{"id":9147,"date":"2011-04-20T09:02:57","date_gmt":"2011-04-20T07:02:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9147"},"modified":"2018-08-24T12:19:06","modified_gmt":"2018-08-24T10:19:06","slug":"online-angebote-der-rundfunksender-gebuhren-millionen-fur-die-selbstzensur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9147","title":{"rendered":"Online-Angebote der Rundfunksender \u2013 Geb\u00fchren-Millionen f\u00fcr die Selbstzensur"},"content":{"rendered":"<p>Nach dem auf Betreiben der kommerziellen Fernsehsender von den europ&auml;ischen Wettbewerbsh&uuml;tern erzwungenen 12. Rundfunk&auml;nderungsstaatsvertrag d&uuml;rfen Telemedienangebote der &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten nur kurze Zeit im Netz stehen. Soll ein solches Informationsangebot l&auml;nger als sieben Tage zug&auml;nglich sein, bedarf es eines h&ouml;chst b&uuml;rokratischen und Millionen Euro an Kosten verursachenden Test &ndash;Verfahrens. Damit wird nicht nur der freie Zugang zu Informationen auf dem Altar einer zweifelhaften Wettbewerbsideologie geopfert, der Missbrauch von Geb&uuml;hrenmillionen f&uuml;r diese Selbstzensur durch den &bdquo;Markt&ldquo; ist aber auch schon deshalb absurd, weil das Internet &ndash; zum Gl&uuml;ck &ndash; nichts vergisst. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\nAm 1. Juni 2009 ist der <a href=\"http:\/\/www.rlp.de\/fileadmin\/staatskanzlei\/rlp.de\/downloads\/medien\/12_rundfunkaenderungsstaatsvertrag.pdf\">12. Rundfunk&auml;nderungsstaatsvertrag [PDF &ndash; 220 KB]<\/a> in Kraft getreten. Darin sollte die Zukunft der &ouml;ffentlich-rechtlichen Online-Angebote geregelt werden. In der Debatte um diesen Staatsvertrag habe ich von einer <a href=\"?p=3288\">&bdquo;Zensur durch den Markt&ldquo;<\/a> gewarnt, weil damit von ARD, ZDF und DLF selbst auf konkrete Sendungen bezogene Materialien und Quellen in der Regel nur noch 7 Tage &uuml;ber das Internet abgerufen werden k&ouml;nnen &ndash; bei Gro&szlig;veranstaltungen (z.B. Fu&szlig;ball) sogar nur noch 24 Stunden. <\/p><p>Telemedienangebote, die l&auml;nger als diese Wochenfrist im Netz verbreitet werden sollen, m&uuml;ssen die Barriere eines sog. <a href=\"?p=3749\">Dreistufentestes &uuml;berwinden<\/a>. Dieser Dreistufentest ist jenseits seiner Zensurproblematik nach meiner Meinung ein B&uuml;rokratiemonster und vor allem ein lukratives Gesch&auml;ftsfeld f&uuml;r die Zunft der Medienberater.  <\/p><p>Inzwischen haben die Rundfunkanstalten sogar die H&auml;lfte ihres bis zum Inkrafttreten dieses Staatsvertrages schon vorhandenen Telemedienangebots aus dem Netz genommen. Wer solche Informationen jemals als Quelle genutzt hat, bekommt jetzt die 404 oder die Not Found-Fehlermeldung. <\/p><p>Und das alles im Namen einer von der Europ&auml;ischen Union gegen&uuml;ber der Rundfunkfreiheit des Grundgesetzes als h&ouml;herrangig eingestuften Wettbewerbsfreiheit im Interesse vor allem der Telemedienangebote der privaten Verleger und der kommerziellen Rundfunkveranstalter. <\/p><p>(&Uuml;ber die Informationsqualit&auml;t und den Informationsgehalt der Internet-Angebote der Kommerzsender will ich mich an dieser Stelle einmal h&ouml;flich ausschweigen. Und wie besorgt m&uuml;ssen eigentlich die Print-Verleger um die Qualit&auml;t ihrer eigenen Angebote sein, dass sie den Wettbewerb mit den &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunksendern so sehr f&uuml;rchten.)