{"id":91843,"date":"2023-01-01T11:45:01","date_gmt":"2023-01-01T10:45:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91843"},"modified":"2023-01-01T12:48:15","modified_gmt":"2023-01-01T11:48:15","slug":"gleichheit-muss-endlich-ein-grosses-politisches-thema-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91843","title":{"rendered":"Gleichheit muss endlich ein gro\u00dfes politisches Thema werden"},"content":{"rendered":"<p>Formal betrachtet ist Deutschland ein demokratisches Land der Gleichen: Wir alle haben die gleichen politischen Rechte. Vor dem Gesetz und Richter sind wir gleich. Jeder kann den Beruf w&auml;hlen, den er aus&uuml;ben m&ouml;chte. Aber die gesellschaftliche Wirklichkeit ist ganz anders. Denn formale Gleichheit schafft keine echte Gleichheit. Die kann sich erst entfalten, wenn auch die materielle Ungleichheit abgeschafft wird. Denn krasse soziale Ungleichheit schafft diverse Probleme, vor allem Armut, Unfreiheit und ein schlechteres Leben. Aus diesem Grund m&uuml;sste &bdquo;Gleichheit&ldquo; eigentlich ein gro&szlig;es politisches Thema sein. Ist es aber nicht. Um daran etwas zu &auml;ndern, stellt unser Autor <strong>Udo Brandes<\/strong> das neue Buch des spanischen Soziologen C&eacute;sar Rendueles vor. Es hei&szlig;t: <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/index.php?cl=details&amp;libriid=A43256245&amp;listtype=search&amp;searchparam=C%C3%A9sar%20Rendueles%3A%20Gegen%20Chancengleichheit.%20\">&bdquo;Gegen Chancengleichheit. Ein egalitaristisches Pamphlet&ldquo;<\/a>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Rendueles Diagnose<\/strong><\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die allgemeine Ungleichheit unserer Gesellschaft ist ein kollektives Trauma, ein gesellschaftlicher Riss, der sich auf unsere F&auml;higkeit auswirkt, Beziehungen zu anderen anzukn&uuml;pfen, und der erschreckende politische und pers&ouml;nliche Folgen hat. Trotzdem nimmt die materielle Gleichheit in politischen Projekten der Gegenwart lediglich eine marginale oder zumindest nicht besonders zentrale Stellung ein. Nur zwei Aspekte des egalit&auml;ren Projektes sind gesellschaftlich mehr oder weniger akzeptiert: die Chancengleichheit sowie die moralische Emp&ouml;rung &uuml;ber extreme Ungleichheit und Armut&ldquo; (S. 12).\n<\/p><\/blockquote><p>Man kann Rendueles Diagnose nur zustimmen. Denn die immer wieder gern als politisches Programm postulierte &bdquo;Chancengleichheit&ldquo; ist in Wahrheit ein ideologischer Trick der Neoliberalen. Denn echte Chancengleichheit kann es nur geben, wenn es auch in den &ouml;konomischen Verh&auml;ltnissen wenigstens ann&auml;herungsweise Gleichheit gibt. Aber dagegen gibt es massiven politischen Widerstand. Dazu ein aktuelles Beispiel: FDP und die CDU wollen h&ouml;here Freibetr&auml;ge f&uuml;r die Erbschaftssteuer. Die taz hat aus diesem Anlass ein Interview mit dem Finanzexperten Gerhard Schick, Vorstand der NGO &bdquo;Finanzwende&ldquo;, gef&uuml;hrt. Der antwortet in diesem Zusammenhang unter anderem Folgendes:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wissen Sie, was man thematisieren m&uuml;sste? Wenn jemand 300 Wohnungen erbt, wird das als Betrieb gewertet und praktisch steuerfrei &uuml;bertragen. Wenn jemand f&uuml;nf Wohnungen erbt, muss er es versteuern. Das kann nicht gerecht sein. Um diese Debatte mogelt sich die FDP (die vom Interviewer zitiert worden war; UB) mit solchen &Auml;u&szlig;erungen herum.