{"id":91525,"date":"2022-12-13T12:24:33","date_gmt":"2022-12-13T11:24:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91525"},"modified":"2022-12-16T10:53:32","modified_gmt":"2022-12-16T09:53:32","slug":"entscheidend-is-aufm-platz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91525","title":{"rendered":"Entscheidend is&#8217; auf&#8217;m Platz"},"content":{"rendered":"<p>Die Zeiten deutscher Fu&szlig;ballherrlichkeit sind vorbei. Das ist aber kein Grund zum Tr&uuml;bsal. Im Gegenteil. Der Fu&szlig;ball ist letztlich auch nur ein Spiegel der Welt. Die interessiert sich jedoch nicht f&uuml;r unsere Befindlichkeiten und bei der WM in Katar waren die Deutschen ohnehin nur ein schlechter Gast &ndash; verw&ouml;hnt, &uuml;berheblich und selbstgerecht, selbst in der Niederlage. Wer will, kann da durchaus Parallelen zu unserer Politik erkennen. Doch die Fu&szlig;ballwelt dreht sich auch ohne uns weiter und das ist auch gut so! Ein Essay von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9640\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-91525-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221213_Entscheidend_is_auf_m_Platz_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221213_Entscheidend_is_auf_m_Platz_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221213_Entscheidend_is_auf_m_Platz_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221213_Entscheidend_is_auf_m_Platz_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=91525-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221213_Entscheidend_is_auf_m_Platz_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"221213_Entscheidend_is_auf_m_Platz_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Als Kind der 1970er wurde mir die Begeisterung f&uuml;r den Fu&szlig;ball im Grunde mit in die Wiege gelegt. Als die westdeutsche Nationalmannschaft 1974 &uuml;berraschend im eigenen Land den Titel holte, sprang ich als kleiner Steppke aufgeregt vor dem extra f&uuml;r dieses Ereignis gekauften ersten Farbfernseher herum und erfreute meine Familie mit meinem ersten &ndash; wenn auch grammatikalisch nicht ganz korrekten &ndash; Satz: &bdquo;M&uuml;ller Tor!&ldquo;. 1982 flossen die ersten bitteren Fu&szlig;balltr&auml;nen, als das deutsche Team im Finale den Italienern unterlag. 1990, ich war nun 17 Jahre alt, folgte der gro&szlig;e Freudentaumel, als &bdquo;unsere Jungs&ldquo; in Rom durch einen verwandelten Elfmeter von Andy Brehme den Titel holten. Gro&szlig;e Emotionen, doch das ist lange her und kam nie wieder. <\/p><p>Mit dem Erwachsenwerden &ouml;ffnete sich die Welt und der Fu&szlig;ball entfremdete sich immer mehr von mir. Aus den kantigen Helden der Jugend wurden aalglatte, rhetorisch geschulte Jungmillion&auml;re, mit denen man sich nicht identifizieren konnte und die schon gar nicht als Vorbild taugten. Der Fu&szlig;ball wurde mehr und mehr zum gro&szlig;en Gesch&auml;ft; passend zur zeitgleich voranschreitenden neoliberalen Wende in Politik und Gesellschaft. Aus den gro&szlig;en Emotionen wurden Instant-Hypes und je nerviger und omnipr&auml;senter der ganze Werberummel rund um das &ndash; wie man es heute sagt &ndash; &bdquo;Event&ldquo; wurde, desto seelenloser und stromlinienf&ouml;rmiger wurde das Produkt. Die Magie ist fort, dennoch ertappe ich mich alle vier Jahre dabei, mir die Spiele der Fu&szlig;ball-WM doch wieder anzuschauen. Nur dass ich heute nicht mehr mit gro&szlig;en Emotionen mit der deutschen Mannschaft mitfiebere, sondern mich meist einfach nur noch fremdsch&auml;me. Und in dieser Hinsicht war die WM in Katar wahrlich ein H&ouml;hepunkt.<\/p><p>Dabei geht es gar nicht mal um die vorhersehbar magere sportliche Ausbeute. Die Zeiten, in denen Deutschland wenn auch nicht den sch&ouml;nsten, so aber doch den effizientesten Fu&szlig;ball spielte und bei der WM dank der vielzitierten Sekund&auml;rtugenden aus elf Solisten eine &bdquo;Turniermannschaft&ldquo; wurde, sind wohl unwiederbringlich vorbei. Viel schlimmer ist, dass der Fu&szlig;ball heute mehr denn je politisiert wird. Bereits im Vorfeld des ersten Vorrundenspiels gegen Japan ging es nicht um die Aufstellung oder die Taktik, sondern um die vollkommen abseitige Frage, ob man eine &bdquo;One-Love-Binde&ldquo; tragen sollte oder nicht. Gerade so, als h&auml;tte es die deutsche Fu&szlig;ballnationalmannschaft in der Hand, in welche Richtung sich die gesellschaftliche Debatte &uuml;ber alternative Formen des Zusammenlebens in der arabischen Welt entwickelt. Da war sie wieder, die deutsche &Uuml;berheblichkeit und Selbstgerechtigkeit, von der wir in unserer Jugend eigentlich dachten, man habe sie endg&uuml;ltig &uuml;berwunden.