{"id":9139,"date":"2011-04-19T08:53:40","date_gmt":"2011-04-19T06:53:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9139"},"modified":"2014-08-26T10:16:00","modified_gmt":"2014-08-26T08:16:00","slug":"finnland-ein-weiteres-menetekel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9139","title":{"rendered":"Finnland, ein weiteres Menetekel"},"content":{"rendered":"<p>Quer durch Europa gewinnen &bdquo;rechtspopulistische&ldquo; Parteien unaufhaltsam an Boden. Mit Fremdenfeindlichkeit, chauvinistischer Kritik an Europa und vorgespiegeltem sozialem Nationalismus bringen sie die etablierten, wirtschafts- und sozialpolitisch kaum noch unterscheidbaren &bdquo;Volks&ldquo;-Parteien in Bedr&auml;ngnis. So jetzt auch in Finnland. Wenn es den fortschrittlicheren Kr&auml;ften in Deutschland und Europa nicht gelingt, der gro&szlig;en Mehrheit der Menschen ihre &Auml;ngste vor einem weiteren sozialen Absturz zu nehmen, und die politische Linke es nicht schafft,  den konservativen und rechtsextremen Parteien eine demokratische und soziale Zukunftsvision entgegen zu setzen, dann werden nicht nur die einzelnen L&auml;nder sondern Europa von der Rechten &uuml;berrollt. Das konservative Geschw&auml;tz, dass rechtsextreme Kr&auml;fte in der Regierungsverantwortung &bdquo;entzaubert&ldquo; w&uuml;rden, hat sich schon einmal in der europ&auml;ischen Geschichte als tragischer Irrtum erwiesen. Das gesellschaftliche Klima ist auch bei uns schon durch Fremden- und Europafeindlichkeit vergiftet, die Tabubr&uuml;che werden weiter gehen und eine Rechtsverschiebung des politischen Spektrums ist schon Wirklichkeit. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><\/p><p>In Frankreich, die Front National mit Marine Le Pen, in den Niederlande, die &bdquo;Partij voor de Vrijheid&ldquo; des Geert Wilders, in Belgeien, der &bdquo;Vlaams Blok&ldquo;, in der Schweiz, die Schweizerische Volkspartei (SVP), in &Ouml;sterreich, die &bdquo;Freiheitliche&ldquo; Partei des Heinz-Christian Strache, in Italien, Umberto Bossi mit Silvio Berlusconi, in D&auml;nemark, die &bdquo;D&auml;nische Volkspartei&ldquo; und auch sonst in allen skandinavischen L&auml;ndern, auch in England, mit Nigel Farage mit seiner Unabh&auml;ngigkeitspartei UKI, in Osteuropa sowieso: &Uuml;berall in Europa erzielen &bdquo;rechtspopulistische&ldquo; Parteien und deren Partei-&bdquo;F&uuml;hrer&ldquo; sprunghafte Wahlerfolge, stellen wie in Ungarn Regierungen oder mischen durch direkte Regierungsbeteiligung oder durch Duldung in zahlreichen Regierungen mit.<\/p><p>Jetzt auch in Finnland, wo die Partei des Timo Soini, der sich selbst so nennenden &bdquo;Wahren Finnen&ldquo; (auch Basisfinnen genannt) ihren Stimmenanteil von 4 auf 19 Prozent fast verf&uuml;nffacht hat und knapp hinter den Konservativen (20,4%) und hauchd&uuml;nn hinter den Sozialdemokraten (19,1%) zur drittst&auml;rksten Partei wurden. Die &bdquo;Wahren Finnen&ldquo; werden wohl  auch in der k&uuml;nftigen Regierung des Konservativen Jyrki Katainen an der Regierung beteiligt sein. <\/p><p>Auch in Finnland waren es offenbar die &bdquo;klassischen&ldquo; Themen der europ&auml;ischen Rechtspopulisten, die W&auml;hler mobilisiert (Steigerung der Wahlbeteiligung von 67,9 auf 70,4%) und den &bdquo;Wahren Finnen&ldquo; Zulauf von anderen Parteien verschafft haben: Rassismus und Ausl&auml;nderfeindlichkeit, Europakritik und Euro-Skeptizismus, die Ablehnung von Rettungshilfen an in Finanznot geratene Mitgliedsstaaten der Europ&auml;ischen Union mit der Begr&uuml;ndung, dass man das Geld f&uuml;r die schon abgebauten eigenen sozialen Sicherungssysteme viel dringender brauche.  <\/p><p>In Finnland, das mit einer Ausl&auml;nderquote von gerade mal 2,9 Prozent einen verschwindend geringen Ausl&auml;nderanteil hat, l&auml;sst sich am deutlichsten belegen, dass das Sch&uuml;ren von Ausl&auml;nderfeindlichkeit keinen realen Aufh&auml;nger braucht. <\/p><p>Selbst in einem prosperierenden Land wie Finnland gelingt es offenbar, nationalistische Stimmungen gegen Europa hoch zu peitschen. Und das in einem Land, das ein Bruttoinlandsprodukt pro Kopf hat, das mit &uuml;ber 32.000 Euro h&ouml;her liegt als das deutsche, das mit einer Staatsverschuldung von unter f&uuml;nfzig Prozent und einem Haushaltsdefizit von 2,5 Prozent im europ&auml;ischen Vergleich sehr gut da steht und das dar&uuml;ber hinaus seit Jahren einen Export&uuml;berschuss erzielt. Die Kritik an der &Uuml;bernahme einer Kreditgarantie von angeblich 1,4 Milliarden Euro im Rahmen des Europ&auml;ischen Rettungsfonds reicht aus, um jede f&uuml;nfte abgegebene Stimme einzusammeln. Die Ursachen f&uuml;r den Rechtsruck (die konservative &bdquo;Sammlungspartei&ldquo; und die &bdquo;Wahren Finnen haben zusammen 13 % zugenommen und kommen auf knapp 40%) k&ouml;nnen auch nicht in der weltweiten Finanzkrise liegen: Zwar hatte Finnland 2009 mit 8,2 Prozent einen dramatischen Wachstumseinbruch zu verzeichnen, doch die Wachstumsrate erreichte mit 3,1 Prozent ein Jahr sp&auml;ter schon wieder einen ordentlichen Wert. Selbst die Atomkatastrophe in Fukushima hat den Gr&uuml;nen in Finnland nichts an Stimmen gebracht. Das Land wird seine 2 Atomkraftwerke weiterbauen. <\/p><p>Es w&auml;re h&ouml;chst gef&auml;hrlich, wenn man sich in Deutschland zur&uuml;cklehnte und den Rechtspopulismus als finnisches oder als ein Ph&auml;nomen unserer europ&auml;ischen Nachbarl&auml;nder abtun w&uuml;rde. Auch bei uns &ndash; das hat der Wirbel um Sarrazin bewiesen &ndash; k&ouml;nnte sich nach <a href=\"http:\/\/www.bild.de\/politik\/2010\/politik\/achtzehn-prozent-wuerden-sarrazin-partei-waehlen-13857592.bild.html\">Bild-Zeitungs-Umfragen<\/a> jeder F&uuml;nfte vorstellen, eine Partei zu w&auml;hlen, die ausl&auml;nderfeindliche Parolen zum Programm erhebt. Auch bei uns sch&uuml;rt vor allem die Springerpresse (aber auch der konservative Mainstream)  ganz offen den Chauvinismus gegen die &bdquo;faulen&ldquo; Griechen und die &bdquo;&uuml;ber ihre Verh&auml;ltnisse lebenden&ldquo; Portugiesen oder Spanier. Eine Volksabstimmung &uuml;ber den Euro h&auml;tte auch bei uns erschreckende Ergebnisse. Allein die Tatsache, dass es in Deutschland noch keiner &bdquo;F&uuml;hrer&ldquo;-Figur gelungen ist, sich an die Spitze einer rechtspopulistischen Bewegung zu setzen, hat uns bisher finnische Wahlergebnisse erspart. Doch machen wir uns nichts vor, das gesellschaftliche Klima ist durch Sarrazin und die Springer-Presse (und ihre Nachplapperer in anderen sog. Leitmedien) auch bei uns schon vergiftet, die Tabubr&uuml;che werden weiter gehen und eine Rechtsverschiebung des politischen Spektrums ist l&auml;ngst Wirklichkeit. <\/p><p>Ein Ph&auml;nomen, das man in Finnland beobachten kann, sollte der deutschen Linken (also sowohl den Sozialdemokraten, der Linkspartei, aber auch den derzeit auf der Anti-Atomkraft-Welle schwimmenden Gr&uuml;nen) zu denken geben: Ein wesentliches Motiv f&uuml;r die W&auml;hler\/innen der &bdquo;Wahren Finnen&ldquo; war nach Aussagen vieler Wahlforscher die nicht mehr ausreichend erkennbare Unterscheidbarkeit zwischen der konservativen, der liberalen und der sozialdemokratischen Partei. <\/p><p>Es ist dort ganz &auml;hnlich wie bei uns, wo jede Partei mit jeder koalieren kann und sich FDP, CDU\/CSU, SPD und &ndash; mit Ausnahme einiger &ouml;kologischen Konturen &ndash; auch die Gr&uuml;nen in ihren gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Leitbildern auf den vom Grafen Lambsdorff schon vor 30 Jahren und von Schr&ouml;der auch gegen&uuml;ber Sozialdemokraten und Gr&uuml;nen erpresserisch durchgesetzten neoliberalen