{"id":92,"date":"2004-08-26T15:51:13","date_gmt":"2004-08-26T13:51:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=92"},"modified":"2016-03-26T15:47:39","modified_gmt":"2016-03-26T14:47:39","slug":"die-reformluge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=92","title":{"rendered":"&#8220;Die Reforml\u00fcge&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>Albrecht M&uuml;ller, &ldquo;Die Reforml&uuml;ge &ndash; 40 Denkfehler, Mythen und Legenden, mit denen Politik und Wirtschaft Deutschland ruinieren&rdquo;.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Einige kurze Information zu meinem neuen Buch:<\/strong><br>\nEs ist bei Droemer in M&uuml;nchen erschienen.<br>\n416 Seiten. &euro; 19.90. Erstverkaufstag: 24.8.2004 &ndash; ISBN 3-426-27344-6<br>\nBuchvorstellung am 30.8. mit Horst Seehofer und Wibke Bruhns <\/p><p><strong>Zum Inhalt und Charakter des Buches:<\/strong><br>\nDas Buch widerspricht der Hauptthese der &ouml;ffentlichen Debatte um Reformen und der immer wieder verbreiteten Hoffnung, mit der Aufl&ouml;sung des sogenannten Reformstaus und mit Strukturreformen k&ouml;nne die wirtschaftliche Belebung und der wirtschaftliche Wiederaufstieg unseres Landes erreicht werden. Der Autor h&auml;lt dies f&uuml;r eine fixe Idee, der die Mehrheit unserer Eliten und der Mainstream der Meinungsf&uuml;hrer in Politik, Wirtschaft, Medien und Wissenschaft inzwischen verfallen sind. Es wird gezeigt, dass hinter diesem gelungenen Brainwashing einzelne Interessen stecken, dass die Durchsetzung dieser Interessen aber nur m&ouml;glich war und ist, weil wir insgesamt einer F&uuml;lle von Denkfehlern, Mythen und Legenden aufsitzen.<br>\nIm Kern des Buches werden 40 dieser Denkfehler, Mythen und Legenden analysiert. Sie bestimmen den Alltag unserer &ouml;ffentlichen Debatte.<br>\nAnders als die vielen B&uuml;cher, die in den letzten Monaten zum gleichen Thema erschienen sind1, ist dieses Buch nicht auf dramatisierende Schwarzmalerei angewiesen. Es ist konstruktiv und optimistisch. Es widerlegt zum Beispiel die Untergangsvorstellungen zur demographischen Entwicklung, zu den Wachstumschancen, zur mangelnden Wettbewerbsf&auml;higkeit, zur angeblichen Erosion des Normalarbeitsverh&auml;ltnisses u.a.m und beschreibt die Sozialstaatlichkeit als eine moderne und erhaltenswerte Regel unseres Zusammenlebens. <\/p><p><strong>Der rote Faden: <\/strong><br>\n&raquo;Und wenn alle anderen die von der Partei verbreitete L&uuml;ge glaubten &ndash; wenn alle Aufzeichnungen gleich lauteten &ndash;, dann ging die L&uuml;ge in die Geschichte ein und wurde Wahrheit.&laquo; George Orwell, 1984 <\/p><p><strong>Der Spruch zum Buch:<\/strong><br>\n&raquo;W&auml;re es nicht an der Zeit, nach f&uuml;nfzig erfolgreichen Jahren Bundesrepublik die Strukturen neu zu entwerfen?&laquo;<br>\nJosef Ackermann, Vorstandssprecher der Deutschen Bank <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Die Liste der 40 analysierten Denkfehler, Mythen und Legenden <\/strong><\/p><p><strong>A. Vier Mythen, die neuen Herausforderungen betreffend<\/strong><br>\n1.&raquo;Alles ist neu.&laquo;<br>\n2.&raquo;Die Globalisierung ist ein neues Ph&auml;nomen.