{"id":92131,"date":"2023-01-05T08:56:47","date_gmt":"2023-01-05T07:56:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=92131"},"modified":"2023-01-05T16:17:10","modified_gmt":"2023-01-05T15:17:10","slug":"neujahrsvorsaetze-auswaertiges-amt-will-2023-mal-kein-voelkerrecht-brechen-wir-erkennen-keine-regierungen-sondern-nur-staaten-an","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=92131","title":{"rendered":"Neujahrsvors\u00e4tze? Ausw\u00e4rtiges Amt will 2023 mal kein V\u00f6lkerrecht brechen: \u201eWir erkennen keine Regierungen, sondern nur Staaten an\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Am 23. Januar 2019 ernannte sich der venezolanische Oppositionspolitiker Juan Guaid&oacute; selbst zum &bdquo;Pr&auml;sidenten&ldquo; Venezuelas und formte eine &bdquo;Interimsregierung&ldquo;. Die Bundesregierung brach mit jahrzehntelanger deutscher Staatspraxis und erkl&auml;rte umgehend ihre Unterst&uuml;tzung und Anerkennung f&uuml;r den selbstausgerufenen &bdquo;Staatschef&ldquo;. An dieser Anerkennung hielt man, trotz massiver v&ouml;lkerrechtlicher und verfassungsrechtlicher Bedenken von Fachjuristen und des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages, &uuml;ber Jahre fest. Doch seit Guaid&oacute; am 30. Dezember 2022 von seinen eigenen Leuten abgesetzt wurde, tut das Ausw&auml;rtige Amt so, als h&auml;tte es die letzten vier Jahre deutscher Venezuela-Politik nicht gegeben. Pl&ouml;tzlich hei&szlig;t es aus den M&uuml;ndern der AA-Sprecher auch wieder &bdquo;Pr&auml;sident Maduro&ldquo; und nicht mehr wie jahrelang &uuml;blich &bdquo;&hellip;das Maduro-Regime&hellip;&ldquo;. Ein Zyklus vergeblicher Regime-Change-Versuche ist wohl an sein Ende gekommen. Von <strong>Florian Warweg<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1745\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-92131-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230105_Neujahrsvorsaetze_Auswaertiges_Amt_will_2023_mal_kein_Voelkerrecht_brechen_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230105_Neujahrsvorsaetze_Auswaertiges_Amt_will_2023_mal_kein_Voelkerrecht_brechen_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230105_Neujahrsvorsaetze_Auswaertiges_Amt_will_2023_mal_kein_Voelkerrecht_brechen_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230105_Neujahrsvorsaetze_Auswaertiges_Amt_will_2023_mal_kein_Voelkerrecht_brechen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=92131-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230105_Neujahrsvorsaetze_Auswaertiges_Amt_will_2023_mal_kein_Voelkerrecht_brechen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230105_Neujahrsvorsaetze_Auswaertiges_Amt_will_2023_mal_kein_Voelkerrecht_brechen_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Am 30. Dezember 2022 stimmten die drei gr&ouml;&szlig;ten venezolanischen Oppositionsparteien (Acci&oacute;n Democr&aacute;tica (AD), Primero Justicia (PJ) und Un Nuevo Tiempo (UNT)) daf&uuml;r, die &bdquo;&Uuml;bergangsregierung&ldquo; von Juan Guaid&oacute; und ihn selbst abzusetzen. Sie setzten damit ein schon l&auml;nger geplantes, aber &ouml;fter verschobenes Vorhaben endg&uuml;ltig um. Hintergrund des Schrittes, Guaid&oacute; endg&uuml;ltig ins Abseits zu stellen, ist die seit vier Jahren gescheiterte reale Macht&uuml;bernahme via Selbstausrufung und Putschversuchen sowie die Tatsache, dass selbst die ultra-rechten Oppositionskr&auml;fte, im