{"id":91696,"date":"2022-12-18T11:45:46","date_gmt":"2022-12-18T10:45:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91696"},"modified":"2022-12-18T12:58:21","modified_gmt":"2022-12-18T11:58:21","slug":"peru-die-neueste-saga-des-unregierbaren-landes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91696","title":{"rendered":"Peru: Die neueste Saga des unregierbaren Landes"},"content":{"rendered":"<p>Peru schlittert von Krise zu Krise, von Skandal zu Skandal, von Pr&auml;sident zu Pr&auml;sident. Mit dem Amtsantritt Castillos schien es so, als k&ouml;nnte sich die Geschichte &auml;ndern. Aber nein. Als Pedro Castillo sein Amt antrat, war die Frage nicht, wie es laufen w&uuml;rde, sondern wie lange. Und dann kam wie aus dem Nichts der Epilog einer lange angek&uuml;ndigten Chronik. Nach nur 16 Monaten Amtszeit, die gekennzeichnet waren&nbsp;durch die st&auml;ndige Belagerung seitens der faktischen Machthaber, aber auch durch seine permanente Desorientierung, schoss sich Castillo selbst ins Bein und wurde zu einem weiteren Wegwerf-Pr&auml;sidenten, zersetzt von der chronischen F&auml;ulnis des peruanischen politischen Systems, versunken in einem traurigen und einsamen Ende. Von <strong>Gerardo Szalkowicz<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nF&uuml;r vorvergangenen Mittwoch war eine neue Abstimmung im Kongress angesetzt, um ihn abzusetzen. Es war der dritte Versuch der Rechten, ihn mit diesem au&szlig;ergew&ouml;hnlichen Instrument der &ldquo;Vakanz aufgrund st&auml;ndiger moralischer Unf&auml;higkeit&rdquo; zu st&uuml;rzen. Sie brauchten 87 Stimmen und alles wies darauf hin, dass sie die nicht zusammenkriegen w&uuml;rden. Doch der Pr&auml;sident griff dem vor und verk&uuml;ndete am Mittag mit zitternder Stimme und zitternden H&auml;nden in einer Fernseh- und Rundfunkansprache die Schlie&szlig;ung des Kongresses, die Regierung &ldquo;per Dekret&rdquo;, eine Ausgangssperre und die Einberufung neuer Parlamentswahlen innerhalb von vier Monaten.<\/p><p>In Peru ist es legal, das Parlament aufzul&ouml;sen, wenn es dem Pr&auml;sidenten zweimal hintereinander das Vertrauen verweigert, was jedoch nicht geschehen war. Deshalb wurde der Schritt Castillos allgemein als &ldquo;Selbstputsch&rdquo; im Stil von Alberto Fujimori 1992 ausgelegt. Die Ablehnung ging quer durch das politische Spektrum. &ldquo;Erst hat er das Versprechen des Wandels verraten, f&uuml;r das das Volk gestimmt hat, und jetzt putscht er wie der Fujimorismus. Castillo soll gehen! Sie sollen alle abhauen!&rdquo;, twitterte die Mitte-Links-Politikerin Ver&oacute;nika Mendoza. Der Vorsitzende von Per&uacute; Libre (der Partei, die ihn ins Pr&auml;sidentenamt brachte und ihn sp&auml;ter ausschloss), fasste das Man&ouml;ver so zusammen: &ldquo;Castillo hat &uuml;berst&uuml;rzt gehandelt, es gab nicht genug Stimmen f&uuml;r die Vakanz&rdquo;.<\/p><p>Aber nicht nur seine ehemaligen Verb&uuml;ndeten wiesen ihn zur&uuml;ck, auch seine Minister verlie&szlig;en einer nach dem anderen das Schiff, und sogar seine eigene Vizepr&auml;sidentin, Dina Boluarte, stellte sich gegen ihn: &ldquo;Ich lehne die Entscheidung von Pedro Castillo ab, den Zusammenbruch der verfassungsm&auml;&szlig;igen Ordnung durch die Schlie&szlig;ung des Kongresses zu betreiben. Es handelt sich um einen Staatsstreich, der die politische und institutionelle Krise versch&auml;rft, die die peruanische Gesellschaft unter strikter Einhaltung des Gesetzes &uuml;berwinden muss&rdquo;.