{"id":91658,"date":"2022-12-24T11:45:38","date_gmt":"2022-12-24T10:45:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91658"},"modified":"2022-12-25T16:45:43","modified_gmt":"2022-12-25T15:45:43","slug":"als-wir-mit-dem-herrn-baron-weihnachten-feierten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91658","title":{"rendered":"Als wir mit dem Herrn Baron Weihnachten feierten"},"content":{"rendered":"<p>Immer wenn ich im Dezember an den Verkaufsst&auml;nden f&uuml;r Weihnachtsb&auml;ume vorbeikomme, muss ich an den Herrn Baron denken. Es war schon einige Jahre nach dem Krieg, und ich war damals ein Junge von etwa zehn Jahren, als ich ihm das erste Mal begegnete. Er sa&szlig; auf dem Kutschbock eines Leiterwagens, der von einem graumelierten, nicht sehr gro&szlig;en Pferd gezogen wurde. &bdquo;Das ist der Herr Baron mit seinem Panjepferd&ldquo;, sagte mein Vater. &bdquo;Er stammt aus Litauen und lebt dr&uuml;ben am Waldrand in einem ehemaligen Flakunterstand.&ldquo; Eine Weihnachtsgeschichte von <b>Wolfgang Bittner<\/b>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8225\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-91658-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221224_Als_wir_mit_dem_Herrn_Baron_Weihnachten_feierten_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221224_Als_wir_mit_dem_Herrn_Baron_Weihnachten_feierten_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221224_Als_wir_mit_dem_Herrn_Baron_Weihnachten_feierten_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221224_Als_wir_mit_dem_Herrn_Baron_Weihnachten_feierten_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=91658-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221224_Als_wir_mit_dem_Herrn_Baron_Weihnachten_feierten_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"221224_Als_wir_mit_dem_Herrn_Baron_Weihnachten_feierten_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Was ein Flakunterstand war, wusste ich. Mit einer Flak genannten Flugabwehrkanone wurde im Krieg auf feindliche Flugzeuge geschossen. Aber was war ein Panjepferd?<\/p><p>&bdquo;Ein t&uuml;chtiges, besonders gen&uuml;gsames Pferd&ldquo;, meinte mein Vater. &bdquo;Diese Rasse gibt es im Baltikum und in Russland.&ldquo;<\/p><p>Der Herr Baron brachte Kartoffeln in die Stadt, die er bei den Bauern gekauft hatte und mit einem kleinen Gewinn auf dem Wochenmarkt verkaufte. Er sa&szlig; sehr aufrecht auf dem Wagen, ein hagerer Mann mittleren Alters, der einen alten Milit&auml;rmantel trug und eine Pelzm&uuml;tze aus Schafsfell mit Ohrenklappen. Irgendwie erschien er mir wie eine M&auml;rchengestalt.<\/p><p>&bdquo;Ein hartes Schicksal&ldquo;, sagte mein Vater. &bdquo;Er hat in einem Schloss gewohnt und durch den Krieg alles verloren. Seine Frau hat sich von ihm getrennt, wie man h&ouml;rt, und jetzt vegetiert er so vor sich hin.&ldquo;<\/p><p>Der Mann tat mir leid. In der Folgezeit h&ouml;rte ich, dass er Astronomie studiert habe und etwas weltfremd sei. Wir wohnten damals in einem Barackenlager am Rande der Stadt und ich streifte oft durch die Feldmark, die sich bis zum Wald erstreckte. Dort hatte es Bunker gegeben, in denen Munition gelagert worden war, und in unmittelbarer N&auml;he befand sich die Behausung des Barons, die ich mir eines Tages ansah. Auf einem noch vorhandenen Eisengestell hatte die Kanone gestanden, daneben befand sich der ehemalige Unterstand f&uuml;r die Soldaten, eine schon etwas abg&auml;ngige Baracke.<\/p><p>Ich war damals recht unbefangen, und eines Tages lernte ich den Herrn Baron kennen. Er hatte auf die Flaklafette, die sich drehen lie&szlig; und auf der sich ein Sitz befand, ein Rohr montiert, das sich als Fernglas herausstellte. Damit konnte man die zigtausende Kilometer entfernten Sterne beobachten oder den Mond mit seinen Zerkl&uuml;ftungen.<\/p><p>Manchmal schlich ich mich nachts von zu Hause fort und der Baron zeigte mir die Milchstra&szlig;e und die einzelnen Sternbilder. So erfuhr ich, wo der Gro&szlig;e Wagen stand, die Venus, der Pegasus oder die Kassiopeia. Zu allen gab es Geschichten, die mich noch jahrelang begleiteten. Ich durfte in die Unendlichkeit des Kosmos schauen, das war wie ein Rausch.