{"id":9297,"date":"2011-05-04T09:01:12","date_gmt":"2011-05-04T07:01:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9297"},"modified":"2014-08-26T14:56:12","modified_gmt":"2014-08-26T12:56:12","slug":"profiteure-der-krise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9297","title":{"rendered":"Profiteure der Krise"},"content":{"rendered":"<p>Die Finanzkrise hat weltweit Verm&ouml;gen in Billionenh&ouml;he umverteilt. Die Existenz von Millionen von Menschen wurde bedroht, ihre Arbeitspl&auml;tze und ihre soziale Sicherheit vernichtet. Wie hoch die Folgelasten f&uuml;r die &ouml;ffentlichen Haushalte schlussendlich sein werden, ist momentan noch nicht einmal absehbar. Noch viele Generationen werden an den Kosten und der Zinslast zu tragen haben. Im Jargon der Finanzm&auml;rkte hat sich das Geld einfach &ldquo;in Luft aufgel&ouml;st&rdquo; oder es wurde &ldquo;verbrannt&rdquo;. Dass diese Einsch&auml;tzung falsch ist, zeigt das Beispiel des Hedgefonds-Managers John Paulson. Im letzten Jahr &bdquo;verdiente&ldquo; Paulson die stolze Summe von <a href=\"http:\/\/online.wsj.com\/article\/SB10001424052748704268104576108390332589096.html\">5 Milliarden US-Dollar<\/a> &ndash; das h&ouml;chste jemals bekannt gewordene Einkommen der Welt. Ein Teil dieses Geldes stammt dabei auch aus deutschen Steuergeldern, mit denen die Folgen der IKB-Pleite bezahlt werden. Jens Berger<br>\n<!--more--><\/p><p>Eine alte Krisenweisheit lautet &bdquo;das Verm&ouml;gen ist nicht weg, sondern nur woanders&ldquo;. Wie eine solche Umverteilung im modernen Finanzsystem vonstatten geht, zeigt das Beispiel &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.creditslips.org\/creditslips\/2010\/04\/explaining-the-abacus-cdo.html\">Abacus 2007-AC1<\/a>&ldquo; . Der amerikanische Hedgefonds-Manager John Paulson ahnte schon fr&uuml;h, dass der &uuml;berhitzte, kreditfinanzierte Immobilienmarkt in den USA bald zusammenbrechen k&ouml;nnte. Traditionelle Finanzinstrumente erlauben dem Investor, an steigenden Preisen und Gewinnen zu profitieren. Um im Gegenzug bei fallenden Preisen und Verlusten zu profitieren, muss man schon ein wenig kreativer sein. Paulsons Kreativit&auml;t kannte keine Grenzen. Er b&uuml;ndelte Immobilienkredite, die er f&uuml;r besonders riskant hielt und beauftragte die Investmentbank Goldman Sachs, ein synthetisches Finanzprodukt zu verwirklichen, mit dem er auf den Ausfall dieser Hypotheken wetten kann. Das Endprodukt trug den Namen &bdquo;Abacus 2007-AC-1&ldquo; und wurde von Goldman Sachs ausgesuchten Gro&szlig;investoren als renditeorientiertes Produkt angeboten. F&uuml;r diese Dienstleistung kassierte Goldman Sachs 15 Millionen Dollar Geb&uuml;hr von Paulson.<\/p><p><strong>Paulsons Abacus-Deal<\/strong><\/p><p>Im Fachjargon der Finanzbranche war Abacus eine CDS auf ein CDO &ndash; Abacus-Kunden versicherten also geb&uuml;ndelte Immobilienkredite gegen das Ausfallrisiko. Urspr&uuml;nglich waren CDS (Credit Default Swaps) als Risikoabschirmung gedacht. Der Unterschied zu einer klassischen Kreditausfallversicherung besteht jedoch darin, dass es bei CDS keine Rolle spielt, ob man selbst in das zugrundeliegende Kreditgesch&auml;ft involviert ist.<br>\nIm Falle eines Zahlungsausfalls erh&auml;lt die Seite, die auf einen Zahlungsausfall gewettet hat, die vertraglich abgesicherte Pr&auml;mie von der Gegenseite. Sollte kein Zahlungsausfall eintreten, gewinnt die Gegenseite, da sie die (Versicherungs-)Pr&auml;mien behalten darf. Im Falle Abacus war der Versicherungsnehmer ebenfalls nicht der Kreditgeber, sondern John Paulson, der auf diese Art und Weise auf den massenhaften Ausfall von Immobilienkrediten wetten konnte, der wenig sp&auml;ter als &bdquo;Subprime-Krise&ldquo; in die Geschichtsb&uuml;cher eingehen sollte.