{"id":92578,"date":"2023-01-17T08:52:59","date_gmt":"2023-01-17T07:52:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=92578"},"modified":"2023-01-17T16:02:39","modified_gmt":"2023-01-17T15:02:39","slug":"philosophie-und-wissenschaft-als-fortsetzung-des-krieges-mit-anderen-mitteln","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=92578","title":{"rendered":"Philosophie und Wissenschaft als Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln?"},"content":{"rendered":"<p>Von <strong>Reinhard Hesse<\/strong>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=92578#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]. &ndash; Redaktionelle Vorbemerkung: Der Autor war Professor f&uuml;r Philosophie und hat vor kurzem <a href=\"https:\/\/www.stiftung-freiheit-der-wissenschaft.de\">die Stiftung Freiheit der Wissenschaft<\/a> gegr&uuml;ndet. Er hatte einen Leserbrief zu seinen Erfahrungen bei einer Reise nach K&ouml;nigsberg geschickt. Daraus ist inzwischen der folgende Essay geworden. A. M.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2726\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-92578-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230117-Philosophie-und-Wissenschaft-als-Fortsetzung-des-Krieges-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230117-Philosophie-und-Wissenschaft-als-Fortsetzung-des-Krieges-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230117-Philosophie-und-Wissenschaft-als-Fortsetzung-des-Krieges-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230117-Philosophie-und-Wissenschaft-als-Fortsetzung-des-Krieges-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=92578-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230117-Philosophie-und-Wissenschaft-als-Fortsetzung-des-Krieges-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230117-Philosophie-und-Wissenschaft-als-Fortsetzung-des-Krieges-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Mitte September habe ich als Tourist in K&ouml;nigsberg das Grab Kants besucht und bei der Gelegenheit einen Abstecher zum Kant-Institut an der &bdquo;Baltischen Kant-Universit&auml;t Kaliningrad&ldquo; gemacht, um mich dort f&uuml;r den alle f&uuml;nf Jahre stattfindenden internationalen Kant-Kongress im April 2024, also zum 300. Geburtstag Kants, registrieren zu lassen.<\/p><p>In diesem Zusammenhang erfuhr ich, dass deutscherseits als Reaktion auf den russischen Einmarsch in die Ukraine die Mitwirkung bei der Vorbereitung des Kongresses eingestellt worden sei. Es herrsche Funkstille.<\/p><p>Ich muss gestehen, ich war best&uuml;rzt.<\/p><p>Was hat Kants Philosophie mit dem Ukrainekonflikt zu tun?, fragte ich mich.<\/p><p>Und auch: Wie sollen sich diejenigen russischen Philosophen f&uuml;hlen, die die gegenw&auml;rtige russische Politik selbst ablehnen? Warum bricht man den Kontakt mit ihnen ab?<\/p><p>Erst in diesem Moment, in der pers&ouml;nlichen Begegnung mit den Betroffenen, wurde mir wirklich klar, was der Kontaktabbruch konkret bedeutet.<\/p><p>Wurden die philosophischen Kontakte mit anderen L&auml;ndern ebenfalls eingestellt, wenn deren Regierungen gegen das V&ouml;lkerrecht verstie&szlig;en? Hat man Yale und Harvard boykottiert, weil Amerika Jugoslawien oder den Irak (und etliche andere Staaten) v&ouml;lkerrechtswidrig angegriffen und dort hunderttausende ziviler Opfer verursacht hat?<\/p><p>W&auml;re es nicht vern&uuml;nftiger, gerade jetzt das Gegenteil zu machen: Intensivierung des Kontakts, Verbreiterung des Austausches, Vertiefung des Gespr&auml;chs?