{"id":91893,"date":"2022-12-30T09:30:28","date_gmt":"2022-12-30T08:30:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91893"},"modified":"2022-12-30T17:18:35","modified_gmt":"2022-12-30T16:18:35","slug":"lateinamerika-und-die-groesste-aller-krisen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91893","title":{"rendered":"Lateinamerika und die gr\u00f6\u00dfte aller Krisen"},"content":{"rendered":"<p>Es ist die gr&ouml;&szlig;te Gefahr, mit der die Menschheit konfrontiert ist und niemand kann ihr entfliehen, obwohl viele das nicht verstehen. Sie nimmt nach und nach zu und deshalb bleibt sie f&uuml;r die Mehrheiten, die sich verst&auml;ndlicherweise um dringende Probleme wie ihren Lohn oder ihre Sicherheit k&uuml;mmern m&uuml;ssen, weitgehend unbemerkt. Und die Eliten gehen diese Gefahr nicht an, weil sie davon besessen sind, ihre Privilegien und ihre Macht zu verteidigen. Jedes Jahr verschlimmert sich die Situation, denn die Ma&szlig;nahmen, die bis jetzt ergriffen wurden, sind nicht wirksam genug gewesen, um die Verschlimmerung aufzuhalten. Diese Gefahr betrifft alle, in jedem Winkel des Planeten, ohne dass irgend jemand vor ihr sicher w&auml;re. Von <strong>Eduardo Gudynas<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie &ouml;kologische Krise ist derartig schwerwiegend, dass viele Experten der Auffassung sind, dass der Fortbestand der Menschheit &ndash; so wie wir sie kennen &ndash; in Gefahr ist. Die Umweltsch&auml;den haben unmittelbare Auswirkungen auf die Produktion und die Vermarktungsketten bei Lebensmitteln, auf den Zugang zu und die Versorgung mit Trinkwasser, auf die Gewinnung und Nutzung von Kohlenwasserstoffen und auf viele andere Bereiche.<\/p><p>Die andere Seite dieser &ouml;kologischen Dimension ist immer die &ouml;konomische und deshalb umfasst sie alle Arten von Interessen und Machtspielen.<\/p><p>Alle lateinamerikanischen L&auml;nder sind in diese Situation verstrickt, seien es Giganten wie Mexiko oder Brasilien oder die kleinen mittelamerikanischen oder Karibiknationen. Jeder tr&auml;gt Verantwortung, zu dieser Verschlimmerung beizutragen, seien es wenige Treibhausgase oder enorme Fl&auml;chen abgeholzter W&auml;lder. Gleichzeitig werden alle unter den Folgen leiden, denn ein &ouml;kologischer Zusammenbruch wird sie hart treffen.<\/p><p>Die Alltagspolitik, die Formen staatlicher Verwaltung und ein gro&szlig;er Teil der Diskussionen &uuml;ber den Kurs eines jeden Landes haben enorme Probleme, mit dieser Situation umzugehen. Der gr&ouml;&szlig;te Teil der politischen Akteure begreift nicht, dass die Umweltprobleme die wirtschaftlichen Optionen der unmittelbaren Zukunft bestimmen werden. Oftmals glaubt man, dass das eigene Land anders sei und dass Katastrophen wie der Klimawandel ausschlie&szlig;lich eine Sache der Europ&auml;er und Nordamerikaner w&auml;ren oder dass der Verlust der Biodiversit&auml;t nur in den Amazonasw&auml;ldern vorkommt. Es gibt ein Gef&uuml;hl, eine dumme Illusion von einer lateinamerikanischen Sonderstellung, die es erlauben w&uuml;rde, den weltweiten &ouml;kologische Ver&auml;nderungen auszuweichen.<\/p><p>Aus all diesen Gr&uuml;nden wird eine Politik praktiziert, wie sie dem vergangenen Jahrhundert eigen war.