{"id":9278,"date":"2011-05-03T09:37:25","date_gmt":"2011-05-03T07:37:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9278"},"modified":"2016-07-19T11:59:49","modified_gmt":"2016-07-19T09:59:49","slug":"bundeskanzlerin-merkel-ich-freue-mich-dass-es-gelungen-ist-bin-laden-zu-toten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9278","title":{"rendered":"Bundeskanzlerin Merkel: \u201eIch freue mich, dass es gelungen ist, Bin Laden zu t\u00f6ten.\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Dieser Satz der Kanzlerin, der gegen elementare Grundwerte unserer Verfassung verst&ouml;&szlig;t, ist kennzeichnend f&uuml;r den Absturz rechtsstaatlichen und f&uuml;r die Verbreitung alttestamentarischen Rachedenkens anl&auml;sslich der Erschie&szlig;ung des zum Mythos des Terrorismus erhobenen Osama Bin Ladens. Die Missachtung der aufkl&auml;renden und friedensstiftenden Funktion des Rechts f&uuml;hrt zu einer Eskalation der Rache. Legendenbildung und Verschw&ouml;rungstheorien werden durch die Umst&auml;nde des Todes des angeblichen &bdquo;Hauptes&ldquo; von al-Qaida neue Nahrung erhalten. Die westliche Begeisterung &uuml;ber die Lynchjustiz bereitet neuer Gewalt den Boden. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><\/p><p>Wohlgemerkt ich verabscheue Terrorismus, weil er durch Gewalt an beliebigen, unbeteiligten Menschen, wie schon der Name Terror sagt, Furcht und Schrecken verbreiten will, um angeblich einen politischen Gegner zu bek&auml;mpfen. Terrorismus ist unmenschlich, unmoralisch, feige und schon gar kein Mittel des politischen Kampfes. Das schon deshalb weil Terrorismus nur Hass, Gegengewalt und die Einschr&auml;nkung von Freiheitsrechten erzeugt und legitimiert.<br>\nDiese einleitende Bemerkung muss man wohl &ndash; zumal wenn man sich die gestrige Berichterstattung vor Augen h&auml;lt &ndash; machen, wenn man Bedenken gegen die Art und Weise der T&ouml;tung von Usama Bin Laden anmeldet.  <\/p><p>Die Erschie&szlig;ung Bin Ladens geschah nicht aus rechtfertigender Notwehr, also zur unmittelbaren und verh&auml;ltnism&auml;&szlig;igen Abwehr eines Angriffs eines Angreifers. Die Liquidation selbst eines Massenm&ouml;rders ohne vorheriges Gerichtsverfahren ist Lynchjustiz. Und Lynchjustiz wird als rechtswidrige Bestrafung einer Person in nahezu allen Rechtsstaaten ge&auml;chtet. <\/p><p>Nun mag man entgegenhalten, bei der T&ouml;tung Bin Ladens handele es sich, angesichts der Verbrechen, f&uuml;r die er verantwortlich gilt, um einen &uuml;bergesetzlichen Ausnahmefall, der jenseits der Herrschaft von Recht und Gesetz liegt &ndash;  und gestern wurden von den Anschl&auml;gen auf das World Trade Center in New York, &uuml;ber die Attentate in London und Madrid bis hin zu den am Wochenende in Duisburg gefassten Anschlagsverd&auml;chtigen alle Gewalttaten noch einmal auf allen Kan&auml;len aufgef&uuml;hrt. <\/p><p>Doch genau diese Aufkl&auml;rung, n&auml;mlich inwieweit Bin Laden f&uuml;r diese Schandtaten tats&auml;chlich Verantwortung tr&auml;gt, h&auml;tte nur ein ordentliches Gerichtsverfahren, m&ouml;glichst sogar vor einem internationalen Gerichtshofs leisten k&ouml;nnen. <\/p><p>Auch nach Kriegs- und V&ouml;lkerrecht ist die gezielte T&ouml;tung