{"id":9152,"date":"2011-04-20T09:04:13","date_gmt":"2011-04-20T07:04:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9152"},"modified":"2014-08-26T11:03:51","modified_gmt":"2014-08-26T09:03:51","slug":"europa-ohne-europaer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9152","title":{"rendered":"Europa ohne Europ\u00e4er"},"content":{"rendered":"<p>Seit dem Wahlerfolg der europaskeptischen &bdquo;wahren Finnen&ldquo; ist das politische Europa wieder einmal in Erkl&auml;rungsn&ouml;ten. Die Finanz- und Schuldenkrise lastet schwer auf dem Selbstverst&auml;ndnis der EU. Jahrzehntelang wurden unpopul&auml;re politische Reformen in allen Mitgliedsstaaten gerne als Entscheidungen Br&uuml;ssels verkauft, was das Image der supranationalen Institutionen der EU schwer besch&auml;digt hat. Kritik an der EU wurde dabei tabuisiert und selbst Detailkritik wurde meist durch Fundamentalverteidigung pariert, w&auml;hrend Europapolitik hinter geschlossenen T&uuml;ren stattfand. Wenn die Politik nicht bald anf&auml;ngt, einen offenen Europa-Diskurs zu f&uuml;hren, d&uuml;rften die Europaskeptiker, die meist im rechten Lager zu verorten sind, auch in Zukunft Wahlerfolge feiern und damit Europa nicht nur als Institution, sondern auch als Idee desavouieren. Jens Berger<br>\n<!--more--><br>\n&bdquo;Europafeindlichkeit&ldquo; und &bdquo;Europaskeptizismus&ldquo; sind zwei Begriffe, die gerne undifferenziert als Kampfbegriff gef&uuml;hrt werden, um den politischen Gegner zu diskreditieren. Will man hier differenzieren, muss man <a href=\"http:\/\/www.sussex.ac.uk\/sei\/documents\/workingpaper101.pdf\">vier Arten [PDF &ndash; 225 KB]<\/a> und zwei <a href=\"http:\/\/www.sussex.ac.uk\/sei\/documents\/wp69.pdf\">Formen [PDF &ndash; 95 KB]<\/a> des Europaskeptizismus unterscheiden:<\/p><ol>\n<li>&Ouml;konomie: Die Kritiker sehen keinen pers&ouml;nlichen Vorteile oder gar pers&ouml;nliche Nachteile durch &bdquo;Europa&ldquo;.<\/li>\n<li>Souver&auml;nit&auml;t: Die Kritiker bem&auml;ngeln eine Abwanderung f&ouml;deraler oder nationalstaatlicher Entscheidungsgewalt zu supranationalen Institutionen.<\/li>\n<li>Demokratie: Die Kritiker bem&auml;ngeln demokratische Defizite in den supranationalen Institutionen und die verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig geringe Macht des Europ&auml;ischen Parlamentes als einziger Institution, die direkt gew&auml;hlt wird.<\/li>\n<li>Politik\/Soziales: Die Kritiker bem&auml;ngeln bestimmte politische Positionierungen, Ideologien und Dogmen, die mit der EU und ihrer Politik verbunden sind.<\/li>\n<\/ol><p>Je nach Art der Kritik muss man ferner zwischen &bdquo;hartem&ldquo; und &bdquo;weichem&ldquo; Europaskeptizismus unterscheiden. W&auml;hrend die harten Skeptiker sich gegen die Institutionen als solches wenden und zumindest einen Stopp bei der weiteren Integration und oft sogar einen Austritt ihres Landes aus den Institutionen fordern, kritisieren die weichen Skeptiker einzelne Aspekte europ&auml;ischer Politik, begr&uuml;&szlig;en aber die Institutionen und die Integration als solche. Harte und weiche Skeptiker sind also bereits bei ihrer Motivation grundverschieden. W&auml;hrend harte Skeptiker oft Einzelaspekte aufgreifen, um sie in ihre Fundamentalkritik einzupassen, sind die weichen Skeptiker meist bem&uuml;ht, konstruktive Detailkritik anzubringen.    <\/p><p>Die harten Skeptiker lassen sich in den allermeisten F&auml;llen im rechten bis rechtsextremen Lager verorten, die weichen Skeptiker finden sich meist im linksliberalen bis linken Lager. Bedauerlicherweise wird die Fundamentalkritik der politischen Rechten jedoch meist mit der konstruktiven Detailkritik der Linken in einen Topf geworfen und entweder tabuisiert oder mit einer Fundamentalverteidigung beantwortet. Besonders augenf&auml;llig wurde diese undifferenzierte Reaktion auf Kritik, als es darum ging, den Lissabon-Vertrag durchzuboxen. Inhaltlich berechtigte Kritik am Lissabon-Vertrag wurde damals kurzer Hand mit dem Vorwurf der &bdquo;Europafeindlichkeit&ldquo;  <a href=\"?p=3282\">vom Tisch gefegt<\/a>.<\/p><p>Die &ouml;ffentliche Wirkung dieser Strategie ist jedoch verheerend. Wenn kritische B&uuml;rger mit ihrem &bdquo;weichen&ldquo; Skeptizismus ohne Not in den Topf der &bdquo;harten&ldquo; Skeptiker geworfen werden, kann es durchaus passieren, dass sie sich in diesem Topf wohlf&uuml;hlen. Der einzige Erfolg dieser Tabuisierung ist es, dass man aus Menschen, die sich ein besseres Europa w&uuml;nschen, Europakritiker macht. Man muss den Menschen nur oft genug sagen, dass sie Europagegner seien und irgendwann werden sie es auch glauben. Populisten und Menschenf&auml;nger am rechten Rand m&uuml;ssen diese Unverstandenen nur noch einsammeln.<\/p><p><strong>Schattenboxen gegen Europa<\/strong><\/p><p>Wenn man die mediale Berichterstattung verfolgt, k&ouml;nnte man manchmal glauben, die EU sei eine b&uuml;rokratische Superbeh&ouml;rde, die sich selbstst&auml;ndig gemacht hat &ndash; ein intransparenter Moloch aus Legislative, Exekutive und Judikative. In der Berliner Politik spielt die EU dabei mehr und mehr die Rolle eines imagin&auml;ren politischen Gegners, vor dessen Pl&auml;ne man die B&uuml;rger in Schutz nehmen will. Unpopul&auml;re politische Pl&auml;ne werden dabei gerne an Europa ausgelagert, um als EU-Richtlinie ihre R&uuml;ckkehr in die nationale Politik zu feiern. F&uuml;r die Politik ist dies ein wahrer Gl&uuml;cksfall. Sie muss dem B&uuml;rger nicht mehr erkl&auml;ren, warum sie f&uuml;r ein bestimmtes Gesetz (z.B. Vorratsdatenspeicherung) eintritt, sondern kann den schwarzen Peter nach Br&uuml;ssel weiterschieben und sich hinter der Richtlinienkompetenz der EU verschanzen.<\/p><p>Selbstverst&auml;ndlich wird dabei die Frage, wer eigentlich in Br&uuml;ssel die Gesetze macht, ebenso ausgeblendet, wie die Frage, warum Deutschland dann nicht auf europ&auml;ischer Ebene gegen die jeweilige Richtlinie vorgeht. Es ist kein gro&szlig;es Geheimnis, dass in Br&uuml;ssel kein Gesetz und keine Richtlinie gegen den ausdr&uuml;cklichen Widerstand des m&auml;chtigsten europ&auml;ischen Staates durchgesetzt werden kann. Anstatt diese Gesetze offensiv zu verteidigen oder &ndash; je nach Sachlage &ndash; zu kritisieren und &ouml;ffentlich zu erkl&auml;ren, was man in den europ&auml;ischen Gremien zu tun gedenkt, um gegen den jeweiligen Vorsto&szlig; vorzugehen, wird die EU von der Politik und den Medien meist als &bdquo;h&ouml;here Gewalt&ldquo; dargestellt, deren Entscheidungen von uns Sterblichen weder kommentiert noch kritisiert werden d&uuml;rfen.