{"id":92360,"date":"2023-01-11T13:25:54","date_gmt":"2023-01-11T12:25:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=92360"},"modified":"2023-01-12T16:04:54","modified_gmt":"2023-01-12T15:04:54","slug":"eine-million-gegen-milliardenprofiteure-mobilmachung-zum-strompreisboykott","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=92360","title":{"rendered":"Eine Million gegen Milliardenprofiteure. Mobilmachung zum Strompreisboykott."},"content":{"rendered":"<p>Zahllose Menschen k&ouml;nnen sich die &uuml;berteuerte Energie nicht mehr leisten. Sie tun es aber trotzdem, indem sie an anderer Stelle sparen &ndash; zum Beispiel beim Essen. Schluss damit, fordert die frisch gegr&uuml;ndete Initiative &bdquo;Wir zahlen nicht&ldquo; und ruft dazu auf, die &Uuml;berweisungen f&uuml;r Strom zun&auml;chst stark zu reduzieren und sp&auml;ter vielleicht ganz einzustellen. Vorbild ist eine &auml;hnlich gerichtete Kampagne in Gro&szlig;britannien, der sich auf der Insel schon Hunderttausende angeschlossen haben. Der Startschuss in Deutschland fiel am Dienstag, Ausgang offen. Von <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2045\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-92360-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230112_Eine_Million_gegen_Milliardenprofiteure_Mobilmachung_zum_Strompreisboykott_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230112_Eine_Million_gegen_Milliardenprofiteure_Mobilmachung_zum_Strompreisboykott_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230112_Eine_Million_gegen_Milliardenprofiteure_Mobilmachung_zum_Strompreisboykott_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230112_Eine_Million_gegen_Milliardenprofiteure_Mobilmachung_zum_Strompreisboykott_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=92360-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230112_Eine_Million_gegen_Milliardenprofiteure_Mobilmachung_zum_Strompreisboykott_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230112_Eine_Million_gegen_Milliardenprofiteure_Mobilmachung_zum_Strompreisboykott_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Geplant ist so etwas wie eine kleine Revolution. Und wo sonst lie&szlig;e sich eine Volkserhebung besser anzetteln als im Roten Salon der Berliner Volksb&uuml;hne am Rosa-Luxemburg-Platz. Hier hatte der verstorbene Dramatiker Heiner M&uuml;ller zu Lebzeiten die Fahne der Arbeiterklasse hochgehalten &ndash; hier wird heute der deutschen Energiewirtschaft der Kampf angesagt. Am Dienstag Morgen um zehn Uhr f&auml;llt der Startschuss. Vertreter der Initiative <a href=\"https:\/\/wirzahlennicht.info\/\">&bdquo;Wir zahlen nicht&ldquo;<\/a> haben Pressevertreter in das Theater im Zentrum der Hauptstadt geladen, um ihr Projekt in der ganzen Republik bekannt zu machen. Ihr Vorhaben scheint verwegen und ist doch alles andere als abwegig. Wenn die Menschen im Land ihre Stromrechnung wegen explodierender Kosten nicht mehr begleichen &bdquo;k&ouml;nnen oder wollen&ldquo;, sollen sie es eben lassen. Oder nur noch das an Geld &uuml;berweisen, was das Zeug wert ist. Alles dar&uuml;ber beh&auml;lt man f&uuml;r sich. <\/p><p>Wie das geht, erlebt man dieser Tage in Gro&szlig;britannien, wo die Kampagne <a href=\"https:\/\/dontpay.uk\/\">&bdquo;Don`t Pay UK&ldquo;<\/a> schon seit l&auml;ngerem f&uuml;r Aufsehen sorgt und die in derselben schwarz-gelben Aufmachung auftritt wie jetzt auch der deutsche Ableger. Zum