&ldquo; (<a href=\"https:\/\/taz.de\/Volkswirt-ueber-Erbschaftsteuer\/!5902927\/\">Quelle hier<\/a>)\n<\/p><\/blockquote><p>Ganz &auml;hnlich sieht es bei der Vererbung gro&szlig;er Unternehmen aus. W&uuml;rde eine einzelne Person beispielsweise das ALDI-Imperium erben, br&auml;uchte diese keine Erbschaftssteuern zahlen. Dies wird von den Lobbyisten in CDU und FDP mit dem Argument verteidigt, dass bei einer angemessenen Erbschaftssteuer auf Betriebsverm&ouml;gen Arbeitspl&auml;tze gef&auml;hrdet seien. Dazu meint der Finanzexperte Schick im selben Interview der taz:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Dieses Argument ist aber in den Bereich der Fake News einzuordnen. Es <a href=\"https:\/\/www.bundesfinanzministerium.de\/Content\/DE\/Standardartikel\/Ministerium\/Geschaeftsbereich\/Wissenschaftlicher_Beirat\/Gutachten_und_Stellungnahmen\/Ausgewaehlte_Texte\/02-03-2012-ErbSt.html\">gibt ein Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesfinanzministerium<\/a>, das zu einem anderen Ergebnis kommt. Bei einer Erbschaftsteuer f&uuml;r Betriebsverm&ouml;gen gibt es auch Stundungsregelungen. <strong>In Deutschland ist noch kein einziger Betrieb durch die Erbschaftsteuer ins Schlingern gekommen.<\/strong> Das ist ein Scheinargument, um den Leuten Angst zu machen. Die Stiftung Familienunternehmen, wo viele der gr&ouml;&szlig;ten Milliard&auml;rsfamilien dieses Landes organisiert sind, hat systematisch versucht, Angst zu sch&uuml;ren, dass bei einer sinnvollen Erbschaftsbesteuerung Arbeitspl&auml;tze verloren gehen. Und dieses Argument ist weitverbreitet in unserem Land, ist aber trotzdem falsch.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Ein Rechenbeispiel veranschaulicht den Skandal, der bei uns praktisch kein Thema ist<\/strong><\/p><p>Ich denke, schon diese beiden Beispiele machen eines klar: Das Thema &bdquo;Gleichheit&ldquo; m&uuml;sste in Deutschland eigentlich ein gro&szlig;es politisches Thema sein, &uuml;ber das vehement gestritten wird. Ist es aber leider nicht. Zumindest was die &ouml;konomische Gleichheit angeht. Wie pervertiert die gesellschaftlichen Verh&auml;ltnisse dadurch in westlichen kapitalistischen L&auml;ndern sind, macht Rendueles mit einem Rechenbeispiel deutlich:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Eine Million Euro ist f&uuml;r die meisten Menschen in westlichen L&auml;ndern eine enorme Menge Geld. (&hellip;) Angenommen, jemand w&uuml;rde einen Euro pro Sekunde verdienen &ndash; wie lange m&uuml;sste er oder sie arbeiten, um eine solche Summe anzusparen? Ein Euro pro Sekunde, macht 60 Euro pro Minute, 3600 Euro pro Stunde und eine Million in 12 Tagen&hellip; Doch um Milliard&auml;r zu werden, w&uuml;rde diese Person 30 Jahre ben&ouml;tigen. 2018 besa&szlig; Jeff Bezos, der (damals; UB) reichste Mensch der Welt, gut 100 Milliarden Dollar. W&uuml;rde er rund um die Uhr arbeiten, br&auml;uchte er bei einem Verdienst von einem Dollar pro Sekunde mehr als 3000 Jahre, um sein Verm&ouml;gen anzuh&auml;ufen. Eine Person, die ihr Gehalt in H&ouml;he von 1200 Euro monatlich &ndash; 2017 das mittlere Einkommen in Spanien, mit Sonderzahlungen etwa 17.000 Euro im Jahr &ndash; vollst&auml;ndig sparen w&uuml;rde, h&auml;tte in f&uuml;nf Millionen Jahren so viel Geld wie Bezos&ldquo;. (S.19-20)\n<\/p><\/blockquote><p>Ich glaube, weitere Kommentare, dass Gleichheit ein wichtiges politisches Thema ist, er&uuml;brigen sich angesichts dessen. &Uuml;brigens: Jeff Bezos&rsquo; Verm&ouml;gen ist inzwischen (2022) auf 111,8 Milliarden Dollar angewachsen. Die Wirtschaftswoche schreibt mit Bezug auf die Rankingliste der reichsten Menschen der Welt des Magazin &bdquo;Forbes&ldquo; in Bezug auf ihn Folgendes:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Mit einem Verm&ouml;gen von 111,8&nbsp;Milliarden Dollar ist der <a href=\"https:\/\/www.wiwo.de\/themen\/amazon\">Amazon<\/a>-Gr&uuml;nder <a href=\"https:\/\/www.wiwo.de\/themen\/jeff-bezos\">Jeff Bezos <\/a>derzeit der viertreichste&nbsp;Mensch der Welt. (&hellip;) Bezos profitierte w&auml;hrend der Corona-Krise vom boomenden Online-Handel. Im Zuge der Korrektur an den B&ouml;rsen hat die Amazon-Aktie aber deutlich an Wert verloren. Er war der erste Mensch &uuml;berhaupt, der ein Verm&ouml;gen von mehr als 200 Milliarden US-Dollar besa&szlig;, verlor aber im Vergleich zum vergangenen Jahr deutlich.