{"id":9287,"date":"2011-05-03T09:32:07","date_gmt":"2011-05-03T07:32:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9287"},"modified":"2016-07-19T12:00:43","modified_gmt":"2016-07-19T10:00:43","slug":"die-gewollte-reservearmee-an-arbeitslosen-oder-wie-einige-linke-das-geschaft-der-monetaristen-und-rechten-betreiben-indem-sie-die-verantwortung-der-krise-des-kapitalismus-zuschieben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9287","title":{"rendered":"Die gewollte Reservearmee an Arbeitslosen \u2013 Oder: Wie einige Linke das Gesch\u00e4ft der Monetaristen und Rechten betreiben, indem sie die Verantwortung der Krise des Kapitalismus zuschieben."},"content":{"rendered":"<p>Es gibt ein Zitat des ehemaligen britischen Notenbankers Sir Alan Budd, das Gold wert ist f&uuml;r die Argumentation jener, die den Anstieg der Arbeitslosigkeit in den siebziger, in den achtziger Jahren und auch heute f&uuml;r gewollt und damit f&uuml;r vermeidbar halten und &ndash; spiegelbildlich &ndash; den Kampf gegen die Arbeitslosigkeit f&uuml;r m&ouml;glich und f&uuml;r aussichtsreich halten, wenn man nur will und die richtigen Entscheidungen trifft. Sir Alan Budd beschreibt, dass unter Thatcher die Arbeitslosigkeit bewusst erzeugt worden ist, um die Arbeiterklasse zu schw&auml;chen und hohe Profite zu realisieren. Das gleiche Spiel begann bei uns schon in den siebziger Jahren und w&auml;hrt bis heute. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><\/p><p>Der ehemalige Notenbanker Sir Alan Budd &ndash; seine Biografie siehe <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Alan_Budd\">hier<\/a> &ndash; beschrieb die Geldpolitik der Bank of England unter Margret Thatcher so: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Viele &bdquo;haben nie (&hellip;) geglaubt, dass man mit Monetarismus die Inflation bek&auml;mpfen kann. Allerdings erkannten sie, dass [der Monetarismus] sehr hilfreich dabei sein kann, die Arbeitslosigkeit zu erh&ouml;hen. Und die Erh&ouml;hung der Arbeitslosigkeit war mehr als w&uuml;nschenswert, um die Arbeiterklasse insgesamt zu schw&auml;chen. [&hellip;] Hier wurde &ndash; in marxistischer Terminologie ausgedr&uuml;ckt &ndash; eine Krise des Kapitalismus herbeigef&uuml;hrt, die die industrielle Reservearmee wiederherstellte, und die es den Kapitalisten fortan erlaubte, hohe Profite zu realisieren.&ldquo; (The New Statesman, 13. Januar 2003, S. 21)\n<\/p><\/blockquote><p>Hier die <a href=\"http:\/\/www.newstatesman.com\/blogs\/the-staggers\/2010\/07\/class-war-budd-thatcher-cuts\">Originalquelle auf Englisch<\/a>.<\/p><p>In Thatchers erster Legislaturperiode kletterte die Arbeitslosenquote auf drei Millionen. Das waren rund 12,5&nbsp;Prozent im Jahr 1983.<\/p><p><strong>In Deutschland wurde beginnend schon in den 1970ern auf eine &auml;hnliche Politik gesetzt<\/strong><br>\nDie Monetaristen bei der Bundesbank haben versucht, die aktive Besch&auml;ftigungspolitik der Regierung Schmidt zu konterkarieren &ndash; mit massiven Zinserh&ouml;hungen schon Anfang der siebziger Jahre und dann immer wieder, zum Beispiel 1980 mit einer Erh&ouml;hung der kurzfristigen Zinsen von 3,7 auf 12,2 %, dann im Vorfeld von 1992 mit einer Diskontsatzerh&ouml;hung von 2,9 auf 8,75 %. (In Kapitel III meines Buches &bdquo;<a href=\"\/?page_id=1114\">Machtwahn<\/a>&ldquo; ist dies ausf&uuml;hrlich dokumentiert.)<br>\nBundeswirtschaftsminister Graf Lambsdorff und sein Hintermann Hans Tietmeyer haben schon im Kabinett Schmidt am gleichen Strang gezogen. Das Lambsdorff -Papier vom September 1982 war dann nicht nur die &bdquo;Scheidungsurkunde&ldquo; der sozialliberalen Koalition, sondern auch ein Dokument, mit dem die Durchsetzung der Politik zur Schw&auml;chung der Arbeitnehmerschaft festgeschrieben wurde.<br>\nDie von den Monetaristen gepr&auml;gte Geld- und Zinspolitik war begleitet von einer massiven Agitation gegen Konjunkturprogramme und aktive Besch&auml;ftigungspolitik. Diese Agitation begann schon zu Zeiten der Regierung Schmidt gegen Ende der siebziger Jahre. Sie war massiv, und ihre Massivit&auml;t ist nicht verst&auml;ndlich, wenn man das Motiv, die Erzeugung einer Reservearmee von Arbeitslosen, nicht beachtet.<\/p><p>Nat&uuml;rlich geben die Monetaristen und neoliberalen Erzeuger einer Reservearmee von Arbeitslosen nicht zu, dass sie mit Absicht darauf hingearbeitet haben.<\/p><p><strong>Umso erstaunlicher ist die Tatsache, dass sie auch von linker Seite von der Verantwortung f&uuml;r die Schw&auml;chung der Arbeitnehmerschaft, f&uuml;r die hohe Arbeitslosigkeit und einen gro&szlig;en Niedriglohnsektor freigesprochen werden.