{"id":92465,"date":"2023-01-15T11:45:41","date_gmt":"2023-01-15T10:45:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=92465"},"modified":"2023-01-15T14:37:09","modified_gmt":"2023-01-15T13:37:09","slug":"juristische-kriegsfuehrung-in-lateinamerika","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=92465","title":{"rendered":"Juristische Kriegsf\u00fchrung in Lateinamerika"},"content":{"rendered":"<p>Lateinamerika war die einzige Region weltweit, die in den letzten zwanzig Jahren eine Reihe fortschrittlicher Regierungen hatte. Vielleicht ist das der Grund, warum sich der von den USA unterst&uuml;tzte Krieg vermittels der Justiz &ndash; Lawfare &ndash; auf die L&auml;nder mit den progressivsten Regierungen Lateinamerikas konzentrierte. W&auml;hrend die harmlose, wenn auch respektable ehemalige Pr&auml;sidentin Chiles, Michelle Bachelet, mit dem Posten der Hohen Kommissarin f&uuml;r Menschenrechte der Vereinten Nationen pr&auml;miert wurde, werden rebellischere F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeiten Lateinamerikas juristisch verfolgt und in Verruf gebracht. Das reicht von t&auml;glicher Diffamierung bis zum Attentat gegen Cristina Fern&aacute;ndez de Kirchner. Von <strong>Alicia Rivero<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nGibt es den Lawfare &uuml;berhaupt? Im Norden guckt man eher skeptisch auf Lateinamerika nach dem Motto &ldquo;da unten sind doch alle korrupt und empf&auml;nglich f&uuml;r Verschw&ouml;rungen&rdquo;.<\/p><p>Ein ber&uuml;hmter Mann aus dem S&uuml;den glaubt an die Existenz des Lawfare und ist ein aktiver Kritiker: Papst Franziskus stellte in seiner Rede auf einem Weltkongress &uuml;ber Strafrecht 2019 fest, dass regelm&auml;&szlig;ig falsche Anschuldigungen gegen politische F&uuml;hrer erhoben werden, verbreitet &ldquo;von den Medien, den Gegnern und den kolonisierten Justizorganen&rdquo;. Damit werde der notwendige Kampf gegen die Korruption instrumentalisiert, um unliebsame Regierungen zu bek&auml;mpfen.<\/p><p>Wie der argentinische Rechtsanwalt und Journalist Aleardo Rajneri schreibt, wird wahrscheinlich im Laufe der Zeit der wahre Charakter des Lawfare anerkannt, so wie es den Menschenrechtsorganisationen gelungen ist, das verh&auml;ngte Schweigegel&uuml;bde der Milit&auml;rdiktatur &uuml;ber die Verschwundenen zu brechen.<\/p><p>Der Lawfare scheint jedenfalls eine effektive Strategie zu sein, um sich wertvolle Ressourcen durch rechte Regierungen zu sichern, die gleichzeitig die geostrategischen Interessen der USA &uuml;bernehmen. Daher sind die fr&uuml;heren, von den USA unterst&uuml;tzten Milit&auml;rputsche, nicht mehr notwendig, zumindest derzeit.<\/p><p>Das bekannteste Lawfare-Opfer ist Lula da Silva, der wegen Korruption verurteilt wurde, obwohl der Bundesrichter Sergio Moro keine festen Beweise ermitteln konnte, aber von Lulas Schuld &ldquo;zutiefst &uuml;berzeugt&rdquo; war. Lula sa&szlig; 1,7 Jahre im Gef&auml;ngnis, bis ein Richter des Obersten Gerichtshofs im M&auml;rz 2021 die Verurteilung aufhob. Dass Lula &uuml;ber 20 Millionen Brasilianer aus der Armut herausholte oder die brasilianische Wirtschaft unter seinem Mandat zu der sechstgr&ouml;&szlig;ten Volkswirtschaft emporstieg, half ihm bei den Wahlen begrenzt. Seine politischen Gegner gewannen bei dem ersten Wahlgang Gouverneursposten in wirtschaftlich wichtigen Bundesstaaten sowie die Parlamentswahlen. Auch wenn Lula als knapper Sieger aus dem zweiten Wahlgang am 30. Oktober hervorging, wird das Regieren schwierig.