{"id":91411,"date":"2022-12-10T14:00:36","date_gmt":"2022-12-10T13:00:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91411"},"modified":"2022-12-10T15:00:36","modified_gmt":"2022-12-10T14:00:36","slug":"ein-doppeltes-buch-eins-ueber-das-leben-eines-ueber-schachpartien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91411","title":{"rendered":"Ein doppeltes Buch, eins \u00fcber das Leben, eines \u00fcber Schachpartien"},"content":{"rendered":"<p>Die Nummer 1 der deutschen Schachelite hei&szlig;t Elisabeth P&auml;htz. Sie hat endlich (ganz aktuell) den Titel Gro&szlig;meisterin erhalten, die h&ouml;chste Auszeichnung im Schach. Elisabeth P&auml;htz ist &uuml;berhaupt die erste deutsche Schachspielerin, die diesen Titel errungen hat. &Uuml;ber sich, &uuml;ber ihre Schachprofession, &uuml;ber ihre Erlebnisse in der &bdquo;Schachwelt&ldquo; hat die Th&uuml;ringerin ein Buch ver&ouml;ffentlicht. In <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/club-der-klaren-worte\/langemanns-buchempfehlungen\/wer-den-vorletzten-fehler-macht-gewinnt.html\">&bdquo;Wer den vorletzten Fehler macht, gewinnt &ndash; Strategien f&uuml;r das Spiel des Lebens.&ldquo;<\/a> (Westend Verlag) werden dem Leser zahlreiche Einblicke in P&auml;htz&rsquo; intensives Sportlerleben gew&auml;hrt, wird dieser &uuml;berrascht und schlie&szlig;lich sogar zum Nachspielen inspiriert. Eine Rezension von <strong>Frank Blenz<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Das Schachbrett hervorgekramt<\/strong><\/p><p>Dass dem pers&ouml;nlichen Text nach etwas mehr als hundert Seiten zahlreiche Schachpartien als kurze Aufzeichnungen mit Kommentaren versehen folgen, war f&uuml;r mich wie ein Aufruf, doch selbst mal ihre Spiele &bdquo;durchzugehen&ldquo; und in Selbstgespr&auml;chen dar&uuml;ber vielleicht etwas zu fachsimpeln. Gut, Fachsimpeln war es bei mir nicht, eher t&uuml;fteln und staunen. Dank der Gro&szlig;meisterin Elisabeth P&auml;htz habe ich aber mein altes  Schachbrett hervorgekramt und mich neugierig, dem&uuml;tig und respektvoll mit der &uuml;beraus komplexen Therorie besch&auml;ftigt. Ja, Elisabeth P&auml;htz ist ausdr&uuml;cklich zuzustimmen, dass sie f&uuml;r das Schachspielen schon ab dem Kindesalter wirbt. Das Brettspiel auf 64 Feldern ist ein wunderbares Spiel des Lebens.        <\/p><p><strong>Einerseits Leistung und Erfolg, andererseits Werben f&uuml;r Fehler<\/strong><\/p><p>Wir jubeln gern den Siegern zu, nicht wahr? Wir sind zwar eine Gesellschaft der Sieger und Verlierer, letzteren Mitb&uuml;rgern wird im Gegensatz zum Triumphierenden eher wenig Bewunderung entgegengebracht, im Fall der Niederlage gibt es f&uuml;r sie maximal Trost, mitunter drohen Hohn und Spott. Elisabeth P&auml;htz ficht das nicht an, sie, die oft siegt und sehr erfolgreich ist, wirbt f&uuml;r das Fehlermachen und das sich mit ihnen Auseinandersetzen. Ihr Flei&szlig;, ihr Anerkennen, auf dem Weg zum Erfolg auch Niederlagen zu kassieren, wird sichtbar, wenn sie schreibt, Fehler seien Teil unseres Lebens und in unserer Gesellschaft eher weniger anerkannt. Zitat:<\/p><blockquote><p>\nWas w&auml;re die Welt ohne Fehler?