<\/p><p>Die Realit&auml;t ist ganz anders. Es gibt kein Entkommen vor der &ouml;kologischen Krise und ebenso wenig vor den globale Katastrophen. Hinzu kommen unsere eigenen kontinentalen und schlie&szlig;lich noch die nationalen Probleme. Wir haben es zu tun mit einer verflochtenen Krise, die sich auf verschiedenen Ebenen abspielt: global, kontinental und lokal. Gleichzeitig laufen miteinander verbundene Prozesse ab, in denen eine &ouml;kologische Katastrophe ernste R&uuml;ckwirkungen und Auswirkungen in anderen Dimensionen hat, wobei die &ouml;konomischen und politischen dabei die unmittelbarsten sind.<\/p><p><strong>Die Grenzen des Planeten<\/strong><\/p><p>Um uns die Situation, der wir gegen&uuml;berstehen, klar zu machen, ist es n&uuml;tzlich, auf das Bild der globalen Schwellen- bzw. Grenzwerte zur&uuml;ckzugreifen, unter denen unser Leben &uuml;berhaupt m&ouml;glich ist. Umgekehrt: werden diese Grenzwerte &uuml;ber- bzw. unterschritten, werden die negativen Auswirkungen ausgel&ouml;st; einige davon wird man ausgleichen k&ouml;nnen, aber wenn die Entwicklung weiter so voranschreitet, werden auch diese Optionen verloren gehen.<\/p><p>In den letzten Jahren ist an neun f&uuml;r das &ouml;kologische Funktionieren des Planeten wichtigen Dimensionen gearbeitet worden : Klimawandel, Verschlechterung der Ozonschicht, Aussto&szlig; von Aerosolen in den Himmel, Artenverlust von Flora und Fauna, Ver&auml;nderung in den biochemischen Zyklen und bei der Bodennutzung, die Verf&uuml;gbarkeit von S&uuml;&szlig;wasser, &Uuml;bers&auml;uerung der Ozeane und die Vergiftung mit Chemikalien, Plastik und vielen anderen vom Menschen geschaffenen Stoffen.<\/p><p>Das bekannteste Thema ist wahrscheinlich der Klimawandel, hervorgerufen durch den Aussto&szlig; der sogenannten Treibhausgase, die bei der Verbrennung von Erd&ouml;l oder Kohle entstehen. Die Folge dessen ist das schrittweise Ansteigen der Durchschnittstemperatur auf der Erde, und wenn der Grenzwert &uuml;berschritten wird, kommt es zu allen m&ouml;glichen St&ouml;rungen wie &uuml;berm&auml;&szlig;ige Regenf&auml;lle an einem Ort und D&uuml;rren anderenorts; Wellen extremer Hitze oder harten K&auml;lteperioden.<\/p><p>Es ist nicht m&ouml;glich, bei einem spezifischen Ereignis &ndash; sei es ein Wasserdefizit an einem Ort oder eine &Uuml;berflutung an einem anderen &ndash; konkret auszumachen, ob es wirklich dem Klimawandel und nicht irgendwelchen anderen Umst&auml;nden geschuldet ist.<\/p><p>Aber es ist durchaus m&ouml;glich, der Argumentation zu folgen, dass unter den Bedingungen des Klimawandels sich die Wahrscheinlichkeit f&uuml;r derartige St&ouml;rungen erh&ouml;ht und diese sich &ouml;fter wiederholen; das ist genau das, was gegenw&auml;rtig in ganz Lateinamerika geschieht. Die Folgen sind unmittelbar und betreffen zum Beispiel die Landwirtschaft mit dem R&uuml;ckgang der Produktivit&auml;t, verlorenen Ernten und der Notwendigkeit finanzieller Hilfen; oder sie betreffen die St&auml;dte, wenn der Zugang zu Trinkwasser beeintr&auml;chtigt ist. All das hat wiederum wirtschaftliche und politische Auswirkungen.<\/p><p>Die wissenschaftliche Gemeinschaft hat ein ums andere Mal gewarnt, dass die durchschnittliche Temperatur auf der Erde nicht um mehr als 1,5 Grad ansteigen darf, um uns innerhalb des gewohnten klimatischen Rahmens zu halten. Auch sei das Erreichen des Ziels der Klimaneutralit&auml;t (Null Netto-Emission) bis zum Jahr 2050 nicht gesichert. Hier liegt die Schwelle f&uuml;r diesen Bereich und um diesen Grenzwert nicht zu &uuml;berschreiten, m&uuml;ssen die L&auml;nder ihre Emissionen von Treibhausgasen drastisch reduzieren, unter anderem durch Moratorien f&uuml;r die Erschlie&szlig;ung neuer Kohle- oder Erd&ouml;llagerst&auml;tten oder den Stopp der Abholzung. Fast alle Regierungen haben verschiedene Verpflichtungen in diesem Sinne &uuml;bernommen &ndash; einschlie&szlig;lich des Pariser Klimaabkommens, und alle nahmen am Weltklimagipfel in &Auml;gypten (COP27) teil, um ihre Versprechen zu wiederholen.