{"id":93070,"date":"2023-01-27T10:00:50","date_gmt":"2023-01-27T09:00:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=93070"},"modified":"2023-01-28T13:04:23","modified_gmt":"2023-01-28T12:04:23","slug":"operation-aktienrente-christian-lindner-will-mehr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=93070","title":{"rendered":"Operation Aktienrente: \u201eChristian Lindner will mehr!\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Der Bundesfinanzminister hat geliefert, allerdings nicht das, was seine Einfl&uuml;sterer bestellt haben. Statt einer waschechten Aktienrente nach schwedischem Vorbild sieht sein Konzept eine Art Aktienr&uuml;cklage namens &bdquo;Generationenkapital&ldquo; vor. Das sei zwar nicht die &bdquo;vielleicht gr&ouml;&szlig;te Rentenreform seit Bismarck&ldquo;, mache aber trotzdem eine weitere Front gegen das gesetzliche Umlagesystem auf, glaubt Statistik- und Rentenfachmann <strong>Gerd Bosbach<\/strong>. Was mit zehn Milliarden Euro losgehe, werde &uuml;ber kurz oder lang ein Vielfaches an Steuermitteln verschlingen, aber keinem Ruhest&auml;ndler auch nur einen Euro mehr bescheren, &auml;u&szlig;ert er im Interview mit den NachDenkSeiten. Und wie Riester und R&uuml;rup sei das Projekt zum Scheitern verdammt. Mit ihm sprach<strong> Ralf Wurzbacher<\/strong>. <\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4784\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-93070-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230127_Operation_Aktienrente_Christian_Lindner_will_mehr_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230127_Operation_Aktienrente_Christian_Lindner_will_mehr_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230127_Operation_Aktienrente_Christian_Lindner_will_mehr_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230127_Operation_Aktienrente_Christian_Lindner_will_mehr_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=93070-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230127_Operation_Aktienrente_Christian_Lindner_will_mehr_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230127_Operation_Aktienrente_Christian_Lindner_will_mehr_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Herr Bosbach, seit der Regierungsmit&uuml;bernahme durch die Freidemokraten geisterte ein Gespenst durch den deutschen Bl&auml;tterwald: die Aktienrente. &Uuml;ber ein Jahr lang ging unter vielen die Angst um, die gesetzliche Rentenversicherung werde nun endg&uuml;ltig verhackst&uuml;ckt und scheibchenweise an der B&ouml;rse verjubelt. Vor zwei Wochen gab FDP-Chef und Bundesfinanzminister Christian Lindner unfreiwillig Entwarnung. Angek&uuml;ndigt als &bdquo;vielleicht gr&ouml;&szlig;te Rentenreform seit Bismarck&ldquo; ist sein Konzept zu einer ziemlich kleinen Nummer zusammengeschnurrt. Die Rede ist gar nicht mehr von Aktienrente, sondern vom <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=92598\">&bdquo;Generationenkapital&ldquo;<\/a>, das ein bisschen wie ein Sparstrumpf anmutet &ndash; ob einer mit L&ouml;chern, wird die Zukunft zeigen. Sind auch Sie erst einmal beruhigt? <\/strong><\/p><p>Nein, beruhigen kann mich das