<\/p><p>Was ist zwischen heute und dem Ende seiner Amtszeit, als er &uuml;ber 80 Prozent Zustimmung der brasilianischen Bev&ouml;lkerung genoss, passiert? Zwar wurde das juristische Urteil aufgehoben, doch ein Teil der gesellschaftlichen Verurteilung blieb, was auch eine Wirkung des Lawfare ist. Leider gibt es eine Laissez-faire-Haltung der fortschrittlichen Regierungen Lateinamerikas gegen&uuml;ber der strukturellen Korruption in ihren L&auml;ndern, was die Arbeit der Lawfare-Betreiber erleichtert.<\/p><p><strong>In Verruf geratene Helden<\/strong><\/p><p>&ldquo;Lateinamerikas n&auml;chster gefallener Held&rdquo; feierte die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) am 08. April 2020 das Urteil des ecuadorianischen Obersten Gerichtshofs, der den ehemaligen Pr&auml;sidenten Rafael Correa zu acht Jahren Haft und 25 Jahren Ausschluss von &ouml;ffentlichen &Auml;mtern verurteilte. Der FAZ-Artikel erinnert an zwei weitere &ldquo;linkspopulistische F&auml;lle&rdquo;: Lula in Brasilien und Cristina Fern&aacute;ndez de Kirchner (CFK) in Argentinien. Laut Autor konnte CFK sich durch ihr Amt als Senatorin und sp&auml;ter durch die Wahl zur Vizepr&auml;sidentin einer Verurteilung wegen Korruption entziehen. Tatsache ist jedoch, dass sie zuvor zwei Jahre lang kein Amt bekleidete, d.h. keine Immunit&auml;t genoss.<\/p><p>Nach dem Wahlsieg des rechten Oppositionsb&uuml;ndnisses &ldquo;Juntos por el Cambio&rdquo; (JxC), dominiert durch die Partei ihres Nachfolgers, dem neoliberalen Pr&auml;sidenten Mauricio Macri, nahmen die Anklagen gegen CFK zu. Es wurden 298 Ermittlungsverfahren gegen sie eingeleitet, deren &uuml;berwiegende Mehrheit vor Gericht keinen Bestand hatte. &ldquo;Ernsthaftere&rdquo; F&auml;lle sind etwa sechs, von denen sie inzwischen in drei F&auml;llen freigesprochen wurde wegen Nichtvorliegen einer Straftat.<\/p><p>Cristina Fern&aacute;ndez de Kirchner und ihr Mann, der verstorbene N&eacute;stor Kirchner, geh&ouml;ren zur linksperonistischen Str&ouml;mung, die als Kirchnerismus bezeichnet wird. Sie regierten zwischen 2003 und 2015. Was das Establishment und die Rechte ihnen nicht verzeiht, ist, dass sie Interessen der Agraroligarchie und der Konzerne ber&uuml;hrt haben. CFK ist seit 2008 das Ziel von Hetzkampagnen in Argentinien, aber auch im Ausland, wegen der Umstrukturierung argentinischer Schulden gegen&uuml;ber spekulativen Investitionsfonds (Geierfonds). Am Ende ihrer Pr&auml;sidentschaft hatte CFK eine Zustimmung von 53 Prozent, ihre aktuelle W&auml;hlerbasis wird auf 30 bis 35 Prozent gesch&auml;tzt. Ihre Verfolgung ist kein Zufall: Sie ist das gr&ouml;&szlig;te Hindernis f&uuml;r die Rechte, ihre politischen Ziele zu erreichen.