{"id":92786,"date":"2023-01-21T14:00:41","date_gmt":"2023-01-21T13:00:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=92786"},"modified":"2023-01-24T08:02:27","modified_gmt":"2023-01-24T07:02:27","slug":"wie-blickt-die-lateinamerikanische-linke-auf-den-krieg-in-der-ukraine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=92786","title":{"rendered":"Wie blickt die lateinamerikanische Linke auf den Krieg in der Ukraine?"},"content":{"rendered":"<p>In der lateinamerikanischen und karibischen Linken gibt es unterschiedliche Positionen zum Krieg in der Ukraine. Es gibt tats&auml;chlich extreme Positionen, die scheinbar Sprecher f&uuml;r die Positionen von Wladimir Putin bzw. Joe Biden sind. Diese Vielfalt an Positionen ist nichts Neues. Die Diversit&auml;t der Positionen ist ein Merkmal sowohl der globalen Linken als auch der lateinamerikanischen Linken. Um dies zu best&auml;tigen, bringe ich in diesem Text einige Beispiele. Von <strong>Valter Pomar<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3518\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-92786-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230123_Wie_blickt_die_lateinamerikanische_Linke_auf_den_Krieg_in_der_Ukraine_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230123_Wie_blickt_die_lateinamerikanische_Linke_auf_den_Krieg_in_der_Ukraine_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230123_Wie_blickt_die_lateinamerikanische_Linke_auf_den_Krieg_in_der_Ukraine_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230123_Wie_blickt_die_lateinamerikanische_Linke_auf_den_Krieg_in_der_Ukraine_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=92786-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230123_Wie_blickt_die_lateinamerikanische_Linke_auf_den_Krieg_in_der_Ukraine_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230123_Wie_blickt_die_lateinamerikanische_Linke_auf_den_Krieg_in_der_Ukraine_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>In der Debatte dar&uuml;ber, wie man sich angesichts des Krieges von 1914-1918 positionieren sollte, gab es in der Zweiten Internationale mindestens zwei Bl&ouml;cke: eine Minderheit von &bdquo;Def&auml;tisten&ldquo; und eine Mehrheit f&uuml;r die Unterst&uuml;tzung der Position der eigenen Regierung. Und diese Mehrheit wiederum teilte sich zwischen Anh&auml;ngern der Entente und Anh&auml;ngern der Mittelm&auml;chte auf. <\/p><p>Auch in der Debatte um die Positionierung angesichts des Zweiten Weltkriegs gab es unterschiedliche Positionen. Positionen, die sich &uuml;brigens ge&auml;ndert hatten, vor und nach M&uuml;nchen, vor und nach dem Molotow-Ribbentrop-Pakt, vor und nach dem Einmarsch in die UdSSR usw. Vor, w&auml;hrend und nach den Weltkriegen war die Linke auch angesichts des Ph&auml;nomens des Kolonialismus gespalten. Auf den Kongressen der Zweiten Internationale gab es Verfechter eines bizarren sozialistischen Kolonialismus. Und nach dem Zweiten Weltkrieg blieb ein Teil der Linken mitschuldig an der kolonialen Besetzung von L&auml;ndern in Afrika, Asien und sogar Lateinamerika. <\/p><p>Auch &uuml;ber die sowjetischen Interventionen in Ungarn, der Tschechoslowakei und Afghanistan gab es keine Einigkeit; oder in der Debatte um die milit&auml;rischen Auseinandersetzungen zwischen China, Vietnam und Kambodscha. In j&uuml;ngerer Zeit gab es weiterhin Spaltungen in den Debatten &uuml;ber die imperialistischen Milit&auml;rinterventionen im Irak, in Afghanistan, Syrien und Libyen. Ganz zu schweigen von den unterschiedlichen Haltungen gegen&uuml;ber der Besetzung Pal&auml;stinas durch Israel. Oder angesichts der Existenz der Organisation des Nordatlantikvertrags. <\/p><p><strong>Linke in der Vielfalt <\/strong><\/p><p>Die Vielfalt der Positionen auf der Linken ergibt sich, sozusagen, aus der Existenz verschiedener Linker, die unterschiedliche historische Entwicklungen, unterschiedliche Orte in der Welt und verschiedene Segmente der Arbeiterklasse zum Ausdruck bringen. Diese Unterschiede &auml;u&szlig;ern sich wiederum in den jeweiligen Taktiken und Strategien, programmatisch und theoretisch.