nicht. Nat&uuml;rlich bleibt das jetzt von Christian Lindner vorgelegte Konzept hinter seinen urspr&uuml;nglichen Pl&auml;nen zur Aktienrente weit zur&uuml;ck, sowohl inhaltlich als auch in der finanziellen Dimension. Schlecht ist und bleibt der Ansatz aber allemal, weil damit einmal mehr der v&ouml;llig falsche Weg gegangen wird, n&auml;mlich Geld auf dem Kapitalmarkt anzulegen mit dem windigen Versprechen, damit das gesetzliche Rentensystem zu stabilisieren. Dieser Ansatz ist schon mit der Riester- und R&uuml;rup-Rente nach hinten losgegangen, hat sehr viele Menschen um sehr viel Geld gebracht und wird nicht dadurch besser, dass man ihn in anderer Ausgestaltung wieder auftischt.<\/p><p><strong>Im Unterschied zu Riester, R&uuml;rup und anderen Produkten der privaten Altersvorsorge gehen die Versicherten beim &bdquo;Generationenkapital&ldquo; ja nicht selbst ins Risiko. Stattdessen pumpt sich der Staat zehn Milliarden Euro, steckt das Geld in einen Fonds, der an der B&ouml;rse auf steigende Kurse spekuliert und am Ende f&auml;llt die Rendite vielleicht h&ouml;her aus als die Zinsen f&uuml;rs Darlehen. Faktisch bleibt das bestehende Umlagesystem davon doch unber&uuml;hrt. Oder sehen Sie das anders?<\/strong><\/p><p>Es ist richtig, dass diese vorerst zehn Milliarden Euro, die in den Fonds flie&szlig;en sollen, nicht direkt den Beitragszahlern abgekn&ouml;pft werden. Aber es sind immer noch die Steuerzahler, deren Geld f&uuml;r ein Projekt herhalten muss, das nach meiner &Uuml;berzeugung scheitern wird wie zuvor schon Riester und R&uuml;rup. Davon abgesehen ist klar, dass der Schritt nur der Auftakt zu mehr ist und danach noch viel mehr Geld f&uuml;r die Aktienrente mobilisiert werden soll. Denn zehn Milliarden Euro reichen auch nach Lindners Rechnung f&uuml;r so gut wie gar nichts.<\/p><p><strong>Lindner lieb&auml;ugelt damit, m&ouml;glichst jedes Jahr zehn Milliarden Euro in den Fonds einzuzahlen, wogegen sich aber wohl die Koalitionspartner von SPD und Gr&uuml;nen noch str&auml;uben. <\/strong><\/p><p>Wissen Sie, gerade SPD und Gr&uuml;ne haben sich schon gegen so vieles gestr&auml;ubt, um dann &uuml;ber Nacht alle Bedenken &uuml;ber Bord zu werfen. Mit Rot-Gr&uuml;n unter Gerhard Schr&ouml;der wurde Krieg mit deutscher Beteiligung wieder salonf&auml;hig und die desastr&ouml;sen Hartz-Reformen m&ouml;glich. Dazu der Einstieg in die staatlich alimentierte private Altersvorsorge und die damit verbundene Demontage des gesetzlichen Rentensystems. Und heute, wieder sind SPD und Gr&uuml;ne am Ruder, erleben wir eine beispiellose Militarisierung und Aufr&uuml;stungspolitik und zumindest schon den Einstieg in die Aktienrente. Von daher gebe ich nicht viel auf sogenannte Rote Linien oder Spr&uuml;che wie: Mit uns nicht!<\/p><p><strong>Aber was hei&szlig;t das mit Blick auf Lindners Aktienrente, die ja eigentlich gar keine ist?<\/strong><\/p><p>Was nicht ist, kann und soll ja noch werden. Denn so viel ist klar: Lindner will mehr! Zehn Milliarden Euro pro Jahr, selbst 20 Milliarden Euro j&auml;hrlich haben f&uuml;r die Rentenfinanzierung keinen nennenswerten Effekt. Es br&auml;uchte schon 400 Milliarden Aktienkapital, um bei angenommen hoher Rendite einen Beitragspunkt in der Rentenversicherung zu sparen. Wohlgemerkt bei wachsender Wirtschaft, die es ja angeblich wegen der demografischen Entwicklung nicht geben wird.