<\/p><p><strong>CFK, Lawfare und ein Prozess wegen Korruption<\/strong><\/p><p>Der Fall des &ldquo;&Ouml;ffentlichen Stra&szlig;enbaus&rdquo; begann kurz nach dem Regierungswechsel, als ein Funktion&auml;r von Macris Partei am 12. Januar 2016 die Leitung des Nationalen Stra&szlig;enbaus (Vialidad Nacional) &uuml;bernahm. Bereits am n&auml;chsten Tag ordnete er eine Pr&uuml;fung der unter der Vorg&auml;ngerregierung gebauten Stra&szlig;en an, allerdings nur in der Provinz Santa Cruz, Wahlheimat von CFK und N&eacute;stor Kirchner. Untersucht wurden staatliche Auftr&auml;ge, die zwischen 2003 und 2015 (die zw&ouml;lf Jahre der Kirchner Regierungen) an Firmen eines lokalen Unternehmers vergeben wurden.<\/p><p>Der Bericht ergab, dass keine relevanten Unregelm&auml;&szlig;igkeiten gefunden wurden. Die Diskrepanzen zwischen dem, was geplant war und was tats&auml;chlich gebaut wurde, betrugen nur 0,1 Prozent der gesamten Bauma&szlig;nahmen. Trotz der nicht haltbaren Beweislage wurde eine Strafanzeige gegen die ehemalige Pr&auml;sidentin erstattet: Mit CFK an der Spitze einer illegalen Vereinigung sei der Bauunternehmer bei der Auftragsvergabe beg&uuml;nstigt worden, die meisten Arbeiten seien nicht abgeschlossen und diejenigen, die abgeschlossen wurden, h&auml;tten hohe Mehrkosten verursacht und seien in einem l&auml;ngeren Zeitraum durchgef&uuml;hrt worden als geplant.<\/p><p><strong>Juristische Akrobatik<\/strong><\/p><p>Nach 127 Anh&ouml;rungen war kein einziger der 114 Zeugen der Anklage in der Lage, einen Zusammenhang zwischen den angeblichen kriminellen Machenschaften herzustellen oder Cristina Kirchner auch nur zu erw&auml;hnen.<\/p><p>Trotz Antrag der Verteidigung, alle 51 beanstandeten Bauma&szlig;nahmen zu begutachten, reduzierte das Gericht die &Uuml;berpr&uuml;fung auf f&uuml;nf. Die Verteidigung wies nach, dass die angeblich &uuml;berh&ouml;hten Preise auf Vergleichsdaten mit vollkommen unterschiedlichen Bauwerken basierten, die Sachverst&auml;ndigen des Gerichts h&auml;tten Birnen mit &Auml;pfeln verglichen. Die &Uuml;berteuerung wurde nicht nachgewiesen. Alle Zeugen, Aufzeichnungen und Pr&uuml;fungen ergaben, dass die vertraglich vereinbarten Arbeiten vorhanden sind.<\/p><p>Die Verteidigung wies nach, dass nicht weniger als 25 Instanzen und Kontrollorgane zwischen einem Pr&auml;sidenten\/einer Pr&auml;sidentin und der Vergabe eines &ouml;ffentlichen Bauauftrags liegen und dass aus logistischen und Kosten-Gr&uuml;nden in den meisten Provinzen Argentiniens lokale Unternehmen den Zuschlag erhalten. Das ist nachvollziehbar, da es &ouml;konomisch unsinnig w&auml;re, in einem Land, das knapp achtmal gr&ouml;&szlig;er als Deutschland ist, Arbeitskr&auml;fte, Baumaterial und Maschinen aus anderen Landesteilen heranzuschaffen. Dar&uuml;ber hinaus ist die Pr&auml;sidentin, laut Verfassung, nicht f&uuml;r die Verwaltung des Staates zust&auml;ndig, dies ist ausschlie&szlig;liche Aufgabe des Kabinettchefs. Daher w&auml;re CFK in diesem Fall auch normativ nicht verantwortlich.