<\/p><p>Aber wie das Umweltprogramm der Vereinten Nationen gerade erst bekannt gegeben hat, sind sowohl diese Versprechungen als auch die tats&auml;chlichen Reduzierungen jedes Landes unzureichend. Alles deutet darauf hin, dass es bis zum Jahr 2030 nicht zu einer Reduzierung der &uuml;ber Schornsteine und Abgasanlagen freigesetzten Gase kommt, sondern diese Mengen im Vergleich zu den Volumina aus der Zeit vor der Corona-Pandemie 2019 (als die 55 Millionen Tonnen CO2 weit &uuml;berschritten wurden) ansteigen werden.<\/p><p>Wir werden sogar bei einem Temperaturanstieg um 2,8 Grad landen, was das Abschmelzen enormer Polarmassen und den Anstieg der Meeresspiegel um mehr als zehn Zentimeter bedeutet, etwa 1,7 Milliarden Menschen werden an extremen Hitzewellen, 61 Millionen an D&uuml;rren leiden und es kommt zu massiven Verlusten bei der Artenvielfalt. Viele Regionen werden zu W&uuml;sten und die landwirtschaftlichen Nutzfl&auml;chen und damit die weltweite Versorgung mit Nahrungsmitteln werden sich gravierend ver&auml;ndern.<\/p><p><strong>Ein kranker Planet<\/strong><\/p><p>Wenn man die anderen globalen Grenzwerte betrachtet, deutet alles darauf hin, dass schon sechs der neun Belastungsgrenzen der Erde verletzt worden sind. Tats&auml;chlich kommen zum Klimawandel noch der Verlust an Vielfalt bei lebender Arten, die St&ouml;rungen in den biochemischen Abl&auml;ufen (mit Schwerpunkt auf dem, was mit Phosphor und Nitraten passiert), die Ver&auml;nderungen beim S&uuml;&szlig;wasser (aus Niederschl&auml;gen, die den Boden durchfeuchten und dann wieder verdunsten), die Ver&auml;nderungen bei der Nutzung der Landfl&auml;chen (durch Ma&szlig;nahmen zur Schaffung von Wohnraum, Infrastruktur und Anlagen) und eine Flut von synthetisierten, in der Natur nicht vorkommenden Substanzen hinzu. Der einzige Erfolg war bisher die Abwendung der Zerst&ouml;rung der Ozonschicht.<\/p><p>Der Verlust an Biodiversit&auml;t ist alarmierend. Etwa 77 Prozent der Erdoberfl&auml;che und 87 Prozent der Ozeane sind durch den Menschen ver&auml;ndert worden, was dazu f&uuml;hrte, dass 83 Prozent der Biomasse bei S&auml;ugetieren und die H&auml;lfte der urspr&uuml;nglichen Vegetation verloren ging. Die Auswirkungen auf Flora und Fauna waren brutal. Man nimmt an, dass eine Million Arten vom Aussterben bedroht sind: ein Viertel der S&auml;ugetierarten und 41 Prozent der Amphibien. Wildnisgebiete wurden abgeholzt, umgewandelt f&uuml;r die Viehzucht oder Landwirtschaft oder durch St&auml;dte ersetzt.<\/p><p>Gleichzeitig h&auml;ufen sich immer mehr neue chemische und Plastik-Produkte an, die vom Menschen synthetisch hergestellt wurden und nicht in der Natur vorkommen. J&auml;hrlich werden 400 Millionen Tonnen Plastik produziert, werden 300 bis 400 Millionen Tonnen Schwermetalle, L&ouml;sungsmittel und andere Industrieabf&auml;lle in die Gew&auml;sser gekippt; die D&uuml;ngemittelnebenprodukte verschmutzen Fl&uuml;sse, Lagunen und K&uuml;sten. Die in winzige Partikel umgewandelten Kunststoffabf&auml;lle gelangen in die Luft, den Boden und das Wasser.  