<\/p><p>Kein Wunder also, dass es auf der Linken unterschiedliche Positionen zum Krieg in der Ukraine gibt. Es &uuml;berrascht auch nicht, dass sich der &bdquo;kleinste gemeinsame Nenner&rdquo; der Positionen in der lateinamerikanischen Linken von dem der Positionen in der europ&auml;ischen Linken unterscheidet. Ein Beispiel daf&uuml;r ist das Papier, das am 1. und 2. April von der Arbeitsgruppe des Foro de S&atilde;o Paulo verfasst wurde, einer 1990 gegr&uuml;ndeten Organisation, die die Positionen eines wichtigen Sektors der lateinamerikanischen und karibischen Linken zum Ausdruck bringt. In dem Papier steht folgendes:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>In einer Welt, in der das neoliberale Modell sein v&ouml;lliges Versagen bei der Befriedigung der Mindestbed&uuml;rfnisse der Menschen zeigt, die unter Arbeitslosigkeit, Hunger und sozialer Unsicherheit leiden, bricht der geopolitische Streit der Vereinigten Staaten von Amerika auf die Weltb&uuml;hne durch &ndash; zwischen den USA und dem wachsenden politischen und wirtschaftlichen B&uuml;ndnis zwischen China und Russland, das zur gemeinsamen St&auml;rkung zweier relevanter L&auml;nder in einer Welt f&uuml;hrt, die darum k&auml;mpft, multipolarer zu werden. Der Imperialismus, unzufrieden mit dem relativen Verlust seiner globalen Hegemonie, f&uuml;hrt die USA dazu, einen Neuen Kalten Krieg zu f&ouml;rdern, der eine hybride Kriegsf&uuml;hrung durch Blockaden, einseitige Sanktionen und subversive Medienkampagnen gegen etwa drei&szlig;ig L&auml;nder beinhaltet.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Der andauernde und anhaltende militaristische Angriff des US-Imperialismus und seiner neokolonialistischen Verb&uuml;ndeten auf der ganzen Welt, wie in diesen Tagen im Konflikt zwischen Russland und der Ukraine, ist die objektive Ursache dieser bereits globalen Trag&ouml;die.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Die Vereinigten Staaten und die NATO m&uuml;ssen ihre militaristische Strategie beenden, die den V&ouml;lkern mit einem nuklearen Holocaust droht.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine ist tragischerweise eine Folge dessen, was die USA und die NATO in Syrien, im Irak, im Iran, in Libyen, in Pal&auml;stina, im Jemen, in der Westsahara und auf der ganzen Welt mit direkten und indirekten milit&auml;rischen Interventionen und mit einem internationalen System tun. Sie sind in der Krise nicht in der Lage, das V&ouml;lkerrecht zu verteidigen.&ldquo; <\/em>\n<\/p><\/blockquote><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Im Hinblick auf den milit&auml;rischen Konflikt zwischen Russland und der Ukraine fordern wir den Aufbau des Friedens und setzen uns f&uuml;r eine politische und diplomatische L&ouml;sung der Konflikte ein, die den Multilateralismus und alle Prinzipien des V&ouml;lkerrechts ber&uuml;cksichtigen und respektieren und allen Arten von Milit&auml;raktionen, Sanktionen, Blockaden, Wirtschaftsstrafen und kolonialistischen Besetzungen, die schlie&szlig;lich zur Gefangenschaft der V&ouml;lker f&uuml;hren, ein Ende setzen.