<\/p><p><strong>Anf&auml;llig f&uuml;r Lawfare<\/strong><\/p><p>Umfragen zufolge denken circa 70 Prozent der Argentinier, dass die Justiz schlecht funktioniert; etwa 60 Prozent glauben nicht an ihre Unabh&auml;ngigkeit. Den schlechtesten Ruf haben die Bundesgerichtsh&ouml;fe. Viele der Richter, Anw&auml;lte und Staatsanw&auml;lte, die des Lawfare verd&auml;chtigt werden, arbeiten dort.<\/p><p>Das argentinische Justizsystem ist von Korruption durchsetzt. Es handelt sich um eine m&auml;chtige Minderheit mit dem Obersten Gerichtshof (OGH) an der Spitze, die durchl&auml;ssig f&uuml;r politische Einflussnahme ist, vor allem von rechts. Aber auch f&uuml;r Einwirkung von Interessengruppen, insbesondere von Medienholdings. Bei F&auml;llen mit internationalen Bez&uuml;gen macht sie sich abh&auml;ngig von geopolitischen Interessen der USA und Israel. Justizbeamte dieses erlesenen Kreises sind h&auml;ufig G&auml;ste der US-amerikanischen Botschaft in Buenos Aires.<\/p><p> Um den Verfall der argentinischen Judikative zu veranschaulichen, reichen vielleicht zwei Beispiele. W&auml;hrend seiner Pr&auml;sidentschaft wollte Macri die amtierende Leiterin der Generalstaatsanwaltschaft, Alejandra Gils Carb&oacute;, auswechseln. Kurz nach Regierungs&uuml;bernahme begann eine Hetzkampagne gegen sie mithilfe der hegemonialen Presse. Auf der Grundlage einer Ver&ouml;ffentlichung des Medienkonzerns Clar&iacute;n erstattete eine Abgeordnete der Regierungspartei Anzeige gegen Gils Carb&oacute; wegen angeblicher Unregelm&auml;&szlig;igkeiten bei der Anmietung eines Dienstgeb&auml;udes.<\/p><p>Zwei Jahre lang hielt Gils Carb&oacute; dem politischen Druck bis hin zu offenen Drohungen stand. Eine Verfolgung, die ihre Familie einschloss. Gils Carb&oacute; k&uuml;ndigte ihren R&uuml;cktritt an, als die Telefonnummer einer ihrer T&ouml;chter publik wurde und sie Hunderte Hassanrufe bekam. Den Datenschutz ignorierend wurde die Telefonnummer im Portal des Justizinformationszentrums, das vom Obersten Gerichtshof abh&auml;ngt, ver&ouml;ffentlicht, und von Clar&iacute;n in einem Artikel genannt. Nach vierj&auml;hrigen erfolglosen Ermittlungen konnte die Justiz kein Vergehen wegen der Geb&auml;udeanmietung feststellen und Gils Carb&oacute; wurde freigesprochen. Ihr Amt und ihren Ruf hatte sie bereits verloren.<\/p><p>Der andere Fall betrifft den Obersten Gerichtshof selbst: Die Ernennung von zweien der vier obersten Richter, Carlos Rosenkrantz und Horacio Rosatti, wurde 2015 von Pr&auml;sident Macri per Dekret verf&uuml;gt. Die heftige Reaktion gegen die verfassungswidrige Berufung zwang Macri, dem verfassungskonformen Ernennungsprozess zu folgen, n&auml;mlich die Zustimmung von Zweidritteln des Senats zu suchen. &Uuml;ber beiden Richtern schwebt dennoch die Urs&uuml;nde der Ernennung per Dekret, entgegen der Verfassung.