Man sch&auml;tzt, dass jeder Mensch t&auml;glich mehr als 100.000 von diesen Partikeln indirekt aufnimmt, und sie sind auch schon in unserem Blut gefunden worden. Dasselbe passiert mit anderen Substanzen wie dem sehr bekannten Pflanzengift Glyphosat, das als solches oder in seinen Derivaten in Lebensmitteln, Muttermilch, Bier oder auch Tampons gefunden wurde.<\/p><p>Man sch&auml;tzt, dass alle Schwellenwerte bis 2030 verletzt werden. Alles deutet darauf hin, dass die &Uuml;berschreitung des Grenzwertes f&uuml;r den S&auml;uregehalt der Ozeane kurz bevorsteht, was eine Katastrophe f&uuml;r das maritime Leben ausl&ouml;sen w&uuml;rde, mit dem Verschwinden des gr&ouml;&szlig;ten Teils der Korallenriffe.<\/p><p>Man sollte sich sehr klar machen und verstehen, dass diese Umweltkatastrophe keinen Kollaps von einem Tag auf den anderen bedeutet, sondern dass unsere Kinder und Enkel einer anderen Welt gegen&uuml;berstehen werden, unter anderen Umweltbedingungen, die f&uuml;r den gr&ouml;&szlig;ten Teil der Menschheit Risiken und Einschr&auml;nkungen in solch grundlegenden Dingen wie dem Zugang zu Lebensmitteln und Wasser mit sich bringen.<\/p><p><strong>Verflechtungen<\/strong><\/p><p>Die Grenzen zwischen den L&auml;ndern verschwimmen; das was in einer weit entfernten Region der Erde passiert, betrifft letztlich auch uns. Das ist augenscheinlich beim Klimawandel, denn die von China und den USA &ndash; den beiden Hauptverantwortlichen f&uuml;r den Treibhauseffekt &ndash; ausgesto&szlig;enen Gase f&uuml;hren zu Ver&auml;nderungen, die andere L&auml;nder schwer treffen, von den k&uuml;rzlichen verheerenden &Uuml;berschwemmungen in Pakistan bis zur D&uuml;rre in Brasilien.<\/p><p>Die Dynamiken der Naturzerst&ouml;rung zur Gewinnung von Rohstoffen sind auch global. China ist heute der gr&ouml;&szlig;te Importeur von Rohstoffen aus ganz Lateinamerika. Die globale Nachfrage und die chinesische Vermittlung haben die F&ouml;rdermenge im Bergbau und beim Erd&ouml;l sowie die Landwirtschaftsproduktion in Lateinamerika vervielfacht, um sie nach China und andere asiatische L&auml;nder zu exportieren. W&auml;hrend in den 1960er-Jahren ungef&auml;hr 156 Millionen Tonnen an Bodensch&auml;tzen nach Westeuropa und Nordamerika exportiert wurden, kauften China und seine Nachbarn im Jahr 2016 bereits 527 Millionen Tonnen, und 157 Millionen Tonnen wurden in den industrialisierten Norden verkauft. Es hat sich nicht nur die F&ouml;rderung von Ressourcen an sich vervielfacht, sondern China steht auch f&uuml;r das Dreifache der Menge, die insgesamt nach Westeuropa und Nordamerika exportiert wird.<\/p><p>Wir befinden uns in einer ganz anderen Welt als der, die sich die alte Politik vorgestellt hat, jene, die die USA oder die europ&auml;ischen M&auml;chte kritisierte. Was in Br&uuml;ssel oder Washington entschieden wird, ist weiterhin wichtig, aber noch wichtiger sind die Beschl&uuml;sse des j&uuml;ngsten Parteitages der Kommunistischen Partei Chinas. Wir sehen uns ungleichen Beziehungen gegen&uuml;ber &ndash; sowohl im &Ouml;konomischen als auch im &Ouml;kologischen. Wir exportieren Rohstoffe &ndash; in einigen L&auml;ndern sind das Bodensch&auml;tze und in anderen Lebensmittel aus der Landwirtschaft &ndash; vergleichsweise billig, weil die Lateinamerikaner die wirtschaftlichen, sozialen und &ouml;kologischen Kosten f&uuml;r die Verschlechterung tragen, die dies in jedem Land produziert. Das Beharren von Regierungen auf Freihandelsabkommen, insbesondere mit China und anderen asiatischen L&auml;ndern, werden diese &ouml;konomischen und &ouml;kologischen Asymmetrien nicht umkehren sondern sie noch weiter verst&auml;rken.