderat fand, General Rommel habe &bdquo;in der Welt einen guten Klang und seine Heimatstadt keine Veranlassung, von ihm abzur&uuml;cken&ldquo;.&nbsp; <\/p><p>Am 12. November 1961 war es soweit. Das Denkmal &ndash; ein zwei Meter hoher Gedenkstein, samt vier Meter langen, niedrigen Mauerbogen &ndash; wurde eingeweiht. Unter den G&auml;sten: Rommels Ehefrau Lucie und sein Sohn Manfred&nbsp;(der sp&auml;ter zum Oberb&uuml;rgermeister Stuttgarts wird), dazu Landesinnenminister Hans Filbinger (der es zum Ministerpr&auml;sidenten des Landes bringt, ehe ihn seine Vergangenheit als NS-Marinerichter, der auch an Todesurteilen beteiligt war, um Amt und Ehre bringt). Schon damals waren nicht alle in Heidenheim &uuml;ber die Rommel-Verehrung erfreut. Es folgte eine jahrzehntelange, leidenschaftliche, mitunter giftig gef&uuml;hrte Debatte.<\/p><p>Im Zentrum des Streits: Erwin Rommel, der popul&auml;rste General der Wehrmacht.&nbsp; Am 11. Februar 1941 landeten die ersten deutschen Truppen in Tripolis. Mehr als zwei Jahre tobten die K&auml;mpfe entlang der nordafrikanischen K&uuml;ste.&nbsp; Unter Rommels Kommando erzielten die Deutschen raumgreifende Erfolge. Zwar betrachtete Hitler Afrika lediglich als einen Nebenschauplatz des Krieges, doch in der NS-Propaganda spielte der sogenannte &bdquo;Afrikafeldzug&ldquo; eine gro&szlig;e Rolle. Erst im Sommer 1942 stoppten die Briten&nbsp;deren Vormarsch nahe der &auml;gyptischen Stadt <em>El Alamein<\/em>. Nachdem&nbsp;US-amerikanische und weitere britische Verb&auml;nde gelandet waren, kapitulierten schlie&szlig;lich am 12. und 13. Mai 1943 die deutschen Truppen. Was &uuml;berdauerte, war Rommel als milit&auml;rische Legenden-Figur, als &raquo;W&uuml;stenfuchs&laquo;. <\/p><p><strong>Der Mythos vom Widerstandsk&auml;mpfer Rommel<\/strong><\/p><p>Schon bald nach dem Krieg kam noch eine weitere Facette zum Rommel-Mythos hinzu. Es gab Material, das ihn in Verbindung brachte mit den Hitler-Attent&auml;tern vom 20. Juli. Rommel habe vom Attentat am 20. Juli 1944 auf Hitler gewusst und es unterst&uuml;tzt. Wegen dieses Vorwurfs war Rommel im Oktober 1944 auf Befehl des Diktators zum Selbstmord gezwungen worden. Er hatte sich mit Zyankali-Kapseln das Leben genommen. &nbsp;Fortan galt Rommel nicht mehr nur als milit&auml;risches Genie, sondern auch als Widerstandsk&auml;mpfer, als der &bdquo;gute Deutsche&ldquo;, der unter dem Hitler-Regime seine moralische Integrit&auml;t gewahrt hatte. Zwar war Rommel nie Mitglied der NSDAP, doch galt er als loyaler Anh&auml;nger von Hitler und hat dessen Regime und Kriegspl&auml;ne gest&uuml;tzt. Rommel war eine Reizfigur. Nicht nur in seiner Heimatstadt.<\/p><p>Es dauerte f&uuml;nfzig Jahre, ehe im September 2011 die Stadt Heidenheim den Entschluss fasste, neben dem umstrittenen Rommel-Denkmal eine Tafel aufzustellen &ndash; auch um den Dauerstreit zu befrieden. Darauf war von &bdquo;Tapferkeit und Heldenmut, Schuld und Verbrechen&ldquo;, zu lesen, die im Krieg eng zusammen l&auml;gen. Das rief erneut Denkmal-Gegner auf den Plan. Der Text vermeide es, &bdquo;sich mit der Komplexit&auml;t der Person Rommels auseinanderzusetzen&ldquo;, monierten sie. Wenige Wochen sp&auml;ter verh&uuml;llten sie die Tafel mit einer schwarzen Plane. Darauf stand in wei&szlig;en Gro&szlig;buchstaben: &bdquo;Kein Denkmal mehr f&uuml;r den Nazigeneral!&ldquo;. Der Befriedungsversuch war einmal mehr misslungen.<\/p><p>Zustimmung in der Rommel-Causa bekamen die Kritiker von prominenter Seite. Peter Steinbach, wissenschaftlicher Leiter der &raquo;Gedenkst&auml;tte Deutscher Widerstand&laquo;, lie&szlig; verlauten, Rommel sei &bdquo;verantwortlich f&uuml;r die Kriegsf&uuml;hrung und auch f&uuml;r eine Kriegspraxis, die Menschenleben sinnlosen Befehlen opferte&ldquo;. Und er sprach sich auch dagegen aus, dass Stra&szlig;en und Kasernen seinen Namen tragen. Denn Benennungen verhinderten die Auseinandersetzung mit Lebensgeschichten und &bdquo;tragen zur Heroisierung, zur Heldenverehrung bei&ldquo;.<\/p><p><strong>&bdquo;Sinn &ndash; und Traditionsstiftend&ldquo;<\/strong><\/p><p>Rommel &ndash; der &raquo;doppelte General&laquo;? Genialer W&uuml;sten-Held und stiller Widerstandsk&auml;mpfer? Noch heute sind dreizehn Stra&szlig;en landesweit nach ihm benannt, auch zwei Kasernen &ndash; in Augustdorf (Nordrhein-Westfalen) und Dornstadt bei Ulm. Eine Umbenennung sei nicht vorgesehen, hei&szlig;t es aus dem Bundesministerium der Verteidigung. Rommel habe verbrecherische Befehle missachtet und das vom NS-Regime geforderte ideologische Feindbild abgelehnt. Zudem r&uuml;cke die Forschung ihn &bdquo;zunehmend in die N&auml;he des Widerstandes&rdquo; gegen Hitler. Damit sei er weiter &bdquo;sinn- und traditionsstiftend&rdquo;. Das liest sich in einem Bericht der Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages g&auml;nzlich anders: Es bleibe festzustellen, &bdquo;dass sich seine Rolle im Widerstand auch nach neuesten Forschungen rund um das Netzwerk des 20. Juli auf eine m&ouml;gliche Mitwisserschaft beschr&auml;nkt&rdquo;, hei&szlig;t es im Februar 2019 dazu. Und: &bdquo;Irgendein ein aktives widerst&auml;ndisches Verhalten konnte f&uuml;r Rommel bis heute von der historischen Forschung nicht belegt werden.