<\/p><p><strong>Auf dem rechten Auge blind<\/strong><\/p><p>W&auml;hrend seiner Pr&auml;sidentschaft hat Macri durch illegale Vergaben von Schl&uuml;sselposten das Justizsystem noch mehr kooptiert. Wie im Fall der Generalstaatsanw&auml;ltin wurden mehrere Richter unter Druck gesetzt, um sie zum R&uuml;cktritt zu bewegen oder eine Versetzung zu akzeptieren. Wenn notwendig mit mafi&ouml;sen Methoden, oft in Komplizenschaft mit der hegemonialen Presse und mithilfe des Geheimdienstes, der illegale Beschattungen, kleine, fingierte Attentate bis hin zu telefonischen Drohungen durchf&uuml;hrte. Macri lie&szlig; Unternehmer, Richter, Funktion&auml;re (auch seiner eigenen Partei) und sogar die Angeh&ouml;rigen der Opfer von ARA San Juan, dem U-Boot der argentinischen Armee, das 2017 im S&uuml;datlantik verschwand, beschatten. Warum die illegale Spionage? Vielleicht, weil Beschattungen kompromittierendes Material liefern, das gegebenenfalls erpresserisch benutzt werden kann?<\/p><p>Die Bundesgerichtsh&ouml;fe gehen gegen CFK allzu oft mit verfassungswidrigen Methoden vor. Gleichzeitig urteilen sie mit zum Teil skandal&ouml;sen Freispr&uuml;chen zugunsten von Funktion&auml;ren der aktuellen Opposition, an erster Stelle Macri. 2020 wurden er und f&uuml;nf Mitglieder seiner Familie wegen Geldw&auml;sche und Steuerhinterziehung im Zusammenhang mit den Panama Papers erneut durch die Generalinspektion der Justiz angezeigt. Sie verlangte die Wiederaufnahme des Falles aufgrund von &ldquo;betr&uuml;gerischer Rechtsprechung&rdquo;. Der Richter hatte seine Entscheidung damit begr&uuml;ndet, dass Macri nicht bewusst war, dass er in den Vorst&auml;nden von zwei Offshore-Gesellschaften (Fleg Trading Ltd. und Kagemusha S.A.) sitze. Bisher ging nichts voran, weil die Justiz angeblich die jeweiligen Adressen der Familienmitglieder nicht ausfindig machen kann, um sie &uuml;ber die Anzeige zu informieren.<\/p><p>Im Fall des U-Boots ARA San Juan wurde die illegale Spionage bewiesen. Trotzdem hob das Bundesberufungsgericht die Anklage auf, mit der Begr&uuml;ndung, dass &ldquo;die durchgef&uuml;hrten Ma&szlig;nahmen ausschlie&szlig;lich der Sicherheit des Pr&auml;sidenten und\/oder der inneren Sicherheit dienten und daher gerechtfertigt sind.&rdquo; Warum Angeh&ouml;rige von Opfern einer Trag&ouml;die eine Bedrohung f&uuml;r den Pr&auml;sidenten oder gar f&uuml;r die nationale Sicherheit darstellen k&ouml;nnen, bleibt unbeantwortet.<\/p><p><strong>Big Brother<\/strong><\/p><p>Die Verbreitung falscher Nachrichten gab es schon immer. Gravierend wird es, wenn Staaten sich in gigantische Big Brother verwandeln und Fake News verbreiten. Unter der Regierung von Macri wurde der argentinische Staat benutzt, um Oppositionelle auszuspionieren, zu diffamieren und politisch zu vernichten. Ausspioniert wurden auch B&uuml;rger und Organisationen der Zivilgesellschaft, darunter Suppenk&uuml;chen.<\/p><p>In einer eher informellen, aber faktischen Zusammenarbeit mit den Medienkonzernen, einem m&auml;chtigen Teil der Justiz und dem Geheimdienst wurden L&uuml;gen verbreitet, Gerichtsverfahren fabriziert, politische Operationen durchgef&uuml;hrt. Auf diese Art und Weise wurde die systemische Korruption in Argentinien ausschlie&szlig;lich einer politischen Partei &#8210; dem Peronismus &#8210; zugeschrieben und damit nur auf die Politik beschr&auml;nkt. Ferner wurde die Zuschreibung auf den progressiveren Fl&uuml;gel des Peronismus, d.h. den Kirchnerismus und die Person von CFK fokussiert.