{"id":92192,"date":"2023-01-06T10:57:23","date_gmt":"2023-01-06T09:57:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=92192"},"modified":"2023-01-11T14:13:05","modified_gmt":"2023-01-11T13:13:05","slug":"ueber-den-zusammenhang-von-silvester-gewalt-und-der-verherrlichung-militaerischer-gewalt-durch-ard-zdf-und-konsorten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=92192","title":{"rendered":"\u00dcber den Zusammenhang von Silvester-Gewalt und der Verherrlichung milit\u00e4rischer Gewalt durch ARD, ZDF und Konsorten"},"content":{"rendered":"<p>Hat die in der Silvesternacht aufbrechende Gewalt etwas mit der Entwicklung unserer Medien und insbesondere des Fernsehens zu tun? Das ist eine alte Frage, eine immer wieder gestellte Frage. Grob skizziert gibt es dazu zwei Positionen. Zum einen: Gewaltdarstellung f&uuml;hrt nicht zu verst&auml;rkter Gewaltbereitschaft, eher wird sie abgebaut. Zum anderen: die Inflation der Gewalt im Fernsehen hat Auswirkungen. Diese Position ist weiter unten formuliert; ich halte sie f&uuml;r schl&uuml;ssiger. Dessen ungeachtet sind in der Vergangenheit politische und medienpolitische Entscheidungen getroffen worden, deren Folgen wir heute jeden Tag besichtigen k&ouml;nnen. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nDie Fernsehprogramme sind heute voller Gewaltdarstellungen. Ein Krimi folgt dem anderen &ndash; manchmal in einem Programm zwei am Abend. Au&szlig;erdem nimmt die bewundernde Darstellung milit&auml;rischer Gewalt sp&uuml;rbar zu. Gestern Abend zum Beispiel in der <a href=\"https:\/\/www.ardmediathek.de\/video\/tagesschau\/tagesschau-20-00-uhr\/das-erste\/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL3RhZ2Vzc2NoYXUvYjgxNmViMTgtMjgwNi00NWQxLTg2NDAtMGUzZGE5YTM0Zjg0LzE\">Tagesschau<\/a>. In den ersten 5 Minuten nackte Bewunderung f&uuml;r einen Panzer mit entsprechender spannender Darstellung seiner Wendigkeit, eindrucksvoll f&uuml;r jedes kindliche Gem&uuml;t und verbunden mit dem Pl&auml;doyer, dieses &bdquo;Marder&ldquo; genannte Ger&auml;t milit&auml;rischer Gewalt schnellstens an die Ukraine zu liefern und nicht auf Putins Vorschlag f&uuml;r eine Waffenruhe einzugehen. &ndash; Dann folgte knappe zwei Stunden sp&auml;ter zu Beginn des <a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/nachrichten\/heute-19-uhr\/heute-19-uhr-vom-05-januar-2023-100.html\">ZDF-Heute Journals<\/a> eine noch l&auml;ngere Verherrlichung dieses Kriegsger&auml;ts und damit milit&auml;rischer Gewalt. Acht Minuten lang und ebenfalls beginnend mit der spannenden Darstellung dieses Panzertyps. &ndash; Gibt es noch eine extremere Form der Darstellung milit&auml;rischer Gewalt? Und dann noch verst&auml;rkt mit einem langen Interview mit einem sogenannten Experten, einem Professor der Bundeswehr-Hochschule M&uuml;nchen, selbstverst&auml;ndlich ein Pl&auml;doyer f&uuml;r die Lieferung dieses milit&auml;rischen Ger&auml;ts. <\/p><p>So war das nicht nur gestern. Diese spielerische Bewunderung milit&auml;rischer Gewalt ist in unseren Hauptmedien &uuml;blich geworden, &uuml;brigens auch im H&ouml;rfunk. Gerade schrieb ein NachDenkSeiten-Leser:  &bdquo;Der Deutschlandfunk hat heute Nacht und heute morgen drei Interviews mit Personen gef&uuml;hrt, die die Panzerlieferungen (&ldquo;Marder&rdquo;) bef&uuml;rworten.&ldquo; <\/p><p>Wir werden unentwegt mit der Bewunderung und F&ouml;rderung milit&auml;rischer Gewalt berieselt. <\/p><p>Wenn wir Panzer bewundern und zum Einsatz schicken, warum sollte dann nicht auch der Einsatz von Silvester-Kanonen m&ouml;glich sein, notfalls auch im Einsatz gegen Polizei und Feuerwehrleute?! Die elementare Gewaltbereitschaft Berliner Jugendlicher ist sozusagen Ausdruck und Spiegelbild des gesellschaftlichen Gesamtkunstwerks. Wer diese Zusammenh&auml;nge bezweifeln will, m&ouml;ge das tun. Ich sehe das anders.