<\/p><p>Auf kontinentaler Ebene hat die Politik einer Regierung direkte Auswirkungen auf die Nachbarl&auml;nder. Die Abholzung des Amazonaswaldes, die Jair Bolsonaro w&auml;hrend seiner Pr&auml;sidentschaft in Brasilien bef&ouml;rderte, zerst&ouml;rt nicht nur eines der wertvollsten Reservoirs an Artenvielfalt auf der Erde, sondern ver&auml;ndert auch die hydrologischen Abl&auml;ufe und die Klimadynamik in S&uuml;damerika. Etwas &Auml;hnliches geschieht auch durch die Unf&auml;higkeit der Regierung in Bolivien, Br&auml;nde oder Abholzungen in den dortigen W&auml;ldern zu verhindern.<\/p><p>Das wirkt sich letztlich auf alle L&auml;nder im Einzugsgebiet des Rio de la Plata aus, m&ouml;glicherweise durch die Ver&auml;nderung der Niederschl&auml;ge, und diese Auswirkungen dehnen sich noch weiter gen S&uuml;den aus. Zugleich leiten alle L&auml;nder in diesem riesigen Einzugsgebiet &ndash; dem zweitgr&ouml;&szlig;ten in Lateinamerika &ndash; verschiedenartigste Giftstoffe, von Agrochemikalien &uuml;ber Bergbauabf&auml;lle bis hin zu den Abw&auml;ssern aus den Kloaken der gro&szlig;en St&auml;dte in ihre Fl&uuml;sse ein und gef&auml;hrden so die M&uuml;ndungsgew&auml;sser des R&iacute;o de la Plata.<\/p><p>Man kann der Geographie nicht entfliehen und die konventionelle Politik versteht das immer noch nicht. Wir sind mit einer Krise konfrontiert, in der die politischen Grenzen nicht existieren und diese Besonderheit weiterhin zu ignorieren, verschleiert nur das mangelnde Interesse an einer L&ouml;sung zur Bew&auml;ltigung der Krise.<\/p><p><strong>Zivilisatorischer Kollaps<\/strong><\/p><p>Die &ouml;kologische Krise wird uns nach Auffassung der Vereinten Nationen in einen Kollaps der Zivilisation f&uuml;hren. Das ist kein &uuml;bertriebener Alarmismus, denn diese Warnung wird aus anderen Bereichen und Perspektiven wiederholt. Es ist so, dass die St&ouml;rungen in wesentlichen Prozessen und Abl&auml;ufen wie der Versorgung mit Nahrungsmitteln oder Trinkwasser soziale Proteste entfesseln werden, Migrationswellen und m&ouml;glicherweise Zusammenst&ouml;&szlig;e zwischen L&auml;ndern. Das erkl&auml;rt den harten Kampf, der in den Reihen der unternehmerischen politischen Eliten im Gang ist. Dabei stehen sich diejenigen, die die konventionellen kapitalistischen Strategien beibehalten wollen, und jene gegen&uuml;ber, die versuchen, diese Strategien zu reformieren, um genau diesen Kollaps zu vermeiden.<\/p><p>Ein Beispiel sind die Aufrufe seitens des Wirtschaftsforums von Davos zu einem &ldquo;Neubeginn&rdquo; oder &ldquo;reset&rdquo; des Kapitalismus, die Eingriffe des Staates in die M&auml;rkte ebenso verteidigen wie den ernsthaften Kampf gegen den Klimawandel, die Streichung der Subventionen f&uuml;r die Kohlenstoffe oder die Auferlegung h&ouml;herer Steuern f&uuml;r die Reichsten. Sie tun das nicht aus Solidarit&auml;t: die Protagonisten begreifen, dass es mit den konventionellen Praktiken zu sozialen Verwerfungen kommen wird, die nicht nur ihre Gesch&auml;fte sondern auch ihr eigenes &Uuml;berleben unm&ouml;glich machen werden.