Stichtag 1. Dezember sind auf der Insel fast 260.000 Verbraucher in den Zahlungsstreik getreten. Und es k&ouml;nnten noch viel mehr werden. Umfragen im Sommer ergaben, dass drei Viertel der Briten von der Aktion geh&ouml;rt haben, und &uuml;ber drei Millionen Menschen dachten dar&uuml;ber nach, sich ihr anzuschlie&szlig;en. Das macht Eindruck: Eine interne Pr&auml;sentation des E.on-Konzerns beziffert die m&ouml;glichen Verluste im Falle einer Massenbeteiligung mit monatlich 43 Millionen Pfund und warnt vor einer <a href=\"https:\/\/perspektive-online.net\/2022\/11\/intervie-mit-dont-pay-uk-millionen-von-menschen-zahlen-bereits-nicht-mehr\/\">&bdquo;existenziellen Bedrohung&ldquo;<\/a>. Prompt blies die Industrie zur Gegenattacke und spannte  daf&uuml;r sogar Wohlfahrtsorganisationen ein, die seither mit dem Gespenst Energieschulden &Auml;ngste verbreiten. Motto: Wer nicht zahlt, macht alles nur noch viel schlimmer. <\/p><p><strong>Armut und Milliardenprofite<\/strong><\/p><p>Aber geht es &uuml;berhaupt noch schlimmer? Neben den Gr&uuml;ndern der deutschen &bdquo;Zweigstelle&ldquo; sitzt auf dem Podium auch Nicole Lindner vom B&uuml;ndnis gegen Obdachlosigkeit und Zwangsr&auml;umungen. Sie klagt &uuml;ber &bdquo;Existenzangst, die handlungsunf&auml;hig und krank macht&ldquo;. Ihr Monatsabschlag f&uuml;r Gas sei von 85 Euro auf 245 Euro gestiegen, der Preis f&uuml;r Strom von 29 Cent auf 49 Cent pro Kilowattstunde. F&uuml;r viele Menschen reiche das Geld nicht einmal zum Kauf von Lebensmitteln, die Verdoppelung der Stromkosten ist da der Todessto&szlig;. Das ist buchst&auml;blich gemeint: Lindner bef&uuml;rchtet mehr Energiesperren, Menschen, die in ihren Wohnungen Feuer machen oder sich aus Verzweiflung das Leben nehmen. &bdquo;Wir stehen vor einer massiven sozialen Krise&ldquo;, erg&auml;nzt Lena Deich von &bdquo;Wir zahlen nicht&ldquo;. Alles werde teurer, Lebensmittel, Wohnen, Heizen, schon 2021 h&auml;tten Millionen Menschen Probleme gehabt, ihre Stromrechnung zu bezahlen, hunderttausenden Haushalten sei die Leitung gekappt worden. &bdquo;Und w&auml;hrenddessen fahren Energiekonzerne eine Milliarde nach der anderen ein.&ldquo;<\/p><p>&Uuml;ber die Unwuchten in puncto Gerechtigkeit kl&auml;rt das mitgelieferte <a href=\"https:\/\/wirzahlennicht.info\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/PRESSEMAPPE_WZN.pdf\">Pressematerial<\/a> auf: E.on hat von Januar bis September 4,3 Milliarden Euro an Profit eingestrichen, RWE seine Erl&ouml;se im Vorjahresvergleich auf 2,1 Milliarden Euro verdoppelt und Vattenfall den Umsatz um 38 Prozent erh&ouml;ht. Wie ist so etwas m&ouml;glich, w&auml;hrend sonst &uuml;berall der Notstand herrscht? Auch das erkl&auml;ren die Aktivisten. Schuld sei das sogenannte Merit-Order-Prinzip, nach dem sich der Preis f&uuml;r Strom am kostspieligsten Kraftwerk bemisst, das Energie ins Netz einspeist. Egal wie billig der Brennstoff sei, am Ende erhielten alle Anbieter den Preis des teuersten Produzenten. Weil die Kosten f&uuml;r Gas massiv angezogen h&auml;tten, gehe auch der Preis f&uuml;r Strom durch die Decke. &bdquo;Und dieser Preis ist immer wieder um mehr als das Zehnfache h&ouml;her als die tats&auml;chlichen Kosten&ldquo;, erl&auml;utern die Initiatoren. &bdquo;So lange die Situation bleibt, wie sie ist, zahlen deutsche Stromkunden Jahr f&uuml;r Jahr viele Milliarden, mit denen schlicht der Gewinn der Kraftwerksbetreiber in bislang unvorstellbare H&ouml;hen getrieben wird.