{"id":92101,"date":"2023-01-04T10:30:33","date_gmt":"2023-01-04T09:30:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=92101"},"modified":"2026-01-15T16:18:44","modified_gmt":"2026-01-15T15:18:44","slug":"moskau-november-2022-eine-reise-fuer-den-frieden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=92101","title":{"rendered":"Moskau, November 2022: Eine Reise f\u00fcr den Frieden"},"content":{"rendered":"<p><strong>Reiner Braun<\/strong>, einer der f&uuml;hrenden K&ouml;pfe der deutschen Friedensbewegung, ist im Sp&auml;therbst letzten Jahres nach Moskau gereist, um sich vor Ort Eindr&uuml;cke von der Lage und der Stimmung der Menschen zu machen. Seine Gespr&auml;chspartner waren vor allem Angeh&ouml;rige der linken russischen Friedensbewegung, die den Krieg kritisieren. Anders als rechte Oppositionelle wie Nawalny kommen diese Stimmen in deutschen Medien jedoch nicht zu Wort. Wir m&ouml;chten Ihnen den Reisebericht von Reiner Braun nicht vorenthalten, da er viele interessante Gedanken enth&auml;lt, auch wenn wir als Redaktion der NachDenkSeiten nicht alle seine Schlussfolgerung so teilen.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Moskau, November 2022: Eine Reise f&uuml;r den Frieden<\/strong><\/p><p>Lange habe ich gez&ouml;gert, diese Reise zu machen &ndash; welchen Sinn kann sie haben, zu umst&auml;ndlich, zu teuer, zu unsicher. Doch pers&ouml;nliche und politische Gr&uuml;nde haben mich dann doch bewogen, vom 22. bis zum 29. November 2022 &uuml;ber Baku nach Moskau zu reisen. Ich wollte einen eigenen, ganz pers&ouml;nlichen, aber auch politischen Eindruck von der Situation bekommen, um besser beurteilen zu k&ouml;nnen, wie in &bdquo;Moskau&ldquo; der Krieg gesehen wird, und weder auf die eine noch auf die andere Propaganda angewiesen zu sein. Was ich jetzt aufschreibe, sind keine wissenschaftliche Arbeit oder wissenschaftliche Erkenntnisse, es sind Impressionen eines Besuches und pers&ouml;nliche Eindr&uuml;cke, vermittelt durch eine Vielzahl von politischen und pers&ouml;nlichen Gespr&auml;chen in einer besonderen Zeit, die durch den v&ouml;lkerrechtswidrigen Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine gepr&auml;gt ist.<\/p><p>Nat&uuml;rlich hat auch dieser Krieg eine Vorgeschichte oder besser eine jahrzehntelange westliche Provokation, genannt NATO-Osterweiterung. Und dieser Krieg hat auch nicht am 24.02.2022 begonnen, wahrscheinlich ist auch das Jahr 2014\/2015 als Kriegsbeginn zu kurz gegriffen. Erkenntnisf&ouml;rdernder ist, die Aussagen des damaligen EU-Kommissionspr&auml;sidenten Barroso als Grundlage zu nehmen, der 2008 in mehreren Reden und w&auml;hrend seines Besuchs in Kiew deutlich machte, eine EU-Kooperation gibt es nur bei Abbruch der Beziehungen zu Moskau. Die EU wollte als Vorl&auml;ufer f&uuml;r die damals politisch nicht durchsetzbare NATO-Mitgliedschaft die Ukraine in das &bdquo;westliche Lager&ldquo; holen. Dies war gedacht als Einstieg auch f&uuml;r eine NATO-Mitgliedschaft, die besonders von den USA immer angestrebt wurde. Dieses Ziel war verbunden mit einer massiven Militarisierung der Ukraine durch die NATO und auch der Schie&szlig;krieg gegen die &bdquo;Volksrepubliken Donezk und Lugansk&ldquo; ist Teil einer aggressiven westlichen Politik. Die reaktion&auml;re Regierung der Ukraine ab 2014 tat ein &Uuml;briges, die Situation zu versch&auml;rfen. All dies rechtfertigt aber nach der UN-Charta niemals einen pr&auml;ventiven Angriffskrieg gegen ein unabh&auml;ngiges Land.