&laquo;<br>\n3.&raquo;Wir brauchen die permanente Reform.&laquo;<br>\n4.&raquo;Wir leben in einer Wissensgesellschaft! Wir leben in einer Dienstleistungsgesellschaft!&laquo;<\/p><p><strong>B. Drei Mythen, die demographische Frage betreffend<\/strong><br>\n5.&raquo;Wir werden immer weniger!&laquo;<br>\n6.&raquo;Wir werden immer &auml;lter. Der Generationenvertrag tr&auml;gt nicht mehr.&laquo;<br>\n7.&raquo;Jetzt hilft nur noch private Vorsorge.&laquo;<\/p><p><strong>C. Zw&ouml;lf Mythen, die Themen Wachstum, Wettbewerbsf&auml;higkeit und Besch&auml;ftigung betreffend<\/strong><br>\n8. &raquo;Wachstum bringt es nicht.&laquo;<br>\n9.&raquo;Die Produktivit&auml;t ist zu hoch.&laquo;<br>\n10.&raquo;Die Zeiten, als man aus dem Vollen sch&ouml;pfen konnte, sind vorbei.&laquo;<br>\n11.&raquo;Wir leben &uuml;ber unsere Verh&auml;ltnisse.&laquo;<br>\n12.&raquo;Ganze Branchen brechen weg.&laquo;<br>\n13.&raquo;Wir sind nicht mehr wettbewerbsf&auml;hig.&laquo;<br>\n14.&raquo;Wachstum ist auch &ouml;kologisch nicht vertretbar.&laquo;<br>\n15.&raquo;Konjunkturprogramme sind Strohfeuer.&laquo;<br>\n16.&raquo;Wir sind national nicht mehr handlungsf&auml;hig.&laquo;<br>\n17.&raquo;Wir leben vom Export.&laquo;<br>\n18.&raquo;Inflation ist unsozial.&laquo;<br>\n19.&raquo;Steigende Aktienkurse sind gut.&laquo;<\/p><p><strong>D. Zehn Mythen, die L&ouml;hne und den Arbeitsmarkt betreffend<\/strong><br>\n20.&raquo;Wir k&ouml;nnen nur das verteilen, was wir vorher erwirtschaftet haben.&laquo;<br>\n21.&raquo;Arbeit muss billiger werden!&laquo;<br>\n22.&raquo;Die Lohnnebenkosten sind zu hoch.&laquo;<br>\n23.&raquo;Die Beitr&auml;ge f&uuml;r die Rentenversicherung d&uuml;rfen nicht &uuml;ber 20Prozent steigen.&laquo;<br>\n24.&raquo;Der Arbeitsmarkt ist zu unflexibel.&laquo;<br>\n25.&raquo;Wir m&uuml;ssen l&auml;nger arbeiten.&laquo;<br>\n26.&raquo;Wir sind ein Gewerkschaftsstaat.&laquo;<br>\n27.&raquo;Das Normalarbeitsverh&auml;ltnis &ndash; ein Auslaufmodell.&laquo;<br>\n28.&raquo;Wir brauchen mehr Selbst&auml;ndige.&laquo;<br>\n29.&raquo;Wir brauchen wieder eine Elite.&laquo;<\/p><p><strong>E. Elf Mythen, den Komplex Schulden, Staatsquote und Sozialstaat betreffend<\/strong><br>\n30.&raquo;Wir sind &uuml;berschuldet.&laquo;<br>\n31.&raquo;Wer spart, baut Schulden ab.&laquo;<br>\n32.&raquo;Mehr Eigenverantwortung, weniger Sozialstaat.&laquo;<br>\n33.&raquo;Sozial ist, was Arbeit schafft.&laquo;<br>\n34.&raquo;Leistung muss sich wieder lohnen.&laquo;<br>\n35.&raquo;Steuersenkungen schaffen Investitionen und Arbeitspl&auml;tze.&laquo;<br>\n36.&raquo;Der Staat ist zu fett geworden.&laquo;<br>\n37.&raquo;Deregulierung und Privatisierung sind angesagt.&laquo;<br>\n38.&raquo;Subventionen sind unsozial.&laquo;<br>\n39.&raquo;Wir setzen auf die Zivilgesellschaft.&laquo;<br>\n40.&raquo;Die Kosten der deutschen Einheit &ndash; ausgeblendet!