{"id":93,"date":"2004-09-03T14:51:41","date_gmt":"2004-09-03T12:51:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=93"},"modified":"2016-03-26T15:39:51","modified_gmt":"2016-03-26T14:39:51","slug":"die-reformluge-denkfehler-2-die-globalisierung-ist-ein-neues-phanomen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=93","title":{"rendered":"&#8220;Die Reforml\u00fcge &#8211; Denkfehler 2: Die Globalisierung ist ein neues Ph\u00e4nomen.&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>Albrecht M&uuml;ller &ndash; Auszug aus &ldquo;Die Reforml&uuml;ge &ndash; 40 Denkfehler, Mythen und Legenden, mit denen Politik und Wirtschaft Deutschland ruinieren.&rdquo;<br>\n<!--more--><br>\nVariationen zum Thema:<\/p><blockquote><p>\n&ldquo;Leben im Zeichen der Globalisierung ist nicht Leben ohne Globalisierung.&rdquo;<\/p>\n<div class=\"cite_hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div>\n<p class=\"reference\">Angela Merkel<\/p>\n<\/blockquote><blockquote><p>\n&ldquo;&hellip;die St&uuml;rme der Globalisierung&hellip;&rdquo;<\/p>\n<div class=\"cite_hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div>\n<p class=\"reference\">Gerhard Schr&ouml;der, 14.3.2003, Agenda-2010-Rede<\/p>\n<\/blockquote><p>Mein erstes kurzes Berufsleben, die Ausbildung zum Industriekaufmann in einer Lederwarenfabrik, stand im Zeichen der Globalisierung. Das ist mehr als f&uuml;nfundvierzig Jahre her. Es zeichnete sich damals, Ende der f&uuml;nfziger Jahre, schon ab, dass die deutschen Touristen ihre Handtaschen gerne aus Italien und Spanien mitbrachten. Zehn Jahre sp&auml;ter, Ende der sechziger Jahre, begann die deutsche Lederwarenbranche unter dem Druck der Billigproduzenten in Fernost zu schrumpfen. Ihr Schicksal war symptomatisch f&uuml;r eine Reihe anderer Industriezweige wie Textil, Schuhe, Steinkohle, Haushaltsger&auml;te, Unterhaltungselektronik und so weiter. <\/p><p>Mein zweites Berufsleben begann als frischgebackener Diplom volkswirt und Wissenschaftlicher Assistent an einem &raquo;Institut f&uuml;r Internationale Wirtschaftsbeziehungen&laquo;. <\/p><p>Der dritte Schritt im Beruf brachte mich als Ghostwriter zum damaligen Bundeswirtschaftsminister Prof. Karl Schiller. Die erste gro&szlig;e Auseinandersetzung, die ich dort erlebte, betraf die au&szlig;enwirtschaftliche Absicherung unserer W&auml;hrung und dann konkret die Aufwertung der D-Mark. Wenn ich heute vor dem Hintergrund meiner pers&ouml;nlichen Erfahrungen mit internationalen Wirtschaftsbeziehungen, die Millionen anderer Deutscher an anderen Orten und in anderen Berufen ganz &auml;hnlich machten wie ich, in den Gesang der Globalisierungsbeschw&ouml;rer hineinhorche, dann wird mir seltsam zumute. Ein D&eacute;j&agrave;-vu nach dem anderen. <\/p><p><strong>Globalisierung gibt es schon lange<\/strong><\/p><p>Man tut so, als ob wir mit dem Beginn des 21. Jahrhunderts direkten Wegs von der geschlossenen Volkswirtschaft in den inter nationalen Wettbewerb gekommen w&auml;ren. Doch viele der skizzierten &Auml;nderungen erscheinen nur deshalb als gravierend und wirklich neu, weil sie von den handelnden und diskutierenden Personen weit &uuml;bertrieben werden. &Uuml;bertreibung geh&ouml;rt offenbar zum Grundprinzip der &Ouml;ffentlichkeitsarbeit. Bundeskanzler Schr&ouml;der spricht von &raquo;St&uuml;rmen der Globalisierung&laquo;, und Angela Merkel meint: &raquo;Leben im Zeichen der Globalisierung ist nicht &shy;Leben ohne Globalisierung&laquo; und begr&uuml;ndet auch damit ihre These, wir lebten &raquo;in einer anderen Zeit als die Gr&uuml;nderv&auml;ter unseres Landes&laquo;. Merkels Formulierung ist fast