unzul&auml;ssig, wenn die betreffende Person nicht aktiv an K&auml;mpfen beteiligt ist. Und das war Bin Laden in einem von allen Kommunikationswesen abgeschnittenen Landhaus ganz in der N&auml;he eines pakistanischen Universit&auml;ts- und Luftkurortes gewiss nicht. <\/p><p>Es wird argumentiert f&uuml;r Bin Laden gelte die rechtsstaatliche Unschuldsvermutung nicht, h&auml;tte er ja doch oft genug mit seinen ber&uuml;chtigten Video-Botschaften seine Urheberschaft, seine Verantwortlichkeit und damit seine Schuld nicht nur einger&auml;umt sondern sich auch noch der Terrorangriffe ger&uuml;hmt. Das sei ein Schuldeingest&auml;ndnis, das die &bdquo;Kill Mission&ldquo; auch ohne unabh&auml;ngige richterliche Aufkl&auml;rung rechtfertige. Aber ist es nicht gerade ein Merkmal von Verr&uuml;ckten, von Gr&ouml;&szlig;enwahnsinnigen, von Pseudopropheten, dass sie sich Taten zurechnen um ihren Mythos zu festigen? <\/p><p>Da war gestern im ZDF-Extra von einem &bdquo;Enthauptungsschlag&ldquo; gegen al-Qaida die Rede. Die Rolle, die ein offenbar kranker Mann am Stock, ohne Mobiltelefon und Internet und ohne einen personellen Stab in einem &uuml;ber hundert L&auml;ndern verbreiteten Terrornetzwerk (wovon allein &uuml;ber 100 &bdquo;Gef&auml;hrder&ldquo; in Deutschland leben sollen) unter dem Phantombegriff al-Qaida gespielt hat, h&auml;tte man allerdings doch lieber in einem geordneten Gerichtsverfahren untersucht gesehen, statt von der Einsch&auml;tzung von sog. &bdquo;Terrorismus-Experten&ldquo; im Fernsehen abh&auml;ngig zu sein. Und das Urteil &uuml;ber bin Ladens Verbrechen h&auml;tte man lieber von Richtern gesprochen gesehen, statt dass im Mittagsmagazin von Fernsehsendern Journalistinnen locker verk&uuml;nden, dass er &bdquo;endlich seine gerechten Strafe gefunden&ldquo; habe. <\/p><p>K&ouml;nnte es nicht sein, dass mit Bin Laden vom Westen ein Mythos aufgebaut worden ist, der nun durch die Umst&auml;nde seines Todes und des Verschwindenlassens seines Leichnams geradezu gefestigt wird? Brauchte man sich da noch wundern, dass noch mehr Irregef&uuml;hrte in aller Welt an diesen Mythos glauben? Statt Frieden zu stiften, d&uuml;rften die Umst&auml;nde seines Todes nur zu noch mehr Irrationalit&auml;t anstacheln, die zum Mythos stilisierte Figur zu r&auml;chen.<\/p><p>Die Umst&auml;nde seiner Erschie&szlig;ung durch Kopfsch&uuml;sse, die unsichere Identifikation, dass es (jedenfalls bisher) keine Fotos gibt, sondern nur eine zu &bdquo;99,9% sichere&ldquo; DNA-Analyse, ein Flug &uuml;ber 1.200 Kilometer bis zum Meer (mit einem Hubschrauber ?), wo er (entgegen religi&ouml;ser Riten) in der See &bdquo;bestattet&ldquo; worden sein soll, ist das nicht alles ein fruchtbarer N&auml;hrboden f&uuml;r Verschw&ouml;rungstheorien? Als Beweismaterial stehen doch nur Geheimdienstberichte und die Aussagen der Soldaten zur Verf&uuml;gung, die die Aktion durchgef&uuml;hrt haben.