<\/p><p>Ist denn die Wissenschaft &ndash; um das bekannte Clausewitz-Wort zu variieren &ndash; eine Art Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln?<\/p><p>Eine &bdquo;Gegenseite&ldquo;, einen &bdquo;Feind&ldquo;, gibt es in ihr nicht. Es gibt nur Diskussionspartner. Diese k&ouml;nnen verschiedener Meinung sein und gegeneinander argumentieren. Aber indem sie gegeneinander argumentieren, anerkennen sie notwendigerweise ihre Argumentationspartner als Gleiche.<\/p><p>Sollte man nicht diese &bdquo;Friedenslogik&ldquo; der &bdquo;Kriegslogik&ldquo; entgegensetzen?<\/p><p>Gibt es denn etwas Wichtigeres als das Gespr&auml;ch, als die gemeinsame, auf Gegenargumente h&ouml;rende Suche nach der Wahrheit und nach dem richtigen Weg. Und gilt das nicht&nbsp; g e r a d e&nbsp; in Kriegszeiten?<\/p><p>Wie kann man sich noch auf Kant berufen, wenn man das vergisst?<\/p><p>Aber nicht nur die deutsche Kantgesellschaft, auch die&nbsp;gro&szlig;en deutschen Wissenschaftsorganisationen haben es f&uuml;r richtig befunden, den Austausch mit ihren russischen Gegen&uuml;bern einzustellen.&nbsp;Sie folgen damit den politischen und medialen Vorgaben.&nbsp;<\/p><p>Sie h&auml;ngen ihr F&auml;hnchen in den Wind.&nbsp;<\/p><p>Dieser Kontaktabbruch geschieht einfach so, er wird einfach verk&uuml;ndet. Fertig.<\/p><p>Danach geschieht &ndash; nichts. Es gibt so gut wie keinen artikulierten Widerstand. Wie kann das sein?<\/p><p>Es kann doch nicht ohne Belang sein, wenn &ndash; wie ich jedenfalls meine &ndash; das allerelementarste, nicht nur wissenschaftliche, sondern auch allgemein menschliche Grundprinzip zivilisierten Lebens &ndash; n&auml;mlich, DASS MAN MITEINANDER REDET&nbsp;&ndash; missachtet wird. Ja, wenn offen dazu aufgerufen wird, es zu missachten!<\/p><p>Denn wenn man sich zu diesem Niedrigsten hinrei&szlig;en l&auml;sst, bleibt konsequenterweise am Ende wirklich nur noch die Gewalt, der Krieg.<\/p><p>Der Kontaktabbruch ist dann der erste Schritt dazu.<\/p><p>Meinem sozialdemokratischen Gro&szlig;vater Heinrich Hesse wurde erkl&auml;rt, es sei f&uuml;r einen Deutschen ungeh&ouml;rig, sich mit Franzosen einzulassen, er sei dann ein Franz&ouml;sling. Dann wurde er gegen seinen Willen in den Krieg geschickt, um m&ouml;glichst viele dieser Leute, mit denen es keinen Sinn hat zu sprechen, abzumurksen.<\/p><p>In verschiedener Weise orchestriert wurde das Gemetzel von hochtrabendem Gerede deutscher Intellektueller aus der damals ersten Reihe (Max Weber, Thomas Mann usw.) nach dem Motto: tiefe Kultur (D) gegen blo&szlig;e Civilisation (F).<\/p><p>Meinem sozialdemokratischen Vater Heinz Hesse wurde erkl&auml;rt, es sei f&uuml;r einen Deutschen ungeh&ouml;rig, sich mit Juden einzulassen, er sei dann ein J&uuml;dling. Juden seien Ungeziefer, Parasiten, Ratten. Dann wurde er gegen seinen Willen in einen noch gr&ouml;&szlig;er angelegten Krieg geschickt, in dem es nicht zuletzt darum ging, m&ouml;glichst viele dieser Leute, mit denen es sich nicht geh&ouml;rt zu sprechen, abzumurksen.<\/p><p>In verschiedener Weise orchestriert wurde auch dieses Gemetzel von hochtrabendem Gerede deutscher Intellektueller aus der damals ersten Reihe (Carl Schmitt, Martin Heidegger usw.).<\/p><p>Ihrem Enkel bzw. Sohn Reinhard wird nun bedeutet, es sei ungeh&ouml;rig f&uuml;r ihn als deutschen Wissenschaftler, sich mit Russen einzulassen, er sei dann Russlandversteher o.&auml;. Mit diesen Leuten spreche man nicht.