{"id":919,"date":"2005-10-30T12:51:15","date_gmt":"2005-10-30T10:51:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=919"},"modified":"2016-03-01T11:08:03","modified_gmt":"2016-03-01T10:08:03","slug":"tagebucheintrag-zum-ende-der-woche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=919","title":{"rendered":"Tagebucheintrag zum Ende der Woche"},"content":{"rendered":"<p>Lichtblicke muss man im politischen Geschehen nach wie vor mit der Lupe suchen. Was mir bei den Koalitionsverhandlungen und dar&uuml;ber hinaus auffiel:<br>\n<!--more--><\/p><ol>\n<li>Hoffnungsvoll vernehmen wir ein St&uuml;ckchen Einsicht: die SPD will (wenn auch vielleicht zur falschen Zeit) den Spitzensteuersatz erh&ouml;hen, den sie unter kr&auml;ftiger Mithilfe der Opposition auf 42% abgesenkt hat. Immerhin.<\/li>\n<li>Aber sie wollen gemeinsam gleichzeitig immer noch realisieren, was beim so genannten Job-Gipfel vom 17. M&auml;rz beschlossen wurde: die Absenkung der Unternehmensteuers&auml;tze. Was soll das bringen? Bei uns sind in der letzten Jahren die Steuern f&uuml;r Unternehmen und f&uuml;r Spitzeneinkommen permanent gesenkt worden; der versprochene Erfolg blieb aus. Zur Erinnerung: die Verm&ouml;gensteuer ist gestrichen worden, die Gewerbekapitalsteuer ist gestrichen worden, die K&ouml;rperschaftsteuer ist gewaltig reduziert worden, die Gewinne beim Verkauf von Unternehmensteilen sind von der Steuer befreit worden, der Spitzensteuersatz ist abgesenkt worden, Deutschland hat trotz Wiedervereinigung eine der niedrigsten Steuerquoten. Wo sind die von den Neoliberalen versprochenen Erfolge nach dem Motto &bdquo;Steuern runter und dann geht&rsquo;s los&ldquo; geblieben?<\/li>\n<li>Jetzt sind nicht nur 2% Mehrwertsteuererh&ouml;hung sondern, wenn auch stufenweise, 4% im Gespr&auml;ch. Dazu kann ich nur auf den Eintrag im kritischen Tagebuch vom 8.5.2005 erinnern. Dieser beginnt so: &bdquo;Mehrwertsteuererh&ouml;hung? &hellip; Jeden Tag werden wir Zeuge der Inkompetenz unserer Eliten. Das Letzte: die Erw&auml;gung, die Mehrwertsteuer zu erh&ouml;hen und damit das weiter steigende Staatsdefizit zu refinanzieren. Die Mehrwertsteuererh&ouml;hung ist aus mehreren, im folgenden zu erl&auml;uternden Gr&uuml;nden, das falsche Rezept. Was &uuml;berhaupt nicht beachtet wird: Es w&auml;re eine weitere Privilegierung der Exportwirtschaft zu Lasten der Binnenwirtschaft. Das Gegenteil w&auml;re notwendig.&ldquo; Dieser Aspekt wird nicht gesehen. Er ist &auml;hnlich wichtig, wie die Tatsache, dass eine Mehrwertsteuererh&ouml;hung die Massenkaufkraft trifft (und reduziert) und so das Gegenteil dessen ist, was wir zur Zeit brauchen.<\/li>\n<li>Die Erh&ouml;hung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre soll in der Koalition m&ouml;glicherweise vereinbart werden. Verstehen Sie das? Heute arbeiten wir im Schnitt bis zum 61. Lebensjahr. Das ist die faktische Altersgrenze, nicht die nominelle. Da w&auml;re es doch logisch, zun&auml;chst zu versuchen, die tats&auml;chliche Altersgrenze an die nominelle heranzur&uuml;cken. Warum will man jetzt die betroffenen Menschen beunruhigen? Der Hintergrund wird &ndash; vermutlich ohne zu wollen &ndash; in einem Kommentar von Michael Bergius in der Frankfurter Rundschau vom 29.10. sichtbar. Dort hei&szlig;t es, aufgrund dieser &bdquo;Neuen Redlichkeit&ldquo; werde klar, &bdquo;dass etwa im Jahre 2035 auf eine Rente ohne Abschl&auml;ge nur diejenigen hoffen k&ouml;nnen, die bis 67 im Job waren&ldquo;. Das