Gegensatz zu Guaid&oacute;, sich wieder an Wahlen beteiligen wollen. <\/p><p>Diese Entwicklung f&uuml;hrte am Montag zu unterhaltsamen Szenen und Aussagen in der Bundespressekonferenz (BPK). Der ehemalige Lateinamerika-Korrespondent der <em>S&uuml;ddeutschen Zeitung<\/em>, Boris Herrmann, stellte angesichts der Absetzung von Guaid&oacute; dem Ausw&auml;rtigen Amt die Frage, wer mit jetzigem Stand aus Sicht der Bundesregierung Pr&auml;sident von Venezuela sei. Aus Dokumentations- und Unterhaltungszwecken geben wir den gesamten Austausch im <a href=\"https:\/\/www.auswaertiges-amt.de\/de\/newsroom\/regierungspressekonferenz\/2571616#content_2\">protokollierten Wortlaut<\/a> wieder: <\/p><p>Herrmann: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Ich habe eine Frage an das Ausw&auml;rtige Amt. Es ist, glaube ich, fast genau vier Jahre her, dass einige L&auml;nder, darunter auch Deutschland, Juan Guaid&oacute; als Interimspr&auml;sidenten von Venezuela anerkannt haben. Jetzt hat ihm selbst die venezolanische Opposition die Unterst&uuml;tzung entzogen. Wer ist mit jetzigem Stand aus Sicht der Bundesregierung Pr&auml;sident von Venezuela?&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Wagner (Sprecher des Ausw&auml;rtigen Amts): <\/p><blockquote><p>&bdquo;Wir haben die Entscheidung der Nationalversammlung zur Kenntnis genommen. Ich kann dazu allgemein sagen, dass f&uuml;r eine politische L&ouml;sung der Krise in Venezuela aus unserer Sicht eine geeinte Opposition ganz entscheidend ist. Wir unterst&uuml;tzen nat&uuml;rlich die demokratischen Kr&auml;fte in Venezuela mit dem Ziel, einen Ausweg aus der Krise durch freie, faire und glaubw&uuml;rdige Pr&auml;sidentschafts- und Parlamentswahlen zu bef&ouml;rdern. Der demokratischen Opposition kommt hierf&uuml;r eine zentrale Bedeutung zu. In dem Zusammenhang begr&uuml;&szlig;en wir aber auch, dass es eine Wiederaufnahme der Gespr&auml;che zwischen Pr&auml;sident Maduro und der in der einheitlichen Plattform organisierten Opposition gibt. Das ist das, was ich zu diesem Zeitpunkt dazu sagen kann.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Nachfrage von Herrmann:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Wir m&uuml;ssen ja irgendjemanden anerkennen. Mit wem redet die Bundesregierung auf Ebene der Regierungschefs?&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Wagner:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Wir erkennen keine Regierungen, sondern nur Staaten an. Insofern stellt sich die Frage in der Form nicht. Wir als Bundesregierung erkennen keine anderen Regierungen an, sondern andere Staaten.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Die Aussagen des Ausw&auml;rtigen Amtes sind auf mehreren Ebenen aufschlussreich und daher wert, einer kurzen Analyse unterzogen zu werden:<\/p><ol>\n<li>Zun&auml;chst f&auml;llt auf, dass der Sprecher des Ausw&auml;rtigen Amtes davon spricht, man h&auml;tte &bdquo;die Entscheidung der Nationalversammlung zur Kenntnis genommen&ldquo;. Diese Darstellung ist mindestens als bizarr zu bezeichnen. Denn tats&auml;chlich handelt es sich dabei mitnichten um die Sitzung der im Januar 2021 neugew&auml;hlten Nationalversammlung, sondern lediglich um eine virtuelle Sitzung einiger ehemaliger Oppositionsabgeordneter, die, obwohl ihr Mandat offiziell im Januar 2021 ausgelaufen war, dieses einseitig ohne jede Wahl j&auml;hrlich selbst