{"id":91885,"date":"2022-12-22T10:30:43","date_gmt":"2022-12-22T09:30:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91885"},"modified":"2022-12-22T16:56:10","modified_gmt":"2022-12-22T15:56:10","slug":"spanien-schafft-die-gewaltenteilung-ab","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91885","title":{"rendered":"Spanien schafft die Gewaltenteilung ab"},"content":{"rendered":"<p>Das spanische Verfassungsgericht und der Abbau des Rechtsstaats. Die linksliberale digitale Zeitung eldiario.es erscheint heute mit der Schlagzeile: &bdquo;Das Verfassungsgericht erw&uuml;rgt das Parlament&ldquo;. Das spanische Verfassungsgericht hat seiner unr&uuml;hmlichen Rolle beim Abbau des Rechtsstaats einen weiteren historischen Meilenstein hinzugef&uuml;gt. Die bisherigen H&ouml;hepunkte seiner Arbeit waren ja das Begraben des Autonomiestatuts von Katalonien im Jahr 2010, Ausl&ouml;ser des andauernden Kampfes f&uuml;r die katalanische Unabh&auml;ngigkeit, das Verbot des Referendums in Katalonien im Jahr 2017, die sp&auml;tere Absegnung der hohen Haftstrafen f&uuml;r die Akteure, viele weitere Absegnungen von skandal&ouml;sen Urteilen, die sp&auml;ter vom Europ&auml;ischen Gerichtshof f&uuml;r Menschenrechte annulliert wurden (darunter das gegen den baskischen Politiker Arnaldo Ortegi) usw. usf. Es ist zu bef&uuml;rchten, dass wie alle fr&uuml;heren Skandale auch dieser in Europa weitgehend unbemerkt &uuml;ber die B&uuml;hne gehen wird, im Unterschied zum &bdquo;Dauerbashing&ldquo; gegen Polen und Ungarn. Von <strong>Eckart Leiser<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_749\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-91885-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221222-Spanien-schafft-Gewaltenteilung-ab-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221222-Spanien-schafft-Gewaltenteilung-ab-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221222-Spanien-schafft-Gewaltenteilung-ab-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221222-Spanien-schafft-Gewaltenteilung-ab-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=91885-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221222-Spanien-schafft-Gewaltenteilung-ab-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"221222-Spanien-schafft-Gewaltenteilung-ab-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Seit vier Jahren au&szlig;erhalb der Verfassung<\/strong><\/p><p>Was war geschehen? Die spanische Regierung hatte nach wiederholten Verwarnungen durch den Justizkommissar der Europ&auml;ischen Kommission einen weiteren Versuch gemacht, einem seit &uuml;ber vier Jahren andauernden verfassungswidrigen Zustand in der spanischen Justiz ein Ende zu setzen. Das Mandat von deren Schl&uuml;sselorgan, des &bdquo;Generalrats der rechtsprechenden Gewalt&ldquo; (CGPJ), der u.a. f&uuml;r die Besetzung von Richterstellen der h&ouml;heren Gerichte zust&auml;ndig ist, ist n&auml;mlich seit 2018 abgelaufen, und die spanische Rechte, die mehrheitlich rechtsgerichteten Richter im CGPJ eingeschlossen, blockiert seitdem die Berufung neuer Richter, die nach den ver&auml;nderten Kr&auml;fteverh&auml;ltnissen in der spanischen Politik ihrer Mehrheit ein Ende setzen w&uuml;rde.<\/p><p>Was das Verfassungsgericht betrifft, ist die Berufung von zwei neuen Richtern &uuml;berf&auml;llig, und die von der Regierung ausgew&auml;hlten Kandidaten (ihr steht die Auswahl von zwei Richtern zu) w&uuml;rden die &bdquo;konservative&ldquo; Mehrheit von 6:5 in eine &bdquo;fortschrittliche&ldquo; Mehrheit von 6:5 umkehren. Und auf der Tagesordnung des Verfassungsgerichts stehen folgenschwere Entscheidungen wie die Anfechtung der liberalen Abtreibungsgesetze.