{"id":91561,"date":"2022-12-14T09:16:20","date_gmt":"2022-12-14T08:16:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91561"},"modified":"2022-12-14T16:24:59","modified_gmt":"2022-12-14T15:24:59","slug":"der-rueckzug-von-kiew-butscha-und-boris-johnson-woran-die-ersten-friedensverhandlungen-zwischen-der-ukraine-und-russland-scheiterten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91561","title":{"rendered":"Der R\u00fcckzug von Kiew, Butscha und Boris Johnson: Woran die ersten Friedensverhandlungen zwischen der Ukraine und Russland scheiterten"},"content":{"rendered":"<p>Die Stiftung Wissenschaft und Politik hat Ende Oktober <a href=\"https:\/\/www.swp-berlin.org\/publikation\/friedensverhandlungen-im-krieg-zwischen-russland-und-der-ukraine-mission-impossible\">eine Analyse ver&ouml;ffentlicht<\/a>, die untersucht, warum die ersten Friedensverhandlungen zwischen der Ukraine und Russland gescheitert sind. In ihrem Fazit kommt die Autorin Sabine Fischer zu dem Schluss, dass die Friedensverhandlungen haupts&auml;chlich am russischen Unwillen zu Verhandlungen scheiterten. Diese Analyse ist zu einseitig und wird den Geschehnissen in den ersten Monaten nach dem russischen Angriff auf die Ukraine nicht gerecht. Sie blendet insbesondere die Rolle aus, die die westlichen L&auml;nder im sp&auml;teren Verlauf der Verhandlungen gespielt haben. Deshalb sollen hier die Entwicklungen in den ersten Monaten nach Kriegsbeginn noch einmal nachgezeichnet werden. Von <strong>Norbert Krause<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5435\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-91561-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221214-Rueckzug-von-Kiew-Butscha-und-Boris-Johnson-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221214-Rueckzug-von-Kiew-Butscha-und-Boris-Johnson-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221214-Rueckzug-von-Kiew-Butscha-und-Boris-Johnson-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221214-Rueckzug-von-Kiew-Butscha-und-Boris-Johnson-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=91561-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221214-Rueckzug-von-Kiew-Butscha-und-Boris-Johnson-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"221214-Rueckzug-von-Kiew-Butscha-und-Boris-Johnson-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Das erste Treffen einer russischen und ukrainischen Delegation fand <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/live\/2022\/02\/27\/world\/russia-ukraine-war\">am 28. Februar an der belarussischen Grenze statt<\/a>. Der Ort der Verhandlungen war zun&auml;chst <a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/world\/europe\/ukraines-president-stays-put-russian-invaders-advance-2022-02-25\/\">umstritten gewesen<\/a> &ndash; Moskau hatte Minsk vorgeschlagen, Kiew wollte in Warschau verhandeln. Ein Kompromiss wurde gefunden, nachdem der ukrainische Pr&auml;sident Selenskyj mit dem belarussischen Pr&auml;sidenten <a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/world\/europe\/ukraine-russia-agree-talks-without-preconditions-zelenskiy-says-2022-02-27\/\">telefoniert hatte<\/a>. Es wurde zun&auml;chst nur &uuml;ber einen sofortigen Waffenstillstand verhandelt. Zwei weitere Treffen fanden <a href=\"https:\/\/abcnews.go.com\/International\/2nd-round-talks-russia-ukraine-end-cease-fire\/story?id=83226054\">am 03. M&auml;rz<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.aa.com.tr\/en\/russia-ukraine-crisis\/3rd-round-of-negotiations-between-russia-ukraine-ends-with-small-positive-developments-kyiv\/2526960\">am 07. M&auml;rz<\/a> statt. Nach einem Treffen der <a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/world\/europe\/top-russian-ukrainian-diplomats-meet-first-time-since-invasion-2022-03-10\/\">beiden Au&szlig;enminster in Anatalya am 10. M&auml;rz<\/a> wurden die weiteren Verhandlungen in der T&uuml;rkei gef&uuml;hrt.<\/p><p>Verhandelt wurde zun&auml;chst &uuml;ber einen <a href=\"https:\/\/www.ft.com\/content\/7b341e46-d375-4817-be67-802b7fa77ef1\">15-Punkte-Plan<\/a>: Der Plan sah vor, dass die Ukraine neutral bleibt, es auf ihrem Gebiet keine milit&auml;rischen St&uuml;tzpunkte von ausl&auml;ndischen Staaten gibt und sie nicht der NATO beitritt. Daf&uuml;r bekomme die Ukraine Sicherheitsgarantien von Staaten wie den USA, Gro&szlig;britannien oder der T&uuml;rkei. Russland ziehe sich im Gegenzug aus allen im Krieg besetzten Gebieten zur&uuml;ck. Die Diskussion &uuml;ber den rechtlichen Status der von Russland besetzten Krim und der beiden von Russland anerkannten Volksrepubliken Donetsk und Luhansk sollte &bdquo;getrennt&ldquo; in sp&auml;teren Gespr&auml;chen