{"id":92203,"date":"2023-01-06T12:30:04","date_gmt":"2023-01-06T11:30:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=92203"},"modified":"2023-01-09T09:19:28","modified_gmt":"2023-01-09T08:19:28","slug":"die-sache-mit-dem-testkauf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=92203","title":{"rendered":"Die Sache mit dem Testkauf"},"content":{"rendered":"<p>Wissen Sie, was ein Testkauf ist? Testen h&ouml;rt sich eigentlich gut an und scheint wichtig zu sein.  Kaufen geh&ouml;rt ja auch zu unserer sch&ouml;nen heilen Welt der Konsumgesellschaft. Im Handel laufen Testk&auml;ufe vergleichsweise so ab, wie es Tester von Restaurants oder Hotels handhaben, um Leistungen zu bewerten und zu honorieren, mag man denken. Weit gefehlt, erfuhr ich in Gespr&auml;chen mit einer Betroffenen. Die Arbeitnehmerschaft erlebt einen Alltag im Handel, der von vielen Faktoren negativ beeinflusst wird, die zudem ebenso nicht kundenfreundlich sind. Es scheint wie ein Wunder, dass viele aus der Branche f&uuml;r die Kunden durchhalten und mitunter lange Berufsjahre f&uuml;r die Superm&auml;rkte t&auml;tig sind. Sie hoffen auf Besserung eines Zustandes, der viel &uuml;ber unsere aktuelle Gesellschaft verr&auml;t. Von <strong>Frank Blenz<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6101\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-92203-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230106_Die_Sache_mit_dem_Testkauf_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230106_Die_Sache_mit_dem_Testkauf_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230106_Die_Sache_mit_dem_Testkauf_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230106_Die_Sache_mit_dem_Testkauf_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=92203-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230106_Die_Sache_mit_dem_Testkauf_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230106_Die_Sache_mit_dem_Testkauf_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Sch&ouml;ner Alltag Supermarkt<\/strong><\/p><p>Der Laden f&uuml;r die Waren des t&auml;glichen Bedarfs bei mir um die Ecke hat &ndash; gef&uuml;hlt &ndash; immer auf. Das Gesch&auml;ft ist ein mittelgro&szlig;er, gut sortierter Supermarkt mit einem stabilen Mitarbeiterstamm, der besteht aus etwas mehr als einem halben Dutzend Frauen, die stoisch ruhig und zuverl&auml;ssig ihrer ganz und gar nicht einfachen Arbeit nachgehen. Zwei Mal die Woche (mindestens) rollt ein LKW an, der von einem Mann im Alleingang geleert wird. Be- und Entladen von Waren auf Paletten sowie Leergut und Pappe inklusive. Diese angestellten Leute haben es nicht leicht, die Tage f&uuml;r die Frauen sind lang, die Waren viel. Die Backshop-Zeile muss best&uuml;ckt werden, nachdem der Backofen geleert wurde. Der Leergutautomat streikt immer mal wieder, die Preisschilder m&uuml;ssen aktualisiert, die Sonderangebote pr&auml;sentiert werden.<\/p><p>An der Kasse &bdquo;stauen&ldquo; sich die Kunden und einer ruft sicher zeitnah und ungeduldig, ob nicht noch eine weitere Kasse ge&ouml;ffnet werden k&ouml;nne. Derweil steht eine junge Verk&auml;uferin drau&szlig;en am Tor der Anlieferzone. Sie raucht eine Pausenzigarette in der K&auml;lte, sie wischt ein paar Minuten Neuigkeiten auf ihrem Smartphone. Es scheint, als g&auml;be es keinen Pausenraum. Gleich muss sie wieder ran, neue Ware einsortieren. Drinnen tobt derweil das Leben. Die Ordnung der Regale l&ouml;st sich &uuml;ber den Tag auf, mehr und mehr Waren landen an Orten, wo sie nicht hingeh&ouml;ren &ndash; achtlose Kunden lassen liegen, was sie dann doch nicht kaufen wollten. Milchkartons im Schokoladenregal, Kaffeeverpackungen im Kassenbereich, eine Melone liegt neben den Blumen. Manchen Kunden scheint es egal, abends wird das Supermarkt-Team ja wieder alles sch&ouml;n aufr&auml;umen.