&rdquo; <\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Abgesehen von der oben zusammengefassten Position gibt es bekanntlich auch andere linke Meinungen in Lateinamerika und der Karibik, einige sehr auf die Positionen des Kreml ausgerichtet, andere sehr auf die Positionen Washingtons ausgerichtet. Selbstverst&auml;ndlich gibt es auch diejenigen, die auf die Meinung ausgerichtet sind, die in der europ&auml;ischen Linken vorherrschend ist. <\/p><p><strong>Pr&auml;missen der Einsch&auml;tzung <\/strong><\/p><p>Angesichts einer solchen Vielfalt ist es wichtig, die Pr&auml;missen der Argumentation des <em>Foro de S&atilde;o Paulo <\/em>im vorliegenden Text explizit zu machen. Zun&auml;chst sind wir der Ansicht, dass die milit&auml;rische Intervention der Russischen F&ouml;deration in der Ukraine nicht unerwartet und nicht unvorhergesehen kam. Die Geschichte der Ereignisse f&uuml;hrt uns bis in das Jahr 1989, als die &bdquo;Russen&rdquo; (in dem Fall noch: die Sowjets) ihre Truppen aus Osteuropa abzogen. Deutschland machte die ersten Schritte in Richtung Wiedervereinigung und die USA versprachen, dass die NATO nicht &bdquo;einen Zoll&ldquo; &uuml;ber das ehemalige Einflussgebiet der UdSSR vorr&uuml;cken werde.<br>\nIm M&auml;rz 1991 endete der Warschauer Pakt, im Dezember 1991 endete die UdSSR selbst. Russland und die Ukraine wurden unabh&auml;ngige Republiken. <\/p><p>In den Jahren unmittelbar nach diesen Ereignissen galt die gr&ouml;&szlig;te Sorge der Vereinigten Staaten nicht der Volksrepublik China. Hauptanliegen der USA war, ihre einseitige Macht zu behaupten, was bedeutete, die entstehende Europ&auml;ische Union unter ihrer Vormundschaft zu halten. Zu diesem Zweck bestanden die USA auf der Politik, &bdquo;die Russen drau&szlig;en, die Amerikaner drinnen und die Deutschen unten zu halten&ldquo; &ndash; ein Satz, der von General Lord Ismay, dem ersten Generalsekret&auml;r der 1949 gegr&uuml;ndeten NATO, gepr&auml;gt wurde. <\/p><p>In der Praxis f&ouml;rderten die USA die Zersplitterung des ehemaligen sowjetischen Raums und die Schw&auml;chung der Russischen F&ouml;deration, blockierten die Schaffung einer europ&auml;ischen Armee und erweiterten die NATO-Pr&auml;senz. Seitdem und bis heute hat die Organisation mehrere osteurop&auml;ische L&auml;nder wie Polen, die Tschechische Republik, Ungarn und Bulgarien aufgenommen. <\/p><p>Ebenfalls in den 1990er Jahren &auml;nderte die NATO offiziell ihre Handlungsparameter. Eine der Folgen davon war der ohne Genehmigung der Vereinten Nationen gef&uuml;hrte Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien, ein Krieg, der 78 Tage Luftangriffe umfasste, vom 24. M&auml;rz 1999 bis zum 10. Juni 1999. <\/p><p>Es gibt mehrere Hypothesen und Versionen &uuml;ber die &bdquo;gro&szlig;e Strategie&ldquo;, die von den USA nach dem Ende der UdSSR angenommen wurde. Aber es besteht kein Zweifel, dass einer der Zwecke dieser Strategie darin bestand, die Russische F&ouml;deration zu neutralisieren. Den &bdquo;ideologischen Feind&ldquo; zu besiegen war nicht genug; es sei auch notwendig, gegen den &bdquo;geopolitischen Gegner&ldquo; vorzugehen. <\/p><p>Russland reagierte nur langsam auf die NATO-Belagerung. H&auml;tte es sich auf Boris Jelzin verlassen, w&auml;re Russland Teil der Organisation geworden. Aber die Ereignisse dr&auml;ngten breite Teile der neuen russischen herrschenden Klasse in eine andere Position. Und sp&auml;testens seit 2007 machten Wladimir Putins &Auml;u&szlig;erungen immer wieder deutlich, dass es eine &bdquo;rote Linie&ldquo; gibt, die nicht ohne Reaktion &uuml;berschritten werden k&ouml;nne. <\/p><p><strong>Rote Linie &uuml;berschritten <\/strong><\/p><p>Diese rote Linie wurde mit dem Staatsstreich in der