behandelt werden. Die Details des letzten bekannt gewordenen Friedensplans finden sich <a href=\"https:\/\/www.ippnw.de\/commonFiles\/pdfs\/Frieden\/Waffenstillstand_und_Frieden_Ukrainekonflikt.pdf\">hier<\/a> (Seite 3). <\/p><p>W&auml;hrend der Verhandlungen fand auch eine rhetorische Ann&auml;herung der beiden Parteien in der &Ouml;ffentlichkeit statt: Mitte M&auml;rz sagte der ukrainische Pr&auml;sident Selenskyj, dass die Friedensgespr&auml;che <a href=\"https:\/\/www.aljazeera.com\/news\/2022\/3\/16\/zelenskyy-says-russia-ukraine-peace-talks-more-realistic\">&bdquo;realistischer werden&ldquo;<\/a> und erkl&auml;rte, dass eine NATO-Mitgliedschaft <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/world\/2022\/mar\/15\/kyiv-facing-dangerous-moment-amid-signs-of-russias-tightening-grip\">nicht realistisch<\/a> sei. Der russische Au&szlig;enminister Lawrow <a href=\"https:\/\/www.ft.com\/content\/7b341e46-d375-4817-be67-802b7fa77ef1\">sagte<\/a>, man stehe bei den Verhandlungen &bdquo;kurz vor einer Einigung&ldquo; &uuml;ber &bdquo;ganz konkrete Formulierungen&ldquo;. Ende M&auml;rz <a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/world\/europe\/ukraine-prepared-discuss-neutrality-status-zelenskiy-tells-russian-journalists-2022-03-27\/\">sagte<\/a> der ukrainische Pr&auml;sident Selenskyj, dass er bereit sei, einen Kompromiss f&uuml;r die beiden Donbass-Regionen auszuhandeln, und der Berater des Pr&auml;sidenten, Mychajlo Podoljak, <a href=\"https:\/\/www.pravda.com.ua\/eng\/news\/2022\/03\/29\/7335514\/\">erkl&auml;rte<\/a>, dass es &uuml;ber den Status der Krim Verhandlungen in den n&auml;chsten 15 Jahren geben k&ouml;nne. Russland <a href=\"https:\/\/www.businessinsider.com\/russia-nazi-demand-for-ukraine-dropped-in-ceasefire-talks-2022-3\">r&uuml;ckte<\/a> von drei seiner bisherigen Forderungen ab (Entnazifierung, Demilitarisierung, Anerkennung der russischen Sprache). Ein Treffen der beiden Pr&auml;sidenten h&auml;tte <a href=\"https:\/\/www.aa.com.tr\/en\/russia-ukraine-war\/ukraine-wants-countries-including-turkiye-as-security-guarantors\/2549218\">laut russischer Seite<\/a> stattfinden k&ouml;nnen, wenn ein schriftliches Friedensabkommen fertig ausgehandelt sei. <\/p><p><strong>Der R&uuml;ckzug der russischen Truppen vor Kiew<\/strong><\/p><p>Gleichzeitig wurde vom <a href=\"https:\/\/www.rfi.fr\/en\/international\/20220317-french-foreign-minister-says-russia-is-pretending-to-negotiate-in-ukraine-talks\">franz&ouml;sischen Au&szlig;enminister<\/a> und von <a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/world\/uk\/uk-foreign-secretary-truss-sceptical-peace-talks-over-ukraine-2022-03-16\/\">der britischen Au&szlig;enministerin<\/a> bezweifelt, ob Russland den Friedensprozess ernst meine, da es weiterhin ukrainische St&auml;dte bombardiere. Russland w&uuml;rde die Verhandlungen nur nutzen, um Zeit zu bekommen und seine Truppen umzustrukturieren. Am 29. M&auml;rz <a href=\"https:\/\/tass.com\/defense\/1429019\">verk&uuml;ndete<\/a> der stellvertretende russische Verteidigungsminister, Alexander Fomin, dass Russland sein Milit&auml;r als Zeichen des guten Willens und zur Unterst&uuml;tzung der Friedensverhandlungen aus den Regionen Kiew und Chernigov zur&uuml;ckziehen werde. Im Westen und von der Ukraine wurde dies zun&auml;chst <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/world\/2022\/mar\/29\/ukraine-russia-peace-talks-istanbul-war-kyiv\">bezweifelt<\/a> und dann als Vorwand <a href=\"https:\/\/www.atlanticcouncil.org\/blogs\/ukrainealert\/russia-in-retreat-putin-appears-to-admit-defeat-in-the-battle-for-kyiv\/\">gewertet<\/a>, um eine Niederlage der russischen Streitkr&auml;fte in der Schlacht um Kiew zu kaschieren. <\/p><p>An dieser Stelle ist ein Exkurs zur milit&auml;rischen Situation und zur medialen Berichterstattung dar&uuml;ber sinnvoll: Da Russland in den ersten Tagen keine Informationen zu seiner milit&auml;rischen Strategie ver&ouml;ffentlichte, basierte die mediale Berichterstattung im Wesentlichen auf Informationen von westlichen Experten und ukrainischen Quellen. Diese waren davon ausgegangen, dass Russland nach der Blaupause der letzten westlichen Kriege (Kosovo, Afghanistan, Irak) vorgehen w&uuml;rde: Mit massiven Luftangriffen in den ersten Tagen, denen sp&auml;ter ein Einmarsch von Bodentruppen folgt. Der Goliath Russland h&auml;tte den David Ukraine mit dieser milit&auml;rischen Taktik, so waren sich die westlichen Experten einig, <a href=\"https:\/\/www.foxnews.com\/us\/gen-milley-says-kyiv-could-fall-within-72-hours-if-russia-decides-to-invade-ukraine-sources\">innerhalb von k&uuml;rzester Zeit<\/a> &uuml;berrollt. Allerdings unterschied sich Russlands