<\/p><p>Eines von Paulsons Opfern war die D&uuml;sseldorfer Mittelstandsbank IKB, die &uuml;ber obskure Finanzvehikel au&szlig;erhalb der Bilanz in gro&szlig;em Stil hochriskante Wetten auf dem US-Markt abschloss. Abacus war dabei nur ein Investment von vielen. Im April 2007 investierte die IKB 150 Millionen Dollar in die Abacus-Papiere. Eine D&uuml;sseldorfer Privatbank, deren Kompetenzen in der Finanzierung mittelst&auml;ndischer deutscher Unternehmen lagen, hat also zu einem Zeitpunkt, an dem in der Branche das Wort &bdquo;Subprime&ldquo; bereits einen negativen Beiklang hatte, hochriskante amerikanische Immobilienkredite versichert. Um welche Kredite es sich dabei handelt, hat die D&uuml;sseldorfer Turbobanker nicht interessiert &ndash; der Name &bdquo;Goldman Sachs&ldquo; galt schlie&szlig;lich in der Branche als Qualit&auml;tsmerkmal. Nat&uuml;rlich wusste die IKB nicht, dass die faulen Kredite, die sie versicherte, von ein und derselben Person ausgew&auml;hlt und geb&uuml;ndelt wurden, die nun als Gegenpart der IKB auf deren Ausfall wettete. Wenn man John Paulson als Betr&uuml;ger bezeichnen w&uuml;rde, m&uuml;sste man sicherlich keine Klage wegen &uuml;bler Nachrede bef&uuml;rchten. <\/p><p>Es kam, wie es kommen musste. Wenige Monate sp&auml;ter fielen die Kredite &ndash; wie von Paulson geplant &ndash; aus und die 150 Millionen Dollar der IKB geh&ouml;rten nun Paulsons Hedgefonds. Der alleinige Zweck dieser &bdquo;Kreditversicherung&ldquo; war die Umverteilung von Geldern naiver Anleger auf das Konto des Hedgefonds-Managers &ndash; mit den realen Krediten, den Zahlungsschwierigkeiten der Hausbesitzer und den folgenden Zwangsversteigerungen hatte dieses Gesch&auml;ft wohlweislich &uuml;berhaupt nichts zu tun.<\/p><p><strong>Der Krisengewinner<\/strong><\/p><p>Im Krisenjahr 2007 <a href=\"http:\/\/www.gurufocus.com\/news\/129896\/how-john-paulson-became-a-billionaire-in-the-stock-market\">machte<\/a> John Paulson mit seinen Wetten gegen Immobilienkredite einen pers&ouml;nlichen Gewinn von rund 3,6 Milliarden Dollar &ndash; alleine die Abacus-Papiere brachten einen Gewinn von einer Milliarde Dollar. Neben der IKB z&auml;hlen auch die Royal Bank of Scotland, ABN Amro und unz&auml;hlige andere Banken, die staatliche Hilfsgelder in Anspruch nehmen mussten, zu den Opfern. Die &bdquo;Rettung&ldquo; der IKB, die 2008 an den Private-Equity-Fonds Lone Star verkauft wurde, hat den deutschen Steuerzahler rund  9,2 Milliarden Euro <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/geld\/kosten-der-ikb-rettung-euro-fuer-jeden-1.691336\">gekostet<\/a> &ndash; 111,65 Euro f&uuml;r jeden Deutschen, vom S&auml;ugling bis zum Greis. Dieses Geld ist nicht &bdquo;verbrannt&ldquo;, sondern steckt heute in den Taschen von windigen Finanzhaien, die mit diesem Geld fr&ouml;hlich weiter zocken, um unaufh&ouml;rlich weiter Geld in ihre Taschen umzuverteilen.<\/p><p>W&auml;hrend die Immobilienblase platzte, wettete Paulson bereits gegen die Banken und Immobilienfinanzierer, deren Kredite er versichert hatte und schwenkte dann auf dem H&ouml;hepunkt der Krise in Wetten gegen die Aktienkurse der besonders involvierten Banken um. Als die Regierungen sich weltweit dazu gen&ouml;tigt sahen, das Finanzsystem kreditfinanziert zu retten, war es Paulson, der im gro&szlig;en Ma&szlig;stab durch den Handel mit Staatsanleihen Gewinne machte. Er profitierte abermals von einer Krise, die er selbst mit verursacht hatte. Womit Paulson im letzten Jahr sein sagenhaftes Jahreseinkommen von f&uuml;nf Milliarden Dollar erzielte, ist noch nicht genau bekannt. Neben Wetten auf Staatsanleihen soll er sich auch massiv in Wetten auf Rohstoffkurse bet&auml;tigt haben. Wann immer wir Steuern zahlen, tanken, Kaffee trinken oder eine Tafel Schokolade essen, flie&szlig;t dabei ein Teil des Geldes auch in die Taschen eines John Paulson.