<\/p><p><strong>Aber macht es nicht einen gro&szlig;en Unterschied, von wem das Geld kommt, ob also von den Beitragszahlern oder den Steuerzahlern? <\/strong><\/p><p>So oder so wird es der Allgemeinheit entzogen und das, was hier als Stabilisierung der Rente verkauft wird, dient gerade nicht dazu, die gesetzliche Rente wieder in Schuss zu bringen.<\/p><p><strong>Eigentlich schwebte Lindner ein Modell nach schwedischem Vorbild vor, bei dem Teile der Beitragss&auml;tze f&uuml;r die gesetzliche Rente verpflichtend am Finanzmarkt zu investieren sind. Daraus wurde ja nun nichts. <\/strong><\/p><p>Zun&auml;chst nicht, aber ein erster Schritt auf dem Weg dorthin ist gemacht. Man muss sich klar machen: Selbst f&uuml;r den Fall, dass die Pl&auml;ne aufgehen und der jetzt geplante Fonds irgendwann einmal Rendite abwirft, profitieren davon allenfalls die Beitragszahler, also Arbeitgeber und Arbeitende. Und das fr&uuml;hestens ab dem Jahr 2035. Die heutigen und auch die k&uuml;nftigen Rentner haben davon &uuml;berhaupt nichts. Das einzige und ausdr&uuml;cklich erkl&auml;rte Ziel ist die Beitragssatzstabilit&auml;t. Davon, dass die Rentner selbst mehr bekommen sollen, spricht leider fast unbemerkt keiner der Verantwortlichen.<\/p><p><strong>Und was l&auml;sst Sie zweifeln, dass selbst dieses limitierte Ziel nicht erreicht wird? <\/strong><\/p><p>Man tut so, als w&auml;re der Aktienmarkt ein Perpetuum mobile: Man leiht sich Geld, steckt es in irgendwelche Anlagen und bekommt am Ende mehr Geld zur&uuml;ck. Das ist nat&uuml;rlich eine Illusion, denn der Geldmarkt kann nicht einfach riesige Summen abwerfen, w&auml;hrend sich die reale Volkswirtschaft nur wenig entwickelt. Es lassen sich losgel&ouml;st von der realen Produktion allenfalls Buch- oder Spekulationsgewinne erzielen. Und diese Blase platzt irgendwann.<\/p><p><strong>Erkl&auml;ren Sie das bitte genauer. <\/strong><\/p><p>Wenn beispielsweise die reale Wirtschaft um zwei Prozent w&auml;chst, ich aber am Aktienmarkt Renditen von zehn und mehr Prozent erziele &ndash; Was mache ich dann mit dem Geld? Im Aktienmarkt belassen, bringt mir nur sch&ouml;ne Zahlen. Versuche ich davon zu kaufen, trifft viel Geld auf wenig Ware und die Warenpreise steigen. Das System mit nur hohen Renditen auf dem Finanzmarkt klappt nicht. Zus&auml;tzlich gilt f&uuml;r die Aktienrente: Diese steigert die Nachfrage nach Aktien und damit ihre Preise. Dabei sind die Aktienpreise durch die lockere Geld- und Zinspolitik der Vergangenheit schon sehr, sehr hoch.<\/p><p>Nur was passiert, wenn die Aktien f&uuml;r die Renten verkauft werden m&uuml;ssen? Die Preise rauschen in den Keller. Der scheinbare Ertrag der Vergangenheit ist dahin, wenn dieser im gro&szlig;en Stil am Aktienmarkt materialisiert werden soll. Im Einzelfall kann ein Tellerw&auml;scher schon mal zum Million&auml;r werden, aber nicht Millionen Menschen zusammen. Die B&ouml;rse ist f&uuml;r einzelne Zocker ein Spielfeld, aber nichts f&uuml;r eine sichere, langfristig angelegte Rente vieler Menschen.