Strategie von der westlichen Blaupause: Russland setzte nicht auf <a href=\"https:\/\/www.newsweek.com\/putins-bombers-could-devastate-ukraine-hes-holding-back-heres-why-1690494\">massives Bombardement aus der Luft, sondern auf Bodentruppen<\/a>. <\/p><p>Gleichzeitig unterst&uuml;tzte der Fakt, dass Russland auf breiter Front in die Ukraine einmarschierte (und nicht nur im Bereich der aus russischer Sicht zu verteidigenden Volksrepubliken), die westliche Deutung, dass die Hauptstadt Kiew in einem Handstreich nach westlichem Muster eingenommen werden sollte. Kiew wurde von drei Seiten eingekesselt, aber der Vormarsch der russischen Truppen endete dort. Die <a href=\"https:\/\/www.ft.com\/content\/90421972-2f1e-4871-a4c6-0a9e9257e9b0\">westliche Interpretation<\/a> war, dass dies nur ein Versagen der russischen Streitkr&auml;fte sein konnte und auf den erbitterten ukrainischen Widerstand zur&uuml;ckzuf&uuml;hren sei. Die passenden Bilder zu dieser Interpretation lieferte eine <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=baW0m83O99c\">neue ukrainische Verteidigungstaktik<\/a>, die darauf basierte, die russischen Streitkr&auml;fte ins Land zu lassen und dann deren Nachschub- und Versorgungslinien aus Hinterhalten zu attackieren. Auf diese Weise kam es zu massiven Verlusten der russischen Streitkr&auml;fte auf dem Weg nach Kiew. Ob das russische Milit&auml;r tats&auml;chlich Kiew einnehmen wollte, wird von einigen <a href=\"https:\/\/www.herald.co.zw\/ukraine-winning-battle-on-twitter-on-the-ground-kiev-is-losing-fight\/\">Beobachtern<\/a> <a href=\"https:\/\/labourheartlands.com\/jacques-baud-the-military-situation-in-the-ukraine-update\/\">bezweifelt<\/a>: In dieser Sichtweise wurde die ukrainische Hauptstadt lediglich aus taktischen Gr&uuml;nden eingekreist, um auf diese Weise einen gro&szlig;en Teil der ukrainischen Streitkr&auml;fte &ndash; fern des Donbass &ndash; zu binden und durch die direkte Bedrohung Kiews eine bessere Verhandlungsposition zu erreichen. <\/p><p>Doch warum sind diese Punkte wichtig f&uuml;r einen Artikel &uuml;ber den Verlauf der Friedensverhandlungen? Weil das ukrainische Milit&auml;r nach dem russischen R&uuml;ckzug die &bdquo;Schlacht um Kiew&ldquo; symbolisch gewonnen hatte und dies im Westen auch zunehmend so interpretiert wurde. Dies sollte f&uuml;r die weiteren Friedensverhandlungen eine wichtige Rolle spielen. <\/p><p><strong>Das Massaker von Butscha und erste westliche Staatsbesuche<\/strong><\/p><p>Nach dem R&uuml;ckzug des russischen Milit&auml;rs wurde am 2. April das Massaker von Butscha entdeckt. Die russischen Soldaten sollten 16 Zivilisten auf ihrem R&uuml;ckzug <a href=\"https:\/\/www.bbc.co.uk\/news\/world-europe-60967463\">direkt auf der Stra&szlig;e ermordet haben<\/a> (sp&auml;ter wurden noch deutlich mehr <a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/world\/europe\/mayor-ukraines-bucha-says-403-bodies-found-so-far-2022-04-12\/\">Leichen in Massengr&auml;bern entdeckt<\/a>). Die russische Regierung wies dies als <a href=\"https:\/\/tass.com\/world\/1432013\">Inszenierung zur&uuml;ck<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.anti-spiegel.ru\/2022\/ukrainische-medien-am-2-april-fand-in-butscha-eine-saeuberungsaktion-gegen-russlands-komplizen-statt\">russlandnahe Medien erkl&auml;rten<\/a>, dass dies eine S&auml;uberungsaktion von ukrainischen Nationalisten an Kollaborateuren gewesen sei. Dennoch gingen die Friedensverhandlungen zun&auml;chst weiter. Am 6. April legte die ukrainische Seite einen Entwurf f&uuml;r eine Vereinbarung vor, die <a href=\"https:\/\/www.usnews.com\/news\/world\/articles\/2022-04-07\/russia-says-ukraine-presented-unacceptable-draft-peace-deal\">laut russischer Seite<\/a> jedoch Punkte enthielt, die vorher nicht vereinbart gewesen seien. <\/p><p>Der R&uuml;ckzug der Russen aus den Kiewer Vororten erlaubte es auch, dass westliche Politikerinnen und Politiker erstmals sicher nach Kiew reisen konnten. Zun&auml;chst reiste die Pr&auml;sidentin der Europ&auml;ischen Kommission, Ursula von der Leyen, am 8. April nach Kiew und <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/kiew-reise-von-der-leyen-103.html\">deutete an<\/a>, dass die Ukraine schnell in die EU aufgenommen werden k&ouml;nnte. Am 9. April reiste der &ouml;sterreichische Bundeskanzler, Karl Nehammer, nach Kiew und <a href=\"https:\/\/www.derstandard.de\/story\/2000134812939\/nehammer-in-kiew-solange-ukrainische-menschen-sterben-ist-keine-sanktion\">sicherte zu<\/a>, dass die Sanktionen gegen Russland so lange in Kraft bleiben werden, wie der Krieg andauert. Danach reiste er am 10. April weiter nach Moskau und sprach direkt mit dem russischen