<\/p><p>Vor seinen ungl&auml;ubigen Augen erh&auml;lt ein Mensch den Friedenspreis des deutschen Buchhandels und wird im Festsaal des&nbsp;B&ouml;rsenvereins mit minutenlangen &bdquo;standing ovations&ldquo; gefeiert, der in seinen Texten Erkenntnisse zum Besten gegeben hat wie: die Russen seien Tiere, Barbaren, Ungeziefer, eine Horde, Verbrecher, Schweine, die in der H&ouml;lle braten sollen; ihr Nationaldichter Puschkin (1837 gestorben, Anm. Verf.) sei schuld daran, dass in seinem Lande Kriegsverbrecher geboren werden. &bdquo;Ja, nat&uuml;rlich ist er schuldig. Alle sind schuldig.&ldquo;, schreibt er. (Quelle: Die Zeit)&nbsp;<\/p><p>Nicht daf&uuml;r, darf man annehmen oder mindestens hoffen, hat dieser Mensch den Friedenspreis&nbsp;des deutschen Buchhandels erhalten &ndash; den _Friedens_preis des deutschen Buchhandels!&nbsp;<\/p><p>Aber er hat ihn erhalten.&nbsp;Und man steht auf und applaudiert.<\/p><p>Wenn ich als junger Mensch &ndash; aber leider Russe &ndash; an der Universit&auml;t Konstanz studieren will, so darf ich das nicht.<\/p><p>Warum nicht? Weil ich Russe bin! Nannte man so etwas fr&uuml;her nicht Sippenhaft?<\/p><p>Mir wird jedoch die Gnade gew&auml;hrt, beim Rektorat vorzusprechen, um vielleicht eine Ausnahmegenehmigung zu erwirken, obwohl ich Russe bin. Das Rektorat beurteilt das. Nach welchen Kriterien es urteilt, ist ihm &uuml;berlassen. Nannte man fr&uuml;her so etwas nicht&nbsp;Willk&uuml;r?<\/p><p>Der Verfasser dieser Zeilen hat an dieser Universit&auml;t studiert und promoviert. Ihm f&auml;llt es nicht leicht, das Obige zu berichten.<\/p><p>Gegen seinen Willen an die Front geschickt werden kann Reinhard Hesse von Leuten, die so denken, nicht mehr, weil er zu alt dazu ist und weil Deutschland vorl&auml;ufig ukrainische Soldaten vorl&auml;sst.<\/p><p>Aber das wieder neu einsetzende hochtrabende Gerede f&uuml;hrender deutscher Intellektueller muss er sich nat&uuml;rlich trotzdem anh&ouml;ren.<\/p><p>Wie kann man sich selbst als Wissenschaftler, wie kann man sich als Mensch noch ernst nehmen, wenn man so etwas durchgehen l&auml;sst?<\/p><p>Ich wei&szlig; nicht, wie das m&ouml;glich w&auml;re.<\/p><p>Es handelt sich m.E. beim Thema Gespr&auml;chsabbruch &ndash; egal mit wem &ndash; keineswegs um eine Petitesse.<\/p><p><strong>Es handelt sich ums Eingemachte, um den Kern unseres wissenschaftlichen und menschlichen Seriosit&auml;tsanspruchs.<\/strong><\/p><p>Mir ist nicht bekannt, welche anderen L&auml;nder es Deutschland in Sachen Abbruch der wissenschaftlichen Beziehungen nachtun.<\/p><p>Diejenigen, die sich ohnehin weigern, bei der Sanktionspolitik mitzumachen, werden vermutlich auch auf wissenschaftlichem Gebiet keine Sanktionen verh&auml;ngt haben. Das ist die gro&szlig;e Mehrheit der Staaten dieser Welt, in denen zugleich die &uuml;berw&auml;ltigende Mehrheit der Weltbev&ouml;lkerung lebt.&nbsp;<\/p><p>Haben die anderen EU-L&auml;nder, haben die anderen NATO-L&auml;nder ihre Wissenschaftsbeziehungen ebenfalls stillgelegt?<\/p><p>Ich kann es mir kaum vorstellen. Die USA jedenfalls setzen ihre Zusammenarbeit mit Russland im Rahmen des wissenschaftlichen Gro&szlig;projekts der Weltraumforschung wie selbstverst&auml;ndlich fort.&nbsp;<\/p><p>Kann Deutschland wenigstens f&uuml;r sich in Anspruch nehmen, die verh&auml;ngten Wissenschaftssanktionen erg&auml;ben sich mehr oder weniger zwingend aus den allgemeinen Sanktionsbestimmungen der EU? Ich vermute Nein. Ich vermute, die Deutschen handeln wieder mal nach dem Motto &bdquo;Wer, wenn nicht wir?