&rdquo;<\/p><p>Wohin also mit dem Rommel-Denkmal? Erst 2014 zeigte sich der Gemeinderat offen f&uuml;r die Idee, dem Gedenkstein ein zeitgem&auml;&szlig;es Mahnmal entgegenzusetzen. Eine Umgestaltung sollte die jahrzehntelange Debatte um den General nun endg&uuml;ltig beenden. Man suchte einen befriedenden Kompromiss &ndash; und fand ihn. Der heimische K&uuml;nstler Rainer Joo&szlig; ging ans Werk. Er hat den Gedenkstein unangetastet gelassen, ihn aber in einen neuen Kontext gestellt: Dem klobigen Denkmal hat er eine fragile Stahlstatue eines Minenopfers gegen&uuml;bergestellt. Ein Verweis darauf, dass Rommels Soldaten vor ihrem Abzug gro&szlig;e Minenfelder hinterlie&szlig;en, die viele Menschen verletzten oder t&ouml;teten. Die Skulptur ist so platziert, dass zeitweise Schlagschatten auf das Denkmal f&auml;llt, auf dem noch immer zu lesen ist: <em>&raquo;Erwin Rommel &ndash; Aufrecht, ritterlich und tapfer bis zu seinem Tode als Opfer der&nbsp;Gewaltherrschaft&laquo;.<\/em> Ein irritierender Satz. Rommel war nicht Opfer. Er war T&auml;ter. Hitlers Wehrmacht f&uuml;hrte in Nordafrika einen v&ouml;lkerrechtswidrigen Angriffskrieg und sein General Rommel stand dabei an vorderster Front. <\/p><p><strong>Georg Elser &ndash; der wahre Antagonist Rommels<\/strong><\/p><p>Heidenheim ist kein solit&auml;rer Ort. In fast jeder deutschen Kleinstadt gibt es Kriegs-Denkm&auml;ler, insgesamt sollen es mehr als einhunderttausend sein. In zahlreichen St&auml;dten und Gemeinden werden NS-Wegbereiter und -Parteig&auml;nger von Stra&szlig;enschildern verbannt. So wird es in Darmstadt statt einer Hindenburg-Stra&szlig;e k&uuml;nftig eine Fritz-Bauer-Stra&szlig;e geben. Eine sp&auml;te W&uuml;rdigung des Mannes, der als hessischer Generalstaatsanwalt daf&uuml;r sorgte, dass der erste Auschwitz-Prozess stattfand. Weitere Umbenennungen sollen folgen. Nicht nur in Darmstadt.<\/p><p>Bleibt ein Nachtrag: Nur wenige Kilometer von Heidenheim, im nahen K&ouml;nigsbronn, wuchs Georg Elser auf. Im November 1939 wollte der Schreinergeselle Hitler w&auml;hrend dessen Rede im M&uuml;nchner B&uuml;rgerbr&auml;ukeller mit einer selbstgebastelten Bombe aus dem Leben bef&ouml;rdern. Der Anschlag misslang. Elser wurde verhaftet, lange Jahre inhaftiert, schlie&szlig;lich kurz vor Kriegsende im KZ Dachau ermordet. Lange Jahre wurde er, anders als Hitlers General Rommel, in seiner Heimat ignoriert. Heute wird seine Person und seine Tat gew&uuml;rdigt. Eine Schule tr&auml;gt seinen Namen. Elser ist der wahre Antagonist Rommels.<\/p><p>Titelbild: Zita Ballinger Fletcher \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In zahlreichen St&auml;dten und Gemeinden werden NS-Wegbereiter und -Parteig&auml;nger von Stra&szlig;enschildern verbannt. Nicht im w&uuml;rttembergischen Heidenheim. Dort steht ein Denkmal f&uuml;r den NS-Generalfeldmarschall Erwin Rommel &ndash; nun versehen mit einer Gegen-Skulptur, die einen Schatten auf ihn wirft. &Uuml;ber die Frage, ob Hitlers Lieblingsgeneral ein stiller Widerstandsk&auml;mpfer oder ein gehorsamer Elite-Soldat war, wird bis heute heftig<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91388\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":91389,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,198,165,161],"tags":[2387,416,990,966],"class_list":["post-91388","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-einzelne-politiker-personen-der-zeitgeschichte","category-innen-und-gesellschaftspolitik","category-wertedebatte","tag-denkmal","tag-nationalsozialismus","tag-wehrmacht","tag-weltkrieg"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/shutterstock_1583961865.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/91388","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=91388"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/91388\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":91454,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/91388\/revisions\/91454"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/91389"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=91388"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=91388"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=91388"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}