Pr&auml;sidenten. Die Reise war mit <a href=\"https:\/\/www.derstandard.de\/story\/2000134838127\/deutsche-regierung-begruesst-reise-nehammers-nach-moskau\">Deutschland und der EU<\/a> abgesprochen. Nehammer <a href=\"https:\/\/www.derstandard.de\/story\/2000134856635\/nehammer-bleibt-nach-hartem-gespraech-mit-putin-ohne-optimistischen-eindruck\">sagte<\/a>, er habe &bdquo;keinen optimistischen Eindruck&ldquo; gewonnen und Putin sei in einer &bdquo;Kriegslogik&ldquo; gefangen. Dennoch sei es wichtig, im Gespr&auml;ch zu bleiben. Ebenfalls am 9. April reiste Boris Johnson nach Kiew &ndash; es war ein <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/politics\/2022\/apr\/09\/boris-johnson-meets-volodymyr-zelenskiy-in-unannounced-visit-to-kyiv\">&Uuml;berraschungsbesuch<\/a>. Am Tag zuvor hatte er in London neue milit&auml;rische Unterst&uuml;tzung in H&ouml;he von 100 Millionen Pfund f&uuml;r die Ukraine <a href=\"https:\/\/www.gov.uk\/government\/news\/uk-to-bolster-defensive-aid-to-ukraine-with-new-100m-package\">angek&uuml;ndigt<\/a>. <\/p><p>Doch wie war der Stand der Friedensverhandlungen? Die Verhandlungsdelegationen hatten sich am 29. M&auml;rz zum letzten Mal pers&ouml;nlich getroffen. In einem Interview am 10. April <a href=\"https:\/\/apnews.com\/article\/russia-ukraine-zelenskyy-kyiv-boris-johnson-business-24cd8742435251d9dd46bcc29302bd13\">erkl&auml;rte der ukrainische Pr&auml;sident Selenskyj<\/a>, dass er nicht die Chance auf eine friedliche L&ouml;sung verlieren wolle. Am 12. April sagte der russische Pr&auml;sident Putin, dass die <a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/world\/europe\/putin-flies-into-russian-far-east-ukraine-talks-with-belarusian-leader-2022-04-12\/\">Friedensverhandlungen in einer Sackgasse seien<\/a>, da die Ukraine falsche Behauptungen &uuml;ber russische Kriegsverbrechen aufstelle und <a href=\"http:\/\/en.kremlin.ru\/events\/president\/news\/68182\">zudem wolle<\/a>, dass die Sicherheitsgarantien als eigenst&auml;ndiges Thema behandelt werden &ndash; unabh&auml;ngig von den zuk&uuml;nftigen Regelungen zum Status der Krim und des Donbass. Am 16. April <a href=\"https:\/\/www.anews.com.tr\/world\/2022\/04\/16\/zelensky-peace-document-may-consist-of-2-separate-treaties\">erkl&auml;rte<\/a> Selenskyj, dass es zwei Friedensdokumente geben solle: Eine Sicherheitsvereinbarung zwischen der Ukraine und den m&ouml;glichen Garantiestaaten (USA, Gro&szlig;britannien, T&uuml;rkei und Italien) und einen Friedensvertrag mit Russland. Russland wolle alles in einem einzigen Friedensvertrag, dies sei aber nach Butscha, so Selenskyj, nicht mehr m&ouml;glich. Nach diesen &Auml;u&szlig;erungen waren die Friedensverhandlungen weitestgehend beendet. Es gab allerdings noch Kontakte zwischen den Delegationen im Onlineformat. Der letzte telefonische Kontakt zwischen den Leitern der beiden Delegationen fand <a href=\"https:\/\/www.pravda.com.ua\/eng\/articles\/2022\/07\/28\/7360566\/\">Anfang Mai statt<\/a> und die ukrainische Seite hatte erkl&auml;rt, dass man noch auf die Garantiezusagen der westlichen Staaten warte. Offiziell beendet wurden die Verhandlungen am 17. Mai, als der Berater des ukrainischen Pr&auml;sidenten, Mychajlo Podoljak, <a href=\"https:\/\/interfax.com\/newsroom\/top-stories\/79214\/\">erkl&auml;rte<\/a>, dass die Verhandlungen nun ausgesetzt seien, da es keine Fortschritte mehr gebe. Dies <a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/world\/europe\/russia-says-talks-with-ukraine-are-not-going-in-any-form-ifax-2022-05-17\/\">best&auml;tigte die russische Seite<\/a> einen Tag sp&auml;ter. <\/p><p><strong>Der Einfluss Boris Johnsons<\/strong><\/p><p>Die Friedensverhandlungen zwischen beiden Parteien endeten somit h&ouml;chstwahrscheinlich zwischen 10. und 16. April. Was war geschehen? Anfang Mai ver&ouml;ffentlichte die ukrainische Zeitung <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ukrajinska_Prawda\">Ukrajinska Prawda<\/a> einen ausf&uuml;hrlichen Hintergrundbericht zum Scheitern der Verhandlungen. Der Bericht tr&auml;gt den Titel <a href=\"https:\/\/www.pravda.com.ua\/eng\/articles\/2022\/05\/5\/7344096\/\">&bdquo;From Zelenskyy&rsquo;s &ldquo;surrender&rdquo; to Putin&rsquo;s surrender&ldquo;<\/a> und beschreibt, wie sich das Bild des Krieges im Westen durch die russische Kriegsf&uuml;hrung ge&auml;ndert hat: Da man von einem schnellen Sieg Russlands ausging, empfahlen die westlichen Staaten dem ukrainischen Pr&auml;sidenten auf der Sicherheitskonferenz in M&uuml;nchen, nicht in die Ukraine zur&uuml;ckzukehren, sondern ins politische Exil zu gehen. Diese Einsch&auml;tzung &auml;nderte sich, als die russischen Streitkr&auml;fte Kiew