&ldquo;.&nbsp;&nbsp;<\/p><p>Ich habe im letzten Jahr die gemeinn&uuml;tzige &bdquo;Stiftung Freiheit der Wissenschaft&ldquo; errichtet, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die Freiheit der Wissenschaft gegen die gegenw&auml;rtig machtvoll um sich greifende cancel culture zu verteidigen.<\/p><p>Und nun werden die Wissenschaftler eines ganzen Landes gecancelt!<\/p><p>Was f&auml;llt uns dazu ein? Zur Tagesordnung &uuml;bergehen?<\/p><p>Der erste Preistr&auml;ger der Stiftung war Prof. Noam Chomsky, bekannter Linguist, politischer Kritiker &ndash; gerade auch der cancel culture &ndash; und meistzitierter Wissenschaftler der Welt. Ich habe ihm auf seinen Wunsch hin &uuml;ber meine Russlandreise berichtet, auch &uuml;ber meine Eindr&uuml;cke von der allgemeinen Situation im Land und dar&uuml;ber, wie ich und meine (zuvor eher &auml;ngstliche) Partnerin von den Menschen behandelt wurden, n&auml;mlich &ndash; ausnahmslos &ndash;&nbsp; h&ouml;flich, freundlich und oft warmherzig. Und das, obwohl unsere Au&szlig;enministerin es laut zum Ziel deutscher Au&szlig;enpolitik erkl&auml;rt hat, Russland zu &bdquo;ruinieren&ldquo; und sich in diesem Zusammenhang &uuml;ber eine ihrer Meinung nach beginnende &bdquo;Kriegsm&uuml;digkeit&ldquo; der Deutschen beklagt hat.&nbsp; Prof. Chomsky hat meinen Erfahrungsbericht mit Interesse aufgenommen und als Best&auml;tigung seiner eigenen Einsch&auml;tzung gesehen. &bdquo;Quite fascinating, and very different from the dominant hysterical Russophobia.&ldquo;<\/p><p>Demn&auml;chst soll immerhin an einer deutschen Universit&auml;t eine Tagung &uuml;ber die v&ouml;lkerrechtliche Seite des Ukrainekonflikts und seiner Vorgeschichte stattfinden, zu der auch russische Fachvertreter eingeladen werden sollen.<\/p><p>Damit t&auml;ten die Veranstalter &ndash; ungeachtet des hochtrabenden Geredes der Abbruchfreunde &ndash; das banalerweise Selbstverst&auml;ndliche.<\/p><p>&bdquo;Audiatur et altera pars!&ldquo; So hie&szlig; es schon bei den R&ouml;mern. Ein Richter, der den vor ihm stehenden Angeklagten nicht fragt: &bdquo;Was haben Sie zu Ihrer Verteidigung zu sagen?&ldquo;, hat nicht verstanden, was Gerechtigkeit ist; ein Professor, der Argumente ausschlie&szlig;en will, nicht, was Wissenschaft ist.<\/p><p>Nicht der Gespr&auml;chsabbruch, sondern im Gegenteil die Gespr&auml;chsintensivierung ist der Weg, den zivilisierte Menschen in Konfliktsituationen w&auml;hlen m&uuml;ssen, wollen sie nicht sich selbst diskreditieren.<\/p><p>Davon ist gegenw&auml;rtig auf der hohen Ebene der Politik allerdings nichts zu sp&uuml;ren.<\/p><p>&bdquo;Quo vadis, Germania, in Deinem Kampf f&uuml;r das Gute?&ldquo;, fragt sich der verschreckte Beobachter.<\/p><p>Eine Antwort scheint sich anzudeuten. Sie liegt in der Logik der Abbruchbef&uuml;rworter: &bdquo;Braucht Deutschland Atomwaffen?&ldquo;, wurde schon mehrmals in Zeitungen gefragt.&nbsp; Zuletzt las ich wieder einen Artikel dazu in der FAZ.&nbsp;<\/p><p>Mir fiel bei der Lekt&uuml;re der bekannte Ausspruch von Schopenhauer betreffend die &bdquo;&uuml;berschw&auml;ngliche Dummheit der Deutschen&ldquo; ein.<\/p><p>Mein Vater hat gern die Volksweisheit zitiert, wonach mit der Dummheit die G&ouml;tter selbst vergebens k&auml;mpfen.&nbsp;Das d&uuml;rfte wohl einigerma&szlig;en stimmen.