<\/p><p>Das Kommuniqu&eacute; der Streitkr&auml;fte und der Nationalen Polizei, das den Schritt als &ldquo;Versto&szlig; gegen die Verfassung&rdquo; bezeichnet, den sie nicht hinnehmen w&uuml;rden, besiegelte dann das Schicksal Castillos, der Stunden sp&auml;ter im Kongress mit 101 Stimmen der 130 Abgeordneten abgesetzt wurde. Seine Amtsenthebung, die unter anderen Umst&auml;nden wegen der D&uuml;rftigkeit der formellen Anschuldigungen nach einem &ldquo;parlamentarischen Putsch&rdquo; gerochen h&auml;tte, endete wegen seines unbedachten Versuchs eines Gegenangriffs viel komfortabler als erwartet und mit gr&ouml;&szlig;erer Legitimit&auml;t.<\/p><p>Der schwindelerregende Tag ging weiter mit der Vereidigung von Dina Boluarte, der ersten weiblichen Pr&auml;sidentin Perus und der sechsten Person, die sich in den letzten sechs Jahren die Sch&auml;rpe anlegt. Die Linkspolitikerin, 60-j&auml;hrige Anw&auml;ltin, die Per&uacute; Libre ebenfalls verlassen hatte, erbat in ihrer Antrittsrede flehentlich &ldquo;eine politische Waffenruhe&rdquo;: Sie wei&szlig;, dass sie mit den Beschr&auml;nkungen eines pseudoparlamentarischen Systems regieren muss, das so sehr an Absetzungs-Offensiven gew&ouml;hnt ist.<\/p><p>Seit mindestens zwei Jahrzehnten schlittert Peru von Krise zu Krise, von Skandal zu Skandal, von Pr&auml;sident zu Pr&auml;sident. Die letzten sieben gew&auml;hlten Pr&auml;sidenten (seit 2000) wurden abgesetzt und\/oder landeten im Gef&auml;ngnis, mit Ausnahme von Alan Garc&iacute;a, der sich vor seiner Verhaftung selbst erschoss.<\/p><p>Mit dem pl&ouml;tzlichen Antritt eines Pr&auml;sidenten aus dem Landesinneren Perus, ein Landlehrer und Gewerkschaftsf&uuml;hrer, schien es so, als k&ouml;nnte sich die Geschichte &auml;ndern. Dass endlich die Zeit f&uuml;r die populare Revanche und das Ende der langen neoliberalen Nacht gekommen ist. Aber nein. Vom Establishment bedr&auml;ngt, das ihm von der ersten Minute an den Krieg erkl&auml;rte, gab Castillo seine Versprechungen zu grundlegenden Ver&auml;nderungen auf und blieb stecken in seinem unklaren Verhalten, seinen vermeidbaren Fehlern und seiner Unf&auml;higkeit, den Konflikt zu handhaben. Gefangener der st&auml;ndigen Improvisation (er berief 75 Minister in weniger als anderthalb Jahren) und wegen Korruptionsf&auml;llen beschmutzt, wie alle seine Vorg&auml;nger.<\/p><p>So endet ein neues Kapitel auf dem bizarren Weg der schwachen peruanischen Demokratie, mit einem weiteren Pr&auml;sidenten, der eine historische Chance vertan hat &#8210; aufgefressen von einem unregierbaren Land.<\/p><p>&Uuml;bersetzung aus dem Spanischen: <a href=\"https:\/\/amerika21.de\/analyse\/261540\/peru-pedro-castillo-unregierbares-land\">Vilma Guzm&aacute;n, Amerika21<\/a>.<\/p><p>Titelbild: shutterstock \/ Joel Salvador<\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91583\">Zahl der Toten steigt: Anhaltende Proteste in Peru<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75553\">Peru &ndash; Das Regierungsprogramm Pedro Castillos und der menschen- und umweltverschlei&szlig;ende Bergbau der sogenannten &bdquo;Industriel&auml;nder&ldquo;<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/0dbd2a44877e4cf28031fb642f5a8be6\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peru schlittert von Krise zu Krise, von Skandal zu Skandal, von Pr&auml;sident zu Pr&auml;sident. 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