<\/p><p><strong>Zur&uuml;ck zum schwedischen Modell, bei dem Arbeitnehmer verpflichtet sind, 2,5 Prozent ihres Bruttolohns in ein Vorsorgesystem zu investieren, basierend auf einem staatlichen oder privatwirtschaftlich gemanagten Fonds. Angeblich soll das funktionieren und betr&auml;chtliche Renditen abwerfen. Haben Sie sich das System angeschaut? <\/strong><\/p><p>Ja und dabei habe ich Dinge entdeckt, die bei den g&auml;ngigen Erfolgsmeldungen nicht erw&auml;hnt sind. Verschwiegen wird, dass nicht alle Fonds, in die die Schweden einzahlen, gut laufen. Einige mussten sogar schon wegen Misswirtschaft eingestellt werden. Und das Ergebnis f&uuml;r die Rentner ist sehr mager. Von der mit 1.850 Euro erstaunlich hohen durchschnittlichen Gesamtrente in 2019 stammen gerade einmal 70 Euro aus der aktienbasierten Pr&auml;mienrente. Nach 20-j&auml;hriger Aufbauphase ist das kein Ruhmesblatt. Weiterhin werden die anderen sehr positiven Komponenten der schwedischen Rente &ndash; vieles &auml;hnlich dem &ouml;sterreichischen System &ndash; so gut wie nie erw&auml;hnt.<\/p><p>Zur&uuml;ck zu unseren angeblich so guten Aktien. Deren Preise sind wie die von Immobilien und Edelmetallen stark gestiegen. Nicht weil sie so zukunftssicher sind, sondern weil die hohen Unternehmensgewinne und die Unsummen der EZB, also der Europ&auml;ischen Zentralbank, ja irgendwo angelegt werden m&uuml;ssen. Wir haben seit 1990 drei gr&ouml;&szlig;ere B&ouml;rsencrahs erlebt: Die Japan-Krise 1990, die Dotcom-Blase in 2000 und 2008 die Katastrophe nach der Lehman-Pleite. Die Frage ist nicht, ob, sondern wann es zum n&auml;chsten Zusammenbruch kommt. Und auf dieser wackligen Basis will man jetzt die Rente stabilisieren?<\/p><p><strong>Sie sprachen die Riester-Rente an. Auch dieses Modell ist aus derselben Erz&auml;hlung von ewig steigenden Kursen auf dem Finanzmarkt erwachsen und komplett gescheitert. Wie kann es sein, dass Politiker so vergesslich sind? <\/strong><\/p><p>Leider wurde das Riester-Desaster weder politisch noch medial aufgearbeitet, genauso wenig wie der Ausstieg der Versicherungskonzerne aus dem klassischen Lebensversicherungsgesch&auml;ft. Tats&auml;chlich will man Riester auch gar nicht abwickeln, sondern m&ouml;glichst still weiterbetreiben, sogar mit staatlich gef&ouml;rderten Neuvertr&auml;gen. Ich hatte schon ganz am Anfang den Verdacht, dass die damalige Schr&ouml;der-Regierung mit Riester und R&uuml;rup die angeblich leidende deutsche Versicherungswirtschaft und die Unternehmer unterst&uuml;tzen wollte und nicht die Rentner. Heute soll der Finanzmarkt mit frischem Geld gepusht werden. Dem werden ja demn&auml;chst einige Hilfen von der EZB fehlen.