&ldquo; (Quelle: <a href=\"https:\/\/www.wiwo.de\/erfolg\/trends\/forbes-liste-2022-aktuelles-ranking-das-sind-die-reichsten-menschen-der-welt\/26281100.html\">siehe hier<\/a>)<\/p><\/blockquote><p><strong>&bdquo;Wenn Sie den amerikanischen Traum verwirklichen wollen, sollten Sie nach D&auml;nemark ziehen&ldquo;<\/strong><\/p><p>Rendueles nimmt in seinem Buch auch Bezug auf die ber&uuml;hmte Studie der Epidemiologen Kate Pickett und Richard G. Wilkinson (&bdquo;Gleichheit ist Gl&uuml;ck: Warum gerechte Gesellschaften f&uuml;r alle besser sind&ldquo;). Die hatten anhand statistischer Daten akribisch nachgewiesen, dass die durch soziale Ungleichheit bedingte Armut nicht nur sch&auml;dliche Folgen f&uuml;r die direkt Betroffenen hat, sondern dass Ungleichheit an sich negative Folgen f&uuml;r die Gesellschaft und den einzelnen Menschen hat:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;In den Gesellschaften mit den gr&ouml;&szlig;ten Einkommensunterschieden sind die Gesundheitsdaten schlechter, die Lebenserwartung ist niedriger, die Kindersterblichkeit h&ouml;her, psychische Erkrankungen, &Uuml;bergewicht und der Konsum illegaler Drogen sind verbreiteter.&ldquo; (S.65)\n<\/p><\/blockquote><p>Und dies gilt, das ist ein wichtiges Ergebnis aus der Studie von Pickett und Wilkinson, keineswegs nur f&uuml;r die direkt von Armut Betroffenen. Auch die reichen Eliten in den von extremer sozialer Ungleichheit gepr&auml;gten L&auml;ndern sind weniger gesund als die vergleichbaren Gruppen aus egalit&auml;ren L&auml;ndern. Rendueles verweist in diesem Zusammenhang auf die Oscar- und Nobelpreisgewinnerstudie, die ich aus einem anderen Buch kenne:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Tats&auml;chlich haben selbst unter den Eliten scheinbar triviale Prestigeunterschiede einen Einfluss auf die Lebenserwartung: Die Schauspieler und Schauspielerinnen, die einen Oscar gewinnen, leben im Durchschnitt drei Jahre l&auml;nger als Nominierte, die den Preis nicht bekommen haben&ldquo; (S. 65).\n<\/p><\/blockquote><p>Gleiches gilt nach den Studien von Pickett und Wilkinson auch f&uuml;r die sozialen Beziehungen in hochgradig ungleichen Gesellschaften:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;In den ungleichsten Gesellschaften gibt es mehr Gewalt, mehr Gef&auml;ngnisinsassen, weniger Bereitschaft, sich in der Gemeinschaft zu engagieren, mehr Schulabbrecher, mehr schwangere Teenager und sehr viel weniger soziale Mobilit&auml;t. In den Worten von Pickett und Wilkinson: &sbquo;Wenn Sie den amerikanischen Traum verwirklichen wollen, sollten Sie nach D&auml;nemark ziehen&lsquo;.&ldquo; (S. 65-66)\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Gleichheit bedeutet das bessere Leben f&uuml;r alle<\/strong><\/p><p>Ich denke, man kann deshalb Rendueles nur zustimmen, wenn er schreibt, dass in einer egalit&auml;ren Gesellschaft selbst die &bdquo;Verlierer&ldquo; ein besseres Leben h&auml;tten:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Emanzipatorische Politik kann nicht auf den Konflikt zwischen individuellen Interessen reduziert werden. Ich habe zum Beispiel keinen Zweifel daran, dass M&auml;nner und Frauen, die als Paar eine radikal egalit&auml;re Beziehung pflegen, gemeinsam ein besseres Leben f&uuml;hren als Menschen in traditionellen patriarchalischen Ehen. Aber diese gemeinsame Verbesserung des Lebens kann man nicht aus