Ukraine im Jahr 2014 &uuml;berschritten, einem Staatsstreich, der unter offener und &ouml;ffentlicher Beteiligung von Vertretern der USA, der Europ&auml;ischen Union und auch paramilit&auml;rischer Kr&auml;fte der Nazis vorangetrieben wurde &ndash; von allen zusammen. Die Russische F&ouml;deration reagierte auf den Putsch mit der R&uuml;ckeroberung der Krim und der F&ouml;rderung sezessionistischer Bewegungen in der als Donbass bekannten Region. <\/p><p>W&auml;hrend der Amtszeit des derzeitigen ukrainischen Pr&auml;sidenten Wolodimir Selenskij, einem Bef&uuml;rworter des NATO-Beitritts der Ukraine und dar&uuml;ber hinaus Bef&uuml;rworter einer vermeintlich totalen und endg&uuml;ltigen Milit&auml;roffensive gegen die beiden abtr&uuml;nnigen Republiken Donbass, eskalierte die Situation erneut. <\/p><p>Angesichts der Provokationen Selenskijs hat die russische Regierung zahlreiche &ouml;ffentliche Warnungen ausgesprochen, einen R&uuml;ckzug der Regierung der Ukraine und der NATO gefordert und dann &ndash; unter dem Vorwand neu unterzeichneter Abkommen mit den beiden Sezessionsrepubliken, der Volksrepublik Donezk und der Volksrepublik Lugansk &ndash; pr&auml;ventiv die Ukraine angegriffen. <\/p><p>Dies hat einige Teile der Linken dazu veranlasst, die Verteidigung der ukrainischen nationalen Selbstbestimmung an erste Stelle zu setzen, obwohl sie gegen die NATO und die USA sind. Diese Fl&uuml;gel der Linken erkennen an, dass die russische Regierung mit mehreren ihrer Denunziationen und Beschwerden Recht hatte, behaupten jedoch, dass die russische Regierung &ndash; weil sie zuerst angegriffen habe &ndash; angeblich &bdquo;das Argument verloren&ldquo; h&auml;tte. Was eigentlich legitimierte die Argumente f&uuml;r Wirtschaftssanktionen, f&uuml;r die milit&auml;rische Unterst&uuml;tzung des &bdquo;Westens&ldquo; in die Ukraine, zur Russophobie und zur Zensur von Medien und Fachleuten bei denen, die die &bdquo;offizielle Rede&ldquo; gegen Putin nicht unterst&uuml;tzen? <\/p><p>All diese Kritiken haben ihren jeweiligen Grund, aber sie gehen alle von einer falschen Annahme aus: Wenn es keinen russischen Angriff auf die Ukraine g&auml;be, w&uuml;rden sich die Drohungen der Ukraine\/NATO gegen Russland nicht versch&auml;rfen. Das hei&szlig;t, sie gehen davon aus, dass es <em>die beste Verteidigung ist, darauf zu warten, dass der Feind zuerst angreift<\/em>. Aber die wahre Geschichte k&ouml;nnte ganz anders aussehen &ndash; siehe die Entdeckung von Labors f&uuml;r biologische Waffen, die auf ukrainischem Territorium operieren und tats&auml;chlich von den Vereinigten Staaten kontrolliert werden. Oder, f&uuml;r diejenigen, die Zahlen bevorzugen: Zwischen 2012 und 2021 erh&ouml;hte die Ukraine ihre Milit&auml;rausgaben um 142 Prozent (gegen&uuml;ber einer Ausweitung um 11 Prozent der Russischen F&ouml;deration, laut SIPRI-Daten). <\/p><p>Sicherlich w&auml;re alles einfacher, wenn der &bdquo;Dialog&ldquo; ausreichen w&uuml;rde, um gro&szlig;e Weltkonflikte zu l&ouml;sen, oder wenn die Welt in &bdquo;Gute&ldquo; und &bdquo;B&ouml;se&ldquo; geteilt w&auml;re. Aber das aktuelle Szenario (wie jedes andere Mal) passt nicht in diese Art der Vereinfachung. <\/p><p>Wladimir Putin ist ein Nationalist, Antikommunist und Konservativer und das sind einige der Elemente, warum die Linke im Allgemeinen und die russische Linke im Besonderen unz&auml;hlige Gr&uuml;nde haben, sich gegen ihn und seine Regierung zu stellen. Aber es ist weder n&ouml;tig, Putin zu unterst&uuml;tzen, noch m&uuml;ssen wir die Milit&auml;raktion in der Ukraine begr&uuml;&szlig;en, um anzuerkennen, dass es nicht die russische Regierung war, die