{"id":92281,"date":"2023-01-10T09:07:25","date_gmt":"2023-01-10T08:07:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=92281"},"modified":"2023-01-10T16:56:38","modified_gmt":"2023-01-10T15:56:38","slug":"deutschlands-lng-strategie-und-der-elefant-im-raum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=92281","title":{"rendered":"Deutschlands LNG-Strategie und der Elefant im Raum"},"content":{"rendered":"<p>In den letzten Tagen wurde erstmals Kritik an der deutschen LNG-Strategie laut. Das Bundeswirtschaftsministerium habe falsche Daten zur Einspeisekapazit&auml;t unserer Nachbarl&auml;nder herangezogen, um das LNG-Beschleunigungsgesetz durchzuboxen, und damit teure &Uuml;berkapazit&auml;ten geschaffen. Das stimmt nur zum Teil. Beim Jonglieren mit Kapazit&auml;ten im Milliarden-Kubikmeter-Bereich f&auml;llt jedoch schnell eine elementare Frage unter den Tisch: Woher sollen die Kapazit&auml;ten, geschweige denn die &Uuml;berkapazit&auml;ten, &uuml;berhaupt herkommen? Man kann mit einer Notstandsgesetzgebung zwar in Windeseile gigantische Terminals errichten, Zugriff auf das dort zu regasifizierende Erdgas hat man jedoch nicht. So bleibt Deutschlands Gasversorgung auch langfristig unsicher und wom&ouml;glich sehr, sehr teuer. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1134\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-92281-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230110_Deutschlands_LNG_Strategie_und_der_Elefant_im_Raum_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230110_Deutschlands_LNG_Strategie_und_der_Elefant_im_Raum_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230110_Deutschlands_LNG_Strategie_und_der_Elefant_im_Raum_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230110_Deutschlands_LNG_Strategie_und_der_Elefant_im_Raum_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=92281-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230110_Deutschlands_LNG_Strategie_und_der_Elefant_im_Raum_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230110_Deutschlands_LNG_Strategie_und_der_Elefant_im_Raum_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Man muss dem Tagesspiegel-Journalisten Malte Kreuzfeldt ja dankbar sein, dass er <a href=\"https:\/\/twitter.com\/MKreutzfeldt\/status\/1610549273073967107\">mit spitzem Bleistift nachgerechnet hat<\/a>, ob die Begr&uuml;ndung der Bundesregierung f&uuml;r den Bau der neuen LNG-Terminals an Nord- und Ostsee &uuml;berhaupt tr&auml;gt. Sie tut es nicht. In der Gesetzesbegr&uuml;ndung hei&szlig;t es, Deutschland k&ouml;nne maximal 40 Milliarden Kubikmeter Erdgas &uuml;ber die existierenden LNG-Terminals unserer Nachbarl&auml;nder Frankreich, Belgien, den Niederlanden und Polen importieren &ndash; das reiche nicht, um den Gesamtbedarf in H&ouml;he von 95 Milliarden Kubikmeter zu decken. Diese Aussage ist auch mehr oder weniger korrekt. Warum also die Aufregung? In einem FAQ, das das Bundeswirtschaftsministerium an die Begr&uuml;ndung angeh&auml;ngt hatte, wurde aus der maximalen Importmenge pl&ouml;tzlich die &bdquo;Regasifizierungkapazit&auml;t&ldquo; dieser Terminals. Das ist freilich falsch und das belegt Kreuzfeldt anhand eigens recherchierter Zahlen. <\/p><p>Nun werden Kreuzfeldts Recherchen jedoch <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/finanzen\/bmwk-korrigiert-angaben-verpulvert-habeck-steuergelder-beim-lng-ausbau_id_182213074.html\">von vielen Medien herangezogen<\/a>, um zu belegen, dass Deutschland ja die weggefallenen russischen Gaslieferungen bereits jetzt fast komplett &uuml;ber seine Nachbarl&auml;nder decken k&ouml;nne und der Bau eigener LNG-Terminals gar nicht n&ouml;tig sei. Das wiederum ist eine Milchm&auml;dchenrechnung, die f&auml;lschlicherweise suggeriert, diese Terminals w&uuml;rden ausschlie&szlig;lich an Deutschland liefern. Das tun sie nat&uuml;rlich nicht, sie dienen vielmehr vor allem der Eigenversorgung unserer Nachbarl&auml;nder und was dann &uuml;ber Pipelines nach Deutschland flie&szlig;t, sind nicht die Maximalkapazit&auml;ten dieser Terminals, sondern deren &Uuml;berschusskapazit&auml;ten &ndash; und das ist ein himmelweiter Unterschied! <\/p><p>Ja, das LNG-Beschleunigungsgesetz wurde fehlerhaft begr&uuml;ndet. Nein, daraus kann man jedoch nicht schlie&szlig;en, dass auch ohne eigene LNG-Terminals die Gasversorgung gesichert sei und Deutschland die russischen Gaslieferungen so einfach durch LNG aus unseren Nachbarl&auml;ndern