&ldquo; <\/p><p><strong>15 Cent &ndash; nicht mehr<\/strong><\/p><p>Das bedeutet au&szlig;erdem: Der Hauptverantwortliche f&uuml;r die Preistreiberei ist die Fossilindustrie, die mit ihrer schmutzigen und teuren Energiegewinnung marktbestimmend ist und daf&uuml;r noch f&uuml;rstlich belohnt wird. Aber auch Betreiber von Windparks und Gro&szlig;solaranlagen profitieren, weil sie trotz des eigentlich sehr viel g&uuml;nstiger erzeugten Stroms trotzdem die Preise des teuersten Einspeisers kassieren d&uuml;rfen. Die Regierung versucht die Kosten des &bdquo;Scheiterns der langj&auml;hrigen deutschen energie- und klimapolitischen Strategie auf die ganze Gesellschaft abzuw&auml;lzen, nachdem die Gewinne l&auml;ngst privatisiert wurden&ldquo;, moniert Lasse Thiele vom Konzeptwerk Neue &Ouml;konomie. &bdquo;Es ist an der Zeit, diesen schlechten Deal neu zu verhandeln und endlich die Energiewende konsequent voranzubringen.&ldquo; <\/p><p>An diesem Punkt kommt die Kampagne ins Spiel, die sich mit vier konkreten Forderungen verbindet: &bdquo;Wir brauchen einen akuten Schutz f&uuml;r alle vor Stromsperren, einen Festpreis von maximal 15 Cent pro Kilowattstunde, 100 Prozent erneuerbare Energie und die Vergesellschaftung der Energiekonzerne.&ldquo; Aber: Wenn 500 Kunden den Aufstand proben, wird es mit den sch&ouml;nen Zielen nichts werden. Ergo muss der Zahlungsboykott eine Massenbewegung werden. Die Schwelle setzten die Aktivisten bei einer Million. Erst sobald sich so viele Menschen zum Mitmachen bereiterkl&auml;rt haben, wird mit dem Streik losgelegt. Bei dieser &bdquo;kritischen Masse&ldquo; w&uuml;rden Stromsperren technisch und kostenm&auml;&szlig;ig zu aufwendig f&uuml;r die Versorger. Jemandem den Saft abzudrehen, &bdquo;funktioniert nicht per Mausklick&ldquo;, sagt Marie Bach von &bdquo;Wir zahlen nicht&ldquo;. Daf&uuml;r m&uuml;sse ein Techniker antanzen und die Zufuhr abklemmen, was B&uuml;rokratie und Kosten verursache. Bei einer Million Haushalten k&ouml;nnte das nicht zu bew&auml;ltigen sein und damit auch der Druck auf die Politik so gro&szlig; werden, dass sie schlie&szlig;lich einlenkt &ndash; so das Kalk&uuml;l. Das k&ouml;nnte aufgehen: Tats&auml;chlich wurden schon 2021 laut Bundesnetzagentur bundesweit vier Millionen Stromsperrandrohungen ausgesprochen, aber nur in rund 235.000 Haushalten wurde der Schritt tats&auml;chlich vollzogen.  <\/p><p><strong>D&uuml;stere Wohnungen, beheizte Pools<\/strong><\/p><p>&Uuml;berhaupt m&uuml;ssen die Streikenden nicht gleich bis zum &Auml;u&szlig;ersten gehen, also den Geldhahn ganz zudrehen. In einem ersten Schritt sollen die Abschlagszahlungen zun&auml;chst &bdquo;massenhaft auf 15 Cent&ldquo; pro Kilowattstunde reduziert werden. &bdquo;Passiert nichts&ldquo; und werde auf diesen &bdquo;Warnstreik&ldquo; nicht reagiert, &bdquo;stellen wir die Zahlungen komplett ein&ldquo;, bekr&auml;ftigt Lena Deich. Warum 15 Cent? Der aktuelle Produktionspreis f&uuml;r in modernsten Anlagen erzeugte erneuerbare Energie taxiert die Initiative auf 7,5 Cent pro Kilowattstunde. Weitere 7,5 Cent setze man f&uuml;r die Netzentgelte an. Eigentlich fehlen in der Berechnung noch zus&auml;tzliche Abgaben und Steuern, die den Endpreis komplettieren. Die wolle man aber nicht mittragen, &bdquo;denn einheitliche steuerliche Abgaben f&uuml;r alle sind sozial ungerecht und belasten diejenigen am meisten, die am wenigsten