<\/p><p>Ich reiste auch mit eigenen Erfahrungen der letzten Monate. Wohl selten war die Friedensbewegung so isoliert, so vielf&auml;ltig, ja gespalten in der Reaktion auf den v&ouml;lkerrechtswidrigen Krieg, auf den Wirtschaftskrieg, ja selbst bei der Ablehnung von Waffenlieferungen waren wir uns nicht einig.<\/p><p>Trotzdem waren wir auf den Stra&szlig;en, lokal und regional, bei den Osterm&auml;rschen und am 1.10. bei den bundesweiten Protestaktionen und Demonstrationen. Dar&uuml;ber wollte ich sprechen und f&uuml;r den Frieden werben.<\/p><p>Die Reise von Berlin nach Moskau dauerte viermal so lang, die Kontrolle an der Grenze war noch genauer &ndash; mein Jahresvisum wurde &bdquo;auswendig gelernt&ldquo;, sie war aber h&ouml;flich und freundlich &ndash; wie immer.<\/p><p>Mit dem Zug vom Flughafen Domodedowo in die Stadt und mit der Metro in die Wohnung erbrachte die erste &Uuml;berraschung &ndash; die Metro war um 22.00 Uhr leer. In all den vielen Jahren habe ich niemals eine leere Metro erlebt. Auf meine erstaunte Frage wurde nachdenklich und besorgt erwidert: Ja, viele bleiben zu Hause, es gibt ja nichts Wirkliches zu feiern, Ausgehen ins Theater oder Kino ergibt f&uuml;r viele keinen Sinn &ndash; zu ernst ist die Lage. Es herrscht eine Verunsicherung, es wird nach all den Jahren, nach denen es uns doch besser ging (und das moderne Moskau ist ein Sinnbild dieser Entwicklung), wieder schlechter und schlimmer. Kommen die desastr&ouml;sen 90er Jahre zur&uuml;ck oder gar ein Atomkrieg? &ndash; Fragen und Sorgen, die pr&auml;gen.<\/p><p>Besorgnis und Ernst, das ist die Stimmung, wie ein Dunstschleier liegt diese ernsthafte Besorgnis &uuml;ber der Stadt. Wird es noch gef&auml;hrlicher, droht ein gro&szlig;er Krieg? &ndash; Ausgesprochen und unausgesprochen schwebt diese Frage &uuml;ber fast allen Diskussionen und Unterhaltungen. Erinnerungen werden wieder wach an den 2. Weltkrieg, an Erz&auml;hlungen &uuml;ber ihn. Das oberfl&auml;chliche &bdquo;wir leben weiter wie bisher&ldquo;, es hat sich kaum etwas ver&auml;ndert, ist weniger als die halbe Wahrheit. Dieser Krieg l&auml;hmt &ndash; wie immer er auch eingesch&auml;tzt wird &ndash; und ist alles andere, nur nicht popul&auml;r. Dieses gilt auch f&uuml;r die, die diesen Krieg f&uuml;r eine notwendige &bdquo;begrenzte Milit&auml;roperation&ldquo; halten.<\/p><p>Oberfl&auml;chlich normal erlebte ich vieles bei dem Spaziergang durch die weihnachtlich bunte und farbig geschm&uuml;ckte Moskauer Innenstadt mit dem entsprechenden &bdquo;Konsumrausch&ldquo; des Einkaufens, oder dass in der letzten Oktoberwoche die zweite russische Konferenz zu aktuellen Theoriefragen &bdquo;Marxismus und Russland&ldquo; an der Lomonossow-Universit&auml;t stattfand oder die intensive Debatte um ein &bdquo;nachhaltiges Moskau&ldquo;. Normal auch die wie immer in den letzten Jahren gut gef&uuml;llten Superm&auml;rke, ausgetauscht wurden spezifische Produkte. Anstelle des kaum trinkbaren, billigen deutschen Weins gibt es jetzt zunehmend schmackhaften chilenischen und s&uuml;dafrikanischen Wein. Der Danone-Joghurt wird ersetzt durch Joghurt aus der T&uuml;rkei und den Golfstaaten. Die Inflationsrate ist leicht zur&uuml;ckgegangen von ca. 15 Prozent auf 11 Prozent, der Umtauschkurs des Rubels (soweit &uuml;berhaupt getauscht wird) hat sich f&uuml;r uns gegen&uuml;ber dem Zeitraum von vor 2 Jahren deutlich verschlechtert (damals 1 Euro zu 57 Rubel, heute zu 1 Euro zu 22).