<\/p><p><strong>Neues Gesetz zu &Uuml;berwindung der Blockierung<\/strong><\/p><p>Diese Blockadepolitik der spanischen Rechten hat Tradition: In den &uuml;ber 40 Jahren nach Ende der Franco-Diktatur war es ihr immer wieder gelungen, anstehende Erneuerungen der Justizorgane, die ihre Mehrheit gef&auml;hrdeten, zu verhindern oder zumindest zu verz&ouml;gern. Aber dieses Mal erreichte die Manipulation eine neue Qualit&auml;t: Um der Blockade ein Ende zu setzen, hatte die Regierung aus sozialistischer Partei und dem linken Wahlb&uuml;ndnis Unidas Podemos ein Gesetz eingebracht, das die 3\/5-Mehrheit im CGPJ bei der Wahl von Kandidaten in eine einfache Mehrheit ver&auml;nderte. Was das Verfassungsgericht betrifft, betraf das die Abl&ouml;sung von zwei Richtern; Pedro Gonz&aacute;lez Trevijano (Pr&auml;sident des Verfassungsgerichts) und Antonio Narv&aacute;ez, beide seinerzeit von der Rechtspartei eingesetzt. Deren Mandat ist seit Monaten abgelaufen. Als Nachfolger hatte die Regierung den Exminister Juan Carlos Campo und Laura D&iacute;ez (Professorin f&uuml;r Rechtswissenschaft) ausgew&auml;hlt. Das von der Regierung eingebrachte Gesetz wurde am 15. Dezember vom Parlament mit einer f&uuml;r spanische Verh&auml;ltnisse soliden Mehrheit von 184 der 350 Abgeordneten verabschiedet, gegen den wilden Protest der Opposition, die die Abstimmung boykottierte. <\/p><p><strong>Zeitenwende: Zum ersten Mal suspendiert das Verfassungsgericht die Legislative<\/strong><\/p><p>Stand noch die Zustimmung im Senat, der zweiten Kammer der spanischen Volksvertretung, an. In diesem Moment beantragte die Rechtspartei PP beim Verfassungsgericht, die Verabschiedung des Gesetzes im Senat &bdquo;vorsorglich&ldquo; zu blockieren. Niemals in seiner Geschichte hatte das Verfassungsgericht in die Verabschiedung eines Gesetzes vor dessen Inkrafttreten eingegriffen, also der Legislative das Recht entzogen, Gesetze zu verabschieden. Rechtsgutachten des Verfassungsgerichts und der Staatsanwaltschaft sprachen sich klar gegen die Zulassung des Antrags aus. <\/p><p>Das hinderte den Pr&auml;sidenten des Verfassungsgerichts, Pedro Gonz&aacute;lez Trevijano, f&uuml;r den ja seine Abl&ouml;sung auf dem Spiel stand, nicht daran, ein Plenum des Gerichts f&uuml;r vergangenen Montag einzuberufen, um &uuml;ber den Antrag der Rechtspartei zu entscheiden. Um Schlimmeres zu verhindern, forderten die sozialistische Partei PSOE und Unidas Podemos daraufhin in letzter Minute die zur Abl&ouml;sung anstehenden beiden Richter, darunter den Pr&auml;sidenten, auf, sich zumindest wegen Befangenheit der Stimme zu enthalten. Immerhin stand ihr Posten im Verfassungsgericht, dotiert mit 12.000 bis 13.000 Euro im Monat, Dienstwagen und Sekret&auml;ren, auf dem Spiel. Bei ihrer Enthaltung w&auml;re der Antrag der Rechtspartei mit 5:4 Stimmen abgelehnt worden. Die beiden weigerten sich, obwohl aufgrund vieler Pr&auml;zedenzf&auml;lle ihre freiwillige Stimmenthaltung zwingend gewesen w&auml;re. Der Antrag, die beiden wegen Befangenheit per Votum des Plenums von der Abstimmung auszuschlie&szlig;en, wurde erst gar nicht zugelassen.<\/p><p>Unidas Podemos wird den Fall vor den Europ&auml;ischen Gerichtshof bringen. Auch der PSOE ber&auml;t dar&uuml;ber, wie innerhalb des spanischen Rechtssystems oder auf europ&auml;ischer bzw. internationaler Ebene gegen die Aushebelung der Gewaltenteilung in Spanien vorgegangen werden kann. Das alles k&uuml;mmert die spanische Rechte (au&szlig;er dem PP die faschistische Partei VOX) wenig. Sie setzt darauf, die Erneuerung der Rechtsorgane weiterhin zu blockieren und sp&auml;testens nach den n&auml;chsten Wahlen mit neuen Mehrheiten die Karten neu zu mischen.<\/p><p>Titelbild: Mehaniq\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das spanische Verfassungsgericht und der Abbau des Rechtsstaats. Die linksliberale digitale Zeitung eldiario.es erscheint heute mit der Schlagzeile: &bdquo;Das Verfassungsgericht erw&uuml;rgt das Parlament&ldquo;. Das spanische Verfassungsgericht hat seiner unr&uuml;hmlichen Rolle beim Abbau des Rechtsstaats einen weiteren historischen Meilenstein hinzugef&uuml;gt. 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