nicht eroberten. <\/p><p>Teilnehmer des ukrainischen Verhandlungsteams erkl&auml;rten der Zeitung, dass es zwei Gr&uuml;nde f&uuml;r den Abbruch der Friedensverhandlungen gegeben habe: Die bekannt gewordenen Kriegsverbrechen der russischen Armee und den &Uuml;berraschungsbesuch von Boris Johnson. Johnsons Botschaft sei gewesen: Zum einen, dass man nicht mit Kriegsverbrechern verhandle, und zum anderen, dass selbst wenn die Ukraine bereit sei, mit Putin Garantien zu vereinbaren, sie seien es nicht. Er sagte, er k&ouml;nne ein Abkommen mit der Ukraine unterzeichnen, aber nicht mit Putin. Der kollektive Westen habe erkannt, dass Putin nicht so m&auml;chtig sei, wie man es sich vorgestellt hatte, und dass es nun die Chance gebe, Druck auf Putin auszu&uuml;ben. <\/p><p>Es gibt allerdings nur diesen einen Artikel, der auf die Rolle hinweist, die Boris Johnson f&uuml;r das Ende der Friedensverhandlungen gespielt haben k&ouml;nnte. Daher sollte man dies auch mit Vorsicht interpretieren. Nachdem in der britischen Linken im Oktober <a href=\"https:\/\/novaramedia.com\/2022\/10\/07\/liz-truss-doesnt-care-about-stopping-the-war-in-ukraine\/?\">ein Beitrag zur Rolle Johnsons bei den Friedensverhandlungen erschienen war<\/a>, der sich auf genau diesen ukrainischen Artikel berief, verfassten zwei Forscher <a href=\"https:\/\/novaramedia.com\/2022\/10\/17\/no-the-west-didnt-halt-ukraines-peace-talks-with-russia\/\">einen Gegenbeitrag<\/a>, der diese Rolle widerlegen und zeigen sollte, dass man mit Russland nicht verhandeln k&ouml;nne. Daf&uuml;r befragten Sie auch den Autor des Artikels, Roman Romaniuk, ob er die Interpretation unterst&uuml;tze, dass Johnson die Friedensverhandlungen beendet habe. Seine Antwort: Es sei nicht die Intention Johnsons gewesen, die Aufk&uuml;ndigung des Friedensabkommens &bdquo;anzuordnen&ldquo; &ndash; bestenfalls sei dies ein Ratschlag gewesen, da man Russland nicht trauen k&ouml;nne. <\/p><p>In der &Ouml;ffentlichkeit erkl&auml;rte Boris Johnson seine Position zu Friedensverhandlungen mehrfach in &auml;hnlicher Weise &ndash; wenn auch nicht so eindeutig: Direkt w&auml;hrend seines Besuchs in Kiew <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/world\/2022\/apr\/09\/boris-johnson-pledges-to-send-more-arms-during-surprise-visit-to-kyiv\">sagte er<\/a>, dass Gro&szlig;britannien die Ukraine auch &bdquo;langfristig&ldquo; unterst&uuml;tzen wolle (Zitat: &bdquo;we are in it for the long run&ldquo;). Am <a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/world\/europe\/negotiating-with-putin-like-dealing-with-crocodile-uk-pm-johnson-says-2022-04-20\/\">20. April verglich<\/a> er Putin mit einem Krokodil, mit dem man nicht verhandeln k&ouml;nne, wenn es einem gerade ins Bein bei&szlig;e. Er <a href=\"https:\/\/www.gov.uk\/government\/news\/pm-call-with-president-macron-6-may-2022\">sprach sich in einem Gespr&auml;ch mit Emmanuel Macron am 06. Mai<\/a> nachdr&uuml;cklich gegen Verhandlungen mit Russland aus, falls diese das falsche Narrativ des Kremls &uuml;ber die Invasion st&uuml;tzten. Gleichzeitig betonte er aber, dass dies eine Entscheidung der ukrainischen Regierung sei. Auch die russische Regierung sanktionierte in indirekter Form die m&ouml;gliche Rolle Johnsons bei den Verhandlungen: Am 16. April verh&auml;ngte sie ein <a href=\"https:\/\/www.bbc.com\/news\/world-europe-61126391\">Einreiseverbot<\/a> f&uuml;r Boris Johnson und mehrere Mitglieder seiner Regierung. <\/p><p>Zum Zeitpunkt seines &uuml;berraschenden Ukraine-Besuchs stand Boris Johnson unter gro&szlig;em Druck in Gro&szlig;britannien: Der Krieg in der Ukraine hatte innerparteiliche Kritik an Johnson im Zuge der Partygate-Aff&auml;re zun&auml;chst <a href=\"https:\/\/www.bloomberg.com\/news\/articles\/2022-03-18\/ukraine-invasion-hands-u-k-s-johnson-a-lifeline-after-partygate\">zum Verstummen gebracht<\/a>. Am 29. M&auml;rz hatte die Polizei allerdings <a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/world\/uk\/uk-police-issue-first-20-fines-over-lockdown-gatherings-downing-street-2022-03-29\/\">Bu&szlig;gelder gegen 20 Personen angek&uuml;ndigt<\/a>, die in den Jahren 2020 und 2021 auf Partys im britischen Regierungssitz gegen die geltenden Lockdown-Regeln versto&szlig;en hatten. Am 12. April <a href=\"https:\/\/apnews.com\/article\/boris-johnson-covid-lockdown-party-fine-6737373cb894d371fb86cae48adb0b66\">erkl&auml;rte Johnson<\/a> &ouml;ffentlich, dass er ein solches Bu&szlig;geld habe zahlen m&uuml;ssen und sah sich daraufhin mit mehreren R&uuml;cktrittsforderungen und dem Ruf nach einem Misstrauensvotum konfrontiert. Dass Johnson und seine Au&szlig;enministerin Liz Truss den Ukrainekonflikt zur innerparteilichen