schon poetisch. Aber an ein Leben ohne Globalisierung k&ouml;nnten sich selbst unsere Ururgro&szlig;eltern nicht erinnern, wenn sie denn noch lebten. Denn die Globalisierung ist ein alter Hut. Dass wir in einer Welt enger Verflechtungen und eines engen G&uuml;teraustauschs leben, mit Kapitalstr&ouml;men rings um den Globus, mit gro&szlig;en Investitionen verschiedener Anleger in den verschiedensten L&auml;ndern, mit Wanderungen von Arbeitskr&auml;ften &uuml;ber gr&ouml;&szlig;ere Distanzen, und dass heute nicht nur G&uuml;ter in anderen L&auml;ndern produziert und mit diesen ausgetauscht werden, sondern auch sehr spezielle Dienstleistungen in einem Land f&uuml;r ein anderes Land erledigt werden &ndash; so kommt zum Beispiel die Fahrplanauskunft f&uuml;r die privaten britischen Eisenbahnen demn&auml;chst aus Indien &ndash;, und dass damit ein hoher Grad von globaler Verflechtung erreicht ist, ist nicht zu bestreiten. Aber hat sich die Welt auf diesem Feld so gravierend ge&auml;ndert, dass man von einer neuen Zeit mit v&ouml;llig neuen Herausforderungen sprechen kann? Die Globalisierung ist jahrhundertealt; schon in der zweiten H&auml;lfte des 19. Jahrhunderts bestimmte sie dank der Entwicklung von Eisenbahnen, Telegraphie und Telefon das Wirtschaftsleben. Vor dem Ersten Weltkrieg gab es den sogenannten Goldstandard, das hei&szlig;t, es gab feste, zwischen den Nationen vereinbarte Regeln ihrer W&auml;hrungsverrechnung &ndash; um eines florierenden Waren- und Kapitalaustauschs willen. &raquo;Die &ouml;konomische Verflechtungsdichte von 1913 wurde erst wieder in den 1970er Jahren erreicht, in manchen Bereichen markiert 1913 immer noch ein absolutes Maximum. (&hellip;) Der Globalisierungsschub der 1980er und 1990er Jahre traf auf eine Welt, f&uuml;r die Globalit&auml;t bereits seit langem nichts Besonderes mehr war&laquo;, meinen die Autoren eines Buches &uuml;ber die Geschichte der Globalisierung.26 Die beiden Historiker nennen &raquo;Globalisierung&laquo; einen politischen Kampfbegriff. So ist es wohl. <\/p><p>Auch in den Anf&auml;ngen der Bundesrepublik Deutschland, in den f&uuml;nfziger, sechziger und siebziger Jahren, war Deutschland in den Welthandel eingeflochten. Damals gab es zus&auml;tzliche Probleme, die aus W&auml;hrungsspekulationen resultierten, verbunden mit entsprechender Unruhe auf den Weltm&auml;rkten und gro&szlig;en Umgestaltungen, wenn die Wechselkurse ge&auml;ndert wurden. Die Entscheidungen &uuml;ber Aufwertung oder Nichtaufwertung ihrer W&auml;hrung waren jeweils eine besondere Herausforderung f&uuml;r die Politik, die aus der Globalisierung der damaligen Zeit folgte. &Auml;hnliche Folgen f&uuml;r unsere Volkswirtschaft hatten die &Ouml;lpreisexplosionen. Sie ver&auml;nderten die Preisrelationen quasi &uuml;ber Nacht. Nicht umsonst sprach man von einem Schock. <\/p><p>Die Verflechtung Deutschlands mit anderen L&auml;ndern ist in den letzten drei&szlig;ig Jahren weiter gewachsen. Die Exporte zum Beispiel stiegen von 64,1 Milliarden Euro 1970 &uuml;ber 328,7 (156) Milliarden 1990 auf 648,3 (237) Milliarden 2002 (in Klammern der Exportanstieg nach Abzug der Preissteigerungen). Das ist ein gro&szlig;er Zuwachs. Aber bevor man daraus schlie&szlig;t, diese Quantit&auml;t sei eine neue Qualit&auml;t, sollte man erstens beachten, dass auch das Bruttoinlandsprodukt gestiegen ist, und zweitens sollte man sich ansehen, mit welchen L&auml;ndern wir so intensiv verflochten sind: 70,4 Prozent unserer Exporte gingen 2002 in die EU, die Schweiz und nach Mittel-und Osteuropa. Weitere 10,3 Prozent gingen in die USA. In Europa ist ein gro&szlig;er Binnenmarkt