<\/p><p>Ich sehe in dem gesamten Selektionsverfahren von vorhandenen und m&ouml;glichen Informationsangeboten eine Verletzung der grundgesetzlich und durch die Menschenrechtskonvention gesch&uuml;tzten passiven Informationsfreiheit, also dem freien Zugang zu Informationen. <\/p><p>Nach einer schwierigen und arbeitsintensiven Einarbeitungsphase und &ndash; wegen erheblicher M&auml;ngel und Unsch&auml;rfen im Staatsvertrag selbst &ndash; st&auml;ndigem Streit mit der Verlegerseite, etwa &uuml;ber die Auslegung des Begriffs &bdquo;presse&auml;hnliche&ldquo; Ver&ouml;ffentlichungen, haben sich die Rundfunkr&auml;te auf dieses aufw&auml;ndige Auswahlverfahren gest&uuml;rzt. (&bdquo;Gest&uuml;rzt&ldquo; wird man das wohl nennen d&uuml;rfen, weil die &bdquo;Gremien&ldquo; dadurch erstmals die Chance sahen, eine eigene Entscheidungsmacht gegen&uuml;ber den allm&auml;chtigen Intendanten zugeschoben bekommen zu haben.)<\/p><p>Die ersten Erfahrungen mit dem &bdquo;Dreistufentest&ldquo; liegen inzwischen vor. Die Professorin f&uuml;r Soziologie Erika Bock-Rosenthal war als langj&auml;hriges Rundfunkratsmitglied beim WDR mit diesem Test intensiv befasst. Sie b&uuml;ndelt ihre Erfahrungen wie folgt:<\/p><ul>\n<li>Mit dem &bdquo;Dreistufentest&ldquo; sei der Beihilfestreit mit der Europ&auml;ischen Union (Rundfunkgeb&uuml;hren gelten f&uuml;r die EU-Kommission grunds&auml;tzlich gegen&uuml;ber kommerziellen Anbietern als wettbewerbswidrige Beihilfen) auf die Rundfunkgremien verlagert worden.<\/li>\n<li>Das Gewicht der Rundfunkratsgremien gegen&uuml;ber den Rundfunkanstalten sei deutlich erh&ouml;ht worden. Bei Internetangeboten gebe es nun eine Gleichstellung der Gremien gegen&uuml;ber den Intendanten.<\/li>\n<li>Die Qualit&auml;t der Telemedienangebote der Rundfunkanstalten habe sich verbessert. (Wer entscheidet eigentlich &uuml;ber die Qualit&auml;t von Informationen?)<\/li>\n<li>Es gebe einen Zuwachs an Markttransparenz und Marktkenntnis.<\/li>\n<li>Die Telemedienangebote der &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten seien nunmehr rechtlich unbestritten und es sei eine relative Ruhe im dualen Rundfunksystem (dem Wettbewerb zwischen &ouml;ffentlich-rechtlichen und kommerziellen Medienanbietern) eingetreten.<\/li>\n<li>Der Konflikt mit den Br&uuml;sseler EU-Beh&ouml;rden sei zur Ruhe gekommen.<\/li>\n<\/ul><p>Die Kosten f&uuml;r diesen &bdquo;Nutzen&ldquo; werden bei ARD, ZDF und DLF zusammengerechnet mit 6 Millionen Euro gesch&auml;tzt. Dabei ist die &bdquo;ehrenamtliche&ldquo; Arbeit der von den Rundfunkr&auml;ten gebildeten Arbeitsgruppen, die f&uuml;r einzelne Mitglieder zu einem Vollzeit-Job ausuferte, nat&uuml;rlich nicht eingerechnet. Jedenfalls nicht transparent kalkulierbar ist auch der Aufwand, der von den Rundfunkanstalten intern betrieben werden musste &ndash; etwa bei der L&ouml;schung des Bestandes der schon vorhandenen und der laufenden Telemedienangebote und vor allem auch f&uuml;r die fachliche Zuarbeit f&uuml;r diese Gremien, die sich mit dem Dreistufentest besch&auml;ftigten. Dieser Aufwand ist schwer einzusch&auml;tzen, aber ganz sicher d&uuml;rften aber f&uuml;r die Rundfunkanstalten weitere Millionenbetr&auml;ge angefallen sein.<\/p><p>Kritisch merkt Professorin Bock-Rosenthal unter anderem an, dass die Kosten f&uuml;r die gutachterliche Beratung durch unabh&auml;ngige Sachverst&auml;ndige, die ja f&uuml;r die &bdquo;marktlichen Auswirkungen&ldquo; der Telemedienangebote der Rundfunkanstalten sogar obligatorisch vorgeschrieben sind, sehr hoch seien. Wobei gerade die marktlichen Gutachten v&ouml;llig &uuml;bersch&auml;tzt worden seien. Letzteres ist f&uuml;r nicht weiter erstaunlich, weil damit die absurde Erwartung verbunden war, dass vorhergesagt werden k&ouml;nnen soll, welche negativen &ouml;konomischen Auswirkungen die privaten Anbieter treffen w&uuml;rden, wenn das Angebot der Rundfunksender auf den &bdquo;Markt&ldquo; geht.