&laquo;<\/p><p><strong>Das Vorwort: <\/strong><\/p><p>Dieses Buch ist in gewissem Sinn eine Auftragsarbeit. Es ist auf Anregung von Freunden geschrieben worden, die sich der herrschenden &ouml;ffentlichen Debatte gegen&uuml;ber hilflos f&uuml;hlen. Sie sind einem wahren Bombardement von Publikationen ausgesetzt &ndash; von Meinhard Miegel und Oswald Metzger, von Hans-Werner Sinn und Gabor Steingart, von Arnulf Baring und Frank Schirrmacher und vielen anderen. Immer wieder lesen und h&ouml;ren sie, wie schlecht es uns geht und dass wir Reformen brauchen. Viele meiner Freunde sind beeindruckt davon, als wie dramatisch unsere Lage geschildert wird. Zugleich sp&uuml;ren sie aber, dass daran irgend etwas nicht stimmt. Sie haben ein offenes Ohr f&uuml;r das Wort &raquo;Reform&laquo;. &raquo;Reformpolitik&laquo;, das h&ouml;rt sich gut an. Aber der &ouml;konomische Erfolg bleibt bislang aus, das Land taumelt von einer Reform zur n&auml;chsten und versinkt zusehends in Orientierungslosigkeit und Depression.<\/p><p>Diese Erfolglosigkeit ist um so bemerkenswerter als die Meinungsf&uuml;hrer im Lande nahezu einhellig dieselben Rezepte propagieren. &Ouml;konomisch nicht besonders vorgebildete Politiker, auch Intellektuelle und sogenannte Experten, Journalisten und die erw&auml;hnten Autoren verordnen dem Land tiefgreifende Strukturreformen, also den Abbau und den Umbau des Sozialstaates in einem Ton, als h&auml;tten ihre Konzepte sich l&auml;ngst als die einzig richtigen und wahren erwiesen. Dass ein Teil der Wissenschaft und ein Teil der Wirtschaftsverb&auml;nde diese Reformen f&uuml;r richtig halten, ist ihr gutes Recht. Doch geh&ouml;rt zu einer wirklichen Debatte nicht der Austausch kontr&auml;rer Meinungen? Kann es wirklich sein, dass in der Wirtschaftspolitik gilt, was es auf keinem anderen Politikfeld gibt: die eine, seligmachende Erkenntnis? Kann es wirklich sein, dass das, was so lange Jahre funktionierte, n&auml;mlich die soziale Marktwirtschaft bundesdeutscher Pr&auml;gung, von heute auf morgen obsolet ist? Machen die Vorschl&auml;ge zur Erneuerung unseres Gesellschaftssystems wirtschaftlich &uuml;berhaupt Sinn? Und wie kann der &raquo;normale B&uuml;rger&laquo;, der nicht &Ouml;konomie studiert hat, nachpr&uuml;fen, ob die Argumente, die in der Debatte verwendet werden, auch wirklich stimmen? <\/p><p>Alternativen werden kaum angeboten, es sei denn, man studiert auch kleinere Publikationen, die abseits des Mainstreams liegen. Hier setzt mein Buch an. Es soll all jenen Fakten und Argumentationshilfen geben, die das Gef&uuml;hl haben, dass die eingeschlagene Linie nicht stimmen kann, und die nicht Spielball derer sein wollen, die in der &Ouml;ffentlichkeit das gro&szlig;e Wort f&uuml;hren. Nicht nur sogenannte Linke oder Gewerkschafter oder sozial Engagierte, auch Konservative und rational denkende Unternehmer tun sich mit dem niedrigen Niveau und der Einseitigkeit der &ouml;ffentlichen Debatte schwer. F&uuml;r sie ist dieses Buch. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>Die g&auml;ngige Reformpolitik leidet nicht nur unter einem Defizit an Gerechtigkeit. Genauso schlimm ist ihre Unwirksamkeit. In Deutschland wird seit gut zwanzig Jahren auf neoliberale Weise reformiert. Ohne nachhaltigen Erfolg. Die wirtschaftliche Lage wurde immer kritischer. Dass die neoliberale Bewegung dennoch die Herrschaft &uuml;ber das Denken erreicht und behalten hat, ist eine strategische Meisterleistung. Wer verstehen will, warum bei uns partei&uuml;bergreifend Reformen gefordert und gemacht werden, die nichts bringen, muss diese Strategien durchschauen lernen. Darum analysiere ich auch die Methoden und Hintergr&uuml;nde dieser gekonnten Meinungspr&auml;gung.