kompensieren k&ouml;nne. <\/p><p>Fatal ist auch der Trugschluss, der Wechsel von russischem Erdgas zu LNG sei &bdquo;nur&ldquo; deshalb teuer, weil die LNG-Terminals sehr kostenintensiv sind. Hier wird dann gerne auf die Kostensteigerungen beim Bau und der Charter der Terminal-, Verfl&uuml;ssigungs- und Transportkapazit&auml;ten verwiesen. Hierf&uuml;r wurden urspr&uuml;nglich drei Milliarden Euro eingeplant, nun sind die Kosten bereits auf rund zehn Milliarden Euro gestiegen. Das ist jedoch &ndash; mit Verlaub &ndash; nur ein &bdquo;Fliegenschiss&ldquo;, wenn es um die gesamten volkswirtschaftlichen Kosten der Sanktionierung und des Ersatzes russischer Erdgaslieferungen geht. Diese zehn Milliarden Euro verteilen sich n&auml;mlich auf den gesamten projizierten Betriebsraum und der reicht zum Teil &uuml;ber 15 Jahre. Viel dramatischer sind die Mehrkosten f&uuml;r den Energietr&auml;ger selbst und hier sprechen wir nicht &uuml;ber zehn Milliarden Euro, verteilt auf 15 Jahre, sondern <a href=\"https:\/\/threadreaderapp.com\/thread\/1563145392895586307.html\">&uuml;ber bis zu 250 Milliarden Euro pro Jahr!<\/a> Und selbst das ist nur ein Teil des volkswirtschaftlichen Schadens, der eine indirekte, schwer zu prognostizierende Gr&ouml;&szlig;e ist, die sich vor allem aus den konjunkturellen Sch&auml;den ergibt, die aus den Energiepreissteigerungen resultieren. Es geht bei der Betrachtung nicht prim&auml;r darum, ob physisch genug Gas da ist. Das sollte wohl machbar sein. Ob dieses Gas dann jedoch auch bezahlbar ist, ist offen. <\/p><p>Auf die entscheidende Frage, wo <strong>bezahlbares<\/strong> LNG f&uuml;r die neu gebauten Terminals eigentlich herkommen und <strong>zu welchem Preis<\/strong> es eingekauft werden soll, gibt es n&auml;mlich keine &uuml;berzeugende Antwort. In diesem Jahr blieb der Supergau zum Gl&uuml;ck aus, doch das ist vor allem auf Sonderfaktoren zur&uuml;ckzuf&uuml;hren. In Mitteleuropa haben die ungew&ouml;hnlich milden Herbst- und Wintertemperaturen den Verbrauch massiv gesenkt. Chinas Volkswirtschaft lief durch die Coronama&szlig;nahmen das gesamte Jahr mit angezogener Handbremse, so dass die Volksrepublik deutlich weniger LNG importieren musste. In Brasilien beg&uuml;nstigten dauerhafte starke Regenf&auml;lle die Stromproduktion in den gigantischen Wasserkraftwerken, so dass man nur sehr wenig LNG f&uuml;r die Gaskraftwerke importieren musste. Und Indien hat sich als dankbarer Abnehmer f&uuml;r die noch sp&auml;rlichen russischen LNG-Exporte erwiesen, die so Lieferungen aus anderen L&auml;ndern substituieren konnten. Durch all diese Sonderfaktoren sank bei leicht gestiegenem Angebot die Nachfrage so sehr, dass die zus&auml;tzlichen LNG-Mengen f&uuml;r Europa ohne gro&szlig;en Preissprung auf den M&auml;rkten eingekauft werden konnten.<\/p><p>Wenn ein Teil dieser Sonderfaktoren wegf&auml;llt, wird die frei verf&uuml;gbare LNG-Menge auf dem Weltmarkt jedoch sehr knapp und die Preise werden durch die Decke gehen. Der Wegfall russischer Gaslieferungen nach Ost- und Mitteleuropa muss schlie&szlig;lich nicht nur in diesem Winter, sondern langfristig durch LNG-Lieferungen ersetzt werden. F&uuml;r diese Zusatzmengen gibt es jedoch keine zus&auml;tzlichen freien Kapazit&auml;ten bei den LNG-Exporteuren. Dieser Punkt ist elementar! <\/p><p>Letztlich ist es also egal, ob Deutschland gar keine, zwei, zw&ouml;lf oder hundert LNG-Terminals betreibt und wie hoch deren maximale Einspeisemenge ist. Wenn es nicht genug bezahlbares LNG zum Einspeisen gibt, sind dies sehr theoretische Gr&ouml;&szlig;en. Und wenn die Preise f&uuml;r LNG an den Spotm&auml;rkten, auf denen deutsche Importeure ja den Gro&szlig;teil des importierten LNGs einkaufen m&uuml;ssen, da sie &ndash; anders als chinesische, japanische, s&uuml;dkoreanische oder s&uuml;deurop&auml;ische Importeure &ndash; nicht &uuml;ber langfristige Liefervertr&auml;ge mit ausgehandelten Preisklauseln verf&uuml;gen, durch die Decke gehen, werden die Kosten f&uuml;r Terminals nur ein kleiner Posten in der Bilanz der volkswirtschaftlichen Sch&auml;den sein. Doch diesen Elefanten im Raum scheint niemand sehen zu wollen. <\/p><p>Titelbild: Mike Mareen\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/dc2f0070b5164a67aff70833b5e9eb31\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den letzten Tagen wurde erstmals Kritik an der deutschen LNG-Strategie laut. 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