<\/p><p>1984 gab es eine Art Urknall f&uuml;r die totale Fernseh- und Medien-Berieselung von der Art, wie wir sie heute erleben: die Vermehrung der Fernsehprogramme und ihre Kommerzialisierung. Das wurde damals nach einem sechsj&auml;hrigen Streit zwischen SPD einerseits und CDU\/CSU andererseits so entschieden. 1978 hatte der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt sich geweigert, den gedankenlosen Forderungen seines Fernmeldeministers Gscheidle und dem Begehren der CDU\/CSU-Ministerpr&auml;sidenten nach mehreren 100 Millionen zur Erweiterung der Fernsehkan&auml;le zuzustimmen. Diese Weigerung hat er bis zum Ende seiner Kanzlerschaft im September 1982 durchgehalten. 1984 dann hat die neue Bundesregierung mit Helmut Kohl und seinem Fernmeldeminister Schwarz-Schilling die Programmvermehrung und damit verbunden die Kommerzialisierung des Fernsehens durchgesetzt. Parallel dazu lief die Vermehrung der Pr&auml;senz vor dem Bildschirm &uuml;ber das Internet. Beim damaligen Streit lag die t&auml;gliche Fernsehen-Nutzungsdauer im Durchschnitt bei ca. 2 Stunden. 2021 waren es etwas &uuml;ber f&uuml;nfeinhalb Stunden &ndash; sonstige Bildschirmnutzungszeit nicht eingerechnet.<\/p><p>Was uns heute in die Wohnzimmer geschickt wird, ist also nicht vom Himmel gefallen. Es ist menschengemacht &ndash; in Kenntnis der Gefahren und im Interesse gro&szlig;er und m&auml;chtiger Unternehmen.<\/p><p>In der Debatte &uuml;ber Fernsehnutzung und Kommerzialisierung zwischen 1978 und 1982 spielte die Sorge um die Gewaltdarstellungen und ihre Wirkung eine bemerkenswerte Rolle. Beleg daf&uuml;r ist die Einlassung des damaligen Bundeskanzlers in seinem &bdquo;Pl&auml;doyer f&uuml;r einen Fernsehfreien Tag&ldquo; in der Wochenzeitung Die Zeit vom 28. Mai 1978. <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/220828-Medien-Plaedoyer-fuer-einen-fernsehfreien-Tag-ZEIT-ONLINE.pdf\">Dort<\/a> gibt es einen Abschnitt 5.c zum Thema Gewalt. Ich zitiere:<\/p><blockquote><p>\nc) Fernsehen und Gewalt <\/p>\n<p>Ein besonderes Problem ist die F&uuml;lle von Gewaltdarstellungen im Fernsehen, die auch bereits zu Sendezeiten gezeigt werden, zu denen noch Kinder jeglichen Alters vor dem Apparat sitzen. Dieses heftig diskutierte Thema hat zwar unmittelbar mit dem der mangelnden Kommunikation nur wenig zu tun, es geh&ouml;rt aber in den weiteren Zusammenhang unserer Fragen nach der Wirkung des Fernsehens. Die Frage nach der direkten Wirkung von Gewalt auf dem Fernsehschirm ist in der p&auml;dagogischen und psychologischen Forschung umstritten. Es mag sein, da&szlig; die Frage, ob eine Darstellung von Gewalt brutales Verhalten f&ouml;rdern kann, in dieser Form zu einfach gestellt ist. Die &uuml;berzogene Katastrophen- und Gewaltdarstellung ist auch keinesfalls nur ein Problem des Fernsehens. Alle Medien, gerade bestimmte Formen der Tagespresse, sind in Gefahr, Gewaltsituationen zu &uuml;bertreiben oder rei&szlig;erisch darzustellen. Trotzdem meine ich: Es gibt im Fernsehen Nachl&auml;ssigkeiten gegen&uuml;ber dem Gewaltproblem. Sie reichen von der Tagesschau bis tief in die Unterhaltungssendungen. Die h&auml;ufige Vorspiegelung, Konflikte seien besonders einfach mit Gewalt zu l&ouml;sen, mu&szlig; eine verheerende Auswirkung auf die politische Struktur einer Demokratie haben. Demokratie mu&szlig; Konflikte mit den ihr eigenen M&ouml;glichkeiten und Methoden l&ouml;sen k&ouml;nnen. Das Schwarz-Wei&szlig;-Schema von Gewaltl&ouml;sungen darf nicht zu einem Vorbild f&uuml;r unsere Gesellschaft werden.<\/p><\/blockquote><p><em>Leserbriefe zu diesem Beitrag <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=92365\">finden Sie hier<\/a>.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hat die in der Silvesternacht aufbrechende Gewalt etwas mit der Entwicklung unserer Medien und insbesondere des Fernsehens zu tun? Das ist eine alte Frage, eine immer wieder gestellte Frage. Grob skizziert gibt es dazu zwei Positionen. Zum einen: Gewaltdarstellung f&uuml;hrt nicht zu verst&auml;rkter Gewaltbereitschaft, eher wird sie abgebaut. 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