{"id":93176,"date":"2023-01-30T10:12:32","date_gmt":"2023-01-30T09:12:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=93176"},"modified":"2023-02-02T15:59:48","modified_gmt":"2023-02-02T14:59:48","slug":"30-januar-1933-machtuebernahme-hitlers-fuehrer-befiehl-wir-folgen-dir","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=93176","title":{"rendered":"30. Januar 1933 &#8211; Macht\u00fcbernahme Hitlers: \u00bbF\u00fchrer befiehl, wir folgen Dir\u2026\u00ab"},"content":{"rendered":"<p>Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt. Durch Terror und halblegale Methoden war den Nationalsozialisten in k&uuml;rzester Zeit die Ausschaltung des Rechtsstaats und der &Uuml;bergang zur Diktatur gelungen. Juden und politische Gegner sahen sich Terror und Willk&uuml;r ausgeliefert. Die Mehrheit der Deutschen hat der Tyrannei zugestimmt. Mehr noch: Sie beteiligte sich aktiv daran. Von <strong>Helmut Ortner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6963\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-93176-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230130_30_Januar_1933_Machtuebernahme_Hitlers_Fuehrer_befiehl_wir_folgen_Dir__NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230130_30_Januar_1933_Machtuebernahme_Hitlers_Fuehrer_befiehl_wir_folgen_Dir__NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230130_30_Januar_1933_Machtuebernahme_Hitlers_Fuehrer_befiehl_wir_folgen_Dir__NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230130_30_Januar_1933_Machtuebernahme_Hitlers_Fuehrer_befiehl_wir_folgen_Dir__NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=93176-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230130_30_Januar_1933_Machtuebernahme_Hitlers_Fuehrer_befiehl_wir_folgen_Dir__NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230130_30_Januar_1933_Machtuebernahme_Hitlers_Fuehrer_befiehl_wir_folgen_Dir__NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Es ist ein nasskalter Wintertag in Berlin, der 30. Januar 1933. Joseph Goebbels notiert in seinem Tagebuch, &bdquo;Es ist fast ein Traum! Die Wilhelmstra&szlig;e geh&ouml;rt uns. Der F&uuml;hrer arbeitet bereits in der Reichskanzlei.&ldquo; Ein gro&szlig;er Tag f&uuml;r die Partei &ndash; und f&uuml;r Goebbels. Nach dem R&uuml;cktritt des bisherigen Reichskanzlers Kurt von Schleicher war die Wahl des Reichspr&auml;sidenten Paul von Hindenburg auf Hitler gefallen. Formal war die Ernennung zum Reichskanzler durchaus legal, aber der Verfassung der ersten deutschen Republik entsprach sie nicht. Schon in den Jahren zuvor war die Verfassung durch die Praxis der Pr&auml;sidialkabinette, die nur mit der Notverordnungsautorit&auml;t des Reichspr&auml;sidenten regierten, unterh&ouml;hlt und de facto au&szlig;er Kraft gesetzt worden. Das gew&auml;hlte Parlament war seither von den politischen Entscheidungen ausgeschlossen: Die Weimarer Republik war schon vor der Macht&uuml;bernahme Hitlers von einer parlamentarischen Demokratie zur Diktatur mutiert.<\/p><p>Nun gingen die Nationalsozialisten daran, die neu gewonnene Macht zu festigen, um sie nie mehr aufzugeben. Ihr Ziel: Deutschland radikal umgestalten. Nur drei Tage nach seiner Ernennung zum Reichskanzler erkl&auml;rte Hitler vor den Befehlshabern des Heeres und der Marine die Marschroute: &bdquo;Ziel der Gesamtpolitik ist die v&ouml;llige Umkehrung der gegenw&auml;rtigen innenpolitischen Zust&auml;nde in Deutschland. Keine Duldung der Bet&auml;tigung irgendeiner Gesinnung, die diesem Ziel entgegen steht &hellip; Wer sich nicht bekehren l&auml;sst, muss gebeugt werden&hellip; Ausrottung des Marxismus mit Stumpf und Stiel. Beseitigung des Krebsschadens der Demokratie!