Profilierung genutzt haben, wurde auch <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/commentisfree\/2022\/apr\/28\/liz-truss-ukraine-war-russia-conservative-power\">in britischen Medien kritisiert<\/a>. <\/p><p>Der Besuch Boris Johnsons und seine Botschaft der langfristigen Unterst&uuml;tzung war das Signal, auf das die ukrainische Regierung gewartet hatte. Seit Kriegsbeginn hatte sie auf eine st&auml;rkere finanzielle und milit&auml;rische Unterst&uuml;tzung des Westens gedr&auml;ngt. Hinzu kam, dass Friedensverhandlungen oder gar ein Friedensvertrag mit Russland der ukrainischen Bev&ouml;lkerung &ndash; in Anbetracht der bekannt gewordenen russischen Kriegsverbrechen &ndash; zunehmend schwerer zu vermitteln waren. Auch wenn die russische Seite die eigene Verantwortlichkeit abstritt, so wurden in der ukrainischen Bev&ouml;lkerung die Kriegsverbrechen doch <a href=\"https:\/\/kiis.com.ua\/?lang=eng&amp;cat=reports&amp;id=1113&amp;page=1&amp;t=13\">ohne Zweifel den russischen Truppen zugeschrieben<\/a>. In einer <a href=\"https:\/\/www.kiis.com.ua\/?lang=eng&amp;cat=news&amp;id=1120&amp;page=1\">Umfrage<\/a>, die nach dem endg&uuml;ltigen Abbruch der Friedensverhandlungen Mitte Mai durchgef&uuml;hrt wurde, sprachen sich nur 15 Prozent der ukrainischen Bev&ouml;lkerung f&uuml;r einen sofortigen Waffenstillstand und die Aufnahme von Friedensverhandlungen aus, w&auml;hrend 61 Prozent wollten, dass die gesamte Ukraine einschlie&szlig;lich der Krim zur&uuml;ckerobert werde. In dieser innenpolitischen Situation musste das Angebot Johnsons auf fruchtbaren Boden fallen und eine Fortsetzung der Friedensverhandlungen nur noch wenig plausibel erscheinen. <\/p><p>Ob Johnsons Position mit den anderen westlichen L&auml;ndern abgestimmt war, ist unklar. Mit den Europ&auml;ern war sie mit Sicherheit nicht abgesprochen &ndash; hatten diese doch zur gleichen Zeit den &ouml;sterreichischen Bundeskanzler Nehammer in diplomatischer Mission nach Kiew und Moskau geschickt. Die Absprache mit den USA geschah m&ouml;glicherweise auch erst im Nachhinein: Am 12. April <a href=\"https:\/\/www.gov.uk\/government\/news\/pm-call-with-president-biden-12-april-2022\">telefonierte Johnson mit US-Pr&auml;sident Joe Biden<\/a> und informierte ihn &uuml;ber seinen Besuch in der Ukraine. Am selben Tag <a href=\"https:\/\/apnews.com\/article\/russia-ukraine-putin-zelenskyy-biden-genocides-c933e9effd7bb2e30d42be11e0384fcd\">nannte<\/a> US-Pr&auml;sident Biden die russischen Kriegsverbrechen in der Ukraine einen &bdquo;Genozid&ldquo; &ndash; im Gegensatz zu einem <a href=\"https:\/\/apnews.com\/article\/russia-ukraine-war-crimes-biden-putin-84767d1c3c35a7a36f2f70ceaccc3fa0\">Statement eine Woche zuvor<\/a>. Am 13. April <a href=\"https:\/\/edition.cnn.com\/2022\/04\/13\/politics\/ukraine-security-assistance-biden\/index.html\">telefonierte<\/a> der amerikanische Pr&auml;sident Biden mit dem ukrainischen Pr&auml;sidenten Selenskyj und sicherte milit&auml;rische Unterst&uuml;tzung in H&ouml;he von 800 Millionen US-Dollar zu. Am 25. April reisten der amerikanische Au&szlig;enminister Anthony Blinken und der Verteidigungsminister Lloyd Austin in die Ukraine. Austin <a href=\"https:\/\/edition.cnn.com\/2022\/04\/25\/politics\/blinken-austin-kyiv-ukraine-zelensky-meeting\/index.html\">erkl&auml;rte<\/a>, dass die Ukraine den Krieg mit der richtigen Ausr&uuml;stung und der richtigen Unterst&uuml;tzung gewinnen k&ouml;nne. Diese Aussagen waren eine deutliche Abkehr von der <a href=\"https:\/\/nypost.com\/2022\/03\/22\/does-joe-biden-think-ukraine-can-win-war-with-russia\/\">bisherigen Argumentation<\/a>, dass die Ukraine die Mittel haben m&uuml;sse, sich zu verteidigen, und dass Russland seine Ziele nicht erreichen d&uuml;rfe. Ziel sei es, so Austin weiter, Russland so zu schw&auml;chen, dass es keinen weiteren solchen Krieg f&uuml;hren k&ouml;nne. Die Aussage, dass die Ukraine den Krieg gewinnen k&ouml;nne, wurde sp&auml;ter von Joe Biden <a href=\"https:\/\/www.nbcnews.com\/politics\/national-security\/secretaries-defense-state-said-publicly-us-wanted-ukraine-win-biden-sa-rcna33826\">kritisiert<\/a>. Die Position der USA sei es, dass die Ukraine alleine entscheiden solle, wie sie sich verteidigt und wann sie Verhandlungen aufnimmt. <\/p><p><strong>Die italienische Friedensinitiative<\/strong><\/p><p>Eine weitere Friedensinitiative kam im Mai aus Italien. Bereits am 30. M&auml;rz hatte der italienische Ministerpr&auml;sident Mario Draghi mit Putin &uuml;ber die Notwendigkeit eines Waffenstillstands und &uuml;ber die Bezahlung der Gas-Importe <a