{"id":917,"date":"2005-10-26T12:47:13","date_gmt":"2005-10-26T10:47:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=917"},"modified":"2016-03-01T11:14:28","modified_gmt":"2016-03-01T10:14:28","slug":"wie-der-sozialstaat-zur-selbstbedienung-einladt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=917","title":{"rendered":"\u201eWie der Sozialstaat zur Selbstbedienung einl\u00e4dt\u201c"},"content":{"rendered":"<p>So lautet die Unterzeile des Spiegel-Titels dieser Woche mit der Schlagzeile &bdquo;Das Spiel mit den Armen&ldquo;. Wir kommentieren hier kurz, keineswegs um Sie zu animieren, dieses Kampfblatt der neoliberalen Bewegungen zu kaufen. Aber einige Anmerkungen sind angesichts des Versuchs, die Hartz IV-Betroffenen f&uuml;r das Scheitern verantwortlich zu machen, schon f&auml;llig.<br>\n<!--more--><\/p><ol>\n<li>Die ganze Story ist von vorn bis hinten ein einziger Beleg des Scheiterns der Hartz IV-Reformen und der Reformen insgesamt. Der Spiegel schreibt: &bdquo;Bei kaum einem anderen Gesetz stehen politischer Aufwand und Ertrag in einem so krassen Missverh&auml;ltnis wie bei Hartz IV.&ldquo; Damit ist dieser Titel der Zweite, der sich dem Scheitern der Hartz-Gesetze widmet. Der Spiegeltitel vom 23.5.2005 lautete &bdquo;Die total verr&uuml;ckte Reform &ndash; Hartz IV&ldquo;. Am Tag vorher hatte der damalige Bundeskanzler Gerhard Schr&ouml;der seine Entscheidung f&uuml;r Neuwahlen bekannt gegeben &ndash; mit der Begr&uuml;ndung, das Wahlvolk solle die Fortsetzung der Reformpolitik (also einer gescheiterten Politik) in einer vorgezogenen Wahl best&auml;tigen. Auch in diesem neuen Titel vom 24.10. wird nicht die logische Konsequenz gezogen, man solle nach diesem klaren Scheitern doch einmal &uuml;berlegen, ob die Reformpolitik das Versprochene bringt.<br>\nDer Spiegel nennt das Ganze ein Desaster. &ndash; Das h&auml;tte man auch fr&uuml;her wissen k&ouml;nnen. Wenn der Spiegel eine eigene Meinung h&auml;tte und sich nicht krampfhaft an neoliberale Meinungsf&uuml;hrer wie die Deutsche Bank anlehnen w&uuml;rde, dann w&auml;re es seinen Redakteuren vielleicht auch fr&uuml;her einmal eingefallen zu fragen, was die Reformen bringen.<\/li>\n<li>Wie schon der Untertitel (Wie der Sozialstaat zur Selbstbedienung einl&auml;dt) zeigt, werden die so genannten Missbr&auml;uche unter anderem dem Sozialstaat zugeschrieben. Tats&auml;chlich sind das die Folgen ganz anderer Dinge: zum Beispiel der Tatsache, dass sich die Hartz-Reformen bisher weitgehend im Fordern austoben und das F&ouml;rdern ausbleibt, zum Beispiel die Folgen der falschen und st&uuml;mperhaften Planung dieser Reformen: dass die Gemeinden m&ouml;glichst viele Sozialhilfeempf&auml;nger der Bundesagentur &uuml;berantworten wollen, war vorhersehbar; dass das Ganze zu mehr B&uuml;rokratie und nicht zu weniger f&uuml;hrt, war ebenfalls absehbar; das es bei diesen Regelungen unendliche Schwierigkeiten mit dem Begriff Bedarfsgemeinschaften geben wird, war absehbar; dass Schwarzarbeit nicht sinken, sondern steigen wird, war absehbar; dass Arbeitnehmer, die Jahrzehnte in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt haben, und dann nur ein Jahr Arbeitslosengeld erhalten, sauer sind, sich ungerecht behandelt f&uuml;hlen und an Versprochenes nicht mehr glauben, konnte man wissen. &ndash; Die Hartz-Gesetze sind Produkte von Bwl-Fuzzis in den Beratungsfirmen, die wenig Ahnung von gesamtwirtschaftlichen Zusammenh&auml;ngen und auch nicht von gesellschaftlichen und sozialen Verh&auml;ltnissen haben.<\/li>\n<li>Dieser Titel &uuml;ber Hartz IV wie auch der Spiegeltitel vom Mai und die Debatte um die Hartz-Gesetze und die Absicht, in der Reform von Hartz IV und weiteren Arbeitsmarktreformen auch Schwerpunkte der neuen Regierung zu sehen, zeigen, dass die deutschen Eliten offenbar nicht begriffen haben, dass sie sich hier vor allem der Verwaltung der Arbeitslosigkeit widmen, statt mit aller Kraft auf die Verringerung und Beseitigung hinzuarbeiten. Man muss sich dessen klar werden: die gesamten Hartz-Gesetze betreffen nur einen kleinen Bereich des Arbeitsmarktes, einen bedr&uuml;ckenden Bereich zugegeben, den der Arbeitslosigkeit, aber nicht den gesamten Arbeitsmarkt und schon gar nicht den gesamten Bereich der Besch&auml;ftigungspolitik. Und dennoch konzentriert sich die Aufmerksamkeit von Politik und herrschender Wissenschaft auf dieses Segment und seine Verwaltung. Das ist eine Art wahnhafter Verselbstst&auml;ndigung eines obendrein fragw&uuml;rdigen Teils der Politik. Die neue Regierung hat die Chance, sich endlich auf die Besch&auml;ftigungspolitik zu konzentrieren, vertan. Sie kann das nicht damit entschuldigen, dass sie es, angef&uuml;hrt vom Spiegel, mit einer Publizistik zu tun hat, die auch nicht mehr wei&szlig;, was wichtig ist.<\/li>\n<li>Wie absurd diese Konzentration auf Agentur und Umbau und Kontrolle und Schn&uuml;ffeln ist, das begreift man, wenn man sich einmal vorstellt, es fiele der Politik doch noch ein, die richtige Wirtschaftspolitik zu betreiben, und es gel&auml;nge, die Arbeitslosigkeit messbar zu reduzieren. Was machen wir dann mit den vielen Agenturen und PSAs und sonstigen Einrichtungen und neuen Geb&auml;uden der Verwaltung der Arbeitslosigkeit?<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So lautet die Unterzeile des Spiegel-Titels dieser Woche mit der Schlagzeile &bdquo;Das Spiel mit den Armen&ldquo;. Wir kommentieren hier kurz, keineswegs um Sie zu animieren, dieses Kampfblatt der neoliberalen Bewegungen zu kaufen. 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