verl&auml;ngerten und ein rein virtuelles &bdquo;Alternativparlament&ldquo; in Konkurrenz zur neugew&auml;hlten Nationalversammlung einberiefen. Man stelle sich die Reaktion in Deutschland vor, wenn oppositionelle Abgeordnete der 19. Legislaturperiode, sagen wir von der AfD, sich weigern w&uuml;rden, die Wahlen vom 26. September 2021 anzuerkennen und in Reaktion darauf virtuell einfach weitertagen, und so tun, als h&auml;tte es die Wahlen zum 20. Bundestag gar nicht gegeben. In Deutschland w&uuml;rde so ein Verhalten komplett absurd und als ein handfester Skandal eingestuft. Wenn dies aber genauso von durch Deutschland massiv unterst&uuml;tzte, radikale Oppositionskr&auml;fte in Venezuela gehandhabt wird, gilt dies scheinbar f&uuml;r das Ausw&auml;rtige Amt als &bdquo;demokratischer Akt&ldquo;.<\/li>\n<li>Als Zweites ist auff&auml;llig, dass der Sprecher des Ausw&auml;rtigen Amtes von der wichtigen Rolle der &bdquo;demokratischen Opposition&ldquo; spricht. Da stellt sich nat&uuml;rlich die Frage, wieso er das Attribut demokratisch so betont. Das macht ja eigentlich nur Sinn, wenn es nach Ansicht des AA auch nicht-demokratische Oppositionskr&auml;fte in Venezuela gibt. Welche, die wie etwa Guaid&oacute;, regelm&auml;&szlig;ig zum Wahlboykott aufrufen statt sich an Wahlen zu beteiligen, die einen (schlussendlich gescheiterten) <a href=\"https:\/\/venezuelanalysis.com\/news\/14453\">Milit&auml;rputsch organisieren<\/a>, wie Guaid&oacute; am 30. April 2019, oder die danach einen Vertrag mit einem US-amerikanischen S&ouml;ldnerunternehmen unterzeichnen, um die amtierende Regierung mit einer (ebenfalls gescheiterten) S&ouml;ldnerinvasion unter F&uuml;hrung von ehemaligen Mitgliedern <a href=\"https:\/\/apnews.com\/article\/miami-us-news-ap-top-news-venezuela-south-america-79346b4e428676424c0e5669c80fc310\">der US-Spezialeinheit &bdquo;Green Berets&ldquo; zu st&uuml;rzen<\/a>, wie Guaid&oacute; es <a href=\"https:\/\/www.washingtonpost.com\/context\/general-services-agreement-between-the-venezuelan-opposition-and-silvercorp-oct-16-2019\/a86baff6-40fa-4116-a9cb-9725c84bf4e0\/?itid=lk_inline_manual_11\">nachweislich getan hat<\/a>. Die beteiligten US-S&ouml;ldner unterhielten zudem auffallend <a href=\"https:\/\/test.rtde.world\/inland\/102642-bundespressekonferenz-zu-venezuela-invasion-von-spur-nach-deutschland\/\">enge Verbindungen nach Deutschland<\/a>.<\/li>\n<li>Drittens sticht ins Auge, dass das Ausw&auml;rtige Amt pl&ouml;tzlich wieder von &bdquo;Pr&auml;sident Maduro&ldquo; spricht. Zuvor hatte das AA, der Verfasser hat das jahrelang in der BPK studieren d&uuml;rfen, ausnahmslos von dem &bdquo;Maduro-Regime&ldquo; gesprochen. Das Wort &bdquo;Pr&auml;sident&ldquo; wurde von Sprechern des AA, wenn &uuml;berhaupt, nur in Bezug auf Juan Guaid&oacute; verwendet.<\/li>\n<li>Abschlie&szlig;end kommen wir zum wohl gr&ouml;&szlig;ten Knaller bei den Aussagen des Ausw&auml;rtigen Amtes zum Umgang mit Venezuela: &bdquo;Wir erkennen keine Regierungen, sondern nur Staaten an&ldquo;. &Auml;h, doch, das war ja gerade der Skandal und in gewisser Weise die diplomatische &bdquo;Zeitenwende&ldquo;, die auf massive Kritik, z.B. von den Juristen des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages, stie&szlig;. In einem Gutachten unter dem Titel &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.bundestag.de\/resource\/blob\/595056\/c8bf53d8fb2a3f163e104a725c732b15\/WD-2-017-19-pdf-data.pdf\">Rechtsfragen