href=\"https:\/\/www.ansa.it\/english\/newswire\/english_service\/2022\/03\/30\/ansa\/ukraine-draghi-tells-putin-to-call-ceasefire-asap_887bbacb-c3c4-4c5c-b16b-8d81400980c2.html\">gesprochen<\/a>. Sp&auml;ter erkl&auml;rte Draghi zu diesem Telefonat, dass Gespr&auml;che mit Putin <a href=\"https:\/\/www.businessinsider.com\/talking-to-putin-waste-time-says-italian-pm-mario-draghi-2022-4\">&bdquo;Zeitverschwendung&ldquo;<\/a> seien und Putin nicht offen f&uuml;r Gespr&auml;che sei, sondern nur geantwortet habe, dass <a href=\"https:\/\/www.agenzianova.com\/en\/news\/draghi-quando-ho-parlato-di-pace-e-dialogo-con-putin-lui-mi-ha-risposto-che-non-e-ancora-il-momento\/\">&bdquo;gerade nicht die Zeit sei&ldquo;<\/a>. In der <a href=\"https:\/\/www.swp-berlin.org\/10.18449\/2022A66\/\">Analyse der Stiftung Wissenschaft und Politik<\/a> &uuml;ber das Ende der Friedensverhandlungen wird dieses Telefonat angef&uuml;hrt, um zu best&auml;tigen, dass die russische Seite gar nicht verhandeln wollte. Hier muss allerdings angemerkt werden, dass dieses Telefonat auf dem H&ouml;hepunkt der Verhandlungen der beiden Delegationen stattfand. Draghi hatte zu diesem Zeitpunkt einen sofortigen Waffenstillstand sowie Verhandlungen zwischen den beiden Pr&auml;sidenten gefordert. Der russische Pr&auml;sident hatte <a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/world\/europe\/putin-said-timing-premature-ukraine-ceasefire-draghi-2022-03-31\/\">geantwortet<\/a>, dass daf&uuml;r die Bedingungen noch nicht gekommen seien. <\/p><p>Am 10. Mai reiste Draghi in die USA und <a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/world\/us-russia-need-talk-seek-way-out-ukraine-conflict-draghi-2022-05-11\/\">betonte<\/a> im Gespr&auml;ch mit Pr&auml;sident Joe Biden, dass die USA und die EU mit Russland und der Ukraine zusammenarbeiten m&uuml;ssten, um den Konflikt zu beenden und ein Friedensabkommen zu schlie&szlig;en. Eine direkte Reaktion von Pr&auml;sident Biden <a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/world\/us-russia-need-talk-seek-way-out-ukraine-conflict-draghi-2022-05-11\/\">erhielt er allerdings nicht<\/a>. Am 18. Mai pr&auml;sentierte der italienische Au&szlig;enminister Luigi di Maio dann bei <a href=\"https:\/\/www.onuitalia.com\/2022\/05\/18\/di-maio-meets-guterres-at-un-headquarters-offers-peace-plan-for-ukraine\/\">einem Treffen mit UN-Generalsekret&auml;r Antonio Guterres<\/a> einen Vier-Punkte-Friedensplan. Der Plan <a href=\"https:\/\/www.wsj.com\/livecoverage\/russia-ukraine-latest-news-2022-05-20\/card\/italy-circulates-4-point-peace-plan-h2o9EfwULf6P1mwDbjdn\">sah vor<\/a>, dass es zun&auml;chst einen Waffenstillstand geben solle und dann &uuml;ber die Neutralit&auml;t der Ukraine und Sicherheitsgarantien anderer Staaten verhandelt werden solle. In einem dritten Schritt werde ein bilaterales Abkommen &uuml;ber den Status der Krim und des Donbass geschlossen. Der vierte Schritt sah schlie&szlig;lich ein zwischenstaatliches Friedensabkommen zwischen der EU und Russland vor. <\/p><p>Der russische Au&szlig;enminister Sergej Lawrow <a href=\"https:\/\/english.alarabiya.net\/News\/world\/2022\/05\/26\/Moscow-pours-cold-water-on-Italian-peace-plan-for-Ukraine\">erkl&auml;rte dazu<\/a>, dass Russland den Plan anfangs nur aus den Medien kannte. Da der Plan vorsehe, dass die Krim und der Donbass Teile der Ukraine sein sollten und von der Ukraine weitgehende Autonomie erhalten sollten, k&ouml;nne dies kein Vorschlag eines seri&ouml;sen Politikers sein. Eine offizielle Reaktion der Ukraine gab es nicht, allerdings <a href=\"https:\/\/www.aljazeera.com\/news\/2022\/5\/26\/never-going-to-happen-ukraine-blasts-trading-land-for-peace\">kritisierte<\/a> ein hochrangiger Berater von Pr&auml;sident Zelensky diejenigen in Europa scharf, die die Ukrainer dazu dr&auml;ngen, den Russen etwas zu geben, um den Krieg zu beenden. Da beide Seiten den Plan ablehnten, erw&auml;hnte der italienische Ministerpr&auml;sident den Vier-Punkte-Plan in seinem <a href=\"https:\/\/www.euronews.com\/my-europe\/2022\/05\/27\/draghi-s-phone-call-with-putin-shows-italy-s-effort-to-encourage-dialogue-and-avoid-crisis\">Telefongespr&auml;ch mit dem russischen Pr&auml;sidenten am 26. Mai<\/a> schon gar nicht mehr, sondern sprach nur &uuml;ber den Versuch, die in den Schwarzmeerh&auml;fen blockierten Getreideexporte freizugeben. In Italien wurde im Nachhinein auch <a href=\"https:\/\/www.iai.it\/en\/pubblicazioni\/not-yet-time-diplomacy-lessons-italys-ill-conceived-peace-plan-ukraine\">vermutet<\/a>, dass der Friedensplan eher eine Botschaft an die konservative und waffenlieferungsskeptische W&auml;hlerschaft von Di Maios F&uuml;nf-Sterne-Partei gewesen sei und gar nicht die volle Unterst&uuml;tzung Draghis hatte. <\/p><p><strong>Die Positionen