entstanden, &auml;hnlich dem Nordamerikas. Wenn Lidl oder Aldi ihre Filialen in Frankreich mit G&uuml;tern aus Deutschland beliefern &ndash; und umgekehrt &ndash;, dann sind das Warenstr&ouml;me, die bei der Globalisierung mitgez&auml;hlt werden. <\/p><p>Aufgrund der Einflechtung in eine globale Welt waren auch fr&uuml;her gro&szlig;e Ver&auml;nderungen vor allem der Wirtschaftsstrukturen und Sektoren in Deutschland notwendig. Manche Industriezweige sind wegen des Globalisierungsdrucks schon vor drei&szlig;ig Jahren dezimiert worden, andere sind gewachsen, weil sie neue Kunden auf den Weltm&auml;rkten fanden. (N&auml;heres dazu unter Denkfehler Nr. 12, S. 170.) <\/p><blockquote><p>\n&hellip; die gewohnte Software des Sozialstaats passt nicht mehr in die neue Hardware der Globalisierung, deren Betriebssystem die Privatisierung der Welt ist. (&hellip;) Doch ein Zur&uuml;ck kann es nicht geben, denn die M&ouml;glichkeit, die r&auml;uberische Weltwirtschaft in die nationalstaatliche Kiste zur&uuml;ckzulegen, existiert nicht. (&hellip;) Mit der Globalisierung ist nun wieder alles anders.<\/p>\n<div class=\"cite_hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div>\n<p class=\"reference\">Wolfgang Clement im Spiegel, Nr. 16\/2003<\/p>\n<\/blockquote><blockquote><p>\nGlobalisierung, Wissensgesellschaft und Bev&ouml;lkerungsentwicklung erfordern neue Antworten.<\/p>\n<div class=\"cite_hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div>\n<p class=\"reference\">J&uuml;rgen R&uuml;ttgers, November 2003<\/p>\n<\/blockquote><p>Die in vielen sorgenvollen Einlassungen &uuml;ber die Globalisierung immer wieder auftauchenden Hinweise auf die technische Revolution der Kommunikation und damit auf den schnelleren und unkomplizierteren Austausch von Ideen und Waren sehen davon ab, dass es solche M&ouml;glichkeiten der Kommunikation auf nied rigerem Niveau auch schon fr&uuml;her gab. Ein konkretes Beispiel aus der Praxis: In den siebziger Jahren stand die deutsche Leder warenindustrie in harter Konkurrenz zu der aufkommenden In dustrie in Ostasien. Damals wurden Entw&uuml;rfe von Handtaschen per Telefax zu den Produzenten in Ostasien gesandt, das gefertigte Muster kam mit dem Flugzeug, dann wurde der Auftrag erteilt, die Ware produziert und importiert. Es ging nicht ganz so schnell wie heute, aber ein qualitativer Sprung ist die Ver&auml;nderung der Technik nicht. <\/p><p>Auch Kapitalverkehr, Direktinvestitionen und Spekulationen sind keine neuen Erscheinungen des dritten Jahrtausends. Schon beim Eisenbahnbau in Deutschland vor &uuml;ber hundert Jahren gab es Gastarbeiter: Im Kaiserreich gab es bis zu zwei Millionen ausl&auml;ndische Besch&auml;ftigte. Franz&ouml;sisches Kapital finanzierte den Eisenbahnbau des Zaren, Deutschland den der T&uuml;rkei. Und dies alles vor dem Ersten Weltkrieg. <\/p><p>1975 war die Zahl der hierzulande besch&auml;ftigten ausl&auml;ndischen Arbeitnehmer mit 2,06 Millionen um 150 000 h&ouml;her als heute im vergleichbaren fr&uuml;heren Bundesgebiet. Damals &ndash; und vor allem noch einige Jahre fr&uuml;her in den Zeiten guter Konjunktur und ohne &Ouml;lpreiskrise &ndash; hat man die Existenz von Gastarbeitern in Deutschland nicht als Bedrohung f&uuml;r die eigenen Arbeitspl&auml;tze, sondern als Hilfe empfunden. Das ist ein deutlicher Hinweis dar auf, dass es entscheidend auf die Konjunkturlage ankommt, ob die Globalisierung als Herausforderung oder als harmlose Selbstverst&auml;ndlichkeit gesehen wird. Wenn die Konjunktur gut ist, wird Globalisierung weder als neu noch als Herausforderung betrachtet; wenn sie schlecht ist wie nunmehr &ndash; mit kleiner Unterbrechung &ndash; schon seit zwei Jahrzehnten, wird auch die Existenz von Gastarbeitern zum Problem. Das hat dann aber viel weniger mit der Globalisierung als mit der schlechten Konjunktur zu tun. Dies nicht zu verstehen ist das Kernproblem der heute laufenden Debatte. <\/p><p>In den von Sorge und Angst gepr&auml;gten Debatten &uuml;ber die angeblich neue Herausforderung durch die Globalisierung spielen die Kapitalbewegungen eine wichtige Rolle. Von Milliarden und Billionen Dollar, die in Sekundenschnelle elektronisch um den Globus herumgejagt w&uuml;rden, ist die Rede. Und auch viele, die sich gemeinhin als intellektuell bezeichnen w&uuml;rden, h&ouml;ren mit weit offenen Ohren und M&auml;ulern zu, wenn die Rede darauf kommt. Ein neues Ph&auml;nomen ist dies nicht. Oder glaubt jemand ernsthaft, dass die Dollars, die zum Beispiel in den Jahren 1968\/69 angesichts einer unterbewerteten DM verkauft worden sind, um in DM zu spekulieren, mit der Queen Elisabeth oder mit Frachtschiffen &uuml;ber den Atlantik transportiert worden sind? Glaubt man ernsthaft, dass damals die Goldreserven bei Spekulationen aus den Kellern geholt und mit Lkws transportiert wurden? <\/p><p>Schnelle Kapitaltransfers sind nun wirklich nichts Neues, wie auch Spekulationen nichts Neues sind. Bei den festgelegten Parit&auml;ten, wie es sie zwischen Dollar und DM gab, war die Spekula tion auf Aufwertung oder Abwertung sogar noch lukrativer und deshalb g&auml;ngiger als heute. Wenn heute Probleme etwa daraus entstehen, dass die W&auml;hrungsparit&auml;t zwischen Euro und Dollar so extrem schwankt wie in den Jahren 2002 und 2003 &ndash; mit allen Folgen f&uuml;r die Exporte und Importe &ndash;, dann ist das kein Problem der Globalisierung, sondern ein ganz altes Problem der Devisenspekulation und einer verfehlten W&auml;hrungspolitik. Und wenn wir uns nach dem Zusammenbruch der Blase an den B&ouml;rsen sorgenvolle Gedanken machen &ndash; Bundeskanzler Schr&ouml;der sprach bei seiner Agenda-2010-Rede davon, 700 Milliarden Euro seien buchst&auml;blich vernichtet worden &ndash;, dann hat das nichts mit Globalisierung zu tun, sondern mit absurden Entwicklungen auf den Kapitalm&auml;rkten, Entwicklungen &uuml;brigens, die von einschl&auml;gigen Kreisen gefeiert wurden, weil sie an diesen Bewegungen nach oben und nach unten kr&auml;ftig verdient haben. Dass die Behauptung von der totalen Internationalisierung &uuml;bertrieben ist, daf&uuml;r spricht auch ein anderes Detail: Die wegen der Globalisierung der Kapitalm&auml;rkte nach London versetzten Banker und Analysten deutscher Banken sind zu einem bemerkenswerten Teil wieder nach Frankfurt zur&uuml;ckgeholt worden. <\/p><p>Ein besonderes Kapitel in der Bewertung von Globalisierung sind die Direktinvestitionen: Kommen wenige Investoren in unser Land, dann wird die mangelnde Attraktivit&auml;t Deutschlands beklagt. Kommen viele, dann geht die Rede vom Ausverkauf und der &Uuml;berfremdung Deutschlands. Ich kann mich noch gut an solche Klagen in den f&uuml;nfziger und sechziger Jahren erinnern. Damals kauften vor allem amerikanische Investoren reihenweise Unternehmen in Deutschland auf, auch Traditionsunternehmen wie Rollei und Schaub-Lorenz waren darunter. Man kann solche Investitionen so oder so beurteilen, es geht aber nicht an, sich je nach Stimmungslage und Agitationsabsicht das herauszusuchen, was einem gerade passt. <\/p><p>Dasselbe trifft zu, wenn deutsche Unternehmen im Ausland investieren: Das kann man als Kapitalflucht und Verlagerung von Arbeitspl&auml;tzen brandmarken, man kann aber auch positiv vermerken, dass hier Markt&ouml;ffnungs- und Marktsicherungspolitik betrieben wird. <\/p><p>Wieso ist eigentlich nur unser Land von der Globalisierung bedroht?