<\/p><p><strong>Und vorneweg marschiert Herr Lindner, der den Menschen erz&auml;hlt, die gesetzliche Altersvorsorge &bdquo;besser auf die Herausforderungen der Zukunft vorzubereiten&ldquo;. Wie kann es sein, dass die B&uuml;rger so etwas noch glauben, nachdem Millionen Riester-Sparer regelrecht betrogen wurden? <\/strong><\/p><p>Da bin ich genauso verzweifelt wie Sie. Hier zeigt sich einfach, wie diese Kampagne von der angeblichen demographischen Katastrophe weiterhin verf&auml;ngt und wie wirkungsvoll vor allem Politiker und Medien dieses Schreckgespenst immer wieder beschw&ouml;ren. Dabei hat die Bev&ouml;lkerungsentwicklung gar nicht die behaupteten Probleme hervorgebracht. Aber das ist <a href=\"https:\/\/makroskop.eu\/spotlight\/demografie-und-migration\/das-bild-des-alterns-als-horrorgemalde\/\">ein anderes Kapitel<\/a>. Nat&uuml;rlich haben Versicherungskonzerne, am Rentenbeitrag sparende Arbeitgeber und Finanzkreise an der Verdummung gro&szlig;en Anteil. &Auml;hnlich emotionalisierend und einseitig l&auml;uft ja heute auch die Debatte &uuml;ber den Krieg Russlands mit der Ukraine und Waffenlieferungen. Wege zu Verhandlungsl&ouml;sungen haben da keinen Platz. Es gab schon aufgekl&auml;rtere Zeiten &hellip;<\/p><p><strong>Man h&ouml;rt viel vom schwedischen Modell in den deutschen Medien, aber nichts vom Modell &Ouml;sterreich. Dabei lohnte sich das, so wie sich f&uuml;r die &Ouml;sterreicher die gesetzliche Rente lohnt. Warum ist das so? <\/strong><\/p><p>Von der Mindestrente in &Ouml;sterreich l&auml;sst sich, anders als hierzulande, tats&auml;chlich leben. Die Durchschnittsrente liegt bei &uuml;ber 2.100 Euro und entspricht 80 Prozent des letzten Gehalts, bei uns weit weniger als 50 Prozent. Rentner in &Ouml;sterreich bekommen sogar Weihnachts- und Urlaubsgeld. Wie ist all das m&ouml;glich? Ganz einfach: Es wird mehr Geld eingezahlt. Die Beitragss&auml;tze sind mit 22,8 Prozent h&ouml;her als in Deutschland, wobei die Arbeitgeber 2,3 Prozentpunkte mehr beitragen als die Arbeitnehmer. Au&szlig;erdem gibt es eine einheitliche Rentenversicherung f&uuml;r alle, in die auch Staatsbedienstete, Politiker und Selbstst&auml;ndige einzahlen. Und das Beste ist: Dieses System ist absolut krisensicher und hat s&auml;mtliche Z&auml;suren der letzten 35 Jahre &ndash; Euro-Umstellung, Finanzkrise, Corona &ndash; schadlos &uuml;berdauert.<\/p><p><strong>Bei uns dagegen wurden bisher alle Vorst&ouml;&szlig;e f&uuml;r eine sogenannte B&uuml;rgerversicherung abgeschmettert. Sind in Deutschland die Lobbyisten einfach zu einflussreich? <\/strong><\/p><p>Das ist sicherlich ein wichtiger Grund. Ein anderer besteht darin, dass sich die &Ouml;sterreicher ihr System nicht schlechtreden und schon gar nicht wegnehmen lassen wollen. Wenn meine Eltern eine vern&uuml;nftige Rente beziehen, w&auml;re ich ja sch&ouml;n bekloppt, daran etwas &auml;ndern zu wollen. Bei uns gibt es dagegen immer mehr alte Menschen, die in Armut leben. Wer das f&uuml;r sich selbst vor Augen hat, ist eher bereit, an die M&auml;rchen von einer besseren Zukunft mit Privatvorsorge und Aktienrente zu glauben. Die Macht der Versicherer reicht ja in Deutschland schon bis ins Klassenzimmer. Sch&uuml;lern wird heute im Unterricht erz&auml;hlt, dass die gesetzliche Rente nicht sicher w&auml;re und nur die Privatvorsorge die Rettung bringe.