haben&ldquo;. Den Wegfall der Einnahmen &bdquo;wollen wir &uuml;ber andere Steuern, wie eine Verm&ouml;gens- und Erbschaftssteuer, ausgleichen&ldquo;. <\/p><p>Das unterstreicht einmal mehr den Ehrgeiz der Initiatoren und ihren Willen, sich nicht weiter mit wenig oder gar nichts zufrieden zu geben. Denn bekanntlich gibt es hierzulande gar keine Verm&ouml;genssteuer und die Erbschaftssteuer verdient ihren Namen nicht, weil sie die dicksten Erben kaum belangt. Daf&uuml;r soll es demn&auml;chst eine Strom- und Gaspreisbremse geben, verbunden mit der Hoffnung der Ampelregenten, so auch ein St&uuml;ck weit den Volkszorn zu b&auml;ndigen. Aber auch das ist mehr Augenwischerei als eine echte Hilfe. Das Instrument sei sowohl zu teuer als auch unsozial, kritisieren die Aktivisten. Die Strompreisbremse deckelt den Preis f&uuml;r 80 Prozent des Vorjahresverbrauchs bei 40 Cent, was vielerorts eine Verdopplung der schon 2022 arg gesalzenen Preise bedeutet. Und wie sollten Menschen an der Armutsgrenze, die in der Regel in dunklen Wohnungen leben, 20 Prozent Strom einsparen, fragt Marie Bach. Demgegen&uuml;ber st&uuml;nden &bdquo;dann Multimillion&auml;re, die nicht nur ihre Villa, sondern auch den geheizten Pool, das Gartenh&auml;uschen und den Rest ihres Anwesens wohl ausgeleuchtet wissen wollen&ldquo;. Auch deren Stromkonsum w&uuml;rde zu 80 Prozent subventioniert.  <\/p><p><strong>999.000 bis ins Ziel<\/strong><\/p><p>Und wie steht es um die Erfolgsaussichten? Die Initiatoren erinnern an historische Vorbilder: So h&auml;tten sich in den 1970er Jahren hunderte niederl&auml;ndische Haushalte geweigert, durch eine spezielle Geb&uuml;hr neue Atomkraftwerke zu finanzieren. Daraufhin sei die Abgabe abgeschafft worden. Und nach Ank&uuml;ndigung einer Strompreiserh&ouml;hung um 70 Prozent h&auml;tten 1974 in der italienischen Lombardei 18.000 Arbeiter beschlossen, die H&auml;lfte ihrer Rechnungen nicht zu begleichen. &bdquo;Die Regierung wagte es nicht, Zehntausenden Menschen den Strom abzustellen und lie&szlig; sich auf Verhandlungen ein. Die Erh&ouml;hung konnte dadurch stark vermindert werden.&ldquo; <\/p><p>Warum sollte das nicht auch in Deutschland klappen? Wer mitmachen will &ndash; und zun&auml;chst geht es ja blo&szlig; um ein Absichtsbekundung &ndash; kann sich auf der <a href=\"https:\/\/wirzahlennicht.info\/\">Kampagnenwebseite<\/a> v&ouml;llig unverbindlich mit E-Mail-Adresse und Postleitzahl &bdquo;zum Streik anmelden&ldquo;. Und sollte die Liste dann l&auml;nger und l&auml;nger werden, kommen vielleicht ja irgendwann auch Olaf Scholz und Robert Habeck ins Schwitzen. Aber noch brauchen sie sich nicht sorgen. Stand Mittwochmittag hatten sich nicht einmal 1.000 Kampfbereite registriert. Bis zur Revolution fehlt da noch ein St&uuml;ckchen.  <\/p><p>Titelbild: SrideeStudio\/shutterstock.com<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/cc714cc324bc4e02b1221fe865e63746\" alt=\"\" title=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zahllose Menschen k&ouml;nnen sich die &uuml;berteuerte Energie nicht mehr leisten. Sie tun es aber trotzdem, indem sie an anderer Stelle sparen &ndash; zum Beispiel beim Essen. Schluss damit, fordert die frisch gegr&uuml;ndete Initiative &bdquo;Wir zahlen nicht&ldquo; und ruft dazu auf, die &Uuml;berweisungen f&uuml;r Strom zun&auml;chst stark zu reduzieren und sp&auml;ter vielleicht ganz einzustellen. 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