<\/p><p>Trotzdem trifft der Wirtschaftskrieg Sektionen der russischen Industrie, besonders die sowieso gering entwickelte High-Tech-Industrie, die Elektronik, die Halbleiterproduktion, die Entwicklung moderen Algorithmen und weiteres. Nur ruinieren wird das Russland nicht und zusammenbrechen wird Russland erst recht nicht. Aber viele und neue Schwierigkeiten wird es geben. Die Einsch&auml;tzungen wissenschaftlicher Institute sind da durchaus skeptisch.<\/p><p><strong>Meine Gespr&auml;che in Moskau<\/strong><\/p><p>Ich habe neben vielf&auml;ltigen pers&ouml;nlichen Kontakten und Gespr&auml;chen mit Personen aus der Akademie der Wissenschaften, der Universit&auml;t (Studierende und Hochschullehrer:innen), den M&uuml;ttern gegen den Krieg, Anti-Kriegs-Aktivist:innen, Abgeordneten bzw. Mitarbeiter:innen aus der Duma geredet, mit der linksradikalen au&szlig;erparlamentarischen Opposition diskutiert, mir ihre Meinungen angeh&ouml;rt und auch immer meine Friedensposition dargestellt. Ich werde in meinem Artikel keine Namen nennen, ich will niemanden gef&auml;hrden oder (weiteren) Repressionen aussetzen.<\/p><p>Zusammenfassend ist es sicher richtig zu sagen, dass es zu dem Krieg in der Ukraine eine gro&szlig;e Diversit&auml;t von Meinungen gibt. Es stimmt vielleicht nicht f&uuml;r das ganze riesige Land, aber in Moskau gibt es eine gro&szlig;e, auch &ouml;ffentlich und famili&auml;r diskutierte Unterschiedlichkeit der Bewertung, die Kontroverse geht durch Institutionen und Familien.<\/p><p>Es ist die junge Generation, bei der dieser Krieg besonders unpopul&auml;r ist und auf vielf&auml;ltige Ablehnung st&ouml;&szlig;t. 700.000 junge M&auml;nner haben Russland verlassen. Die meisten aus der Intelligenz &ndash; ein Verlust an Wissen und Zukunft von denen, die gerade jetzt angesichts des westlichen Wirtschaftskrieges f&uuml;r eine mehr nationale Entwicklung so notwendig w&auml;ren. Sie haben das Land verlassen, weil sie nicht in den Krieg ziehen wollen, viele lehnen den Krieg ab.<\/p><p>F&uuml;r dieses System wollen wir nicht k&auml;mpfen und sterben. Oft schwingt eine individualistische, neoliberale Grundhaltung mit, dieser Krieg passt nicht in meine pers&ouml;nliche Entwicklung, das ist nicht die Freiheit, die ich will. Das autorit&auml;re Regime will mich jetzt auch noch in einen Krieg zwingen, mit dem ich nichts zu tun habe. Kriegsablehnung hat viele Begr&uuml;ndungen, aber auch viele Folgen f&uuml;r diese Menschen, die &uuml;berst&uuml;rzt ihr Land verlassen und sich um eine Zukunft bem&uuml;hen m&uuml;ssen, in einem fremden Land, allein und oft ohne Perspektive. Der Courage des eigenen Handelns stehen noch gro&szlig;e Herausforderungen bevor &ndash; berufliche und pers&ouml;nliche.<\/p><p>Das &bdquo;Nein&ldquo; der M&uuml;tter und Br&auml;ute gegen den Krieg ist gepr&auml;gt von der Sorge um die Liebsten &ndash; den Sohn, den Freund, den Verlobten, den Mann. Oft ist die Ablehnung des Krieges eindeutig &ndash; oft der Satz: Dieser Krieg ist nichts Gutes f&uuml;r unser Land &ndash; oder sogar noch zugespitzter &ndash; Jeder Krieg ist ein Verbrechen.<\/p><p>Aber auch hier gibt es keine Eindeutigkeit. Wir wollen unsere Kinder nicht in einen Krieg schicken, zu dem sie nicht ausgebildet sind oder werden, bei denen es keine vern&uuml;nftige und zu wenige gute Waffen gibt und noch nicht einmal eine warme Uniform und brauchbare Stiefel. Wenn schon, dann effektiv und effizient. Das Desaster der russischen Kriegsf&uuml;hrung widerspiegelt sich in diesen &Auml;u&szlig;erungen, die Unf&auml;higkeit, wenn schon Krieg &ndash; dann bitte sollte er gewonnen werden.