<\/p><p><strong>Die NachDenkSeiten haben seit Beginn der schrittweisen Rentenprivatisierung <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91542\">in etlichen Beitr&auml;gen<\/a> auf die massiven Manipulationen durch die Finanzmarktlobby aufmerksam gemacht. Was tun? <\/strong><\/p><p>Von &Ouml;sterreich lernen! Im Kern muss eine echte Rentenreform dahingehen, die Arbeitgeber wieder verst&auml;rkt an der Finanzierung zu beteiligen, das hei&szlig;t mindestens parit&auml;tisch. Zweitens m&uuml;ssen die Beitragss&auml;tze moderat erh&ouml;ht werden, um mehr Geld ins System zu bekommen. S&auml;mtliche &ouml;ffentlichen Zusch&uuml;sse f&uuml;r die Privatrente m&uuml;ssen gestrichen und in die gesetzliche Rente umgeleitet werden. Wenn man sieht, dass die Ampelregierung sogar neue Riester-Vertr&auml;ge f&ouml;rdern will, kann man sich nur an den Kopf fassen. Ferner m&uuml;ssen alle Erwerbst&auml;tigen ins System einbezogen werden, also Beamte, Politiker, Selbstst&auml;ndige, selbst angestellte Konzernbosse. Wobei die Einzahlungen mit dem Einkommen wachsen m&uuml;ssen, wozu die Beitragsbemessungsgrenze erh&ouml;ht oder gleich abgeschafft werden m&uuml;sste.<\/p><p>Und dann braucht es nat&uuml;rlich wieder bessere L&ouml;hne. Die nur den Arbeitgebern nutzende Niedriglohnphilosophie hat ja erst dazu gef&uuml;hrt, dass das gesetzliche System ins Rutschen geraten und Angriffsfl&auml;chen f&uuml;r den Propagandachor der Rentenk&uuml;rzer bieten konnte. Wo bleiben die Anstrengungen, die vielen Arbeitslosen in vorhandene Arbeit zu bringen? Deren L&ouml;hne w&uuml;rden auch den Rentnern helfen.<\/p><p><strong>Fragen Sie doch mal Christian Lindner!<\/strong><\/p><p>Vielleicht sollte der mal mit der Deutschen Rentenversicherung sprechen. Ich hatte schon Gelegenheit, deren Vertreter auf besagte Rezepte zum Ausbau der gesetzlichen Rente hinzuweisen. Daraufhin hie&szlig; es, dass man dann ja im Geld schwimmen w&uuml;rde. Aber genau das ist scheinbar politisch nicht gewollt.<\/p><p><em><strong>Zur Person<\/strong><\/em><\/p><p><em><strong>Gerd Bosbach<\/strong>, Jahrgang 1953, lehrte bis 2019 als Professor f&uuml;r Statistik, Mathematik und empirische Wirtschafts- und Sozialforschung an der Hochschule Koblenz, Standort Remagen. Er ist als diplomierter Mathematiker und promovierter Statistiker zugleich einer der profiliertesten Kritiker der interessengeleiteten Nutzung von Statistik. Einblicke in Methoden und Geheimnisse der amtlichen Statistik sowie den &ndash; mitunter missbr&auml;uchlichen &ndash; Umgang der Politik und anderer interessierter Kreise damit erhielt er w&auml;hrend seiner T&auml;tigkeit im Statistischen Bundesamt. Von Bosbach und dem Politologen Jens J&uuml;rgen Korff erschienen 2011 &bdquo;L&uuml;gen mit Zahlen: Wie wir mit Statistiken manipuliert werden&ldquo; und 2017 &bdquo;Die Zahlentrickser: Das M&auml;rchen von den aussterbenden Deutschen und andere Statistikl&uuml;gen&ldquo;. <\/em><\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/5e1207e80fe44c0abd57d9712c1a8748\" alt=\"\" title=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Bundesfinanzminister hat geliefert, allerdings nicht das, was seine Einfl&uuml;sterer bestellt haben. Statt einer waschechten Aktienrente nach schwedischem Vorbild sieht sein Konzept eine Art Aktienr&uuml;cklage namens &bdquo;Generationenkapital&ldquo; vor. 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