Agenda-Kurs eingeschworen haben. Da gibt es zwischen diesen Parteien sicherlich h&auml;rtere und mildere Varianten auf der Grundlage dieses letztlich konsensual getragene Paradigmas, aber eine klare Abgrenzung etwa der Sozialdemokraten gegen die ausl&auml;nderfeindlichen Parolen von Sarrazin &ndash; etwa durch dessen Ausschluss aus der Partei &ndash; oder ein klares Programm f&uuml;r ein demokratischeres, &ouml;kologischeres und vor allem sozialeres Europa von Seiten der SPD und der Gr&uuml;nen ist nicht erkennbar. Es fehlt einer sich selbst vom marktliberalen Lager abgrenzen wollenden linken politischen Str&ouml;mung ein eigenst&auml;ndiges und alternatives wirtschaftspolitisches Konzept und ein f&uuml;r die Mehrheit der Bev&ouml;lkerung Hoffnung auf eine Verbesserung stiftendes Leitbild. <\/p><p>Das ist die gro&szlig;e L&uuml;cke, in die Rechtspopulisten hineinsto&szlig;en k&ouml;nnen. Die konservativen Parteien werden, sofern sie nicht ohnehin &uuml;berrollt werden, dieses offene Tor bestenfalls dadurch ein St&uuml;ck weit zuhalten, dass sie sich dem Rechtspopulismus wie in Frankreich, &Ouml;sterreich, Italien oder Holland einfach anbiedern. Doch dadurch wird der Rechtsschwenk aber nur noch gefestigt. <\/p><p>Wird das politische Spektrum noch weiter nach rechts verschoben, dann droht Europa wieder in nationalistische Grabenk&auml;mpfe wie in der ersten H&auml;lfte des letzten Jahrhunderts zur&uuml;ckzufallen und dar&uuml;ber hinaus w&uuml;rde jeder Einzelstaat seine Festung gegen&uuml;ber den Fl&uuml;chtlingen dieser Welt ausbauen. Der &ouml;konomische Standortwettbewerb zu Lasten der arbeitenden Menschen und der Schwachen w&uuml;rde noch sch&auml;rfer werden. Gewinnen w&uuml;rde kaum jemand, und schon gar nicht diejenigen, die in ihrer Sorge um einen sozialen Abstieg aus Protest die Rechtspopulisten gew&auml;hlt haben. <\/p><p>Ein in Frieden zusammen lebendes und politisch geeintes Europa h&auml;tte in einer Welt, in der sich die &ouml;konomischen Gewichte von den traditionellen Industriem&auml;chten auf die aufkommenden Schwellenl&auml;nder verlagern, nur dann eine Chance, wenn die fortschrittlichen Kr&auml;fte in Deutschland und ganz Europa ein von den Interessen und der demokratischen Mitsprache der gro&szlig;en Mehrheit getragenes und eine europ&auml;ische Identit&auml;t stiftendes alternatives Zukunftsmodell anbieten k&ouml;nnten. Ein Modell,  das den Menschen die Angst n&auml;hme, von einer von anonymen Wirtschafts- und Finanzinteressen gesteuerten EU-B&uuml;rokratie &uuml;berrollt und von Zuwanderern von innerhalb und au&szlig;erhalb Europas zus&auml;tzlich belastet zu werden. <\/p><p>Wenn es der deutschen und der europ&auml;ischen Linken nicht gelingt, eine solche demokratische und soziale Zukunftsvision dem konservativen R&uuml;ckfall in die Vergangenheit entgegen zu setzen, dann wird Finnland nicht das letzte Menetekel eines Wahlsiegs der Rechtspopulisten bleiben. Im Gegenteil: Rechtsextreme und rechtskonservative Kr&auml;fte werden die &Uuml;berhand vollends gewinnen. Das besch&ouml;nigende konservative Geschw&auml;tz, dass solche rechtsextremen Kr&auml;fte &bdquo;entzaubert&ldquo; w&uuml;rden, wenn sie in die Regierungsverantwortung k&auml;men, hat sich zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts schon einmal als tragischer Irrtum erwiesen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Quer durch Europa gewinnen &bdquo;rechtspopulistische&ldquo; Parteien unaufhaltsam an Boden. Mit Fremdenfeindlichkeit, chauvinistischer Kritik an Europa und vorgespiegeltem sozialem Nationalismus bringen sie die etablierten, wirtschafts- und sozialpolitisch kaum noch unterscheidbaren &bdquo;Volks&ldquo;-Parteien in Bedr&auml;ngnis. So jetzt auch in Finnland. 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