<\/p><p>Die jahrelangen, fast t&auml;glichen Angriffe gegen die Vizepr&auml;sidentin mit zahllosen Schlagzeilen der hegemonialen Presse schufen ein wachsendes Hassklima gegen sie. Ihr positives Image wurde demontiert, sie selbst entmenschlicht. Wochen vor dem Mordversuch gab es im Zentrum von Buenos Aires gewaltt&auml;tige Demonstrationen und Kundgebungen mit Rufmorden gegen CFK. Als Kulisse gab es Mal Leichens&auml;cke, ein anderes Mal eine Guillotine, abwechselnd einen Galgenstrick oder Fackeln.<\/p><p><strong>Das Attentat<\/strong><\/p><p>Seit der Verurteilung im Prozess wegen des Stra&szlig;enbaus am 22. August trafen sich t&auml;glich Hunderte von Sympathisanten von CFK vor ihrer Wohnung. Cristina, wie in Argentinien die Vizepr&auml;sidentin genannt wird, kam oft kurz raus, um sich zu bedanken und ihr Buch &ldquo;Sinceramente&rdquo; zu signieren. Am 1. September geschah das Unvorstellbare: Ein Mann feuerte zweimal mit einer Waffe in ihr Gesicht, die Sch&uuml;sse gingen nicht los.<\/p><p>Anf&auml;nglich verurteilte die Opposition das Attentat, mit Ausnahme der ehemaligen Sicherheitsministerin von Macri und heutigen Generalsekret&auml;rin seiner Partei. Nicht einmal 24 Stunden sp&auml;ter begann die Opposition, den Mordversuch herunterzuspielen. Sie sprach von einem von CFK inszenierten Attentat, um sich als Opfer darzustellen. Diese Behauptung wurde von der konservativen Tageszeitung La Naci&oacute;n &uuml;bernommen.<\/p><p>Die Untersuchungen unter der Leitung der Bundesrichterin Mar&iacute;a Eugenia Capuchetti verlaufen nur langsam und nicht ohne Pannen. Festgenommen wurden vier Mitglieder einer Gruppe, die sich als Stra&szlig;enverk&auml;ufer von Zuckerwatte getarnt unter die Sympathisanten der Vizepr&auml;sidentin mischten. Hauptbeschuldigter ist der materielle Autor Fernando Sabag Montiel, dessen Handyinhalt von der Polizei gel&ouml;scht wurde als sie versuchte, es zu entsperren. Unter den weiteren Inhaftierten befindet sich Nicol&aacute;s Carrizo als mutma&szlig;licher Anf&uuml;hrer der Bande, dessen Verteidigung von Beraterinnen von oppositionellen Parlamentariern &uuml;bernommen wurde.<\/p><p>Gegen eine zweite Gruppe wird wegen der vorhergehenden gewaltt&auml;tigen Proteste und Morddrohungen gegen CFK, den Pr&auml;sidenten Alberto Fern&aacute;ndez sowie den Abgeordneten M&aacute;ximo Kirchner (Sohn von CFK) ermittelt. Es handelt sich um eine ultrarechte Gruppe namens Revoluci&oacute;n Federal. Der ermittelnde Bundesrichter untersucht eine Reihe von Millionenzahlungen der Firma Caputo Hermanos an den Kopf der Gruppe. Rossana Caputo, Schwester des ehemaligen Finanzministers von Macri, soll ihm einen Gro&szlig;auftrag zum Bau von M&ouml;beln vergeben haben. Ihm geh&ouml;rt eine kleine Schreinerei in der Provinz Buenos Aires, die seit etwa einem Jahr existiert, das Handwerk hat er auf YouTube gelernt. Deshalb verwundert es, dass er Auftr&auml;ge u.a. f&uuml;r ein Millionen-Dollar-Projekt in Patagonien, etwa 1.000 Kilometer von der Schreinerei entfernt, erhielt.