<\/p><p>Diese systemimmanente Kritik scheint mir stark verankert zu sein: Was ist aus unserer Armee geworden, wie konnten so verheerende Strategien von wem aus den Eliten und M&auml;chtigen entwickelt werden? Diese Kritik kn&uuml;pft an der B&uuml;rokratie- und Staatsablehnung aufgrund der Erfahrungen in den 90er Jahren an, aber auch im Sowjetsystem war diese tief verankert.<\/p><p>&Uuml;brigens verst&auml;rkte dieses Desaster der Milit&auml;r- und politischen F&uuml;hrung die Verunsicherung und steigert und verfestigt eine emotionale Opposition zur politischen F&uuml;hrung im Kreml, besonders zu dem sogenannten Pr&auml;sidialregime. Immer wieder werden Korruption und Bereicherung angeprangert.<\/p><p>Das NEIN zum Krieg und ein Bekenntnis zum Frieden und zur Vers&ouml;hnung mit der Ukraine (dem Brudervolk) bestimmt das Handeln der Anti-Kriegsaktivist:innen und der radikalen Linken. Die Courage dieser Menschen, besonders auch der Frauen, ist bewundernswert, beeindruckend und verlangt unsere Solidarit&auml;t. Trotz aller Repressionen, Verhaftungen oder Titulierung ihrer kleinen Organisationen als &bdquo;foreign agent&ldquo; protestieren sie auf den Stra&szlig;en (zuerst viele, dann aber immer weniger &ndash; die Repressionen wirkten), &uuml;ber Social-Media-Kan&auml;le, mit kleinen, attraktiven Aktionen und vielf&auml;ltigem pers&ouml;nlichen Engagement gegen diesen Krieg. Sie wirken f&uuml;r Frieden.<\/p><p>Die Verleihung des IPB-MacBride-Preises 2022 an zwei von ihnen ist mehr als gerechtfertigt und wird von ihnen als eine gro&szlig;e Unterst&uuml;tzung angesehen. Sie brauchen die Zusammenarbeit mit den internationalen Friedensbewegungen, allein haben sie gegen die Repressionskr&auml;fte im Lande keine Chance. Deserteur:innen brauchen unsere Unterst&uuml;tzung. Sie alle sind das Friedensgesicht dieses gro&szlig;en Kulturlandes. Sie sprechen &ndash; dieses ist mein Eindruck &ndash; mehr Menschen in dem Land aus dem Herzen und der Seele, als viele &ndash; in Russland und im Westen &ndash; annehmen.<\/p><p>Interessant auch die &Auml;u&szlig;erungen &bdquo;linksradikaler Freunde&ldquo;, dass die rechte au&szlig;erparlamentarische Opposition (&bdquo;Nawalny&ldquo;) kaum eine politisch mobilisierende Rolle spielt und in der Kriegsfrage gespalten ist.<\/p><p>Die berechtigte Nachdenklichkeit &uuml;ber die Herausforderungen in den wissenschaftlichen Institutionen und der mit ihnen verbundenen Personen beinhaltet eine st&auml;rkere zukunftsorientierte Diskussion. Wie k&ouml;nnen die wissenschaftlichen Kooperationen nach dem Westen wieder aufgenommen und neue entwickelt werden? Wie k&ouml;nnen gerade jetzt Kontakte gehalten und besonders bei Fragen der R&uuml;stungskontrolle doch noch Gemeinsamkeiten mit westlichen Kolleg:innen entwickelt und diskutiert werden?<\/p><p>Der verr&uuml;ckte und aus meiner Sicht v&ouml;llig unverantwortliche Abbruch aller Beziehungen zur russischen Wissenschaft als Sanktion (gegen wen eigentlich?) f&uuml;hrt zu einem neuen Nachdenken &uuml;ber die eigene Rolle und auch die Aufgaben, die vor Wissenschaft, Forschung und Technologieentwicklung stehen. Statt auf IBM und internationale Foundations &ndash; so oft formuliert &ndash; muss jetzt wieder mehr auf die eigenen Kr&auml;fte gesetzt werden, dies ist sicher nicht einmal die schlechteste L&ouml;sung. Wir sollten unsere Kolleginnen und Kollegen in Russland nicht alleine lassen und uns einsetzen, dass russische Wissenschaftler:innen auch weiterhin in internationalen Fachorganisationen mitarbeiten und dort weiterhin F&uuml;hrungspositionen aus&uuml;ben k&ouml;nnen. Wir haben Albert Einstein nicht vergessen!