<\/p><p>Und noch ein Problempublikum nimmt sich seinen Teil. &Uuml;ber den Tag verteilt bedienen sich weitere, andere Besucher der Waren, indem sie diese  n i c h t  bezahlen &hellip; Manchmal schafft es ein Ladendetektiv, einen Dieb zu stellen. Die Schlange an der Kasse lichtet sich. Ein alter Mann legt seinen kargen Einkauf auf das Band, er stellt fest, die Himbeeren sind doch zu teuer, sein Geld reicht daf&uuml;r heute nicht mehr. Freundlich tr&ouml;stet die Kassiererin und storniert den Posten Frischobst.   <\/p><p>Der beschriebene Supermarkt steht f&uuml;r viele, behaupte ich, der nicht nur den bei sich um die Ecke besucht, der Ort des Handels pr&auml;sentiert sich an und f&uuml;r sich als ein moderner, schicker Ort. Der alte Mann mit seinem Himbeererlebnis wie auch die anderen Kunden werden aber schon l&auml;nger mitbekommen haben, dass damit eine Scheinwelt vorgegaugelt und der Kunde verschaukelt wird. Das f&auml;ngt schon bei der Auspreisung an: Warum muss jeder Preis mit der Zahl 9 enden? Das ist eine T&auml;uschung, eine Irref&uuml;hrung, der Versuch, dem Kunden, selbst dem aufmerksamen, mathematik-affinen, das Vergleichen mit anderen Preisen zu erschweren. Die Taktik der Mogelpackung &auml;rgert die Einkaufenden nicht minder. Waren fr&uuml;her 200 Gramm K&auml;se in einer gewohnten Packung, sind es neuerdings schon mal 150, bei der Wurst werden aus 100 auch mal 80 Gramm. Die Absicht dahinter ist durchschaubar: Weniger Ware f&uuml;r das gleiche Geld. Das sind lediglich zwei Beispiele. Es bleibt ja auch nicht bei den gleichen Preisen. Die ziehen weiter an, sp&uuml;rbar und dreist. Einfache Nudeln, So&szlig;en &ndash; sie kosten jetzt teils das Doppelte. In des Kunden Geldb&ouml;rse verdoppelt sich der Bestand nicht.<\/p><p>Ver&auml;rgert rollt man den Wagen gen Kasse, begleitet von der Durchsage aus dem Markt-Radio, die von einer sonoren Frauenstimme gesprochen wird, welche eine gl&auml;nzende Karriere im Markt verspricht, falls man Lust h&auml;tte, ins Team zu kommen. Interessant, vielf&auml;ltig, fair entlohnt und familienfreundlich betreffs der Arbeitszeiten gehe es zu, so das Versprechen &hellip;<\/p><p><strong>Testkauf und andere Arbeitgeberideen<\/strong><\/p><p>Die Verk&auml;uferinnen und Verk&auml;ufer, die Zuarbeiter, die Transportarbeiter arbeiten also in diesem Umfeld, mit all diesen teils zerm&uuml;rbenden Aufgaben, unter der Verpflichtung der Supermarkt-Konzerne, diesen Kurs versus Kundschaft und sich selbst durchzuziehen. Gerade herrscht Hochkonjunktur des Wortes Inflation. Die sei verantwortlich f&uuml;r die gestiegenen Preise, hei&szlig;t es heuchlerisch. Richtig ist hingegen, dass die Gro&szlig;en im Markt das Sagen haben, also die Preise bestimmen. Die Wirtschaftsexpertin Friederike Spiecker sagte vor kurzem in einem Interview:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Wenn der Wettbewerb zu schwach ist, k&ouml;nnen Unternehmen ihre Gewinnmargen ausbauen. Da hilft nur genaues Hinschauen und im Zweifel hartes Durchgreifen der Kartellbeh&ouml;rden, vor allem wenn es sich um Bereiche des grundlegenden Bedarfs wie Lebensmittel oder Energie handelt.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p><strong>Mitten im Gedr&auml;nge des Tages schichtet ein weiterer Kunde seine Waren auf das Band. Die Kassiererin scannt die Positionen, fragt dann den Kunden nach seiner Bonuskarte und weiteren W&uuml;nschen aus und w&uuml;nscht schlie&szlig;lich einen sch&ouml;nen Tag. &bdquo;Ebenso&ldquo;, wird ihr geantwortet.<\/strong><\/p><p>Das war ein Testkauf.<\/p><p>Eine meiner engsten Bekannten, die in der Lebensmittelbranche t&auml;tig ist, beschrieb mir das Vorgehen und meinte: &bdquo;Klar, die Kassiererin ist stets angehalten, die Waren ordentlich zu registrieren, richtig zu kassieren, aufzupassen, dass nichts geklaut wird. Der Supermarkt sorgt weiter f&uuml;r Sicherheit mittels Diebstahlsicherungen und Detektiven.