{"id":9165,"date":"2011-04-21T09:37:54","date_gmt":"2011-04-21T07:37:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9165"},"modified":"2014-08-26T11:07:51","modified_gmt":"2014-08-26T09:07:51","slug":"deutschland-lebt-von-der-substanz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9165","title":{"rendered":"Deutschland lebt von der Substanz"},"content":{"rendered":"<p>Europas weitaus gr&ouml;&szlig;te Wirtschaftsmacht, die durchsetzen m&ouml;chte, dass alle Mitgliedstaaten der Europ&auml;ischen Union dem deutschen Beispiel folgen und &uuml;ber Lohnsenkungen und Sozialabbau wieder wettbewerbsf&auml;hig werden, verspielt auf einem der wichtigsten Felder, n&auml;mlich der Bildung und Qualifizierung der nachr&uuml;ckenden Generation seine Zukunftsf&auml;higkeit. Das belegt nicht nur der neue Bildungsbericht der EU-Kommission, das beweist auch das Scheitern der gro&szlig; angek&uuml;ndigten &bdquo;Qualifizierungsinitiative f&uuml;r Deutschland&ldquo;. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\nDeutschlands oberstes Ziel ist seit Jahren der Erhalt seiner Wettbewerbsf&auml;higkeit, darauf zielt die gesamte Wirtschafts- und Sozial(abbau)politikpolitik ab. Exporte und Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse tragen auch den L&ouml;wenanteil beim wirtschaftlichen Wachstum. Deutschland ist Export-Vize-Weltmeister und &uuml;ber 60 Prozent der deutschen Gesamtexporte gehen in EU-L&auml;nder.<br>\nDeutschland hat aber die europ&auml;ischen Partnerl&auml;nder vor allem dadurch niederkonkurriert, dass es auf Lohn- und Steuerdumping setzte. <\/p><p><a href=\"upload\/bilder\/lohnstueckkosten_in_der_ewu.gif\"><img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/lohnstueckkosten_in_der_ewu_th.gif\" alt=\"Grafik: Lohnst&uuml;ckkosten in der EWU\" title=\"Grafik: Lohnst&uuml;ckkosten in der EWU\"><\/a><\/p><p>Quelle: <a href=\"upload\/pdf\/110207_HF+FS_Euroland_in_der_Krise.pdf\">Flassbeck [PDF &ndash; 82 KB]<\/a><\/p><p>Deutschland lebt jedoch von der Substanz, durch Ausbeutung seiner Arbeitskr&auml;fte (Lohnstagnation, Ausdehnung des Niedriglohnsektors, prek&auml;re Arbeitsverh&auml;ltnisse) und dem Abbau von Arbeitsrechtsstandards sowie der Zerst&ouml;rung der sozialen Sicherungssysteme. Bei einem der wichtigsten &bdquo;Produktionsfaktoren&ldquo; f&uuml;r die Zukunft allerdings, der Bildung von sog. &bdquo;Humankapital&ldquo;, hinkt unser Land, das sich doch so gerne als Vorbild anbieten will, gegen&uuml;ber vielen seiner europ&auml;ischen Partnern in den meisten Vergleichsparametern hinterher. Da scheint man wohl &ndash; wie die Debatte um den Facharbeitermangel zeigt &ndash; auf die Strategie zu setzen, qualifiziertes Personal zu importieren, um das Leistungsbilanzdefizit bei Bildung und Qualifikation ausgleichen zu k&ouml;nnen.<\/p><p>Die Vernachl&auml;ssigung von Bildung und Qualifikation bescheinigt uns seit Jahren die OECD mit ihren Berichten <a href=\"http:\/\/www.oecd.org\/document\/8\/0,3343,de_34968570_34968855_39283656_1_1_1_1,00.html\">&bdquo;Bildung auf einen Blick&ldquo;<\/a> und dieses Zeugnis stellt uns ganz aktuell auch wieder einmal die Europ&auml;ische Kommission in ihrem <a href=\"http:\/\/europa.eu\/rapid\/pressReleasesAction.do?reference=IP\/11\/488&amp;format=HTML&amp;aged=0&amp;language=DE&amp;guiLanguage=fr\">Bildungsbericht<\/a> aus: Danach verfehlte Deutschland vier der f&uuml;nf Bildungsziele, die sich die Mitgliedstaaten der EU f&uuml;r 2010 gesetzt hatten. Noch mehr: Deutschland landet im Vergleich mit den 27 EU-Staaten nur abgeschlagen auf den Pl&auml;tzen. <\/p><p>Bei der Teilnahme an der Vorschulbildung landet Deutschland auf Platz 8, bei den leistungsschwachen Sch&uuml;lern auf Platz 7, bei der Lesekompetenz auf Platz 12, bei der Schulabbrecherquote ebenfalls auf Platz 12, bei dem Prozentsatz eines Altersjahrgangs mit einem Abschluss der Sekundarstufe II gar auf Platz 23, bei den Hochschulabsolventen in den mathematisch-naturwissenschaftlichen F&auml;chern auf Platz 10, beim Anteil der Bev&ouml;lkerung, der am lebenslangen Lernen teilnimmt (Weiterbildung) auf Platz 11.