<\/p><p>Wer die EU in trauter Regelm&auml;&szlig;igkeit als Buhmann f&uuml;r Gesetzte verantwortlich macht, die man nicht selbst offensiv kommunizieren will, braucht sich auch nicht zu wundern, wenn ein Teil des Volkes auf diesen Trick hereinf&auml;llt und in Br&uuml;ssel tats&auml;chlich einen Buhmann sieht.<\/p><p><strong>Beispiel Diesel-Besteuerung<\/strong><\/p><p>Dabei geht es nicht nur um Gesetze, die sich gegen die eigenen B&uuml;rger richten. Immer h&auml;ufiger wird in den h&ouml;chsten politischen &Auml;mtern in Berlin auch ohne Sinn und Not gegen Br&uuml;ssel polemisiert. Als Beispiel f&uuml;r dieses &ndash; sicherlich auch parteipolitisch motivierte &ndash; Treiben, kann die aktuelle Hysterie wegen der vermeintlichen Verteuerung des Diesel-Kraftstoffs durch einen Gesetzesplan der EU-Kommission gelten. <\/p><p>Was ist geschehen? Seit vielen Jahren &auml;rgert die Bundesregierung sich dar&uuml;ber, dass LKW-Fahrer nicht in Deutschland, sondern im europ&auml;ischen Ausland tanken und den Fiskus damit um Einnahmen bringen. Im Jahr 2007 gab die EU-Kommission dann den deutschen W&uuml;nschen nach und erarbeitete eine Steuerreform, bei der Mindeststeuers&auml;tze f&uuml;r die Kraftstoffe festgelegt werden sollten. Berlin stand nat&uuml;rlich voll und ganz hinter diesen Steuerpl&auml;nen, ging es doch <a href=\"http:\/\/www.tagesschau.de\/wirtschaft\/meldung50266.html\">um 3,6 Milliarden Euro Steuermehreinnahmen<\/a>.<\/p><p>Als die Steuerreform in diesem Jahr wieder aufs Tableau kam, brachen zun&auml;chst die Medien und dann die Berliner Politik jedoch in blanke Panik aus. &bdquo;Br&uuml;ssel macht Diesel teurer&ldquo;, so klang es unisono aus dem Bl&auml;tterwald und sowohl Wirtschaftsminister <a href=\"http:\/\/www.mdr.de\/nachrichten\/8451723.html\">Br&uuml;derle<\/a> als auch Kanzlerin <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/wirtschaft\/article13138348\/Kanzlerin-Merkel-will-hoehere-Diesel-Steuer-stoppen.html\">Merkel<\/a> positionierten sich als die Interessenvertreter des deutschen Autofahrers gegen den &bdquo;b&uuml;rokratischen Reglementierungswahn&ldquo; aus Br&uuml;ssel. Das ist erstaunlich, liegt der angedachte Mindeststeuersatz doch ohnehin weit <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/eu-kraftstoffe-eine-steuer-und-viele-fragen-1.1083889\">unter dem deutschen Steuersatz<\/a>, so dass die Pl&auml;ne der EU-Kommission &uuml;berhaupt keine Auswirkung auf den Tanks&auml;ulenpreis in Deutschland h&auml;tten, dem deutschen Fiskus aber dennoch n&uuml;tzen w&uuml;rden, da der Anreiz f&uuml;r den Tanktourismus ins europ&auml;ische Ausland gemindert werden w&uuml;rde. <\/p><p>Wieder einmal hat die deutsche Politik auf billigste Art und Weise gegen ihren eigenen Vorsto&szlig; in Br&uuml;ssel polemisiert und dabei einen geh&ouml;rigen Flurschaden angerichtet. So wird man das Image der EU garantiert nicht verbessern k&ouml;nnen. Die europakritische Rechte reibt sich bei solchen Bubenst&uuml;cken nat&uuml;rlich die H&auml;nde.