<br>\nAngesichts der so pessimistisch und negativ gef&uuml;hrten Debatte um die Herausforderung &raquo;Globalisierung&laquo; ist die Frage angebracht, wieso eigentlich nur unser Land so massiv der Globalisierung ausgesetzt sein soll? Wieso nicht auch Gro&szlig;britannien, Frankreich, &Ouml;sterreich, Schweden? Warum sollten diese L&auml;nder von der Globalisierung profitieren, w&auml;hrend wir nur darunter zu leiden haben? Angeblich haben diese L&auml;nder im Gegensatz zum Reformschw&auml;nzer Bundesrepublik rechtzeitig ihre Hausaufgaben gemacht. Das Problem ist nur: An den Fakten l&auml;sst sich das nicht belegen. Schon die Diagnose, Deutschland sei ein &raquo;Reformschw&auml;nzer&laquo;, stimmt nicht. Wichtige Daten werden einfach nicht wahrgenommen. Deshalb hier in K&uuml;rze einige Fakten zur Einsch&auml;tzung dessen, was Globalisierung f&uuml;r uns bedeutet:<\/p><ul>\n<li>Die Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse unseres Landes &ndash; also die Ziffer, die unter anderem etwas dar&uuml;ber sagt, wie viele Waren und Dienstleistungen wir exportieren, wie sehr wir die Dienste und Waren anderer L&auml;nder in Anspruch nehmen und wieviel an Transfers von Geld hin und zur&uuml;ck finanziert werden muss &ndash; haben in den letzten Jahren wieder extrem zugenommen. Im Jahr 2002 betrug der &Uuml;berschuss 43 Milliarden US-Dollar, 2003 waren es 52,9 Milliarden. Zum Vergleich: Die USA hatten 2003 ein Defizit von 541,8 Milliarden, Gro&szlig;britannien ein Defizit von 30,8 Milliarden US-Dollar. Das mindeste, was man angesichts eines solchen Zahlenvergleichs fragen muss: Wer hat denn da eigentlich ein Globalisierungsproblem? Deutschland oder die USA, Deutschland oder Gro&szlig;britannien?<\/li>\n<li>In der Globalisierungsdebatte spielen die Ver&auml;nderungen im Verh&auml;ltnis zu Mittel- und Osteuropa eine gro&szlig;e Rolle. Die neuen L&auml;nder in der Europ&auml;ischen Union und die Beitrittskandidaten werden als besondere Bedrohung der Arbeitspl&auml;tze in Deutschland betrachtet. Richtig ist: Die au&szlig;enwirtschaftliche Verflechtung unseres Landes mit Polen, Tschechien, Ungarn, der Slowakei, Slowenien und so weiter hat in den letzten Jahren enorm zugenommen. Aber zugenommen haben nicht nur die Importe von dort hierher, sondern unsere Exporte dorthin sind gleicherma&szlig;en gestiegen (siehe Abbildung 1).<\/li>\n<\/ul><p><em>Abbildung 1: Gesamtvolumen der Einfuhren und Ausfuhren Deutschlands mit den EU-Beitrittskandidaten (ohne Zypern) zwischen 1999 und 2003 (in Milliarden Euro)<\/em><\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/030904.gif\" alt=\"Abbildung 1: Gesamtvolumen der Einfuhren und Ausfuhren Deutschlands mit den EU-Beitrittskandidaten (ohne Zypern) zwischen 1999 und 2003 (in Milliarden Euro) \" title=\"\"><\/p><p class=\"reference\">Quelle: Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Statistisches Jahrbuch 2003 f&uuml;r die Bundesrepublik Deutschland, Wiesbaden 2003, S. 295 f. Die Werte f&uuml;r 2003 sind unmittelbar vom Statistischen Bundesamt.