{"id":92210,"date":"2023-01-07T14:00:00","date_gmt":"2023-01-07T13:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=92210"},"modified":"2023-01-09T10:03:06","modified_gmt":"2023-01-09T09:03:06","slug":"ludwig-erhards-formierte-gesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=92210","title":{"rendered":"Ludwig Erhards \u201eFormierte Gesellschaft\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Der fr&uuml;here Bundeskanzler, bekannter als Bundeswirtschaftsminister im Kabinett Adenauer, hat in seiner Zeit als Bundeskanzler eine eigenartige Idee in die &ouml;ffentliche Debatte eingef&uuml;hrt. Die Formierte Gesellschaft. Siehe <a href=\"https:\/\/www.kas.de\/de\/web\/geschichte-der-cdu\/formierte-gesellschaft\">hier in der Darstellung der Konrad-Adenauer-Stiftung<\/a>.<br>\n<!--more--><br>\nEin Zitat aus diesem Text beschreibt recht gut, um was es dem Erfinder dieser gesellschaftspolitischen Vorstellung ging:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Er war &uuml;berzeugt, dass sich arbeitsteilige Wirtschaftsprozesse nur dann reibungslos vollz&ouml;gen, wenn jede Entscheidung in der Wirtschaft vom Bewusstsein &bdquo;der schicksalhaften Verbundenheit aller mit allen&rdquo; getragen werde. Modernes Wirtschaften erfordere Arbeitsteilung und Spezialisierung, und das hei&szlig;e: Jeder sei vom anderen abh&auml;ngig; jeder sei darauf angewiesen, dass s&auml;mtliche Teilnehmer am Wirtschaftsgeschehen ihre Leistungen bereitwillig erbringen und anderen zur Verf&uuml;gung stellen w&uuml;rden. Auf Vorschlag des Publizisten R&uuml;diger Altmann brachte Erhard die unausweichliche Verbundenheit aller einzelnen in der modernen Wirtschaftsgesellschaft auf den Begriff der Formierten Gesellschaft.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Ich kann mich noch gut an die Einf&uuml;hrung des Begriffs Formierte Gesellschaft erinnern. Die gesellschaftspolitische Vorstellung entsprach ganz und gar nicht dem, was viele der J&uuml;ngeren empfunden haben. Die Behauptung von der schicksalhaften Verbundenheit aller mit allen hielten wir f&uuml;r einen ideologischen Trick und f&uuml;r antidemokratisch. Ludwig Erhard hat mit diesem Vorsto&szlig; vermutlich die Entstehung der 68er-Bewegung mit gef&ouml;rdert.<\/p><p>Ludwig Erhard hat den Begriff auf dem D&uuml;sseldorfer Parteitag der CDU im Jahre 1965 eingef&uuml;hrt. Hier ist die Passage seiner entsprechenden Rede, entnommen dem <a href=\"https:\/\/www.kas.de\/c\/document_library\/get_file?uuid=43e736ce-e749-d2e6-6844-8adf410c8d74&amp;groupId=252038\">Protokoll des Parteitages<\/a> ab Seite 708:<\/p><blockquote><p>Die deutsche Gesellschaft von heute ist keine Klassengesellschaft mehr. Selbst die Sozialdemokraten mu&szlig;ten sich dieser Entwicklung beugen, dem Klassenkampf abschw&ouml;ren und sich als Volkspartei anpreisen. Die deutsche Gesellschaft hat indessen in den letzten Jahren tiefgreifende Ver&auml;nderungen und Wandlungen erfahren, die keineswegs selbstverst&auml;ndlich oder gar voraussehbar waren. Die Neuorientierung unserer Gesellschaft wurde vielmehr ganz bewu&szlig;t vollzogen. Ihr lagen Ideen zugrundel Die &bdquo;Soziale Marktwirtschaft&rdquo; brachte die Befreiung unseres Volkes von wirtschaftlicher Not und sozialem Zwang. Das Programm &bdquo;Wohlstand f&uuml;r alle&rdquo; wurde Realit&auml;t. Auch f&uuml;r die Zukunft, meine Freunde, kann kein d&uuml;rftiger Pragmatismus eine gewollte Ordnung ersetzen. Die moderne Demokratie Ist auf die Mitarbeit