die NATO-Staaten belagert hat; es war nicht die russische Regierung, die V&ouml;lkermord-Angriffe gegen im Donbass lebende Zivilisten ver&uuml;bte, es war nicht die russische Regierung, die sich &uuml;ber die Minsker Vereinbarungen hinwegsetzte; auch unterst&uuml;tzt die russische Regierung die Nazi-Truppen nicht. <\/p><p>Dar&uuml;ber hinaus wird, zumindest aus Sicht eines Teils der lateinamerikanischen und karibischen Linken, die folgende Tatsache wichtig: Die russische Regierung ist an keiner der brutalen Milit&auml;rinterventionen in Afrika, im Nahen Osten und sogar in Lateinamerika beteiligt, die seit 1991 stattgefunden haben. <\/p><p><strong>Hauptfeind der lateinamerikanischen Arbeiterklasse ist die US-Regierung und NATO<\/strong><\/p><p>Mit anderen Worten: Der Hauptfeind der lateinamerikanischen und karibischen Arbeiterklasse ist die US-Regierung sowie die NATO, ist der Imperialismus. Es ist nicht Putin und seine Regierung, es ist nicht die Russische F&ouml;deration. <\/p><p>Aus dieser Sicht ist die Ukraine seit 2014 zu einem &bdquo;Lakai&ldquo; der US- und NATO-Politik geworden. Obwohl sie sich formal im Rahmen des Gesetzes bewegt, obwohl sie formal die Grenzen der Selbstbestimmung und der nationalen Souver&auml;nit&auml;t respektiert, erh&auml;lt die ukrainische Regierung seit einigen Jahren Waffen und milit&auml;rische &bdquo;Ausbilder&ldquo; von der NATO und toleriert und legalisiert dar&uuml;ber hinaus die Aktionen von zugegebenerma&szlig;en neonazistischen Kr&auml;ften. <\/p><p>Aus diesem Grund &ndash; und nicht aus irgendeiner teuflischen Pathologie oder einer imperialistischen Berufung &ndash; operierte die Russische F&ouml;deration, um die Krim zur&uuml;ckzuerobern, unterst&uuml;tzte die Donbass-Abspaltung und beschloss, zuerst zuzuschlagen. Mit anderen Worten: Um ihre nationale Souver&auml;nit&auml;t zu verteidigen, zogen die Russen nach wiederholten Verhandlungsversuchen pr&auml;ventiv in den Krieg &ndash; obwohl der Krieg streng genommen schon da war, wie sich die Bewohner des Donbass immer wieder erinnern, von denen etliche vor Jahren von ukrainischen Regierungstruppen massakriert wurden. <\/p><p><strong>F&uuml;r eine andere Weltordnung <\/strong><\/p><p>Ein Paradoxon dieser Situation ist folgendes: Bei pr&auml;ventiven Angriffen folgte die russische Regierung einem &auml;hnlichen &bdquo;Drehbuch&ldquo; wie die USA. <\/p><p>Tats&auml;chlich ist die am 2. M&auml;rz 2022 von der UN-Generalversammlung angenommene Resolution, wonach &bdquo;die Milit&auml;roperationen der Russischen F&ouml;deration auf dem Hoheitsgebiet der Ukraine von einem Ausma&szlig; sind, das die internationale Gemeinschaft <em>in Europa <\/em>nicht gesehen hat&ldquo;, sehr aufschlussreich (Hervorhebung des Autors), hinzugef&uuml;gt wurde: &bdquo;seit Jahrzehnten&ldquo;. Tats&auml;chlich: Die USA und ihre europ&auml;ischen Verb&uuml;ndeten sind es gewohnt, milit&auml;rische Operationen gleichen oder gr&ouml;&szlig;eren &bdquo;Ausma&szlig;es&ldquo; in L&auml;ndern au&szlig;erhalb Europas durchzuf&uuml;hren, mit der erw&auml;hnten Ausnahme Jugoslawiens. In diesem Sinne hat die Missachtung der wiederholten Warnungen Putins eine &bdquo;psychologische&ldquo; Qualit&auml;t: Jahrzehnte des &bdquo;US-Unilateralismus&rdquo; lie&szlig;en es f&uuml;r Russland &bdquo;unm&ouml;glich&rdquo; erscheinen, pr&auml;ventiv zuzuschlagen. <\/p><p>Unsere Sicht auf die am 24. Februar 2022 eingeleitete russische Milit&auml;raktion, die noch andauert, w&auml;hrend dieser Artikel fertiggestellt wird, sollte all dies geb&uuml;hrend ber&uuml;cksichtigen. <\/p><p>Au&szlig;erdem kann der Frieden, den wir verteidigen, kein <em>Pax Americana <\/em>sein. Unter anderem aus Gr&uuml;nden, warum es keinen wirksamen Frieden geben wird ohne die Niederlage der gr&ouml;&szlig;ten Kriegsf&ouml;rderer: der imperialistischen Staaten, vorab der Vereinigten Staaten. Wenn die NATO nicht einknickt (auch bei Waffenlieferungen an die Ukraine, mit Unterst&uuml;tzung von Regierungen, die von Teilen der Linken gef&uuml;hrt oder integriert werden) und wenn die Ukraine keinen neutralen Status annimmt (&auml;hnlich dem &Ouml;sterreichs nach dem Zweiten Weltkrieg) wird der Konflikt fr&uuml;her oder sp&auml;ter wieder eskalieren. <\/p><p>Kriege verursachen Zerst&ouml;rung, Leid und Tod und betreffen vor allem die Arbeiterklassen. Mehr als genug Gr&uuml;nde, den Frieden zu verteidigen. Aber unsere Verteidigung des Friedens darf nicht die Form eines abstrakten Pazifismus annehmen, noch darf sie mit der kolonialistischen und rassistischen Heuchelei bestimmter Medien und so vieler politischer F&uuml;hrer verwechselt werden, die sich jetzt als wei&szlig;e Tauben ausgeben, aber am Abschlachten so vieler V&ouml;lker mitschuldig sind &ndash; Mittlerer Osten, Afrikaner, Asiaten und Lateinamerikaner. <\/p><p>Aus all diesen Gr&uuml;nden ist zumindest f&uuml;r einen Teil der lateinamerikanischen und karibischen Linken eine friedliche Verhandlungsl&ouml;sung am wichtigsten, die die NATO und die imperialistischen Regierungen, vorab die Vereinigten Staaten, schw&auml;cht. <\/p><p>Diese Position ergibt sich aus der Analyse des Konflikts selbst, aber auch aus der Analyse der Situation als Ganzes. Der Krieg in der Ukraine ist kein Einzelfall. Krieg ist bekanntlich die Fortsetzung der Politik in anderen Formen; Politik wiederum ist konzentrierte &Ouml;konomie. Der Krieg zwischen der Russischen F&ouml;deration und der Ukraine findet im Rahmen einer weltweiten Systemkrise des Kapitalismus statt, die wiederum mit dem Niedergang der US-Hegemonie und dem Aufstieg der Volksrepublik China zusammenh&auml;ngt. <\/p><p>In diesem Zusammenhang ist es unvermeidlich, dass Wirtschaft und Alltagspolitik durch Krieg verseucht werden. So wie das Auftreten von Kriegen verschiedener Art, Farbe und Geschmack, von imperialistischen Kriegen &uuml;ber verschiedene interkapitalistische Konflikte, Kriege f&uuml;r die nationale Unabh&auml;ngigkeit, gegen ausl&auml;ndische Besatzung, gegen Faschismus und Nazismus, zus&auml;tzlich zu B&uuml;rgerkriegen auch unvermeidlich sind. Es gibt Kriege und Kriege, sie sind alle schrecklich, aber es schadet nie, sich daran zu erinnern, dass einige Kriege &bdquo;gerechte Kriege&ldquo; und notwendig sind. <\/p><p>Wir wiederholen, dass es immense Kontroversen &uuml;ber die Ereignisse vom 24. Februar bis zum heutigen Tag gibt, einschlie&szlig;lich der tats&auml;chlichen Situation des Konflikts und seiner Folgen. Neben den Wendungen des Krieges gibt es auch gut informierte Analysten, die antagonistische Aussagen dar&uuml;ber machen, was passiert und was passieren k&ouml;nnte. Einige sagen zum Beispiel, dass der Krieg in der Ukraine die Joe-Biden-Administration (im Wahlkampf) und den milit&auml;risch- industriellen Komplex der USA (wirtschaftlich) interessieren w&uuml;rde. Es gibt auch diejenigen, die sagen, dass Wirtschaftssanktionen der russischen Wirtschaft und damit auch der chinesischen Wirtschaft irreparablen Schaden zuf&uuml;gen und dazu beitragen werden, den Niedergang der US-Hegemonie umzukehren. Wie einige sagen, w&auml;re das wichtigste Ergebnis des Krieges die Unterwerfung der Europ&auml;ischen Union unter die geopolitischen Interessen der USA. Aber es gibt diejenigen, die ganz oder teilweise anderer Meinung sind, zum Beispiel in