<\/p><p>Die Einfuhren von Polen nach Deutschland zum Beispiel haben zwischen 1990 und 2003 von 3,6 Milliarden auf 15,8 Milliarden Euro zugenommen, gleichzeitig stieg aber auch der Export nach Polen von 3,9 Milliarden auf 16,4 Milliarden Euro. Die Einfuhr aus Tschechien hat im gleichen Zeitraum von 2,3 auf 17,5 Milliarden Euro zugenommen, die Ausfuhr von 3,3 auf 16,7 Milliarden Euro. Die Importe aus allen Beitrittsl&auml;ndern Mittel- und Osteuropas summieren sich von 1999 bis 2003 auf 236,1 Milliarden Euro, die Exporte in diese L&auml;nder auf 241,8 Milliarden Euro. Deutschland hat also in diesem Zeitraum in die neuen L&auml;nder der Europ&auml;ischen Union mehr exportiert als importiert. Warum die ganze Auf regung? <\/p><p>Auch wenn Deutschland in der Summe einen Export&uuml;berschuss in diese L&auml;nder erzielt hat und Globalisierungs&auml;ngste aus diesem Anlass nun wirklich nicht gerechtfertigt sind, bleibt anzumerken: Hinter dem Wachstum von Exporten und Importen stecken strukturelle Ver&auml;nderungen der Handelsstr&ouml;me, die eine Herausforderung f&uuml;r einzelne Wirtschaftszweige auch in Deutschland sind. Einige verlieren, andere gewinnen. Diesen Strukturwandel m&uuml;ssen wir bew&auml;ltigen, und wir k&ouml;nnen ihn bew&auml;ltigen, jedenfalls nicht schlechter als andere in Europa. Wir w&uuml;rden ihn zweifellos besser bew&auml;ltigen, wenn unsere eigene &Ouml;konomie &raquo;unter Strom st&uuml;nde&laquo;. Diesen Mangel an innerer Dynamik sollte man aber nicht der Globalisierung zuschreiben.<\/p><p>Ein damit verwandtes Problem spielt in der &ouml;ffentlichen Debatte immer wieder eine Rolle: die Abwanderung von Arbeitspl&auml;tzen. Wie die Tendenz, also der Saldo von Abwanderung und Zuwanderung, heute insgesamt ist, wissen wir nicht genau. Mir scheint aber, dass auch dieses Problem zur Zeit massiv &uuml;bertrieben wird. Daraus folgt eine substantielle Gefahr: dass sich n&auml;mlich Unternehmen an dieser Stimmung orientieren und sozusagen eine self fulfilling prophecy in Gang kommt (N&auml;heres dazu unter Denkfehler Nr. 13, S. 176). <\/p><p><strong>Globalisierung ist keine Bedrohung<\/strong><\/p><p>Dass in der &ouml;ffentlichen Debatte Deutschlands die Globalisierung f&uuml;r so neu und so bedrohlich gehalten wird, folgt zum einen aus der schon beschriebenen Neigung unserer Meinungsf&uuml;hrer zum Pessimismus und zur &Uuml;bertreibung; diese Neigung kann Teil einer gezielten Strategie zur Ver&auml;ngstigung sein, um auf diese Weise im Verteilungskampf einen besseren Schnitt zu machen. Da spielen viele Motive mit hinein. <\/p><p>Zum anderen unterliegen wir offenbar einem Fehlschluss, einer selektiven Wahrnehmung: Wir sehen immer nur einen Strom &ndash; die Bedrohung durch Importe und Abwanderung &ndash; und nicht die Gegenbewegung &ndash; die wachsenden M&ouml;glichkeiten f&uuml;r Deutschlands Exporte und Kooperationen mit anderen L&auml;ndern. Wenn es die nicht g&auml;be, h&auml;tten wir keine positive Leistungsbilanz. <\/p><p>Wer vordergr&uuml;ndig wissen will, wie es um die Volkswirtschaft bestellt ist, der braucht sich nur auf die Stra&szlig;e zu begeben. Viele Autos kommen nicht aus einheimischen Fabriken. Eingekeilt von Karossen aus Staaten, die in puncto Kubikzentimeter und in der Wirtschaftsleistung schon lange auf der &Uuml;berholspur sind, wird uns klar: Die USA sind auf dem absteigenden Ast, Deutschland und Japan geh&ouml;rt die Zukunft. <\/p><p>So w&uuml;rden die Amerikaner die Welt sehen, wenn sie Deutsche w&auml;ren. So k&ouml;nnte man aus dem erfolgreichen deutschen Auto export eine amerikanische Generalschw&auml;che ableiten &ndash; wenn man wollte. Fast jede wirtschaftliche Kennziffer, hat man sie erst einmal erfolgreich aus dem Zusammenhang gerissen, kann als Beleg f&uuml;r fast jede Diagnose herhalten: Deutsche Firmen investieren im Ausland &ndash; ein Zeichen von St&auml;rke. Oder von miserablen Rahmenbedingungen am heimischen Standort, vor denen die Konzerne ins Ausland fliehen. <\/p><p>&Uuml;berall fremde Waren in den Regalen &ndash; wir werden vom Ausland &uuml;berflutet. Oder wir sind ein gefragter Markt. Es kommt ganz auf die Perspektive an. Offenbar sehen viele Menschen nur die F&uuml;lle von Importen. Es ist ja in der Tat gewaltig, was da in unseren Einzelhandelsgesch&auml;ften feilgeboten wird. Wer dies sieht, sieht aber nicht automatisch auch, wie viele in Deutschland produzierte Maschinen in ausl&auml;ndischen Fabriken arbeiten, wie viele von Deutschland gelieferte Chemikalien dort verarbeitet werden, wie vorherrschend in vielen L&auml;ndern die deutsche Automobilindustrie ist. Und weil er nur einen Teil der Wirklichkeit sieht, wird er vielleicht erschrecken und denken, die Globalisierung sei vor allem eine bedrohliche Entwicklung. <\/p><p>Wir sollten den Begriff &raquo;Globalisierung&laquo; nicht weiter als Kampfbegriff benutzen mit dem versteckten Ziel, Struktur reformen in Gang zu setzen, die das Gesicht unseres Landes am Ende negativ ver&auml;ndern werden. Wie sollen die Hartz-Gesetze, die Privatisierung der Altersvorsorge oder die Ausgliederung des Krankengeldes aus der gesetzlichen Krankenkasse der Heraus forderung durch die angeblich neue Globalisierung begegnen? <\/p><p>Wir sollten Globalisierung als eine bew&auml;hrte Herausforderung betrachten und da, wo Handlungsbedarf besteht, auch wirklich handeln. Den gibt es n&auml;mlich. Zum Beispiel dann, wenn einige osteurop&auml;ische Beitrittsl&auml;nder wie etwa Ungarn mit niedrigen Steuern um deutsche Betriebe werben und gleichzeitig ihre in finanzielle Not geratenen &ouml;ffentlichen Aufgaben mit Geldern bezahlen, die sie von uns &uuml;ber Br&uuml;ssel zu erhalten hoffen. Dar&uuml;ber muss man miteinander reden, wie dies auch mit Irland n&ouml;tig war und n&ouml;tig ist. Eine st&auml;rkere Harmonisierung der Steuern oder &ndash; bescheidener &ndash; der nationalen Steuerpolitiken, die diese Art von unlauterer, ja dreister Standortkonkurrenz einschr&auml;nkt, ist notwendig. Zumindest aber m&uuml;sste eine &Uuml;bereinkunft erreicht werden, dieses Steuerdumping sein zu lassen. &Auml;hnliches gilt f&uuml;r die Verschiebung von Geldverm&ouml;gen in die Steueroasen europa- und weltweit. Auch hier gibt es Reformbedarf. <\/p><p>Ausw&uuml;chse und Marktversagen sind jedoch kein Grund, aus der Globalisierung ein hochdramatisches Thema machen. Eine kluge Politik w&uuml;rde gegen diese Stimmungsmache angehen, statt sie mitzumachen und mit dem g&auml;ngigen &raquo;Alles-ist-neu-Gerede&laquo; noch zu versch&auml;rfen. Die Globalisierung ist nicht neu.27 Sie er fordert als Antwort auch nichts grunds&auml;tzlich Neues.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Albrecht M&uuml;ller &ndash; Auszug aus &ldquo;Die Reforml&uuml;ge &ndash; 40 Denkfehler, Mythen und Legenden, mit denen Politik und Wirtschaft Deutschland ruinieren.&rdquo;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[13,37,14],"tags":[300,1110],"class_list":["post-93","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-denkfehler-wirtschaftsdebatte","category-globalisierung","category-veroffentlichungen-der-herausgeber","tag-mueller-albrecht","tag-reformluege"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/93","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=93"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/93\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32523,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/93\/revisions\/32523"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=93"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=93"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=93"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}