&ldquo; Starke Worte, klare Absichten &ndash; und kalkulierte Einsch&uuml;chterungen und Androhungen. Es herrschte ein neuer Ton in Berlin.<\/p><p>Am 1. Februar l&ouml;ste Reichspr&auml;sident Hindenburg den Reichstag auf und beraumte Neuwahlen f&uuml;r den 5. M&auml;rz an. Sie sollten mit einem demonstrativen Sieg f&uuml;r die Nationalsozialisten enden, daf&uuml;r wurde alle staatliche Macht eingesetzt. &raquo;Kampf gegen den Marxismus&laquo; hie&szlig; die Wahl-Parole, alle Mittel waren dabei erlaubt. Gegendemonstrationen von SPD und KPD wurden gest&ouml;rt oder ganz verboten, deren Zeitungen konnten tagelang nicht erscheinen, Wahlplakate wurden &uuml;berklebt. Daneben setzte bereits die staatliche Verfolgung ein. Der Feind stand links. Da kam der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Reichstagsbrand\">Reichstagsbrand<\/a> vom 27. auf den 28. Februar 1933 der neuen Regierung gerade recht. Es war Brandstiftung. Ein politisch links orientierter, junger Arbeiter mit niederl&auml;ndischem Pass wurde am Tatort festgenommen. Sein Name: Marinus van der Lubbe. Bis zu seiner Hinrichtung &ndash; er wurde am 23.&nbsp;Dezember 1933 durch das&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Reichsgericht\">Reichsgericht<\/a>&nbsp;in Leipzig wegen &bdquo;Hochverrats&nbsp;in&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tateinheit\">Tateinheit<\/a>&nbsp;mit vors&auml;tzlicher&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Brandstiftung\">Brandstiftung<\/a>&ldquo; zum Tode verurteilt; das Urteil knapp drei Wochen sp&auml;ter vollstreckt &ndash; beharrte van der Lubbe darauf, den Reichstag allein in Brand gesetzt zu haben. Seine Alleint&auml;terschaft schien unwahrscheinlich, doch f&uuml;r die Nationalsozialisten bot die &raquo;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Lex_van_der_Lubbe\">Lex van der Lubbe<\/a>&laquo;&nbsp;eine willkommene Rechtfertigung, gegen Anh&auml;nger von&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/KPD\">KPD<\/a>&nbsp;und&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/SPD\">SPD<\/a> massiv vorgehen zu k&ouml;nnen. &Uuml;ber den Verdacht einer unmittelbaren Tatbeteiligung der Nationalsozialisten wollte niemand mehr &ouml;ffentlich sprechen. <\/p><p>Noch am Nachmittag des 28. Februar unterschrieb Reichspr&auml;sident Hindenburg eine &bdquo;Verordnung zum Schutz von Volk und Staat&ldquo;, mit der wesentliche Grundrechte der Verfassung wie Freiheit der Person, die Unverletzbarkeit der Wohnung, das Post- und Telefongeheimnis, die Meinungs- und Versammlungsfreiheit au&szlig;er Kraft gesetzt wurden. Jetzt begannen die Verhaftungen nach vorbereiteten Listen. Tausende Kommunisten und Sozialdemokraten wurden festgenommen und interniert. Bis zum Ende des NS-Regimes sollte diese &raquo;Reichstagsbrandverordnung&laquo; die formale Legitimation der Gestapo f&uuml;r deren Verhaftungen und Verfolgungen G&uuml;ltigkeit haben. <\/p><p>Trotz des Terrors gelang der NSDAP bei den Wahlen am 5. M&auml;rz 1933 nicht der erwartete Erfolg. Zwar steigerten die Nationalsozialisten ihren Anteil noch einmal beachtlich und erhielten 43,9 Prozent der Stimmen, aber die erhoffte absolute Mehrheit errangen sie nicht. Die NSDAP blieb auf die Stimmen der Deutschnationalen angewiesen. Das katholische Zentrum (14 Prozent) und die Sozialdemokraten (18,3 Prozent) konnten trotz Unterdr&uuml;ckung immerhin ihren Stimmenanteil halten und selbst die KPD bekam noch 12,3 Prozent der Stimmen.