&nbsp;<\/p><p>Gleichwohl aber&nbsp;<u>m&uuml;ssen<\/u> wir k&auml;mpfen &ndash; nicht nur, weil wir das, kantisch gesprochen, unserer W&uuml;rde als Vernunftwesen schuldig sind, sondern auch, um in der konkret gegebenen historischen Situation Entwicklungen zu stoppen, die zu Katastrophen f&uuml;hren.<\/p><p>Ich schlie&szlig;e diese Zeilen mit einer melancholischen Erinnerung an zivilisiertere Zeiten:<\/p><p>In Russland kennt jeder Gebildete Nikolai Karamsins &bdquo;Briefe eines russischen Reisenden&ldquo;. Karamsin hat 1789\/1790 Deutschland, die Schweiz, Frankreich und England bereist, beginnend in K&ouml;nigsberg mit einem Besuch bei Kant und endend in London, von wo er &uuml;ber seinen Besuch in der K&ouml;niglichen Gesellschaft der Wissenschaften folgende Episode berichtet:&nbsp;<\/p><p>&bdquo;Uns [Karamsin wurde von Herrn P., einem englischen Mitglied der Gesellschaft in diese eingef&uuml;hrt] &hellip; Uns begleitete ein junger schwedischer Baron, ein J&uuml;ngling von vielen Talenten und angenehmem Umgange. Als wir in den Versammlungssaal traten, reichte er mir die Hand und sagte l&auml;chelnd: &bdquo;Hier sind wir Freunde (Russland und Schweden f&uuml;hrten damals Krieg gegeneinander), mein Herr. Der Tempel der Wissenschaften ist der Tempel des Friedens.&ldquo; Ich l&auml;chelte, und wir umarmten uns br&uuml;derlich. Herr P. rief: &bdquo;Bravo! Bravo!&ldquo; Die &uuml;brigen Engl&auml;nder sahen mit Verwunderung auf uns, denn in England umarmen sich M&auml;nner gew&ouml;hnlich nicht. &hellip;<\/p><p>Sie verstanden uns nicht, Sie ahnten nicht, dass wir zwei feindliche Nationen ein gutes Bespiel gaben, das vielleicht durch eine geheime Wirkung der Sympathie bald von Ihnen befolgt werden wird.&ldquo;<\/p><p>&bdquo;Der Tempel der Wissenschaft ist der Tempel des Friedens&ldquo;, diesen Satz sollten sich die heutigen Freunde der Fortsetzung des Krieges mit wissenschaftlichen Mitteln hinter den Spiegel stecken!<\/p><p>Titelbild: OlTarakanov \/ Shutterstock<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <strong>Reinhard Hesse<\/strong> &ndash; Geboren 1945 in Warstein\/Westfalen. Promotion in Philosophie, Habilitation in Politikwissenschaft. Bis zur Pensionierung Inhaber des Lehrstuhls f&uuml;r Philosophie und Ethik an der P&auml;dagogischen Hochschule Freiburg. Vorher und zwischendurch Gastprofessuren in Europa, Asien und in &Uuml;bersee, insbesondere in Brasilien. Seit mehreren Semestern Lehrbeauftragter an der Universit&auml;t Rostock. Nebent&auml;tigkeiten als OSZE-Wahlbeobachter.<\/p>\n<p>B&uuml;cher: &bdquo;Geschichtswissenschaft in praktischer Absicht&ldquo;, &bdquo;Die Einheit der Vernunft als &Uuml;berlebensbedingung der pluralistischen Welt&ldquo;, &bdquo;Worum geht es in der Philosophie? Philosophische Grundfragen zwischen Wahrheit und Macht&ldquo;, &bdquo;Ich schrieb mich selbst auf Schindlers Liste. Die Lebensgeschichten von Hilde und Rose Berger&ldquo;, &bdquo;Karl-Otto Apel. Auf der Suche nach dem letzten Grund&ldquo;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von <strong>Reinhard Hesse<\/strong>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=92578#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]. &ndash; Redaktionelle Vorbemerkung: Der Autor war Professor f&uuml;r Philosophie und hat vor kurzem <a href=\"https:\/\/www.stiftung-freiheit-der-wissenschaft.de\">die Stiftung Freiheit der Wissenschaft<\/a> gegr&uuml;ndet. Er hatte einen Leserbrief zu seinen Erfahrungen bei einer Reise nach K&ouml;nigsberg geschickt. Daraus ist inzwischen der folgende Essay geworden. A. 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