<\/p><p>In diesen Diskussionen wurde immer wieder deutlich: Der zuk&uuml;nftige Blick Russlands geht nach Osten, nach Asien. Europa wird auch in der Zukunft nicht mehr der Bezugspunkt f&uuml;r Russland sein! Dies ist sicher nicht der Wunsch, aber die Notwendigkeit.<\/p><p>Als Letztes zu den Gespr&auml;chen mit der &bdquo;Politik&ldquo; und zur Frustration meinerseits. Hier konnte ich au&szlig;er der Wiedergabe bekannter Positionen nichts erfahren, keine Nachdenklichkeit, keine Zukunftsorientierung &ndash; entt&auml;uschend. Frieden ist f&uuml;r die Herren weit weg.<\/p><p>Ein Wort zu den Medien und ein vielleicht zugespitzter Vergleich. Sie &auml;hneln sich mehr, als sie sich unterscheiden. Die mediale Kriegspropaganda oder anders die Diskussionsfreiheit zwischen unterschiedlichen militaristischen Strategien &auml;hneln sich doch stark. Trotz aller einseitiger Medienpropaganda auf allen Sendern ist der Krieg unpopul&auml;r.<\/p><p><strong>Zusammenfassung einiger, oft ge&auml;u&szlig;erter Gedanken:<\/strong><\/p><p>Entt&auml;uschung &uuml;ber die Bundesregierung und die deutsche Politik, dass sie so den USA nachl&auml;uft und sich unterordnet. Viele h&auml;tten in der Tradition von Brandt und Bahr eine eigenst&auml;ndige, verst&auml;ndnisvollere Rolle erwartet. Salopp gesagt haben viele von der NATO und den USA nichts anderes erwartet (die NATO-Euphorie der 90er Jahre ist tot), aber von Deutschland, das der Sowjetunion\/Russland so viel zu verdanken hat (Wiedervereinigung, Abzug aller Soldaten, etc.). Diese Entt&auml;uschung wird auch zu einem ver&auml;nderten &bdquo;Deutschlandbild&ldquo; f&uuml;hren.<\/p><p>Das Regime Putin ist nicht l&auml;nger gestaltungs-, entwicklungs- und lebensf&auml;hig. Ohne mich an den Spekulationen &uuml;ber Putin zu beteiligen (2024 stehen Pr&auml;sidentenwahlen auf der Agenda), zeigt sich doch, dass die Lebensf&auml;higkeit dieser auf einer Pr&auml;sidialverwaltung und einem fast allm&auml;chtigen Pr&auml;sidenten zentristisch ausgerichteten F&uuml;hrung zu einem Ende kommt, angesichts von Korruption, Schw&auml;chen und Desastern der aktuellen Politik und der milit&auml;rischen Kriegsf&uuml;hrung. Was danach kommt, steht noch in den Sternen.<\/p><p>Von einer Revolution tr&auml;umen k&ouml;nnen nur die, die die Realit&auml;t als Bezugspunkt aufgegeben haben. Ein &bdquo;Eliten-Change&ldquo; oder eine &bdquo;Palastrevolution&ldquo; ist viel wahrscheinlicher. Ein Weg zu mehr Demokratie und Freiheit ist dieses wohl kaum. Es gibt aber kein Zur&uuml;ck zum &bdquo;alten Gesellschaftsvertrag&ldquo; der politischen Herrschaft um Putin, in &ouml;konomischer Verbundenheit mit den Oligarchen und der gelenkten Demokratie. Es bleiben viele offene Fragen! Mehr Repression l&ouml;st dabei kein Problem.<\/p><p>Ein Zur&uuml;ck zu einer internationalen Politik der gemeinsamen Sicherheit und der Kooperation ist kaum sichtbar, weder in Russland noch bei uns, sie ist zurzeit sicher nicht gestaltungs- und mehrheitsf&auml;hig. Hier bleibt besonders f&uuml;r uns &ndash; Friedens- und Entspannungsfreund:innen &ndash; viel zu tun. Es bleibt auf beiden Seiten ein &ndash; wenn auch beschr&auml;nktes &ndash; Interesse an R&uuml;stungskontrolle.