<\/p><p>Warum war es eigentlich m&ouml;glich, dass bin Laden &uuml;ber 9 Jahre unentdeckt bleiben konnte? Warum konnte er unerkannt in einem riesigen Anwesen 50 Kilometer von der pakistanischen Hauptstadt leben? Warum war es 40 Elitesoldaten, die mit vier Hubschraubern einflogen, nicht m&ouml;glich, Bin Laden lebend zu fassen? Noch viele andere Fragen mehr, werden der Legendenbildung die buntesten Bl&uuml;ten treiben lassen. <\/p><p>Die f&uuml;r das Zusammenleben grundlegenden Funktionen des Rechts und der Justiz, n&auml;mlich der k&uuml;nftigen Konfliktvermeidung, der Erhaltung des Friedens, ihrer Erziehungs- und Aufkl&auml;rungsaufgabe und der Herstellung von Verl&auml;sslichkeit wurden jedenfalls durch diesen Akt der Selbstjustiz bewusst missachtet. <\/p><p>Der amerikanische Pr&auml;sident verk&uuml;ndete, dass mit dem Tot Bin Ladens die &bdquo;Gerechtigkeit&ldquo; wieder hergestellt worden sei. Gen&uuml;ge getan wurde allerdings nur der Rache. In einem Land, wo noch in vielen Staaten die Todesstrafe vollzogen wird, mag die &uuml;bersch&auml;umende und national gef&auml;rbte &ouml;ffentliche Begeisterung Hunderttausender &uuml;ber die T&ouml;tung eines Menschen nicht &uuml;berraschen, obgleich es doch sogar im Mythos des amerikanischen Western-Films zur Tugend geh&ouml;rte, &Uuml;belt&auml;ter nicht zu lynchen, sondern sie dem Richter vorzuf&uuml;hren.<br>\nNoch bedr&uuml;ckender hinsichtlich der kulturellen Befindlichkeit der amerikanischen Nation ist aber, dass Obamas Einsatzbefehl f&uuml;r das Todeskommando in den dortigen Medien als Meilenstein zu einem erneuten Wahlsieg gefeiert wird. <\/p><p>In einem Land wie Deutschland, wo die Todesstrafe durch das Grundgesetz abgeschafft ist, erschrickt man, wenn die Bundeskanzlerin, dazu noch eine gl&auml;ubige Protestantin sagt: &bdquo;Ich freue mich, dass es gelungen ist, Bin Laden zu t&ouml;ten.&ldquo; Wie &bdquo;Freude&ldquo; &uuml;ber die T&ouml;tung eines Menschen mit ihrem christlichen Selbstverst&auml;ndnis zu vereinbaren ist, mag Angela Merkel mit sich selbst ausmachen, dass eine solche Aussage ein Anschlag gegen unsere verfassungsrechtlichen Eckwerte (W&uuml;rde des Menschen, Recht auf Leben) darstellt, m&uuml;sste eigentlich zu einem &ouml;ffentlichen Aufschrei f&uuml;hren. Doch dazu war in der Jubelberichterstattung der Medien leider nichts zu h&ouml;ren. <\/p><p>Die gezielte Erschie&szlig;ung Bin Ladens und deren &ouml;ffentliche Wahrnehmung ist Ausdruck des Verlustes des &uuml;ber Jahrhunderte gewachsenen rechtsstaatlichen Denkens und ein R&uuml;ckfall in vorzivilisatorisches Rechtsempfinden des &bdquo;Auge um Auge, Zahn um Zahn&ldquo;. <\/p><p>Da ist es nur logisch, dass bei uns als Reaktion auf diesen Racheakt Sicherheitsgesetze dauerhaft festgeschrieben werden sollen, die weit weg vom Rechtsstaat f&uuml;hren &ndash; denn man muss ja weitere Rache bef&uuml;rchten.<\/p><p>Wie man die Kopfsch&uuml;sse in Pakistan &ndash; wie Gabor Steingart im Morning briefing des Handelsblatts schreibt &ndash; als &bdquo;Riesenerfolg f&uuml;r die westliche Welt&ldquo; bejubeln kann, l&auml;sst einen an den Werten dieser &bdquo;westlichen Welt&ldquo; zweifeln. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Satz der Kanzlerin, der gegen elementare Grundwerte unserer Verfassung verst&ouml;&szlig;t, ist kennzeichnend f&uuml;r den Absturz rechtsstaatlichen und f&uuml;r die Verbreitung alttestamentarischen Rachedenkens anl&auml;sslich der Erschie&szlig;ung des zum Mythos des Terrorismus erhobenen Osama Bin Ladens. 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