individuellen Zugewinnen der beiden Partner errechnen. Im Gegenteil: Aus einer individualistischen Perspektive verlieren die M&auml;nner Privilegien. Wir machen egalit&auml;re Politik, wenn wir die Logik von Verlust und Gewinn &uuml;berwinden und es uns gelingt, kostspielige Kompromisse in unsere ethischen Ideale eines guten und freien Lebens zu integrieren. In diesem Sinne sehen die meisten Menschen das Verbot der Sklaverei heute nicht als Opfer oder Verlust eines legitimen Privilegs. W&uuml;rde morgen auf der anderen Stra&szlig;enseite ein Sklavenladen er&ouml;ffnen, w&uuml;rden wir uns nicht anstellen, um einen zu ergattern. Die Abscheu angesichts der Option, Eigent&uuml;mer anderer Menschen zu sein, ist Bestandteil dessen, was uns als Person ausmacht und was wir sein wollen.&ldquo; (S. 86-87)\n<\/p><\/blockquote><p>Dazu eine Frage: Ist es nicht genauso verabscheuungsw&uuml;rdig, wenn einzelne Personen wie Jeff Bezos gigantische Reicht&uuml;mer auft&uuml;rmen und dementsprechend auch gigantische Ressourcen verbrauchen? Ich meine ja. Im politischen Alltag unseres Landes spielt das Thema allerdings de facto so gut wie keine Rolle.<\/p><p><strong>Rendueles L&ouml;sungsansatz<\/strong><\/p><p>In Kapitel f&uuml;nf besch&auml;ftigt sich Renduelez mit der Frage, wie man materielle Gleichheit herstellen kann. Er diskutiert dazu verschiedene Modelle und Ans&auml;tze wie z. B. das Bedingungslose Grundeinkommen, das ihn nicht &uuml;berzeugt. Er kritisiert vor allem die Fetischisierung des Markt- und Wettbewerbsprinzip und belegt sehr sch&ouml;n, dass die ehemaligen kommunistischen Planwirtschaften in Polen, der Tschechoslowakei oder Ungarn in etwa so monopolisiert waren wie die marktwirtschaftlich organisierten USA. In Gro&szlig;britannien, so Rendueles, kontrollierten zwei Gro&szlig;unternehmen den Markt f&uuml;r Waschmittel, in Polen waren es sieben.<\/p><p>Rendueles Botschaft: Die Planwirtschaft ist besser als ihr Ruf. Dieser schlechte Ruf r&uuml;hre daher, dass diese lange von Menschen verteidigt worden sei, die die Schw&auml;chen der Planwirtschaft ebenso leugneten wie die sowjetischen Verbrechen. De facto habe es in den kommunistischen Planwirtschaften nie eine reine Planwirtschaft gegeben, sondern immer auch eine (meist illegale) Marktwirtschaft. Und umgekehrt gebe es keine reine Marktwirtschaft, was wir im &uuml;brigen nicht nur in der Coronapolitik exemplarisch beobachten konnten, sondern auch aktuell wieder. Gesundheitsminister Karl Lauterbach hat die Krankenkassen im Dezember <i>angewiesen<\/i>, bis zu 50% h&ouml;here Preise f&uuml;r dringend ben&ouml;tigte und nicht mehr ausreichend vorhandene Medikamente zu zahlen. Rendueles geht es deshalb darum, die ideologische Marktfetischisierung zu beenden und pragmatisch im Interesse einer gesunden materiellen Gleichheit zu handeln, und nicht mehr so zu tun, als seien Marktwirtschaft und Wettbewerb unab&auml;nderliche g&ouml;ttliche Gesetze.<\/p><p>Seine Botschaft f&uuml;r die Herstellung materieller Gleichheit fordert etwas, was wir schon einmal hatten, bevor die neoliberale Wende losging. Also eine Zeit, in der z.B. die Postzustellung nicht nur reibungslos funktionierte (was man heute bei der privatisierten Post nicht mehr behaupten kann), sondern auch der Service wesentlich besser war (mehr Briefk&auml;sten, l&auml;ngere Einwurfzeiten bzw. sp&auml;tere Leerungszeiten, mehr Post&auml;mter). Gef&uuml;hrt wurde diese Post von einem Ministerium bzw. Ministerialbeamten. Und die &uuml;bten ihre Leitungst&auml;tigkeit aus, obwohl sie &bdquo;nur&ldquo; die normalen Beamtengeh&auml;lter bekamen. Managergeh&auml;lter in Millionenh&ouml;he gab es nicht. Und trotzdem funktionierte die Post sehr gut. Deshalb kann man Rendueles nur zustimmen, wenn er meint:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die zentrale Planung kommt daher genau dort ins Spiel, wo es um die Versorgung mit homogenen Grundg&uuml;tern geht, die in Massenfertigung hergestellt werden und zur Sicherung elementarer Rechte unabdingbar sind. Energie, Gesundheit, Transport, Wohnungen, Bildung, Breitband-Internet.