zur Anerkennung des Interimspr&auml;sidenten in Venezuela<\/a>&ldquo; vom Februar 2019 stellen die Bundestagsjuristen gleich zu Beginn fest:<\/li>\n<\/ol><blockquote><p>&bdquo;Die Anerkennung des Oppositionspolitikers Guaid&oacute; als venezolanischen Interimspr&auml;sidenten stellt (&hellip;) eine <strong>Abkehr von der bisherigen Anerkennungspraxis der Bundesrepublik Deutschland dar. Bislang war es jahrelange deutsche Staatspraxis<\/strong>, lediglich <strong>Staaten anzuerkennen und keine Regierungen<\/strong> oder Pr&auml;sidenten.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Und weiter hei&szlig;t es dort: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Die Anerkennung des Interimspr&auml;sidenten Guaid&oacute; durch die Bundesrepublik Deutschland am 4. Februar 2019 st&uuml;tzt sich u.a. auch auf Art. 233 der venezolanischen Verfassung. Damit wird zum Ausdruck gebracht, dass Pr&auml;sident Maduro aus deutscher Sicht &uuml;ber keine verfassungsrechtliche Legitimation (mehr) verf&uuml;gt. <\/p>\n<p>Mit dem Verweis auf Art. 233 der venezolanischen Verfassung positioniert sich Deutschland gleichzeitig in einer strittigen Frage des venezolanischen Verfassungsrechts. Dies erscheint unter dem Gesichtspunkt des Grundsatzes der &bdquo;Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten eines anderen Staates&ldquo; v&ouml;lkerrechtlich ebenso fragw&uuml;rdig wie die (vorzeitige) Anerkennung eines Oppositionspolitikers als Interimspr&auml;sidenten, der sich im Machtgef&uuml;ge eines Staates noch nicht effektiv durchgesetzt hat.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Das Fachgutachten kommt einer (bisher folgenlosen) Generalabrechnung mit dem Agieren des Ausw&auml;rtigen Amts gleich. Doch das ist noch nicht alles. Abgesehen von der massiven Einmischung in die inneren Angelegenheiten Venezuelas durch das AA, entbehrte deren Verweis auf den schon erw&auml;hnten Artikel 233 zur Legitimierung der Anerkennung von Guaid&oacute; von Beginn an jeder verfassungsrechtlichen Grundlage. <\/p><p>Denn in der venezolanischen Verfassung ist die Frage der Interimspr&auml;sidentschaft sehr klar und unmissverst&auml;ndlich geregelt. In <a href=\"https:\/\/venezuela.justia.com\/federales\/constitucion-de-la-republica-bolivariana-de-venezuela\/titulo-v\/capitulo-ii\/#articulo-233\">besagtem Artikel 233<\/a> hei&szlig;t es v&ouml;llig eindeutig, dass &bdquo;als zwingende Hinderungsgr&uuml;nde bez&uuml;glich der Amtsaus&uuml;bung des Pr&auml;sidenten oder der Pr&auml;sidentin der Republik&ldquo; ausschlie&szlig;lich die folgenden Punkte gelten:<\/p><ol>\n<li>sein oder ihr Tod;<\/li>\n<li>sein oder ihr R&uuml;cktritt;<\/li>\n<li>seine oder ihre durch Urteil des Obersten Gerichtshofes verf&uuml;gte Absetzung;<\/li>\n<li>seine oder ihre durch Attest einer vom Obersten Gerichtshof eingesetzten und von der Nationalversammlung best&auml;tigten medizinischen Kommission bescheinigte dauernde k&ouml;rperliche oder geistige Handlungsunf&auml;higkeit;<\/li>\n<li>die Nichtwahrnehmung des Amtes, die von der Nationalversammlung als solche festgestellt wird;<\/li>\n<li>sowie die Amtsenthebung durch Volksabstimmung.