<\/p><p>Unsere Gro&szlig;eltern zogen in den Krieg, weil die ganze Welt am deutschen Wesen genesen sollte. Unsere Elterngeneration zeigte den S&uuml;deurop&auml;ern, wie man deutsche Schlager gr&ouml;lt, Sangria aus Eimern s&auml;uft und dass wei&szlig;e Socken in Birkenstocks eine geeignete Garderobe sein k&ouml;nnen. Schuld und Scham. Wir wollten anders sein und zeigten &ndash; als vielleicht einzige Generation &ndash; ein unverkrampftes und dabei aufrichtiges Interesse an fremden Kulturen. Nun zieht die Generation unserer Kinder in die Welt und gibt den Moralweltmeister &ndash; auch wenn die &bdquo;Ehe f&uuml;r Alle&ldquo; in Deutschland  gerade erst seit f&uuml;nf Jahren Gesetz ist, wollen sie die Welt abermals am deutschen Wesen genesen lassen und haben dabei volle politische Unterst&uuml;tzung. Die deutsche Bundesinnenministerin Nancy Faeser war zumindest die erste deutsche Politikerin seit 1945, die bei einer Sportveranstaltung aus politisch-weltanschaulichen Gr&uuml;nden eine Armbinde getragen hat. Da war er wieder &ndash; der arrogant-selbstgerechte Kolonialherr, diesmal nicht mit Tropenhelm, sondern mit bunter Armbinde und nicht in Gestalt eines alten, wei&szlig;en Mannes, sondern in Gestalt einer mittelalten, wei&szlig;en Frau. <\/p><p>Verst&auml;ndlich, dass dies im Rest der Welt gar nicht gut ankam. Die dr&uuml;ckten nun Japan und Costa Rica die Daumen und freuten sich aufrichtig, dass Deutschland nach der Vorrunde die Heimreise antreten durfte.<\/p><p><div class=\"external-2click\" data-provider=\"Youtube\" data-provider-slug=\"youtube\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Videos werden Daten an Youtube &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von Youtube zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"560\" height=\"315\" src=\"\" title=\"YouTube video player\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen class=\"external-2click-target \" data-src=\"https:\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/7NA_dpSJfOc\"><\/iframe><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"youtube\">Inhalte von Youtube nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><\/p><p>Ja, wir Deutschen machen es der Welt mit unserer Empathielosigkeit wirklich schwer, uns zu m&ouml;gen. Sie glauben mir nicht? Dann stellen Sie sich doch mal folgendes Szenario vor. Jahrelang veranstalteten in ihrem Betrieb immer die &bdquo;Alteingesessenen&ldquo; das Sommerfest. Nun sind zum ersten Mal Sie an der Reihe &ndash; nicht wirklich ein Underdog, aber zumindest bei den Alteingesessenen nicht gerade anerkannt und geliebt. Sie legen ihr ganzes Herzblut in die Vorbereitung und zaubern &ndash; gemessen an ihren M&ouml;glichkeiten &ndash; ein wirklich sch&ouml;nes Fest aus dem Hut. Und was machen die Alteingesessenen? Sie meckern an jeder Kleinigkeit herum, erweisen Ihnen gegen&uuml;ber null Respekt und verschwinden dann ohne ein einziges Wort des Dankes nach der Vorspeise. So in etwa wirkt Deutschland nun auf die arabische Welt.<\/p><p>Aber zum Gl&uuml;ck ging ja unsere sportliche Leistung mit unserer diplomatischen Leistung Hand in Hand. Die Sportreporter-Legende Waldemar Hartmann hat schon vollkommen recht, wenn <a href=\"https:\/\/www.cicero.de\/kultur\/waldemar-hartmann-uber-das-deutsche-wm-desaster-die-stimmung-in-katar-ist-erste-sahne-wir-hatten-da-nur-gestort\">er sagt<\/a>, dass &bdquo;die Stimmung in Katar weltmeisterlich ist und wir da nur gest&ouml;rt h&auml;tten&ldquo;. Nun gilt endlich das alte Motto von Adi Prei&szlig;ler: &bdquo;Entscheidend is&rsquo; auf&rsquo;m Platz&ldquo;. <\/p><p>Und wenn man die deutschen Befindlichkeiten mal beiseitel&auml;sst, wird einem in Katar in der Tat einiges geboten. Spannende, sportlich hochqualitative Spiele, gro&szlig;e