<\/p><p>Seit Beginn meiner beruflichen T&auml;tigkeit als junger National&ouml;konom an der M&uuml;nchner Universit&auml;t und dann sp&auml;ter als Mitarbeiter von Karl Schiller, Willy Brandt und Helmut Schmidt besch&auml;ftigt und fasziniert mich dieser Fragenkomplex: der Zusammenhang zwischen &ouml;ffentlicher Meinung und der Qualit&auml;t politischer Entscheidungen. Wie kommen wir zu guten, erfolgversprechenden und zukunftsweisenden politischen Entscheidungen? Welche Rolle spielen dabei die &ouml;ffentliche Meinung und die Medien? Wer pr&auml;gt die &ouml;ffentliche Meinung, und wie geschieht das? Werden wir manipuliert, und wie k&ouml;nnen wir uns gegebenenfalls dagegen wappnen? Als mich der damalige Bundeswirtschaftsminister Karl Schiller (SPD) 1968 als Ghostwriter nach Bonn holte, hatte er zusammen mit dem damaligen Finanzminister Franz-Josef Strau&szlig; (CSU) die erste Wirtschaftsrezession der Bundesrepublik gerade erfolgreich &uuml;berwunden. Mit Konjunkturprogrammen und vor allem mit Stimmungsmache. Plisch und Plum, wie Schiller und Strau&szlig; liebevoll spottend genannt wurden, hatten mit Parolen wie &raquo;Die Richtung stimmt&laquo; und &raquo;Die Pferde m&uuml;ssen wieder saufen&laquo; und mit unendlich vielen, Optimismus verbreitenden Zahlen die &ouml;ffentliche Meinung und vor allem die Unternehmer davon &uuml;berzeugt, dass es aufw&auml;rts geht. Innerhalb von zwei Jahren war die Rezession &uuml;berwunden.<\/p><p>Wer das erlebt hat oder im R&uuml;ckblick erf&auml;hrt, muss sich im Hinblick auf heute fragen: Warum machen wir&rsquo;s nicht wieder so? Was ist anders? Wie kommt es zu der fast schon hysterisch pessimistischen Stimmung, die uns heute zu schaffen macht? Woran scheitern die zaghaften Versuche der Bundesregierung, gegen Mutlosigkeit und Schwarzmalerei anzugehen? Ist die nun schon seit Anfang der neunziger Jahre w&auml;hrende Unf&auml;higkeit, die Kapazit&auml;ten unserer Volkswirtschaft voll zu nutzen und gen&uuml;gend Arbeitspl&auml;tze zu schaffen, sachlich bedingt oder ist sie eher die Folge einer irregeleiteten Meinungsbildung und Entscheidungsfindung? Willy Brandt, mit dem ich ab 1970 als sein Wahlkampfmanager und sp&auml;ter als Planungschef im Bundeskanzleramt arbeitete, war in seinen guten Zeiten ein Meister darin, die &Ouml;ffentlichkeit von der Richtigkeit einer politischen Entscheidung zu &uuml;berzeugen. Beispielsweise k&auml;mpfte er die Vers&ouml;hnung mit unseren &ouml;stlichen Nachbarn und die Anerkennung der Oder-Nei&szlig;e-Grenze auch gegen eine zun&auml;chst widerstrebende und skeptische &Ouml;ffentlichkeit durch. H&auml;tte er sich dem Mainstream angepasst, h&auml;tten wir noch lange auf das Ende der Ost-West-Konfrontation warten m&uuml;ssen. Auch zu seiner Zeit haben gro&szlig;e Interessen immer wieder versucht, &uuml;ber die Beeinflussung der &ouml;ffentlichen Meinung Einfluss auf die Politik zunehmen. Meist ist es Brandt gelungen, diese Versuche abzuwehren, beispielhaft im Wahljahr 1972. Warum ist das heute soviel anders? Warum bestimmen heute die Interessen der Topeliten so sehr die &ouml;ffentliche Debatte und damit auch weitgehend die politischen Entscheidungen?