<\/p><p>Wir freundeten uns an. Wenn wir vor der Baracke am Feuer sa&szlig;en, Tee tranken oder uns Spiegeleier brieten, erz&auml;hlte der Herr Baron vom Krieg und von seiner Heimat in Litauen. Er hatte in der Gegend von Wilna ein gro&szlig;es Gut besessen, war dann im Krieg gewesen und im Fr&uuml;hjahr 1945 vor der Roten Armee nach Westen geflohen. Zusammen mit seinem Pferd hatte er bei Nacht die Elbe durchschwommen und sich weiter nach Westen durchgeschlagen. Seine Ehefrau, die schon fr&uuml;her in den Westen gefl&uuml;chtet war, hatte er nur kurz getroffen, sie hatte sich von ihm scheiden lassen. Jetzt lebte er von der Vertriebenenhilfe und Gelegenheitsgesch&auml;ften, die allerdings nicht viel einbrachten.<\/p><p>Als der Winter kam und es schon im November sehr kalt wurde, sah ich den Baron nur noch selten. Da merkte ich eines Tages, dass es ihm nicht gut ging. Er war abgemagert, antriebslos und hatte offensichtlich M&uuml;he, ausreichend Nahrung f&uuml;r sich, sein Pferd und einige H&uuml;hner und Katzen, die bei ihm ihr Dasein fristeten, zu beschaffen. Ich sprach mit meinen Eltern dar&uuml;ber, doch sie wussten keinen Rat, zumal es uns nicht viel besser ging. Mein Vater litt noch an einer Kriegsverletzung, er war arbeitslos, und auch wir lebten von der Vertriebenenhilfe.<\/p><p>Was war zu tun? Betteln gehen mochte ich nicht. Es w&auml;re wohl auch vergebens gewesen, denn f&uuml;r die Einheimischen waren wir als Heimatvertriebene St&ouml;renfriede, manche bezeichneten uns sogar als Polacken oder Rucksackgesindel. Ich k&ouml;nnte dem Baron und meinen Eltern dabei helfen, Holz aus dem Wald zu holen, &uuml;berlegte ich. Aber daf&uuml;r brauchte man einen Holzsammelschein. Also schlug ich dem Baron vor, mit mir zum F&ouml;rster zu gehen, den er kannte.<\/p><p>Das war ein guter Einfall gewesen. Wir bekamen den Schein und sahen bei dieser Gelegenheit, dass bereits Weihnachtsb&auml;ume geschlagen wurden, die sich im Hof der F&ouml;rsterei stapelten. Man konnte sie f&uuml;r wenig Geld direkt beim F&ouml;rster kaufen. Aber der Baron hatte kein Geld. Nun gab es in dieser schweren Nachkriegszeit doch noch g&uuml;tige Menschen, die anderen halfen, der Baron bekam Kredit.<\/p><p>Mit einem Wagen voller Tannenb&auml;ume fuhren wir am n&auml;chsten Tag in die Stadt und bauten auf dem Marktplatz unseren Verkaufsstand auf. Ich konnte mir an den folgenden Tagen nach der Schule noch etwas Geld hinzuverdienen, indem ich &auml;lteren Leuten half, ihren gekauften Baum nach Hause zu schaffen. Unser Gesch&auml;ft lief gut und der Baron musste noch mehrmals Nachschub holen. Das ging so, bis auf einmal der Heilige Abend gekommen war.<\/p><p>Einen Baum, eine sch&ouml;ne Edeltanne, hatten wir zur&uuml;ckbehalten. Au&szlig;erdem hatten wir gen&uuml;gend Geld verdient, um eine Gans und allerlei K&ouml;stlichkeiten zu kaufen. Am Heiligen Abend schm&uuml;ckte meine Mutter den Christbaum mit Kerzen, Lametta und Sternen aus Stroh und Goldpapier. Es war ihre Idee gewesen, den Herrn Baron zu uns zum G&auml;nsebraten einzuladen. Anschlie&szlig;end gab es Gl&uuml;hwein und die Erwachsenen erz&auml;hlten bis in die Nacht hinein viele Geschichten. So feierten wir ein Weihnachtsfest, das mir bis heute in Erinnerung geblieben ist.<\/p><p>Titelbild: Roland Oster\/shutterstock.com<\/p><p><em>Der Schriftsteller und Publizist Wolfgang Bittner lebt in G&ouml;ttingen. Von ihm erschien 2019 der Roman &bdquo;Die Heimat, der Krieg und der Goldene Westen&ldquo;. Siehe auch <a href=\"https:\/\/wolfgangbittner.de\">wolfgangbittner.de<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immer wenn ich im Dezember an den Verkaufsst&auml;nden f&uuml;r Weihnachtsb&auml;ume vorbeikomme, muss ich an den Herrn Baron denken. Es war schon einige Jahre nach dem Krieg, und ich war damals ein Junge von etwa zehn Jahren, als ich ihm das erste Mal begegnete. 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