<br>\nBeim Anteil der 30 &ndash; 34-j&auml;hrigen mit Hochschulabschluss mit 29,4% sogar deutlich unter dem EU-27 Durchschnitt von 32,3 und dramatisch hinter Frankreich mit 43,3 oder <a href=\"http:\/\/europa.eu\/rapid\/pressReleasesAction.do?reference=IP\/11\/488&amp;format=HTML&amp;aged=0&amp;language=DE&amp;guiLanguage=fr\">D&auml;nemark mit 48,1 %<\/a>.<\/p><p>Nun mag man den <a href=\"http:\/\/ec.europa.eu\/education\/lifelong-learning-policy\/doc28_de.htm\">&bdquo;Strategischen Rahmen&ldquo;<\/a> der EU-Kommission f&uuml;r die allgemeine und berufliche Bildung als ausschlie&szlig;lich &ouml;konomistisch kritisieren. Man mag auch die <a href=\"http:\/\/ec.europa.eu\/education\/lifelong-learning-policy\/doc\/benchmarks10_en.pdf\">&bdquo;Benchmarks&ldquo; [PDF &ndash; 1.7 MB]<\/a> (also die Vergleichsma&szlig;st&auml;be) als ein zweifelhaftes Instrument zur Messung der wirklichen Qualifikation der nachwachsenden Generation bestreiten und schlie&szlig;lich mag man auch Zweifel an den statistischen Angaben insgesamt haben: Aber ein deutliches Indiz, dass Deutschland im Bildungsbereich, gemessen an seiner derzeitigen &ouml;konomischen Spitzenposition, einen erheblichen Nachholbedarf hat, um auch bei der Qualifikation seiner k&uuml;nftigen Arbeitskr&auml;fte &bdquo;wettbewerbsf&auml;hig&ldquo; zu sein, ist dieser EU-Bildungsbericht allemal. <\/p><p>(Auff&auml;llig ist, dass die EU beim Anteil der Schulabbrecher mit 11,1 Prozent einen deutlich h&ouml;heren Wert annimmt, als die Bundesregierung in ihren Statistiken ausweist. Wobei einger&auml;umt werden muss, dass die Regierung bei uns selbst innerhalb weniger Wochen voneinander abweichende Zahlen nennt. Einmal wird der Anteil der Schulabg&auml;nger ohne Hauptschulabschluss mit  <a href=\"http:\/\/dipbt.bundestag.de\/dip21\/btd\/17\/053\/1705306.pdf\">7,0% [PDF &ndash; 325 KB]<\/a> (S.3) und wenige Wochen sp&auml;ter mit nur noch <a href=\"http:\/\/dipbt.bundestag.de\/dip21\/btd\/17\/053\/1705344.pdf\">6,5% [PDF &ndash; 305 KB]<\/a> (S.18).) <\/p><p>Aber nicht nur innerhalb der EU erreicht Deutschland die allermeisten politisch gesetzten Bildungsziele nicht, auch von den von Bund und L&auml;ndern f&uuml;r unser Land gro&szlig; angek&uuml;ndigten Zielen ist man noch weit entfernt. So haben sich Bund und L&auml;nder in der &bdquo;Qualifizierungsinitiative f&uuml;r Deutschland&ldquo; im Jahr 2008 das Ziel gesetzt, bis 2015 die Zahl der Schulabg&auml;nger ohne Abschluss auf 4 Prozent und der jungen Erwachsenen ohne Berufsabschluss auf 8,5 Prozent zu senken.<\/p><p>Weit entfernt sind wir von dem Ziel, mehr jungen Erwachsenen zu einem Berufsabschluss zu verhelfen. Seit Jahren liegt der Anteil der jungen Erwachsenen zwischen 20 bis unter 30 Jahren ohne abgeschlossene Berufsausbildung bei &uuml;ber 15 % dieser Altersgruppe an der entsprechenden Wohnbev&ouml;lkerung. Daran hat sich auch nach zwei Jahren &bdquo;Qualifizierungsinitiative&ldquo; nichts ge&auml;ndert, dieser Anteil liegt nach wie vor bei 15,2 Prozent.<\/p><p>Nach neuesten <a href=\"http:\/\/dipbt.bundestag.de\/dip21\/btd\/17\/053\/1705344.pdf\">Angaben der Bundesregierung [PDF &ndash; 305 KB]<\/a> sind (in absoluten Zahlen) 1,484 Millionen junge Menschen dieser Altersgruppe ohne Berufsabschluss, knapp die H&auml;lfte (49,1%) davon junge Frauen. 684.000 der Betroffenen haben einen Migrationshintergrund, das sind 46 Prozent oder 29 Prozent aller Mitb&uuml;rger mit Migrationshinterhintergrund  in der entsprechenden Altersgruppe.<\/p><p>Von den knapp 1,5 Millionen jungen Erwachsenen ohne Berufsabschluss haben wiederum 275.000 (18,5 Prozent) keinen Schulabschluss, 47 Prozent davon sind Frauen. Von den jungen Erwachsenen ohne Berufsabschluss mit allgemeinem Migrationshintergrund haben 16 Prozent keinen Schulabschluss, bei denen mit eigener Migrationserfahrung sind es sogar 24 Prozent.