<\/p><p>Zu Willy Brandts Zeiten spielte der Begriff &raquo;Reformen&laquo; ebenfalls eine zentrale Rolle. Reformen waren damals aber in der Regel Ver&auml;nderungen zu Gunsten breiter Kreise der Bev&ouml;lkerung. Ganz anders in unserer Zeit. Heute gehen sie vor allem zu Lasten der mittleren und unteren Einkommen. Ist dieser politische und semantische Wandel sachlich bedingt?<br>\nHelmut Schmidt, f&uuml;r den ich ab 1974 als Planungschef im Bundeskanzleramt t&auml;tig war, f&uuml;hrte 1976 den Begriff &raquo;Modell Deutschland&laquo; in die &ouml;ffentliche Debatte ein. Das war eine gedankliche Klammer f&uuml;r unsere auf Dialog und Verst&auml;ndigung setzende Rolle in der Welt einerseits und die soziale Pr&auml;gung unseres Landes und seinen wirtschaftlichen Erfolg andererseits. Soziale Gerechtigkeit, soziale Sicherheit und sozialer Friede seien wichtige Bedingungen f&uuml;r das wirtschaftliche Wohlergehen, lautete einer der zentralen Gedanken. Damals war es m&ouml;glich, Mehrheiten f&uuml;r diesen Gedanken zu gewinnen. Es war auch m&ouml;glich, wenigstens gr&ouml;&szlig;ere Teile der Eliten und der Meinungsf&uuml;hrer in den Medien und in der Wissenschaft, in der Wirtschaft und im B&uuml;rgertum daf&uuml;r zu erw&auml;rmen, dass auch die Bessergestellten es besser haben in einem Land, in dem es einigerma&szlig;en gerecht zugeht.<\/p><p>Wie kommt es, dass dies heute ganz anders gesehen wird? Ist das Einsicht? Ist es das Ergebnis von Propaganda und Manipulation? Muss das &raquo;Modell Deutschland&laquo; Vergangenheit sein? Wie spielen hier Meinungsmache und Sachzwang zusammen? Welche Rolle spielen Interessen?<\/p><p>Sozialstaatlichkeit und soziale Sicherheit waren integrale Bestandteile dieses Gesellschaftsmodells. Die Mehrheit der Menschen sieht das auch heute noch so. Das Grundgesetz will es nach wie vor so. Wie kommt es, dass das Wort &raquo;Sozialstaat&laquo; bei den Meinungsf&uuml;hrern dennoch einen so schlechten Klang bekommen hat? Wie ist es m&ouml;glich, dass die &uuml;bliche Finanzierung sozialstaatlicher Leistungen &uuml;ber Beitr&auml;ge, dass die Lohnnebenkosten eine so &uuml;beraus negativ besetzte Karriere in der politischen Debatte machen konnten? Was an dieser Entwicklung ist sachlich bedingt? Was ist die Folge von &Ouml;ffentlichkeitsarbeit, von Manipulation oder sogar von &raquo;Brainwashing&laquo;?<\/p><p>Mitte der siebziger Jahre hatten wir schon einmal eine &ouml;ffentliche Diskussion um das sogenannte demographische Problem; vom &raquo;sterbenden Volk&laquo; war die Rede; einige Demographen und der Innenminister empfahlen eine Geburtenpr&auml;mie von 2000 DM. Der damalige Bundeskanzler hat anders reagiert als der heutige. Helmut Schmidt machte sich damals Sorgen um die weltweite Bev&ouml;lkerungsexplosion, er empfahl anderen Regierungen eine Politik zur Geburtenkontrolle und kritisierte den Papst, weil die katholische Kirche in ihrem Einflussbereich die notwendige Geburtenkontrolle so sehr erschwerte. In Anbetracht dieses Versuchs der deutschen Regierung, f&uuml;r Geburtenkontrolle bei anderen zu werben, hielt er es f&uuml;r unglaubw&uuml;rdig und nicht m&ouml;glich, zu Hause eine aktive Geburtenpolitik zu betreiben. Deshalb d&auml;mpfte und beruhigte er die &ouml;ffentliche Debatte.