<\/p><p>Fast dreieinhalb Monate nach dem Attentat hat der OGH noch nicht auf den Antrag auf eine Personalverst&auml;rkung der Richterin Capuchetti reagiert. Die Richterin wurde auch nicht von anderen F&auml;llen entbunden. Nur ein Staatsanwalt unterst&uuml;tzt ihre Arbeit. Bisher hat Capuchetti abgelehnt, die zwei parallel laufenden Untersuchungen zu vereinen und lehnt auch ab, den Fall als terroristisch einzustufen.<\/p><p><strong>Ein angek&uuml;ndigtes Gerichtsurteil<\/strong><\/p><p>&ldquo;Cristina zwischen der Kugel, die nicht traf und dem Urteil, das treffen wird&rdquo;, k&uuml;ndigte Clar&iacute;n am 11. September an. Am 6. Dezember wurde CFK im Prozess des &Ouml;ffentlichen Stra&szlig;enbaus wegen Betrug am Staat zu sechs Jahren Haft und lebenslangem Verbot, ein &ouml;ffentliches Amt zu bekleiden, verurteilt. Die absurde Anschuldigung der illegalen Vereinigung wurde fallengelassen. Die komplette Urteilsbegr&uuml;ndung wird erst im M&auml;rz 2023 bekannt gegeben.<\/p><p>Die Bewertung des angeblichen Betrugs ergibt sich aus der Berechnung der fragw&uuml;rdigen &Uuml;berpr&uuml;fung von f&uuml;nf der 51 beanstandeten Bauma&szlig;nahmen, die willk&uuml;rlich mit dem nicht im Einzelnen &uuml;berpr&uuml;ften Bauwerkrest multipliziert wurde. Die Verantwortung in einem Strafverfahren ist immer individuell. Von daher sollte zwischen der Regierungszeit von N&eacute;stor Kirchner und der von CFK unterschieden werden. Dar&uuml;ber hinaus ist N&eacute;stor Kirchner verstorben und kann nicht mehr strafrechtlich verfolgt werden.<\/p><p>Das Argument des Tribunals ist, dass die damalige Pr&auml;sidentin CFK &ldquo;nicht in Unkenntnis dar&uuml;ber sein konnte&rdquo;, dass ein befreundeter Bauunternehmer ihres Mannes in der Provinz Santa Cruz beg&uuml;nstigt wurde. Die f&uuml;r den &ouml;ffentlichen Stra&szlig;enbau verantwortlichen Funktion&auml;re auf nationaler und Provinzebene wurden u.a. aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Das bedeutet, dass CFK pers&ouml;nlich mit jedem entsprechenden Funktion&auml;r und jedem Amt h&auml;tte sprechen m&uuml;ssen, um die Beg&uuml;nstigungen bei der Durchf&uuml;hrung von 51 Bauma&szlig;nahmen zu veranlassen.<\/p><p><strong>Ein Hacker &ouml;ffnet die B&uuml;chse der Pandora<\/strong><\/p><p>Mitte Oktober wurde ein Treffen von Richtern, Staatsanw&auml;lten, Ex-Geheimdienstagenten und Politikern der Opposition mit F&uuml;hrungskr&auml;ften des Multimediakonzerns Clar&iacute;n auf dem Mega-Anwesen Hidden Lake des britischen Multimillion&auml;rs und Macri-Freundes Joe Lewis &#8210; mehrere von ihnen Schl&uuml;sselfiguren in den Prozessen gegen des ehemaligen Pr&auml;sidenten Macri und CFK &#8210; in Patagonien, bekannt.