dem Sinne, dass der Krieg &ndash; unabh&auml;ngig von seinem unmittelbaren Ergebnis &ndash; das russisch-chinesische B&uuml;ndnis definitiv gefestigt hat, was China zugute kommt und un&uuml;berwindliche Schwierigkeiten f&uuml;r die Globalisierung <em>Made in USA <\/em>darstellte. <\/p><p>In jedem Fall m&uuml;ssen wir darauf bestehen, den Waffenstillstand und die Verhandlungen zu verteidigen und alle Vorschl&auml;ge zu unterst&uuml;tzen, die auf eine Neutralit&auml;t und Selbstbestimmung der Ukraine sowie auf den R&uuml;ckzug und die Aufl&ouml;sung der NATO hinauslaufen. &Uuml;brigens ist daran zu erinnern, dass die Organisation bereits in Lateinamerika t&auml;tig ist und sich besonders f&uuml;r Kolumbien und Brasilien interessiert. <\/p><p>Aus analytischer Sicht ist es jedoch am wichtigsten zu erkennen, dass der Russland-Ukraine-Konflikt keine Ausnahme oder ein Blitz aus heiterem Himmel ist, sondern integraler Bestandteil einer historischen Periode, die von immenser Instabilit&auml;t, anhaltenden Krisen und brutalen Konflikten gepr&auml;gt ist. Genau genommen findet der Krieg weder zwischen Russland und der Ukraine noch zwischen Russland und der NATO statt, sondern zwischen den Vereinigten Staaten und China. <\/p><p>F&uuml;r Lateinamerika und die Karibik ist eines sicher: Es gibt keine M&ouml;glichkeit, diese &bdquo;Kriegszeiten&ldquo; mit einer abh&auml;ngigen, prim&auml;r exportorientierten, finanzialisierten, deindustrialisierten Wirtschaft und mit zunehmend autorit&auml;r gef&uuml;hrten Polizeistaaten gut zu &uuml;berstehen. Mit Klassen, die kolonialisiert sind, und mit Streitkr&auml;ften, die absolut unf&auml;hig sind, die nationale und regionale Souver&auml;nit&auml;t zu verteidigen. <\/p><p>Es bleibt abzuwarten, ob die regionale Linke in der Lage sein wird, sich dem verfluchten Erbe des Neoliberalismus, des konservativen Developmentalismus, des Kolonialismus und dessen, was manche Neokolonialismus nennen, mit der notwendigen Dringlichkeit und Tiefe zu stellen, es zu besiegen und zu &uuml;berwinden. Dies ist klar, wenn es einer Lula-Regierung gelingt, eine Au&szlig;enpolitik umzusetzen, die zum Aufbau einer anderen Weltordnung beitr&auml;gt, die sich von der von den USA gew&uuml;nschten unterscheidet. Die Bausteine daf&uuml;r sind in den BRICS enthalten. <\/p><p><em>Zum Autor: Prof. Dr. <strong>Valter Pomar<\/strong>, geboren 1966, ist Historiker, Professor f&uuml;r Internationale Beziehungen an der Universidade Federal do ABC (Brasilien) und Mitglied des Nationalen Vorstandes der Arbeiterpartei (PT).<\/em><\/p><p>Dieser Artikel erschien zuerst in <a href=\"http:\/\/welttrends.de\/res\/uploads\/crome-zeitenwende-der-ukraine-krieg-und-die-deutsche-aussenpolitik.pdf\">Welttrends<\/a>.<\/p><p>Titelbild: shutterstock \/ Harvepino<\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<p><strong>Mehr zum Thema:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91271\">&bdquo;Zeitenwende&ldquo; auf lateinamerikanisch? &ndash; Lateinamerika und der Krieg in der Ukraine<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91103\">China und Russland: Bedrohungen f&uuml;r Lateinamerika?<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88255\">W&auml;hrend EU und USA mehr Waffen schicken, pr&auml;sentiert Pr&auml;sident von Mexiko Friedensinitiative zur Beendigung des Ukraine-Krieges<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/096ff0429b7249d2b38912d65af64a34\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der lateinamerikanischen und karibischen Linken gibt es unterschiedliche Positionen zum Krieg in der Ukraine. 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