aller ihrer Gruppen angewiesen; sie kennt deren Macht, aber sie wei&szlig; auch um ihre Grenzen. <\/p>\n<p>Alle diese Gruppen f&uuml;gen sich heute der Demokratie ein; keine steht mehr im Gegensatz zum Rechtsstaat und zur Verfassung. Diese Gesellschaft von heute ist keine Gesellschaft von k&auml;mpfenden Gruppen mehr. Sie ist immer mehr im Begriff, Form zu gewinnen, das hei&szlig;t, sich zu formieren. Aber auch in dieser &bdquo;Formierten Gesellschaft&rdquo; &ndash; Ich pr&auml;ge diesen Begriff ganz bewu&szlig;t &mdash; werden die Gruppen die Parteien nicht ersetzen k&ouml;nnen. Mehr denn Je bedarf unsere Gesellschaft &uuml;bergreifender politischer Willenstr&auml;ger und Willensentscheidungen. Insofern hat sich in diesem Wandlungsproze&szlig; nicht der Charakter, wohl aber die Aufgabe der Union ver&auml;ndert. Die Union, meine Freunde, ist heute als der st&auml;ndige Appell an unser Volk zu begreifen, sich zu einer gro&szlig;en Willenseinheit zusammenzuschlie&szlig;en. (Beifall) Zwar Ist die politische Strategie der Union eine solche des Ausgleichs, aber dar&uuml;ber hinaus, meine Freunde, stellt sich ihr auch immer wieder die Aufgabe, Entscheidungseinheit zu sein. Die gro&szlig;en Fragen, die wir im Innern und nach au&szlig;en zu l&ouml;sen haben, k&ouml;nnen nicht nach den Sonderinteressen der einzelnen Gruppen beantwortet werden. Es sind Fragen, die die ganze Nation angehen. Nation verstehen wir in diesem Bez&uuml;ge nicht mehr im Sinne eines &uuml;berholten Nationalismus; wir verstehen die Nation in der Perspektive der sozialen, wirtschaftlichen und geistigen Entwicklung als eine &bdquo;Formierte Gesellschaft&rdquo;. Nur diese &bdquo;Formierte Gesellschaft&rdquo;, die nicht mehr von sozialen K&auml;mpfen gesch&uuml;ttelt und von kulturellen Konflikten zerrissen ist, deren Leistungsf&auml;higkeit aber auch nicht mehr, wie im Zeitalter des Imperialismus, von der Beherrschung kolonialer Rohstoffquellen und Abs&auml;tzm&auml;rkte abh&auml;ngig ist, &mdash; nur eine solche in den Funktionen gebundene, aber keineswegs in der Form erstarrte Gesellschaft ist in der Lage, dem modernen Staat in seiner wirtschaftlichen, technischen und wissenschaftlichen Entwicklung ein festes Fundament zu geben, das zugleich das Fundament des Friedens unter den V&ouml;lkern ist. <\/p>\n<p>Die &bdquo;Formierte Gesellschaft&rdquo; &mdash; und das ist das Gegenteil einer uniformierten Gesellschaft sozialistischer Pr&auml;gung oder kollektivistischen Geistes &mdash; bedarf zu ihrem Funktionieren nicht der imperialistischen Ausbeutung fremder V&ouml;lker, und noch entschiedener lehnt sie das kommunistische System der Ausbeutung des eigenen Volkes ab. (Beifall) Was hei&szlig;t also dann: &bdquo;Formierte Gesellschaft?&rdquo; Es hei&szlig;t, da&szlig; diese Gesellschaft nicht mehr aus Klassen und Gruppen besteht, die einander ausschlie&szlig;ende Ziele durchsetzen wollen, sondern da&szlig; sie, fernab aller st&auml;ndestaatlichen Vorstellungen, ihrem Wesen nach kooperativ ist, das hei&szlig;t, da&szlig; sie auf dem Zusammenwirken aller Gruppen und Interessen beruht. Diese Gesellschaft, deren Ans&auml;tze in System der Sozialen Marktwirtschaft bereits erkennbar sind, formiert sich nicht durch autorit&auml;ren Zwang, sondern aus eigener Kraft, aus eigenem Willen, aus der Erkenntnis und dem wachsenden Bewu&szlig;tsein der gegenseitigen Abh&auml;ngigkeit. Ergebnis dieser Formierung mu&szlig; sein ein vitales Verh&auml;ltnis zwischen sozialer Stabilit&auml;t