<\/p><p>Anfang Dezember wurde der Inhalt eines Telegram-Chats von einem der Anwesenden in Hidden Lake, n&auml;mlich des Ministers f&uuml;r Sicherheit und Justiz von Buenos Aires Stadt (JxC), ver&ouml;ffentlicht. Der Hacker bietet mehr als 500 Megabyte Information mit Fotos, Text- und Multimediadateien zum Verkauf. In einem Chat kommen &Uuml;berlegungen ans Licht, wie die scheinbar vom Medienkonzern Clar&iacute;n finanzierte Reise nach Patagonien vertuscht werden kann. Juli&aacute;n Ercolini, Untersuchungsrichter des aktuellen Verfahrens gegen CFK, spricht offen dar&uuml;ber, dass man falsche Rechnungen besorgen sollte, um zu belegen, dass ein Flug mit Privatflugzeug sowie die Unterkunft in Patagonien von ihnen selbst bezahlt wurde.<\/p><p>Nach dem Urteil gegen CFK schrieb ein Korrespondent im DW-Auslandsportal vom 7. Dezember: &ldquo;Ein Punktsieg gegen Straflosigkeit&rdquo;. Eine Recherche &uuml;ber die gerade aufgedeckte, aber schon seit langem existierende Kl&uuml;ngelei von Richtern, Politikern der Opposition und Medienunternehmern, oder die Nachverfolgung des Prozesses, in dem die Vorw&uuml;rfe der Staatsanwaltschaft systematisch widerlegt wurden, h&auml;tten gereicht, um einen objektiven Vorspann zu postieren.<\/p><p><strong>In Haft oder tot<\/strong><\/p><p>Kurz nach dem Urteil denunzierte CFK, dass es in Argentinien eine Justiz-Mafia und einen parallelen Staat g&auml;be und das eigentliche Ziel ihrer Strafe der lebenslange Ausschluss von &ouml;ffentlichen &Auml;mtern sei, um politische F&uuml;hrer, die sich nicht einsch&uuml;chtern lassen, zu disziplinieren.<\/p><p>CFK k&uuml;ndigte weiter an, dass sie f&uuml;r kein Wahlamt mehr kandidieren wird, d.h., dass sie ab Dezember 2023 &uuml;ber keine Immunit&auml;t verf&uuml;gen wird. Ihr Verzicht auf eine Kandidatur wirbelt das politische Schachbrett durcheinander und g&auml;be die Gelegenheit, endlich gegen einen korrupten Justizapparat vorzugehen. Wenn die Politik nicht angemessen reagiert, wird der argentinische Staat lebensunf&auml;hig.<\/p><p>Die politische Krise in Peru zeigt wie weit die lateinamerikanische Rechte und das lokale Establishment bereit sind zu gehen. Unabh&auml;ngig von den Fehlern des entmachteten Pr&auml;sidenten Pedro Castillo, lie&szlig;en sie ihn nicht regieren.<\/p><p>CFK fordert den Besitzer des Medienkonzerns Clarin, Hector Magnetto, auf, sie im Dezember 2023 in Gef&auml;ngnis stecken zu lassen, falls sie nicht vorher ermordet wird, denn, das w&auml;re was er wolle, sie in Haft oder tot sehen.<\/p><p>Dieser Artikel erschien zuerst auf <a href=\"https:\/\/amerika21.de\/analyse\/261661\/juristische-kriegsfuehrung-lateinamerika\">Amerika21<\/a>.<\/p><p>Titelbild: shutterstock \/ Gorodenkoff<\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91382\">Skandal-Urteil in Argentinien: Haftstrafe und Verlust der Amtsf&auml;higkeit f&uuml;r Vizepr&auml;sidentin Kirchner<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=90571\">Stimmen aus Lateinamerika: Die neue Welt aus Sicht der USA<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91893\">Lateinamerika und die gr&ouml;&szlig;te aller Krisen<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/4d33b2f0cee143849fb6e79762df64e9\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lateinamerika war die einzige Region weltweit, die in den letzten zwanzig Jahren eine Reihe fortschrittlicher Regierungen hatte. 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