Emotionen, &Uuml;berraschungen und echte Stimmung auf den Trib&uuml;nen &ndash; zumindest dann, wenn s&uuml;damerikanische Teams oder der neue Liebling der panarabischen Welt, Marokko, spielt. Nun k&ouml;nnte man sich ja f&uuml;r und mit den Marokkanern freuen. Aber das lassen die deutschen Befindlichkeiten nicht zu, haben doch die Marokkaner auch ein eher gespaltenes Verh&auml;ltnis zu unserer neu entdeckten Liebe f&uuml;r LGBTQ-Themen, die ja auf unerkl&auml;rliche Weise heute fest an den Fu&szlig;ball gekoppelt sind. Also meckern wir lieber &uuml;ber die Autokorsos und Freudenfeste marokkanischer Fans in den europ&auml;ischen St&auml;dten. So was, liebe Araber, ist fester Bestandteil unserer Kultur! Und kulturelle Aneignung m&ouml;gen wir nicht. <\/p><p>Dabei ist die arabische Welt ohnehin bereits jetzt der eigentliche Gewinner des Turniers. Saudi-Arabien schlug in der Vorrunde das hoch favorisierte Team aus Argentinien, Tunesien besiegte seine ehemalige Kolonialmacht Frankreich und Marokko schaltete mit Belgien, Spanien und zuletzt Portugal die Cr&egrave;me de la Cr&egrave;me der &bdquo;alten&ldquo; europ&auml;ischen Fu&szlig;ballwelt aus. Und Katar? Allen Unkenrufen zum Trotz kann man das Turnier durchaus als Erfolg bezeichnen &ndash; keine Pannen, keine Zwischenf&auml;lle, eine gute Organisation; auch wenn das allen voran den deutschen Medien nat&uuml;rlich nie &uuml;ber die Lippen kommen wird. Die wollen stattdessen noch immer die FIFA st&uuml;rzen, doch das System FIFA ist heute wohl gesicherter als vor dem Anpfiff des Er&ouml;ffnungsspiels.<\/p><p>Ob das nun gut oder schlecht ist, liegt im Auge des Betrachters. Aus der zeitgen&ouml;ssischen deutschen Perspektive ist das zweifelsohne schlecht. Der Gro&szlig;teil der Welt sieht das jedoch ganz anders. Man tanzt nicht mehr nach der europ&auml;ischen Pfeife, sondern hat sich emanzipiert. In der FIFA gilt nunmal das urdemokratische Prinzip &bdquo;Ein Land, eine Stimme&ldquo;. Da k&ouml;nnen sich die Deutschen noch so sehr aufplustern. Am Ende ist die Stimme Deutschlands in der FIFA genauso viel wert wie die Stimme Grenadas, Montserrats oder der Britischen Jungferninseln. Und die deutsche &bdquo;Soft Power&ldquo; ist auch nicht mehr das, was sie mal war. F&uuml;r Sponsoren ist der asiatische Wachstumsmarkt l&auml;ngst wichtiger als der ges&auml;ttigte deutsche Markt. Die Musik spielt nicht mehr in Europa und das nicht nur im Fu&szlig;ball. <\/p><p>Wahrscheinlich ist dies eine Entwicklung, die zumindest historisch gerecht ist. Jahrhundertelang hat Europa der Welt seine Regeln diktiert &ndash; und diese Jahrhunderte waren zumindest f&uuml;r den Rest der Welt nicht die besten. Das jetzige Jahrhundert k&ouml;nnte ein asiatisches werden. Verhindern kann Europa das nicht und fl&uuml;chtet sich derweil in einen aussichtslosen Moralimperialismus. Die alberne One-Love-Debatte und das verdiente Ausscheiden der Deutschen sind Bausteine dieses relativen Abstiegs. Aber warum nicht? Was ist so schlimm daran, dass die Welt nicht mehr nach unserer Pfeife tanzt und uns bestenfalls bel&auml;chelt? <\/p><p>Aber zur&uuml;ck zum Fu&szlig;ball: Entscheidend is&rsquo; auf&rsquo;m Platz. Zumindest ich freue mich schon auf die Halbfinals und das Finale am Sonntag. Denn bei objektiver Betrachtung kriegt man da schon einiges geboten. Was beispielsweise Argentinien und Frankreich auf dem Platz zelebrieren, ist schwerlich mit dem Standfu&szlig;ball zu vergleichen, den meine damals noch geliebte Nationalmannschaft in den 1980er und 1990ern geboten hat. Und f&uuml;r die Emotionen sorgen die Marokkaner. Warum auch nicht? Erfreuen wir uns also an den Spielen und lassen unsere Befindlichkeiten raus. Es lohnt sich. <\/p><p><em>Leserbriefe zu diesem Beitrag <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91682\">finden Sie hier<\/a>.<\/em><\/p><p>Titelbild: Screencap Magenta TV<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/dd7cf98b5ae24412b107fd51830cc8f6\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Zeiten deutscher Fu&szlig;ballherrlichkeit sind vorbei. Das ist aber kein Grund zum Tr&uuml;bsal. Im Gegenteil. Der Fu&szlig;ball ist letztlich auch nur ein Spiegel der Welt. 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