<\/p><p>Die Linken hingegen schaffen es noch nicht, substantielle Alternativen zu entwickeln, weshalb sie in den Debatten &uuml;ber verschiedene Varianten des Kapitalismus stecken bleiben.<\/p><p>Im Unterschied dazu werden besonders in S&uuml;damerika M&ouml;glichkeiten des Wandels postuliert und erprobt, zusammengefasst unter dem Begriff Buen Vivir (Gutes, w&uuml;rdiges Leben), die darauf abzielen, die Verbindung zur Natur wiederherzustellen und dabei die Lebensqualit&auml;t f&uuml;r die Menschen zu sichern. Im globalen Norden gibt es nichts Vergleichbares. Die Aufgabe unserer lateinamerikanischen Politik besteht darin, diese Diskussionen aufzunehmen, den Blick mehr auf unseren Kontinent und auf unser angestammtes Gebiet zu richten<\/p><p>Unter dieser Sichtweise sammeln sich viele andere Alternativen, einige lokal und begrenzt, die es erm&ouml;glichen, unser &ouml;kologisches Erbe zu bewahren und gleichzeitig die Lebensqualit&auml;t zu sichern. Einige werden seit langem praktiziert, sie sind kraftvoll und haben ein gro&szlig;es Potential. Das gilt etwa f&uuml;r die organische Landwirtschaft (Anbau und Viehzucht), denn sie h&auml;ngt nicht von Agrochemikalien ab, h&auml;lt die Plagen biologisch unter Kontrolle, regeneriert die B&ouml;den, erfordert mehr Arbeitskraft und liefert ges&uuml;ndere Lebensmittel.<\/p><p>Es sind Optionen, die ihrerseits wirtschaftlich tragf&auml;hig sind und in bestimmten F&auml;llen erhebliche Exportstr&ouml;me erm&ouml;glichen. Diese und andere Beispiele zeigen, das es nicht an machbaren Alternativen mangelt, sondern dass wir im Gegenteil von diesen umringt sind. Aber in fast allen F&auml;llen werden sie von der konventionellen &ldquo;Entwicklungspolitik&rdquo; (desarrollismo) negiert oder bek&auml;mpft.<\/p><p>Gleichzeitig ist klar, dass die notwendigen Ver&auml;nderungen zur Heilung der Erde nicht nur &uuml;ber neue Technologien oder andere Ans&auml;tze in der Entwicklungspolitik f&uuml;hren, sondern &uuml;ber die Wiedererlangung anderer Sensibilit&auml;ten und Verantwortlichkeiten. In diesem Bestreben hat Lateinamerika ebenfalls Neuerungen zu bieten wie die Anerkennung der Rechte der Natur, die auf unterschiedliche Art und Weise schon in Ecuador und Kolumbien angenommen worden sind, und die Antworten geben auf Ver&auml;nderungen in der Ethik und der Gef&uuml;hlswelt: Es geht darum, zu verstehen, dass die Umwelt und das Leben nicht wirtschaftlichen Interessen untergeordnet werden k&ouml;nnen und dass es um Gerechtigkeit sowohl zwischen Menschen als auch mit der Natur geht.<\/p><p>&Uuml;bersetzung: Camilla Seidelbach, <a href=\"https:\/\/amerika21.de\/analyse\/261662\/lateinamerika-oekologische-krise\">Amerika21<\/a><\/p><p>Titelbild: shutterstock \/ NicoElNino<\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<p><strong>Mehr zum Thema:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=89479\">Stimmen aus Lateinamerika: Der unsichtbare S&uuml;den<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91271\">&bdquo;Zeitenwende&ldquo; auf lateinamerikanisch? &ndash; Lateinamerika und der Krieg in der Ukraine<\/a><\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/a020ccfebde541a6aae36a520c806434\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist die gr&ouml;&szlig;te Gefahr, mit der die Menschheit konfrontiert ist und niemand kann ihr entfliehen, obwohl viele das nicht verstehen. 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