<\/p><p>2010 waren jahresdurchschnittlich insgesamt 664.745 (also fast jeder f&uuml;nfte Arbeitslose) junge Erwachsene im Alter von 20 bis unter 30 Jahre bei der Arbeitsagentur arbeitslos gemeldet, davon knapp die H&auml;lfte (292.387) ohne abgeschlossene Berufsausbildung. 241.000 dieser arbeitslosen jungen Leute bezogen ALG II. <\/p><p>Das belegt nachdr&uuml;cklich wie wichtig ein Berufsabschluss ist, um eine bessere Chance auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Die Bedeutung eines Berufsabschlusses wird noch dadurch unterstrichen, dass Jugendliche ohne abgeschlossene Berufsausbildung nicht nur unter den Arbeitslosen ihrer Altersgruppe sondern auch in prek&auml;ren Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnissen deutlich &uuml;berrepr&auml;sentiert sind. Von den 262.611 jungen Erwachsenen, die neben ihrem Einkommen aus Erwerbst&auml;tigkeit noch zus&auml;tzliche Leistungen aus dem ALG II beziehen (Aufstocker) sind &uuml;ber die H&auml;lfte (134.073) ohne abgeschlossene Berufsausbildung. Auch unter den j&uuml;ngeren Midi- und Teilzeitjobbern sind &uuml;berdurchschnittlich viele ohne abgeschlossene Berufsbildung.<\/p><p>Ein weiteres Alarmsignal f&uuml;r die Zukunft ist die Tatsache, dass bei 60 Prozent der Jugendlichen ohne Berufsausbildung mindestens ein Elternteil &uuml;ber keinen Schul- oder Berufabschluss verf&uuml;gt. Das weist darauf hin, dass sich mangelnde Qualifikation &uuml;ber die Generationen &bdquo;vererbt&ldquo;.<\/p><p>Insgesamt l&auml;sst sich sagen, dass zwischen 2009 und 2010 zwar auch die Zahl der sozialversicherungspflichtig Besch&auml;ftigten im Alter zwischen 20 bis unter 30 Jahren leicht zugenommen hat und die Arbeitslosigkeit etwas abgenommen hat, dass aber gleichzeitig deutlich mehr junge Erwachsene in prek&auml;re Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse abgerutscht sind, weit &uuml;berdurchschnittlich betroffen waren wiederum diejenigen ohne abgeschlossene Berufsausbildung. <\/p><p>Die gro&szlig; angek&uuml;ndigte &bdquo;Qualifizierungsinitiative f&uuml;r Deutschland&ldquo; war bisher nicht mehr als eine sch&ouml;ne Propagandafloskel. Die Betr&auml;ge f&uuml;r speziell auf Jungendliche und junge Erwachsene zugeschnittene gesetzliche F&ouml;rderma&szlig;nahmen nach den Rechtskreisen SGB III und SGB II sind mit Ausnahme der Berufseinstiegsbegleitung (Anstieg von 35,4 auf 55,4 Millionen Euro) entweder nahezu gleich geblieben oder aber wie etwa bei den berufsvorbereitenden Bildungsma&szlig;nahmen (von 604,9 auf 577,7 Millionen Euro) und bei der Berufsausbildung in au&szlig;erbetrieblichen Einrichtungen (von 638 auf 584,2 Millionen Euro) deutlich gesunken. Insgesamt wurden daf&uuml;r 2009 noch 1.558,2 Millionen Euro, aber 2010 nur noch 1.498,6 Millionen Euro eingesetzt.<br>\nDiese Zahlen widerlegen die von allen politischen Kr&auml;ften vertretenen Parolen der &bdquo;Priorit&auml;t f&uuml;r Bildung&ldquo;.<br>\nDie Haushaltsans&auml;tze f&uuml;r das Jahr 2011 liegen zwar wieder etwas h&ouml;her, ob sie ausgesch&ouml;pft werden, ist aber eine offene Frage. <\/p><p>(Alle hier genannten Zahlen sind der Antwort der Bundesregierung auf die kleine Anfrage der SPD Fraktion 17\/5344 v. 04.04.2011 <a href=\"http:\/\/dipbt.bundestag.de\/dip21\/btd\/17\/053\/1705344.pdf\">entnommen [PDF &ndash; 305 KB]<\/a>) <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Europas weitaus gr&ouml;&szlig;te Wirtschaftsmacht, die durchsetzen m&ouml;chte, dass alle Mitgliedstaaten der Europ&auml;ischen Union dem deutschen Beispiel folgen und &uuml;ber Lohnsenkungen und Sozialabbau wieder wettbewerbsf&auml;hig werden, verspielt auf einem der wichtigsten Felder, n&auml;mlich der Bildung und Qualifizierung der nachr&uuml;ckenden Generation seine Zukunftsf&auml;higkeit. 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