&ldquo; Der Testkauf stehe aber f&uuml;r etwas anderes, so die gelernte Einzelhandelskauffrau. &bdquo;Die Verk&auml;uferinnen werden unter Druck gesetzt und kleingehalten. Schnell setzt es bei einem Fehler eine Abmahnung, die Frauen wissen nie, wann ein Testkauf kommt, was dann passiert.&ldquo; Sie berichtet mir von Testk&auml;ufen in Baum&auml;rkten, wo &bdquo;Diebesware&ldquo; so unter gekaufter Ware platziert werde, dass es der Kassiererin unm&ouml;glich sei, das &ndash; mitunter gar in der Hektik einer Kundenwarteschlange &ndash; zu erkennen.<\/p><p>&bdquo;Das ist gewollt, man provoziert den Fehler, man ertappt sie dann und kann drohen.&ldquo; Gerade in dieser Situation werde sehr genau hingesehen und gefordert. &bdquo;Bei Angelegenheiten hingegen, die die Verk&auml;uferin direkt betrifft, Lohn, Arbeitszeit, Kleidung, Arbeitsumfang, Pr&auml;mien, herrsche eine enorme Tr&auml;gheit der Arbeitgeberseite. Es sei kein Wunder, dass sich das herumspricht, und die Bewerberzahlen in diesen Berufen nicht nach oben schnellen. &bdquo;Es geht nicht nur denen im Handel so, auch die LKW-Fahrer werden ausgeschmiert (Vogtl&auml;ndisch f&uuml;r &uuml;bervorteilt). Und dann noch gegeneinander ausgespielt.&ldquo;<\/p><p><strong>Wo sollte die Reise hingehen?<\/strong><\/p><p>Mehrere Jahrzehnte habe sie im Handel in verschiedenen M&auml;rkten und Branchen gearbeitet, berichtete meine Bekannte, sie, die den Lebensmittelmarkt liebt, diesen Dialog mit den Kunden, das Versorgen der Menschen. Sie wei&szlig; um die Wichtigkeit eines Lebensmittelladens, um die &bdquo;Systemrelevanz&ldquo;. Nicht umsonst hei&szlig;t so eine Einrichtung ja auch &bdquo;Laden f&uuml;r Waren des t&auml;glichen Bedarfs&ldquo;. Sie bedauert, dass diese Arbeit so wenig gew&uuml;rdigt werde, beobachtet und erlebt am eigenen Leib, wie der Druck schleichend und andauernd mindestens beibehalten und sogar f&uuml;r ein &bdquo;verbessertes Betriebsergebnis&ldquo; erh&ouml;ht werde. &bdquo;Fr&uuml;her war der Laden einer mit Regalen, jetzt ist da auch eine B&auml;ckerei drin. Die Verk&auml;uferin wird zur B&auml;ckerin sozusagen. Nun kommen die ersten Selbst-Scanner-Kassen in Mode, die Kassiererin wird zunehmend &uuml;berfl&uuml;ssig. Und der Kunde versteckter Weise gar zum Mitarbeiter, zum Selbstbediener &ndash; ohne dass der Preis geringer wird.&ldquo;<\/p><p>Was tun? Die Lage verbessere sich nur, wenn die Arbeitnehmer ihre Rechte besser einklagen, erstreiten k&ouml;nnen, wenn sie besser organisiert sind, so die altgediente Einzelhandelskauffrau. Die Kunden seien auch gefordert, mehr in kleinen L&auml;den kaufen, solche Gesch&auml;fte unterst&uuml;tzen, die gerade neu gegr&uuml;ndet wurden. Ja, den gro&szlig;en Playern d&uuml;rfe nicht der ganze Kuchen &uuml;berlassen werden.<\/p><p>Der Handel muss sich wandeln: k&uuml;rzere &Ouml;ffnungszeiten, mehr Personal, das dann zu haben ist, wenn das Umfeld stimmt. Der Druck w&uuml;rde geringer, das merkten auch die Kunden, die Verwahrlosung bis hin zu der ganzen Unordnung f&auml;nde so nicht statt.<\/p><blockquote><p>&bdquo;Es reicht nicht, wenn die Musik aus dem Supermarkt-Radio fetzig klingt und die Stimme der Moderatoren warmherzig, die Waren bunt und ansprechend pr&auml;sentiert und eine heile Supermarkt-Welt vorgespielt wird &ndash; die Menschen m&uuml;ssen in den Vordergrund r&uuml;cken und es muss um das Kerngesch&auml;ft gehen, der Handel ist ein Ort des Vertrauens und der Begegnung.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Titelbild: Ground Picture\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wissen Sie, was ein Testkauf ist? Testen h&ouml;rt sich eigentlich gut an und scheint wichtig zu sein. Kaufen geh&ouml;rt ja auch zu unserer sch&ouml;nen heilen Welt der Konsumgesellschaft. 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