<\/p><p>Heute reagieren die Meinungsf&uuml;hrer und die Bundesregierung ganz anders. Die Diskussion um das demographische Probleme verl&auml;uft ausgesprochen emotional. Die zust&auml;ndige Ministerin setzt sich mit der Gr&uuml;ndung einer Aktionsgemeinschaft an die Spitze einer aktiven Bev&ouml;lkerungspolitik. Wie kommt es zu dieser so anderen politischen Reaktion? Welche Rolle spielt die &ouml;ffentliche Debatte und wer speist sie? Ist diese Reaktion sachlich bedingt oder von Interessen bestimmt? Sind die so vehement verbreiteten Sorgen &uuml;berhaupt berechtigt? Ist die heute g&auml;ngige Behauptung, das sogenannte demographische Problem zwinge zu tiefgreifenden Strukturreformen, die sozialen Sicherungssysteme seien so nicht mehr haltbar, sachlich begr&uuml;ndet oder ist sie ein Propagandatrick?<\/p><p>Wenn ich an einige fr&uuml;here Vorg&auml;nge erinnere, will ich nun partout nicht den Eindruck erwecken, fr&uuml;her sei alles besser gewesen. Ich will damit lediglich bewusst machen, wie sehr heute politische Entscheidungen von der &ouml;ffentlichen Meinung abh&auml;ngen, und wie sehr deshalb auch die Qualit&auml;t der politischen Entscheidungen von der Qualit&auml;t der Meinungsbildung bestimmt wird. Diese Meinungs- und Willensbildung wird heute in starkem Ma&szlig;e von den Medien gepr&auml;gt.<br>\nUm die Qualit&auml;t der Meinungsbildung ist es aus verschiedenen Gr&uuml;nden nicht zum besten bestellt. Sie leidet unter dem Zugriff gro&szlig;er Interessen. Wer politisch etwas erreichen will, versucht, die &ouml;ffentliche Meinung zu beeinflussen und notfalls auch zu manipulieren. Ein Indiz daf&uuml;r ist, dass jener Wirtschaftszweig, der dabei hilft, beachtlich expandiert: Public Relations. Die Qualit&auml;t der Meinungsbildung leidet weiter darunter, dass es den Zielpersonen der Meinungsbeeinflussung &ndash; uns allen &ndash; zunehmend an Durchblick mangelt. Die allgemeine &ouml;ffentliche Debatte verlagert sich n&auml;mlich zusehends in den Bereich der &Ouml;konomie. Vielen Menschen sind wirtschaftspolitische Zusammenh&auml;nge fremd, und sie sind unsicher, was man ihnen nicht verdenken kann. Da sie sich aber verst&auml;ndlicherweise trotzdem ein Urteil bilden wollen, werden sie leicht zum Opfer von Interessen und von weitverbreiteten Klischees und Denkfehlern.<\/p><p>Im November 1999 habe ich f&uuml;r das Kritische Tagebuch &ndash; eine Sendereihe des Westdeutschen Rundfunks &ndash; f&uuml;nf der g&auml;ngigen Behauptungen &uuml;ber die Ursachen unserer wirtschaftlichen Probleme analysiert, und dabei beschrieben, welche Vorurteile und Denkfehler diesen Behauptungen zugrunde liegen. Im Gespr&auml;ch mit Freunden ist daraus eine lange Liste geworden. Sie wollten von mir, dem National&ouml;konomen, wissen: Kommen wir wieder runter von den Milliardenschulden des Staates? Sind wir national noch handlungsf&auml;hig? Ist der Bedarf nicht schon