<\/p><p><strong>Unterschiedliche Vorstellungen von Europa<\/strong><\/p><p>Glaubt man dem <a href=\"http:\/\/ec.europa.eu\/public_opinion\/flash\/fl_306_en.pdf\">Eurobarometer [PDF &ndash; 3.4 MB]<\/a> der Europ&auml;ischen Kommission, unterscheidet sich das Wunschbild der Europ&auml;er von ihrer EU fundamental vom Status quo und dem Wunschbild der meisten Politiker. Mehr als jeder zweite Europ&auml;er sieht in der &bdquo;Armutsbek&auml;mpfung und der Bek&auml;mpfung der sozialen Ausgrenzung&ldquo; das politische Feld, dem die EU oberste Priorit&auml;t zuweisen sollte. Dieser Punkt liegt dabei in den Umfragen meilenweit vor den anderen politischen Zielen der EU. Schaut man jedoch in den Lissabon-Vertrag oder auf die aktuelle politische Agenda der EU, so muss man erkennen, dass das Thema, welches den Europ&auml;ern am meisten am Herzen liegt, im politischen Europa gar nicht stattfindet. Im Gegenteil &ndash; die verordneten Sparanstrengungen im Rahmen des Euro-Stabilit&auml;tspakts nehmen eine Zunahme der Armut und der sozialen Ausgrenzung billigend in Kauf, um die Stabilit&auml;t der Finanzm&auml;rkte nicht zu gef&auml;hrden.<\/p><p>Wohin bewegt sich Europa? Wie kann man einen sozialen Ausgleich und eine Politik im Sinne der Europ&auml;er bef&ouml;rdern? Wie kann man die Demokratie auf EU-Ebene st&auml;rken? Wie kann man die Entscheidungen der europ&auml;ischen Gremien transparenter machen? All diese Fragen haben eine Daseinsberechtigung und sollten &ouml;ffentlich diskutiert werden. Doch diese Diskussion findet nicht statt. Auf jede kritische Frage wird stattdessen mit Fundamentalverteidigung geantwortet. Wer solche Fragen stellt, greift die EU jedoch nicht fundamental an, sondern verlangt Antworten zu Detailfragen. <\/p><p>&bdquo;Das Volk&ldquo;, so Tucholsky, &bdquo;versteht das meiste falsch, aber es f&uuml;hlt das meiste richtig&ldquo;. Solange sich Politik und Medien jedoch sperren, offen und kritisch &uuml;ber Europa, seine Institutionen und den Euro zu diskutieren, treiben sie damit kritische B&uuml;rger &ndash; gewollt oder ungewollt &ndash; in die europakritische Ecke. Dort hat man simple Antworten auf komplexe Fragen &ndash; und nicht nur auf Fragen, die mit der EU und dem Euro zusammenh&auml;ngen. Wer die Demokratie st&auml;rken will, muss sie auch leben.<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/5ba6aa2f3cc1472fb54a9e39e237f22e\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit dem Wahlerfolg der europaskeptischen &bdquo;wahren Finnen&ldquo; ist das politische Europa wieder einmal in Erkl&auml;rungsn&ouml;ten. Die Finanz- und Schuldenkrise lastet schwer auf dem Selbstverst&auml;ndnis der EU. Jahrzehntelang wurden unpopul&auml;re politische Reformen in allen Mitgliedsstaaten gerne als Entscheidungen Br&uuml;ssels verkauft, was das Image der supranationalen Institutionen der EU schwer besch&auml;digt hat. 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