&hellip;Manchmal frage ich mich, ob wir hier bei uns &hellip; nicht eine v&ouml;llig falsche Kultur im Umgang mit Fehlern entwickelt haben.\n<\/p><\/blockquote><p>Meinen Reim mache ich mir, abschweifend vom Drang nach dem Sieg. Denn ich stimme ihr herzlich zu, Fehlermachen, gar Verlieren ist so etwas wie Teilen. Der Sieger freut sich, der Verlierer ist traurig und gratuliert im Angesicht der Niederlage dem Gewinner. Das ist Teil des Ganzen &ndash; was w&auml;re ein Spiel, welches stets mit Unentschieden endete? Im Schach hei&szlig;t das 0:0 herrlich poetisch Remis oder Patt. In unserem Leben ist das Akzeptieren eines Remis gleich wichtig wie das einer Niederlage, finde ich. Die Lekt&uuml;re des P&auml;htz&rsquo;schen Buches weckt das Sinnieren, als w&uuml;rde es um den n&auml;chsten Zug auf dem Schachbrett gehen.    <\/p><p><strong>Eigene, beeindruckend ehrliche Schreibweise und pers&ouml;nliche Fotos<\/strong><\/p><p>Dank des Mutes von Elisabeth und Dank des Weitblicks, des Gesp&uuml;rs ihrer Partner, der Westend-Verlagsverantwortlichen, f&uuml;r die wohltuende Wirkung einfacher, ganz eigener Zeilen der Autorin, konnte die Schachspielerin wunderbare, kritische, selbstkritische, offene Worte zu Papier bringen. Ihr alltagssprachlicher Stil erreicht den Leser ber&uuml;hrend, als w&auml;re sie gerade mit ihm im Gespr&auml;ch. Ohne All&uuml;ren er&ouml;ffnet sich einem Elisabeths Kosmos. Sie l&auml;sst den Leser teilhaben an ihrem trotz immer noch durchaus jungen Alters schon sehr langen sportlichen Werdegang, teilhaben an den vielen Trainings- und Wettkampfstunden am Schachbrett, ihren zahllosen Reisen zu Turnieren, ihren Erfolgen, den Niederlagen, ihren Ansichten &uuml;ber Verb&auml;nde, Wettk&auml;mpfe, Konkurrenz, ihrem Seelenleben, ihrer Medienpr&auml;senz (bis in die Studios von TV-Shows), ihrer engen Bindung zum Vater (ebenfalls Gro&szlig;meister im Schach, Trainer, Ratgeber, Vorbild) und zum Bruder. Ihre Hingabe zum Schachsport wird in einer Episode aus ihrer Bundeswehrzeit offenbar, die sie schonungslos erz&auml;hlt: Sie bezahlte eine Wettkampfreise aus eigener Tasche, obwohl sie Sportsoldatin und in Diensten des Landes am Start war. Politisch fragw&uuml;rdiger Korrektheit zum Trotz spielte sie.   <\/p><p>Elisabeth war ein Wunderkind, eines, das beinahe noch Kind, mit 13 Deutsche Meisterin und ein Jahr sp&auml;ter Nationalspielerin wurde. 1985 geboren, spielte sie schon mit f&uuml;nf Jahren Schach. Folgerichtig nennt sie das Objekt &bdquo;Schachbrett&ldquo; einen wichtigen Bestandteil des Familienlebens. Auch in der Liebe ist Schach im Spiel. Sie verr&auml;t ihre eigene &bdquo;Herkunft&ldquo; mittels der kleinen, feinen Episode &uuml;ber das Kennenlernen ihrer Eltern. Deren erste, richtige Verabredung von Mutter und Vater war einst die zu einer Partie Schach. Es musste wohl so kommen, dass Elisabeth Schachprofi wurde. Ebenso das ist zu lesen: Die Erfurterin Elisabeth P&auml;htz motzt ihr ereignisreiches Leben nicht auf, sie verschweigt nicht, im Sport wie im Alltag im Umgang mit Menschen mitunter auch zu polarisieren. Nicht jeder um sie herum findet sie darum vielleicht gleich oder &uuml;berhaupt sympathisch, berichtet sie, dennoch bleibt Elisabeth sich treu. Kein Blatt vor den Mund nehmen, das ist nicht leicht, Gegenwind erf&auml;hrt sie daf&uuml;r, doch es lohnt sich, bekennt die Schachgro&szlig;meisterin P&auml;htz. Sie l&auml;sst den Leser noch mehr in ihr Leben blicken. Die zahlreichen Fotos in ihrem Buch bereichern all ihre Ausf&uuml;hrungen und bringen einem die junge Frau n&auml;her: Mal mit Wollm&uuml;tze als Jugendliche am Schachbrett, mal in Uniform (als Sportsoldatin), mal Arm in Arm mit sportlichen Rivalen, die zugleich Freunde sind.    <\/p><p><strong>Kampf um Gleichberechtigung und Werben f&uuml;r das k&ouml;nigliche Spiel<\/strong><\/p><p>Im Laufe ihrer Karriere hat sich Elisabeth P&auml;htz vielfach f&uuml;r eine Gleichbehandlung der Frauen im Schach eingesetzt. Die Rolle der Frauen im nationalen und internationalen Schach sei, so P&auml;htz, noch immer eine untergeordnete gegen&uuml;ber der der M&auml;nner. Die frisch gek&uuml;rte Gro&szlig;meisterin kritisiert, dass M&auml;dchen und Frauen bis heute weniger gef&ouml;rdert w&uuml;rden und dass Preisgelder f&uuml;r sie geringer seien als bei den M&auml;nnern. P&auml;htz stellt eine provokante Frage: Sind M&auml;nner die besseren Schachspieler? Sie stellt vielsagenderweise fest, dass die f&uuml;r die Bestimmung der St&auml;rke eines Spielers benutzte Zahl (genannt ELO-Punkte) keinen Unterschied zwischen M&auml;nnern und Frauen mache. Allein ist auch zu erfahren, dass in der Schachwelt bis heute immer noch ein Verh&auml;ltnis M&auml;nner &ndash; Frauen von 10 zu 1 an Aktiven besteht.<\/p><p>Schach ist ein wundervolles Spiel f&uuml;r Kinder, f&uuml;r Jungen und M&auml;dchen, wirbt die Autorin. Schach ist ein Spiel, das in &bdquo;deinem Kopf&ldquo; sich ganz andere Welten auftun l&auml;sst. So sitzt man am Brett und das Spiel nimmt seinen Lauf. Zitat:<\/p><blockquote><p>\nManchmal ist das Schritt f&uuml;r Schritt einer harter K(r)ampf, aber wenn es gut l&auml;uft, kann es sich auch wie ein sonniger Spaziergang anf&uuml;hlen. Wenn ganz pl&ouml;tzlich und jenseits aller Rationalit&auml;t ein Zug den Weg zu dir findet &hellip;\n<\/p><\/blockquote><p>Es stimmt, dieser Kampf zweier Teams aus Bauern, L&auml;ufern, T&uuml;rmen, K&ouml;nig und K&ouml;nigin, bestehend aus raffiniert in schlichten Regeln gefassten Zug-M&ouml;glichkeiten, Geboten, Verboten und Empfehlungen &ndash; es ist spannend, es ist unendlich. Es ist gar nicht so einfach, so weit zu kommen, dem Gegen&uuml;ber die Ansage zu machen: &bdquo;Schach!&ldquo;.<\/p><p><strong>Schachspielerin ist eine B&uuml;rgerin mit eigener Haltung<\/strong><\/p><p>Ern&uuml;chternd und teils emp&ouml;rend f&uuml;r mich gerieten die Schilderungen &uuml;ber das Sportler-Leben in der Pandemie. Geradezu grotesk ist die Geschichte &uuml;ber einen sehr solventen Spieler, der nach Dubai fliegt, um sich mit dem &bdquo;genehmen&ldquo; Stoff impfen zu lassen, um damit spielberechtigt zu sein. Die Corona-Pandemie setzte den Schachspielern weltweit sehr zu. Elisabeth P&auml;htz berichtet, dass es keine Turniere mehr und damit auch keine Einnahmequellen gab. Beeindruckend schreibt sie, wie sie die Ma&szlig;nahmen teils entm&uuml;ndigend empfand. Diese Katastrophe war aber nicht genug. Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine versetzt wie die Welt auch die Schachwelt in einen neuen Ausnahmezustand, aus einer grenzenlosen Verbundenheit werde nun nach und nach wieder eine un&uuml;berwindbare Grenze hochgezogen, bef&uuml;rchtet Elisabeth. Nah geht einem, dass sie mit russischen und ukrainischen Sportlern zusammen in einem Team agiert und diese gemeinsam zum Frieden auffordern. Im Buch ist eine beeindruckende Erkl&auml;rung von ihnen zu lesen.<\/p><p><strong>Der zweite Teil des Buches &ndash; Schachpartien satt<\/strong><\/p><p>F&uuml;r mich gerieten die Spiele im zweiten Teil des Buches, schlicht mit Grafiken aufgelistet und kommentiert, zu einer reizvollen Aufgabe. Ich muss zugeben, als Laie, der gern mal eine Partie Schach spielt, las sich die &bdquo;Schach-Sprache&ldquo; anspruchsvoll. Die Gedankenwelt in Buchstaben und Zahlen verdichtet, erschlossen sich mir langsam wie eine Sprache aus einer anderen Welt. Und jetzt ist sie &hellip;<\/p><p><strong>Gro&szlig;meisterin<\/strong><\/p><p>Elisabeth P&auml;htz beschreibt in ihrem Buch die Wartezeit zur Verleihung des Titels Gro&szlig;meister, die sie als teils qu&auml;lend empfand, auf sie enormen Druck aus&uuml;bte und ihr Schachspiel nicht f&ouml;rderte.  2021 hatte die 37-J&auml;hrige die entscheidende Norm daf&uuml;r erf&uuml;llt, darum beklagt sie die H&auml;ngepartie bis vor wenigen Tagen, weil der internationale Schachverband pr&uuml;fte und pr&uuml;fte, Zweifel sollen betreffs einer Norm von 2016 betreffs ihrer G&uuml;ltigkeit bestanden haben. Elisabeth P&auml;htz wurde nun endlich mit dem Titel Gro&szlig;meister geehrt.<\/p><p>Titelbild: &copy; Anastasiya Karlovych<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Nummer 1 der deutschen Schachelite hei&szlig;t Elisabeth P&auml;htz. Sie hat endlich (ganz aktuell) den Titel Gro&szlig;meisterin erhalten, die h&ouml;chste Auszeichnung im Schach. Elisabeth P&auml;htz ist &uuml;berhaupt die erste deutsche Schachspielerin, die diesen Titel errungen hat. &Uuml;ber sich, &uuml;ber ihre Schachprofession, &uuml;ber ihre Erlebnisse in der &bdquo;Schachwelt&ldquo; hat die Th&uuml;ringerin ein Buch ver&ouml;ffentlicht. In <a<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91411\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":91412,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[165,208,161],"tags":[2857,2882],"class_list":["post-91411","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-innen-und-gesellschaftspolitik","category-rezensionen","category-wertedebatte","tag-lockdown","tag-sport"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/292362217_717698606314100_7617623931005240651_n.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/91411","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=91411"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/91411\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":91448,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/91411\/revisions\/91448"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/91412"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=91411"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=91411"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=91411"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}