<\/li>\n<\/ol><p>Nichts von diesen sechs Punkten traf und trifft auf den amtierenden Pr&auml;sidenten Nicol&aacute;s Maduro zu. Doch selbst wenn dies der Fall w&auml;re, k&auml;me dann der entscheidende Teil im Artikel 233 zum Tragen, den das Ausw&auml;rtige Amt bis heute &ndash; wohl wissentlich &ndash; ignoriert: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Bis der neue Pr&auml;sident oder die neue Pr&auml;sidentin gew&auml;hlt ist und das Amt antritt, nimmt der Vizepr&auml;sident oder die Vizepr&auml;sidentin die Pr&auml;sidentschaft der Republik wahr.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Die damalige und auch nach wie vor amtierende Vizepr&auml;sidentin Venezuelas ist Teil der Maduro-Regierung und hei&szlig;t Delcy Rodr&iacute;guez, nicht Juan Guaid&oacute;. Zudem begrenzt die venezolanische Verfassung eine &bdquo;Interimspr&auml;sidentschaft&ldquo; unmissverst&auml;ndlich auf 90 Tage und auf einen einzigen Zweck: die Organisation von Neuwahlen. Guaid&oacute; rief sich wie erw&auml;hnt am 23. Januar 2019 zum &bdquo;Interimspr&auml;sidenten&ldquo; aus. Nicht nur, dass er die verfassungsrechtlich begrenzte Amtszeit um &uuml;ber 1.000 Tage &uuml;berschritt, nein, er hat auch in dieser Zeit keinerlei Anstrengung unternommen, Wahlen zu organisieren. Im Gegenteil, er rief jahrelang explizit zum Boykott derselben auf. <\/p><p>Diese totale Verweigerungshaltung war, wie es sich am 30. Dezember 2022 zeigte, zwar selbst irgendwann den radikalsten Oppositionsparteien zu viel, nie aber dem Ausw&auml;rtigen Amt, welches sich nicht ein einziges Mal diesbez&uuml;glich kritisch &auml;u&szlig;erte. Man spricht am Werderschen Markt 1 gerne von Demokratie und &bdquo;regelbasierter Ordnung&ldquo;, optiert im Zweifel aber, wie der Fall Venezuela bezeugt, f&uuml;r Regime-Change um jeden Preis, wenn es der eigenen Agenda f&ouml;rderlich erscheint. Vertreter des Ausw&auml;rtigen Amtes waren, dies belegen die entsprechenden Protokolle, die die NachDenkSeiten einsehen konnten, auch auf EU-Ebene diejenigen, die sich am vehementesten f&uuml;r die wie dargelegt mehr als fragw&uuml;rdige Anerkennung von Guaid&oacute; bei gleichzeitiger massiver Sanktionierung der venezolanischen Bev&ouml;lkerung einsetzten.<\/p><p>Von den vielen Fehlentscheidungen und diplomatischen Tiefpunkten in der Historie des Ausw&auml;rtigen Amtes konzentriert sich ein signifikanter Teil auf S&uuml;damerika. Verwiesen sei beispielhaft auf Chile und den Umgang mit dem Putsch gegen Salvador Allende sowie mit den Opfern der Colonia Dignidad oder Argentinien und die komplette Unt&auml;tigkeit und Indifferenz des Ausw&auml;rtigen Amtes angesichts der schweren Folter und Ermordung linksgerichteter deutscher Staatsb&uuml;rger durch die argentinische Milit&auml;rjunta, siehe den exemplarischen Fall von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Elisabeth_K%C3%A4semann\">Elisabeth K&auml;semann<\/a>. Erw&auml;hnen k&ouml;nnte man auch, wie das AA in j&uuml;ngster Zeit den Putsch gegen den ersten indigenen Pr&auml;sidenten Boliviens, Evo Morales, im November 2019 rechtfertigte und legitimierte. Bis heute gab es kein Wort der Entschuldigung. <\/p><p>Doch die Art und Weise, wie die Bundesregierung und vorneweg das Ausw&auml;rtige Amt, wohl trotz besseren Wissens, eine Type wie Guaid&oacute; und dessen hochkorrupte Entourage jahrelang gegen alle v&ouml;lkerrechtlichen Gepflogenheiten als &bdquo;Pr&auml;sident&ldquo; und &bdquo;Regierung&ldquo; anerkannten und hofierten, um einen, im Zweifel gewaltt&auml;tigen, Regime-Change in Venezuela mit allen erdenklichen (und wie dargelegt zumeist gewaltt&auml;tigen und illegalen) Methoden durchzusetzen, steht