<\/p><p><strong>40.000 Dollar Einkommen pro Minute<\/strong><\/p><p>F&uuml;nf Milliarden in einem Jahr &ndash; diese Zahl ist so unglaublich, dass man sie mittels Vergleichen fassbar machen muss. Pro Stunde hat Paulson rund 2,4 Millionen Dollar verdient, so viel wie ein durchschnittlicher Arbeitnehmerhaushalt w&auml;hrend seines gesamten Lebens. Um das unanst&auml;ndige Jahressal&auml;r des Deutsche-Bank-Chefs Ackermann zusammenzubekommen, musste Paulson gerade einmal sechs Stunden hinter seinem Schreibtisch sitzen. W&auml;hrend Paulson einmal an seiner Kaffeetasse nippt, hat sich sein Konto um das Jahreseinkommen eines Hartz-IV-Beziehers erh&ouml;ht. Sein Einkommen entspricht dem von <a href=\"http:\/\/www.giga-hamburg.de\/content\/publikationen\/pdf\/gf_afrika_0706.pdf\">acht Millionen afrikanischen Durchschnittsverdienern [PDF &ndash; 531 KB]<\/a>. <\/p><p>Eine Gesellschaft, in der es einen John Paulson geben kann, ist degeneriert und es gibt keinen Ansatz, an diesen Umst&auml;nden etwas zu &auml;ndern. Die Top 25 der Hedgefonds-Manager &bdquo;verdienten&ldquo; im letzten Jahr zusammen mehr als 22 Milliarden Dollar. Weltweit verwalten Hedgefonds ein Volumen von rund 2,2 Billionen Dollar. S&auml;mtliche Ans&auml;tze, Hedgefonds an die Kandare zu nehmen, wurden von Lobbyisten der Finanzindustrie wieder zunichte gemacht. Die Finanzmarkttransaktionssteuer ist immer noch Utopie &ndash; genau so wie eine sch&auml;rfere Regulierung des Finanzsystems oder gar eine Beteiligung der Krisenverursacher an den Krisenkosten. F&uuml;r die f&uuml;nf Milliarden Dollar, die Paulson im letzten Jahr &bdquo;verdiente&ldquo;, zahlte er keinen einzigen Cent an Steuern &ndash; solange er sein Geld in seinen Fonds l&auml;sst, gilt es n&auml;mlich steuerrechtlich nicht als Einkommen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Finanzkrise hat weltweit Verm&ouml;gen in Billionenh&ouml;he umverteilt. Die Existenz von Millionen von Menschen wurde bedroht, ihre Arbeitspl&auml;tze und ihre soziale Sicherheit vernichtet. Wie hoch die Folgelasten f&uuml;r die &ouml;ffentlichen Haushalte schlussendlich sein werden, ist momentan noch nicht einmal absehbar. Noch viele Generationen werden an den Kosten und der Zinslast zu tragen haben. Im Jargon<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9297\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[136,50,132],"tags":[241,293,497,285,222],"class_list":["post-9297","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-banken-boerse-spekulation","category-finanzkrise","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-bankenrettung","tag-finanzwirtschaft","tag-goldman-sachs","tag-hedgefonds","tag-ikb"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9297","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9297"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9297\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9299,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9297\/revisions\/9299"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9297"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=9297"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=9297"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}