zielt auf die heute jungen Menschen. Sie werden &bdquo;sich st&auml;rker privat f&uuml;rs Alter absichern &hellip; m&uuml;ssen&ldquo;. Es ist nichts weiter als ein neuer Schachzug zur Propaganda f&uuml;r die Privatvorsorge. Interessant ist, dass auch ein Medium wie die Frankfurter Rundschau dieses Spiel mit betreibt. &ndash; Auch in dem erw&auml;hnten Kommentar werden die &uuml;blichen Argumentationsmuster eingef&uuml;hrt: wir w&uuml;rden immer &auml;lter, damit funktioniere das Umlagesystem nicht mehr richtig, die klassischen Erwerbsbiografien w&uuml;rden immer seltener und so weiter. Aber nirgendwo wird erl&auml;utert, erstens wie begr&uuml;ndet diese Behauptungen und die daraus abgeleiteten Belastungen sind, und zweitens wieso das Kapitaldeckungsverfahren mit diesen angeblichen Ver&auml;nderungen besser fertig werden soll als das Umlageverfahren.<\/li>\n<li>Roland Koch, der hessische Ministerpr&auml;sident, leistete seinen besonderen Beitrag zum roten Faden der Koalitionsverhandlungen. Jetzt sei &ldquo;Heulen und Z&auml;hneklappern&ldquo; angesagt, meinte er im Blick auf den Bundeshaushalt. Wie ein verantwortlicher Politiker angesichts der Notwendigkeit, den Arbeitnehmern, den Konsumenten und den Unternehmern endlich wieder Mut zu machen, eine solche drohende Sprache f&uuml;hren kann, das ist nicht zu begreifen und zeugt von unvorstellbarer Ignoranz. Vermutlich ist es ein Tribut an die Medien und die Wirtschaft, die solches h&ouml;ren wollen. Das macht das Ganze nicht ertr&auml;glicher. Immer noch warte ich bei diesen Koalitionsverhandlungen und der kommenden Regierung darauf, endlich unsere &Ouml;konomie anzuschieben und die Signale daf&uuml;r zusetzen. Mit Heulen und Z&auml;hneklappern wird man weder den Aufschwung schaffen noch wirklich sparen k&ouml;nnen. Alle erfolgreichen Konsolidierungen in anderen L&auml;ndern waren begleitet davon, dass man zun&auml;chst eine h&ouml;here Verschuldung hingenommen hat. Gro&szlig;britannien hat seinen Aufschwung nach 1992 mit einer Nettoneuverschuldung von 8% gemessen am Bruttoinlandsprodukt geschafft, die USA und Schweden ebenfalls mit einer weit &uuml;ber dem Maastricht-Kriterium liegenden Neuverschuldung. &ndash; Aber die Berliner Koalition&auml;re glauben immer noch daran, man k&ouml;nne volkswirtschaftlich sparen, wenn man sparen will. Aber volkswirtschaftlich betrachtet ist Sparabsicht nicht gleich Sparerfolg, weil sparen in einer wirtschaftlichen Krise die Krise versch&auml;rft und den Sparerfolg zunichte macht. Betriebswirtschaftliches Denken beherrscht unsere politische Szene. Das ist ein gro&szlig;es Problem. Man kann das nicht h&auml;ufig genug sagen und schreiben, weil ein Gro&szlig;teil unserer meinungsf&uuml;hrenden Eliten genau dem gleichen Denkfehler erliegen wie die Politik.<\/li>\n<li>Zu diesen Anmerkungen passt sehr gut ein <a href=\"http:\/\/www.ftd.de\/me\/cl\/28103.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.ftd.de\/me\/cl\/28103.html\">Kommentar von Thomas Fricke in Financial Times Deutschland vom 28.10.2005<\/a>. Der Vortext des Beitrags: Rabiates Etatsanieren kann zu Wirtschaftswachstum f&uuml;hren &ndash; allerdings nur unter Bedingungen, die Deutschland derzeit &uuml;berhaupt nicht erf&uuml;llt. Bei aller Ungeduld: Hier droht das n&auml;chste Desaster.<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lichtblicke muss man im politischen Geschehen nach wie vor mit der Lupe suchen. 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