wohl f&uuml;r den bisher schw&auml;rzesten Moment bundesdeutscher Au&szlig;enpolitik auf dem s&uuml;damerikanischen Kontinent. <\/p><p>Der Bundestagsabgeordnete Andrej Hunko (Die Linke), welcher seit Jahren die au&szlig;enpolitischen Aktivit&auml;ten der Bundesregierung in Bezug auf Venezuela kritisch begleitet und in diesem Zusammenhang zum Beispiel das erw&auml;hnte Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages initiiert hatte, erkl&auml;rte gegen&uuml;ber den NachDenkSeiten: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Der fortgesetzte Eiertanz der Bundesregierung in Sachen Venezuela ist nur noch peinlich. W&auml;hrend viele L&auml;nder weltweit ihre Beziehungen zum Land nach dem erfolglosen Guaid&oacute;-Putschversuch normalisieren, rudert die Bundesregierung zwar teilweise zur&uuml;ck, ohne jedoch ihre abenteuerliche Anerkennungs-Konstruktion aufzugeben. Es ist h&ouml;chste Zeit, diese Peinlichkeit deutscher Au&szlig;enpolitik aufzugeben und die Beziehungen vollst&auml;ndig zu normalisieren.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Titelbild: shutterstock \/ Julio Lovera<\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<p><strong>Mehr zum Thema:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91106\">&ldquo;Die Klassenidentit&auml;t ist entscheidend, um so ziemlich alles in Venezuela zu verstehen&rdquo;<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=82730\">USA-Venezuela &ndash; Ukraine-Krieg, Sanktionen und der &Ouml;lpoker<\/a><\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/532f1873b17d4a3b8bf4587bccff1e6a\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 23. Januar 2019 ernannte sich der venezolanische Oppositionspolitiker Juan Guaid&oacute; selbst zum &bdquo;Pr&auml;sidenten&ldquo; Venezuelas und formte eine &bdquo;Interimsregierung&ldquo;. Die Bundesregierung brach mit jahrzehntelanger deutscher Staatspraxis und erkl&auml;rte umgehend ihre Unterst&uuml;tzung und Anerkennung f&uuml;r den selbstausgerufenen &bdquo;Staatschef&ldquo;. An dieser Anerkennung hielt man, trotz massiver v&ouml;lkerrechtlicher und verfassungsrechtlicher Bedenken von Fachjuristen und des Wissenschaftlichen Dienstes des<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=92131\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":92132,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,107,188,126,20],"tags":[2503,2565,2071,1418,1703,1333],"class_list":["post-92131","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-audio-podcast","category-bundesregierung","category-erosion-der-demokratie","category-landerberichte","tag-bundespressekonferenz","tag-guaido-juan","tag-maduro-nicolas","tag-regime-change","tag-voelkerrecht","tag-venezuela"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Guaido_Venezuela.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/92131","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=92131"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/92131\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":92157,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/92131\/revisions\/92157"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/92132"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=92131"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=92131"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=92131"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}