nach dem Ende der Friedensverhandlungen<\/strong><\/p><p>Nachdem zu Beginn des Krieges beide Seiten in der &Ouml;ffentlichkeit ihre Positionen abgemildert hatten, verh&auml;rteten sich die Positionen nun zunehmend. Dies traf besonders auf die Position der ukrainischen Seite zu: Am 19. Mai <a href=\"https:\/\/english.nv.ua\/nation\/ukraine-won-t-accept-ceasefire-until-complete-withdrawal-of-russian-troops-ukraine-invasion-50243526.html\">sagte der Berater des Pr&auml;sidenten<\/a>, dass es keinen Waffenstillstand geben werde, bevor sich nicht die russischen Truppen komplett zur&uuml;ckgezogen h&auml;tten. Am 21. Mai <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/world\/2022\/may\/22\/ukraine-russia-ceasefire-deal-territory-donbas\">erkl&auml;rte er<\/a>, dass die Ukraine keinem Friedensvertrag zustimmen werde, in dem ein Gebietsverlust der Ukraine festgeschrieben werde. Am 25. Mai erkl&auml;rte der ukrainische Pr&auml;sident <a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/world\/europe\/ukraines-zelenskiy-says-will-only-talk-directly-russias-putin-2022-05-25\/\">Selenskyj auf dem Weltwirtschaftsforum<\/a>, dass die Ukraine solange k&auml;mpfen werde, bis sie ihr komplettes Territorium zur&uuml;ckerobert habe. Er erkl&auml;rte zudem, dass er nur direkt und ohne Vermittler mit dem russischen Pr&auml;sidenten verhandeln werde. <\/p><p>Der <a href=\"http:\/\/en.kremlin.ru\/events\/president\/news\/68287\">russische Pr&auml;sident Putin hatte hingegen betont<\/a>, dass es unrealistisch sei, strittige Fragen in einem Gespr&auml;ch der Pr&auml;sidenten l&ouml;sen zu wollen, wenn diese nicht vorher auf einer Verhandlungsebene gekl&auml;rt worden seien. Er <a href=\"http:\/\/en.kremlin.ru\/events\/president\/news\/68523\">erkl&auml;rte<\/a> zudem, dass Russland an einer Wiederaufnahme der Friedensgespr&auml;che interessiert sei, die ukrainische Seite dies aber verz&ouml;gere. Der <a href=\"https:\/\/www.pravda.com.ua\/eng\/news\/2022\/06\/16\/7352935\/\">russische Au&szlig;enminister Lawrow erkl&auml;rte im Juni<\/a>, dass die ukrainische Verhandlungsposition von Ende M&auml;rz eine gute Arbeitsgrundlage f&uuml;r weitere Verhandlungen zwischen beiden L&auml;ndern sein k&ouml;nne. Er <a href=\"https:\/\/t.me\/tass_agency\/141912\">sagte aber auch<\/a>, dass die von Moskau befreiten Gebiete selbst entscheiden sollten, wie sie weiterleben wollen, und dass das Schicksal der von Kiew gehaltenen Gebiete &bdquo;schwer vorherzusagen&ldquo; sei. Insofern war die Position Russlands doppeldeutig. <\/p><p>In den westlichen Medien wurden solche ambivalenten Aussagen hervorgehoben und zugleich die milit&auml;rischen Handlungen Russlands in der Ost-Ukraine so <a href=\"https:\/\/www.ft.com\/content\/a16c4ecd-e835-4e71-a12d-c7bec9f34d7c\">interpretiert<\/a>, dass Russland Fakten schaffen wolle, indem es m&ouml;glichst viel Land okkupiert und in sein Staatsgebiet integriert. Um dies zu verhindern, so die grunds&auml;tzliche Position des Westens nach dem Ende der Friedensverhandlungen, sollte die Ukraine bei der Zur&uuml;ckeroberung ihres Territoriums mit Waffenlieferungen unterst&uuml;tzt werden. Die Ukraine solle zudem selbst entscheiden, wann sie zu welchen Bedingungen Friedensverhandlungen mit Russland aufnimmt. <\/p><p>Die ersten Friedensverhandlungen scheiterten aus verschiedenen Gr&uuml;nden: Ende M&auml;rz waren die Friedensverhandlungen soweit, dass ein Treffen der beiden Pr&auml;sidenten in naher Zukunft m&ouml;glich gewesen w&auml;re. Dann allerdings zog sich die russische Armee aus dem Gebiet um Kiew zur&uuml;ck &ndash; entweder als Zeichen des guten Willens (russische Sicht) oder weil sie die Positionen nicht halten konnte (ukrainische Sicht). Dieser R&uuml;ckzug widersprach den urspr&uuml;nglichen westlichen Erwartungen eines schnellen russischen Sieges und bef&ouml;rderte im Westen und in der Ukraine die Vorstellung, dass die Ukraine den Krieg mit ausreichender Unterst&uuml;tzung gewinnen k&ouml;nne. In einem Blitzbesuch Anfang April verdeutlichte der britische Premierminister Boris Johnson diesen Wandel der ukrainischen Regierung und erkl&auml;rte, dass der Westen die Ukraine auch langfristig milit&auml;risch und finanziell unterst&uuml;tzen werde. Auf dieses Signal des Westens hatte die ukrainische Regierung schon seit Beginn des Krieges gewartet. Die Friedensverhandlungen mit Russland waren der ukrainischen Bev&ouml;lkerung auch zunehmend schwerer zu vermitteln &ndash; insbesondere in Anbetracht der berichteten russischen Kriegsverbrechen. Daher zog sich die ukrainische Regierung aus den Friedensverhandlungen mit Russland immer mehr zur&uuml;ck. 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