<\/p><p>Als nicht netzad&auml;quat wird auch die Verweildauer der aktuellen Angebote kritisiert. Das staatsvertragliche L&ouml;schungsgebot ist ja schon deshalb unterlaufen, weil man viele von den Rundfunkanstalten l&auml;ngst gel&ouml;schte Angebote, ohne gro&szlig;e Probleme bei anderen Netzanbietern z.B. auf YouTube wieder finden kann. Zum Gl&uuml;ck vergisst das Internet nichts.<br>\nEs sei schon deshalb fraglich, ob dieses ganze Verfahren angesichts der medialen und technischen Entwicklungen zukunftsf&auml;hig ist.<\/p><p>Bei den kommerziellen Fernsehsendern und vor allem auch von der damit verbandelten Verlegerseite gab es Anfang April massive Kritik, weil das ZDF dem privaten Konkurrenten Sat1 ab 2012 die &Uuml;bertragungsrechte f&uuml;r die Fu&szlig;ball-Champions-League weggeschnappt hat. 50 Millionen pro Jahr f&uuml;r Fu&szlig;ball&uuml;bertragungen sei ein Missbrauch von Geb&uuml;hrengeldern, wetterten die werbefinanzierten Sender und ihre Betreiber. Man mag da geteilter Meinung sein. Aber einen Aufschrei, dass bisher aus Geb&uuml;hren mindestens 6 Millionen, vermutlich aber eher ein zweistelliger Millionenbetrag missbraucht worden ist, um Zeitungsverleger und Kommerzsender vor einem Informations-Wettbewerb zu sch&uuml;tzen, hat man nicht geh&ouml;rt. Geb&uuml;hrenmillionen f&uuml;r nichts anderes, als ein schon finanzierte Internetangebot der Rundfunkanstalten wieder zu l&ouml;schen oder bestenfalls in einem aufw&auml;ndigen b&uuml;rokratischen Verfahren durchzuk&auml;mpfen, dass solche Angebote l&auml;nger als sieben Tage im Netz bleiben d&uuml;rfen &ndash; ein unsinnigerer Missbrauch von Geb&uuml;hrengeldern ist kaum vorstellbar.<\/p><p>Anmerkung: Meine Informationen st&uuml;tzen sich auf einen exzellenten Vortrag von Professorin Bock-Rosenthal auf einem Treffen des &bdquo;Initiativkreis &Ouml;ffentlicher Rundfunk&ldquo; (I&Ouml;R) vom 5. April in K&ouml;ln. Ich m&ouml;chte die Referentin allerdings keinesfalls f&uuml;r meine Interpretation in Anspruch nehmen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach dem auf Betreiben der kommerziellen Fernsehsender von den europ&auml;ischen Wettbewerbsh&uuml;tern erzwungenen 12. Rundfunk&auml;nderungsstaatsvertrag d&uuml;rfen Telemedienangebote der &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten nur kurze Zeit im Netz stehen. Soll ein solches Informationsangebot l&auml;nger als sieben Tage zug&auml;nglich sein, bedarf es eines h&ouml;chst b&uuml;rokratischen und Millionen Euro an Kosten verursachenden Test &ndash;Verfahrens. Damit wird nicht nur der freie Zugang<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9147\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[41,182],"tags":[313,1100,2449,305,220],"class_list":["post-9147","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-medienanalyse","category-medienkonzentration-vermachtung-der-medien","tag-oerr","tag-mediathek","tag-medienstaatsvertrag","tag-menschenrechte","tag-zensur"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9147","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9147"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9147\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9157,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9147\/revisions\/9157"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9147"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=9147"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=9147"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}