<\/p><p><strong>Ausblick<\/strong><\/p><p>Es gibt sicher nichts Wichtigeres, als alles zu tun, in der Ukraine einen Waffenstillstand und Verhandlungen zu erreichen. Wenn es noch nicht zu Weihnachten gelungen ist, bleibt dieses die zentrale Herausforderung. Uns daf&uuml;r mit aller Kraft einzusetzen, ist die Aufgabe aller friedensliebenden Kr&auml;fte. F&uuml;r den Frieden in der Ukraine sind Nato-Freiheit und Neutralit&auml;t der Ukraine eine unabwendbare Voraussetzung, &uuml;ber vieles werden M&auml;nner und Frauen aus Russland und der Ukraine lange mit klugen Moderatorinnen aus dem globalen S&uuml;den verhandeln. Die Vereinbarungen von Istanbul (vom Westen gekillt), das Minsker Abkommen (von Angela Merkel mit dem Zeit-Interview endg&uuml;ltig versenkt) werden leider nicht mehr als brauchbare Grundlage akzeptiert werden, aber mit den Vorschl&auml;gen des Vatikans, der mexikanischen und italienischen Regierungen, den Anregungen des UN-Generalsekret&auml;rs und anderen liegen umfassende Vorschl&auml;ge vor.<\/p><p>Frieden ist m&ouml;glich, bei vorhandenem politischem Willen! Die Ukraine blockiert aus System&uuml;berlebensinteressen, aber auch in Russland muss f&uuml;r einen aktiven, kompromissbereiten Verhandlungsprozess noch mehr gewirkt werden.<\/p><p>Der Friedensprozess in der Ukraine muss sicher verbunden sein mit dem Beginn eines Dialoges und einer Diskussion um eine neue Friedensarchitektur in Europa, was hei&szlig;t, Politik der gemeinsamen Sicherheit in Europa und der Welt. Dieser Herausforderung m&uuml;ssen wir uns stellen, gibt es doch zu der Politik der gemeinsamen Sicherheit keine friedenspolitische Alternative.<\/p><p>Frieden in Europa ist nur m&ouml;glich mit Russland! Diesen Gedanken wieder in Deutschland hegemonief&auml;hig zu machen, ist und muss unser Friedensbeitrag sein, soll Europa &uuml;berleben und eine eigene friedenspolitische Rolle spielen.<\/p><p>Zu mehr Frieden in Europa geh&ouml;rt auch die Wiederaufnahme der R&uuml;stungskontrolle und Abr&uuml;stungsverhandlungen, um zu neuen &Uuml;bereink&uuml;nften zu kommen. Wenn nicht durch die freiwerdenden Gelder aus der R&uuml;stung, woraus sollen die globalen Herausforderungen der Menschheit finanziert werden? Auch Deutschland und Russland brauchen diese Milliarden zur Finanzierung der eigenen sozial-&ouml;kologischen Transformation.<\/p><p>Frieden gibt es nur mit und durch das Engagement von Menschen. Deshalb ist Diplomatie von unten, eine Friedenspolitik der Menschen gerade jetzt so wichtig.<\/p><p>Alle meine Gespr&auml;chspartnerinnen und -partner teilten einen Gedanken: Lasst uns die Kontakte, die Zusammenarbeit, die Gespr&auml;che zwischen Deutschen und Russen niemals wieder abrei&szlig;en, lasst uns miteinander in Kontakt treten und bleiben: von Sportverein zu Verein, von Singegruppen zur Oper, von Friedensinitiativen zu Aktivistinnen, in der Wissenschaft, der Wirtschaft, von Gewerkschaften, Sport, Kirchen, Umweltverb&auml;nden, von Stadt zu Stadt, Dorf zu Dorf, aber auch von Projekt zu Projekt und vielem mehr. Wir brauchen ein enges Netzwerk der Zusammenarbeit von unten, das auch &bdquo;unsere Politik&ldquo; wieder zur Kooperation zwingt. Schaffen wir Frieden von unten, von und mit und zwischen den Menschen.<\/p><p>Es bleibt die Grundlage unseres Engagements und unserer &Uuml;berzeugung, was Willy Brandt bei der Verleihung des Friedensnobelpreises ausgef&uuml;hrt hat:<\/p><blockquote><p>Frieden ist nicht alles, aber alles ist nichts ohne Frieden.<\/p><\/blockquote><p>Reiner Braun (International Peace Bureau)<\/p><p>Titelbild: TTstudio\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Reiner Braun<\/strong>, einer der f&uuml;hrenden K&ouml;pfe der deutschen Friedensbewegung, ist im Sp&auml;therbst letzten Jahres nach Moskau gereist, um sich vor Ort Eindr&uuml;cke von der Lage und der Stimmung der Menschen zu machen. Seine Gespr&auml;chspartner waren vor allem Angeh&ouml;rige der linken russischen Friedensbewegung, die den Krieg kritisieren. 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