und wirtschaftlicher Dynamik, die Konzentration auf eine fortdauernde Erh&ouml;hung der Leistung, die Sicherung einer expansiven Weiterentwicklung der Wirtschaft sowie auch die F&ouml;rderung und Nutzbarmachung des technischen und wissenschaftlichen Fortschritts. Es ist eine Gesellschaft des dynamischen Gleichgewichts. Eine solche Gesellschaft ist nicht autorit&auml;r zu regieren, sondern kann ihrem inneren Wesen nach nur demokratisch sein. Aber sie braucht modernere Techniken des Regierens und der politischen Willensbildung. Wir sollten uns dar&uuml;ber klar sein, da&szlig; auch unsere politische Ordnung einem nat&uuml;rlichen Entwicklungsproze&szlig; unterworfen ist. Die Formierte Gesellschaft verlangt also neue Impulse unserer politischen Parteien und des Parlamentarismus selber. Die parlamentarische Demokratie darf nicht l&auml;nger den organisierten Interessen unterworfen sein; im Gegenteil verlangt dieser bewu&szlig;te Schritt die gr&ouml;&szlig;ere Autonomie unseres Parlamentarismus. Ich nenne als Beispiel die Ausschu&szlig;arbeiten des Bundestages. Auf ihnen beruht ein wesentlicher Teil der Wirksamkeit des Parlaments &uuml;berhaupt. Zweifellos ist die Tatsache, da&szlig; in diesen Aussch&uuml;ssen vor allem Fachleute sitzen, hoch einzusch&auml;tzen. Aber damit ist offensichtlich auch die Gefahr verbunden, da&szlig; sich in diesen Aussch&uuml;ssen Gruppeninteressen bedenklich verdichten, weil man dort eben allzusehr &bdquo;unter sich&rdquo; bleibt. (Beifall) Darunter leiden dann allzuleicht die gesamtpolitischen Aspekte, denen das Parlament als Ganzes verpflichtet sein mu&szlig;. Vielleicht brauchen wir ein neues Spezialistentum, n&auml;mlich Spezialisten f&uuml;r allgemeine Interessen. (Beifall) Ahnliches gilt f&uuml;r die Aufgaben der staatlichen Verwaltung. Unser Bestreben mu&szlig; dahingehen, die Konsequenzen aus der bisherigen Entwicklung zu ziehen, und zwar planm&auml;&szlig;ig und entschlossen. Das ist nicht zuletzt auch eine Fragestellung, die unser geistiges Leben, wissenschaftliche Erkenntnis und unsere Kultur angeht. Die &bdquo;Formierte Gesellschaft&rdquo; ist auch kein Modell, das etwa nur im Geh&auml;use des Nationalstaates funktioniert. In ihr kann sich vielmehr das Bild eines geeinigten Europas regen. Sie ist dar&uuml;ber hinaus geeignet, eine Leitidee f&uuml;r die Neugestaltung unseres Erdteils wie auch f&uuml;r die wirtschaftliche und soziale Entwicklung anderer V&ouml;lker zu sein. &hellip;<\/p><\/blockquote><p>Soweit der Auszug aus der Rede des Bundeskanzlers Ludwig Erhard auf dem D&uuml;sseldorfer Parteitag der CDU im Jahre 1965. Historisch interessierten Leserinnen und Lesern mit viel Zeit w&auml;re zu empfehlen, in dem Protokoll von &uuml;ber 700 Seiten zu st&ouml;bern. Parteitage so umfangreich zu dokumentieren, war damals &uuml;brigens &uuml;blich.<\/p><p>Noch eine Anmerkung: Ludwig Erhard &uuml;berlebte als Bundeskanzler die Einf&uuml;hrung des Begriffs Formierte Gesellschaft nur um ein gutes Jahr. Im Dezember 1966 war seine Kanzlerschaft beendet und ersetzt durch die erste Gro&szlig;e Koalition unter Bundeskanzler Kiesinger und Vizekanzler Willy Brandt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der fr&uuml;here Bundeskanzler, bekannter als Bundeswirtschaftsminister im Kabinett Adenauer, hat in seiner Zeit als Bundeskanzler eine eigenartige Idee in die &ouml;ffentliche Debatte eingef&uuml;hrt. Die Formierte Gesellschaft. 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