<\/strong><\/p><p>Erstaunlich ist das nur dann nicht, wenn man bedenkt, dass die in den siebziger Jahren beginnende hohe Arbeitslosigkeit und gleichzeitig wachsende Verschuldung des Staates in das Schema linker Theorien von der Krise des Kapitalismus passt.<br>\nDas muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Die von den Monetaristen\/Neoliberalen willentlich herbeigef&uuml;hrte hohe Arbeitslosigkeit, die auf Schw&auml;chung der Arbeiterklasse bewusst angelegt war und ist, wird von den politischen Gegnern der Monetaristen und neoliberalen Kr&auml;fte als Zeichen des Scheiterns des Systems des Kapitalismus betrachtet und deshalb als solches trotz des damit geschaffenen Elends hingenommen. Der gegebene Freiheitsgrad zum politischen und wirtschaftspolitischen Gegensteuern wird und muss auch von linker Seite geleugnet werden.<br>\nDeshalb muss man leider feststellen, dass diese Linke objektiv betrachtet den neoliberalen Kr&auml;ften in die H&auml;nde spielt.<\/p><p>Das Zitat des britischen Notenbankers Budd belegt gl&uuml;cklicherweise die Motive der Akteure und zugleich die Ahnungslosigkeit der Kr&auml;fte auf der linken Seite, die die bewusst herbeigef&uuml;hrte Reservearmee und Schw&auml;chung der Arbeitnehmerschaft als Zeichen der Krise des Kapitalismus betrachten<\/p><p>Dies alles ist hochaktuell. In der Debatte um Wachstum, um Systemver&auml;nderung und um das angebliche Scheitern der konjunkturpolitischen Instrumente nach den Vorstellungen von Keynes taucht das Motiv der Krise des Kapitalismus, wie sie angeblich in den siebziger Jahren sichtbar geworden sei, immer wieder auf. Ich verweise auf die in meinem Beitrag vom 21. April &uuml;ber Wachstumswahn et cetera  zitierten Texte und zum Beispiel auch auf Vorbereitungspapiere zum attac-Kongress in Berlin und die daf&uuml;r geschaltete <a href=\"http:\/\/www.jenseits-des-wachstums.de\/fileadmin\/user_upload\/wachstumskongress\/Kongresszeitung_Jenseits-des-Wachstums_Attac.pdf\">Beilage in der TAZ [PDF &ndash; 741 KB]<\/a>. (Auf das <a href=\"\/upload\/pdf\/110430_ankuendigung_pwk_mit_highlights.pdf\">Programm des Kongresses<\/a> verweise ich trotz kritischer Betrachtung. Siehe dazu den Artikel &uuml;ber Wachstumswahn etc. vom 21. April und einen weiteren, noch kommenden.)<\/p><p><strong>Zwei Dinge sind noch anzumerken:<\/strong><\/p><p><strong>Erstens: Die herrschende Wissenschaft hat die Strategie der Schw&auml;chung der Gewerkschaften und der Arbeitnehmer kr&auml;ftig unterst&uuml;tzt.<\/strong> Daf&uuml;r steht zum Beispiel der M&uuml;nchner &Ouml;konom Hans-Werner Sinn, aber auch der gesamte Sachverst&auml;ndigenrat. Typisch f&uuml;r diesen war zum Beispiel, dass er in einem Jahresgutachten an der Schwelle zu einem deutlich erkennbaren Wirtschaftsabschwung im November 2000 erkl&auml;rte: die Konjunktur l&auml;uft rund. Das hat dann die Bundesbank und die Bundesregierung dazu ermuntert, restriktiv zu verfahren.<\/p><p><strong>Zweitens: Die Gewerkschaften haben total versagt.<\/strong> Sie haben die Strategie ihrer Gegner nicht erkannt, jedenfalls nichts dagegen unternommen, nicht einmal diese Strategie so offen gelegt, wie es der zitierte britische Notenbanker verdienstvoller weise tat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt ein Zitat des ehemaligen britischen Notenbankers Sir Alan Budd, das Gold wert ist f&uuml;r die Argumentation jener, die den Anstieg der Arbeitslosigkeit in den siebziger, in den achtziger Jahren und auch heute f&uuml;r gewollt und damit f&uuml;r vermeidbar halten und &ndash; spiegelbildlich &ndash; den Kampf gegen die Arbeitslosigkeit f&uuml;r m&ouml;glich und f&uuml;r aussichtsreich<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9287\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[147,141,205],"tags":[1105,296,479,325,297],"class_list":["post-9287","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitslosgigkeit","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-neoliberalismus-und-monetarismus","tag-budd-sir-alan","tag-lambsdorff-otto-graf","tag-reservearmee","tag-staatsschulden","tag-tietmeyer-hans"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9287","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9287"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9287\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9290,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9287\/revisions\/9290"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9287"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=9287"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=9287"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}