lange ges&auml;ttigt? Haben die Gewerkschaften nicht viel zuviel Macht? Wie werden wir mit der sinkenden Geburtenrate fertig und k&ouml;nnen wir das Problem der &Uuml;beralterung &uuml;berhaupt noch l&ouml;sen? Und stimmt es oder stimmt es nicht, wenn gesagt wird, die Globalisierung sei eine neue Herausforderung, Konjunkturprogramme wirkten nicht, wir lebten &uuml;ber unsere Verh&auml;ltnisse, der Staat sei zu &raquo;fett&laquo;, die Lohnnebenkosten seien unser Schicksal? Und so weiter und so fort.<\/p><p>Die 40 verbreitetsten Denkfehler und Vorurteile, L&uuml;gen und Legenden sind in Teil II dieses Buch skizziert und analysiert. Da ich nicht annehme, dass sich jeder Leser mit allen Vorurteilen, die die &ouml;ffentliche Debatte pr&auml;gen, gleicherma&szlig;en auseinandersetzen will, ist dieser Teil so aufgebaut, dass Sie ihn wie ein Nachschlagewerk benutzen k&ouml;nnen. Hier finden Sie auch Daten und Analysen wirtschaftlicher Zusammenh&auml;nge, mit deren Hilfe Sie die g&auml;ngigsten Legenden als solche enttarnen k&ouml;nnen; zugleich finden Sie hier Argumente, um in der Diskussion um Reformen und den richtigen Weg in die Zukunft zu bestehen. Ich verbinde damit die Hoffnung, dass dieses Buch einen Beitrag zu einer rationaleren &ouml;ffentlichen Debatte leistet, indem es Anst&ouml;&szlig;e f&uuml;r kritisches Fragen gibt. Ich will nicht die Indoktrination der einen Seite durch eine andere ersetzen. Ich will dazu ermuntern, sich selbst ein Bild zu machen und hinter die Kulissen der Meinungsbildung zu schauen.<\/p><p>Die Reformer haben ein Handicap. Um den angeblichen Reformstau als glaubw&uuml;rdig erscheinen zu lassen, m&uuml;ssen sie unser Land in schwarzen Farben malen, und sie tun das mittels einer F&uuml;lle von dramatisierenden Ver&ouml;ffentlichungen. Der Sinn dieser Schwarzmalerei wird jedoch inzwischen von vielen Menschen hinterfragt. Dem entspricht die Grundlinie dieses Buches. Es ist optimistisch und konstruktiv und widerspricht der destruktiven Grundeinstellung der heute f&uuml;hrenden Eliten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Albrecht M&uuml;ller, &ldquo;Die Reforml&uuml;ge &ndash; 40 Denkfehler, Mythen und Legenden, mit denen Politik und Wirtschaft Deutschland ruinieren&rdquo;.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[145,11,14,30],"tags":[300,1110,312,410],"class_list":["post-92","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-sozialstaat","category-strategien-der-meinungsmache","category-veroffentlichungen-der-herausgeber","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-mueller-albrecht","tag-reformluege","tag-reformpolitik","tag-reformstau"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/92","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=92"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/92\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32527,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/92\/revisions\/32527"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=92"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=92"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=92"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}