&ldquo; (S.146)\n<\/p><\/blockquote><p>Wobei man, so habe ich Rendueles verstanden, den Begriff &bdquo;staatlich&ldquo; nicht unbedingt w&ouml;rtlich nehmen muss. Ich denke, er w&uuml;rde dazu auch Unternehmen rechnen, die &ouml;ffentlich-rechtlich organisiert sind, also z.B. die kommunal getragene M&uuml;llabfuhr, die nicht profitorientiert, sondern nutzen- und kostenorientiert arbeitet. Oder das kommunale Hallenbad, das bezuschusst wird, weil es marktwirtschaftlich nicht finanziert werden k&ouml;nnte. Rendueles ist aber auch nicht pauschal gegen Marktwirtschaft und Wettbewerb. Er will nur nicht, dass die gesamte Gesellschaft marktwirtschaftlich und profitorientiert organisiert wird, weil dies zu genau den desastr&ouml;sen Verh&auml;ltnissen f&uuml;hrt, die wir jetzt in den Krankenh&auml;usern besichtigen k&ouml;nnen. Rendueles vertritt also einen altsozialdemokratischen Standpunkt, wie ihn ein Willy Brandt vertreten h&auml;tte. Aber der ist ja leider in der &bdquo;modernen&ldquo; SPD nicht mehr sehr beliebt.<\/p><p><strong>Die Verlogenheit der Wettbewerbsideologen<\/strong><\/p><p>Zum Schluss noch ein, wie ich finde, wichtiges ideologiekritisches Zitat zum Thema Wettbewerb. Rendueles schreibt dazu:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Den Anh&auml;ngern des freien Marktes kommt es nicht auf den Wettbewerb an sich an, sondern auf ein Instrument, mit dem man zwischen Verlierern und Gewinnern unterscheiden und letztere belohnen kann. Historisch betrachtet hatten Reiche und M&auml;chtige nie eine sonderliche Vorliebe f&uuml;r den &ouml;konomischen Wettbewerb, es sei denn, er diente dazu, die Macht des St&auml;rkeren durchzusetzen. Wenn sich die Gelegenheit bot, das l&auml;stige und teure Zwischenspiel der Konkurrenz zu &uuml;berspringen und direkt zum Monopol &uuml;berzugehen, z&ouml;gerten sie nicht, dies zu tun. H&ouml;hepunkt dieser Entwicklung sind die gro&szlig;en IT-Unternehmen der Gegenwart.&ldquo; (S. 59)\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Res&uuml;mee<\/strong><\/p><p>Rendueles hat ein wichtiges und interessantes Buch vorgelegt. Denn das Thema &bdquo;Gleichheit&ldquo; ist in der politischen Diskussion vollkommen unterbelichtet. Er verzichtet weitgehend auf soziologisch-abstrakte Sprache und schreibt anschaulich und unterhaltsam mit Anekdoten, Filmszenen, Zitaten und Beispielen. Ich kann zwar seinen Ausf&uuml;hrungen und Ideen nicht in allen Punkten folgen. So halte ich zum Beispiel die Vorstellung, wir Menschen h&auml;tten qua Natur eine Neigung zur Gleichheit, f&uuml;r fragw&uuml;rdig. W&auml;re es so, dann m&uuml;sste er nicht dieses Buch schreiben. Was in der Natur des Menschen liegt, bricht auch gegen gesellschaftliche Verbote durch. Das beste Beispiel daf&uuml;r ist der Sexualtrieb. Trotzdem: Mir hat dieses Buch Freude gemacht und ich empfehle es gern.<\/p><p>C&eacute;sar Rendueles: Gegen Chancengleichheit. Ein egalitaristisches Pamphlet, Suhrkamp-Verlag, 329 Seiten, 20 Euro.<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/79ad8d4e17ec43a8b58799c412541416\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Formal betrachtet ist Deutschland ein demokratisches Land der Gleichen: Wir alle haben die gleichen politischen Rechte. Vor dem Gesetz und Richter sind wir gleich. Jeder kann den Beruf w&auml;hlen, den er aus&uuml;ben m&ouml;chte. 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