&nbsp;Dennoch: Die Wahlerfolge der NSDAP waren eindeutig, vor allem in Nord- und Ostdeutschland, wo sie deutlich &uuml;ber 50 Prozent der Stimmen bekam. Zusammen mit der&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kampffront_Schwarz-Wei%C3%9F-Rot\">Kampffront Schwarz-Wei&szlig;-Rot<\/a>, einem von der&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Deutschnationale_Volkspartei\">DNVP<\/a>&nbsp;dominierten Wahlb&uuml;ndnis, hatte die Regierung nach der Wahl eine parlamentarische Mehrheit und konnte darauf gest&uuml;tzt den Weg in die Diktatur ebnen. <\/p><p>Deutschland war jetzt ein &raquo;F&uuml;hrerstaat&laquo; und die Mehrzahl der Deutschen hatte den F&uuml;hrer gew&auml;hlt. Und sie wollten dabei sein, beim nationalen Aufbruch in ein neues &raquo;Tausendj&auml;hriges Reich&laquo;. Wer noch kein Nationalsozialist war, wollte es werden. Hatte die NSDAP im Januar 1933 noch rund 850.000 Mitglieder besessen, beantragten nach dem 30. Januar und vor allem nach dem 5. M&auml;rz Hunderttausende die Aufnahme in die Partei. Bei einem Stand von 2,5 Millionen Mitgliedern verf&uuml;gte die Parteif&uuml;hrung zum 1. Mai erst einmal einen Aufnahmestopp. <\/p><p>Ein Reich, ein Volk, eine Partei. Deutschland unterm Hakenkreuz. Die kollektive Losung: &bdquo;F&uuml;hrer befiehl, wir folgen Dir&hellip;&ldquo;. Joseph Goebbels, mittlerweile Reichsminister f&uuml;r Volksaufkl&auml;rung und Propaganda, trug dieser nationalen Stimmungslage Rechnung. Er organisierte und zelebrierte die Dramaturgie der neuen Macht. So die Er&ouml;ffnung des neuen Reichstages &ndash; ohne die sozialdemokratischen und kommunistischen Abgeordneten &ndash; am 21. M&auml;rz in der Potsdamer Garnisonskirche: ein Tag der nationalen Einigung mit Festgottesdienst, Salutsch&uuml;ssen und Aufmarsch von Reichswehr, SA und SS. Dazu das Bild des Kanzlers, der sich ehrerbietig vor dem greisen Reichspr&auml;sidenten verbeugte, der Handschlag zwischen dem Gefreiten und dem Feldmarschall, das war der H&ouml;hepunkt der Goebbels&rsquo;schen Inszenierung. Die Mehrheit der Deutschen war begl&uuml;ckt ob der Bilder und bejubelte Hitler. Aufm&auml;rsche, Fackelz&uuml;ge, Freudentaumel von Kiel bis Berchtesgaden. Die deutschen Volksgenossinnen und Volksgenossen arrangierten sich bereitwillig. Mehr noch: Sie beteiligten sich aktiv daran. Als Parteimitglied, Beamter und Soldat. <\/p><p>30. Januar 1933: Ein System von Gewalt, Willk&uuml;r und Wahn nahm seinen Anfang. Mit deutscher Gr&uuml;ndlichkeit wurde geplant, organisiert, vollstreckt. Gleichschaltung, Ausschaltung, Verfolgung. Rassenlehre, Blutschutzgesetze, B&uuml;cherverbrennung, Euthanasie, Konzentrationslager. Angriffskriege &ndash; mit Millionen von Opfern. Die Ermordung von Millionen j&uuml;discher Menschen &ndash; der Holocaust. Hitlers Deutschland, ein Zivilisationsbruch. <\/p><p>Nein, Hitler war nicht &uuml;ber die Deutschen gekommen, die Deutschen waren zu Hitler gekommen. Sie hatten ihn gew&auml;hlt, verehrt und bejubelt. Bis zum Untergang. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><b>Von Helmut Ortner erschien zuletzt das Buch:<\/b><br>\n<b>VOLK IM WAHN<\/b><br>\nHitlers Deutsche oder: Die Gegenwart der Vergangenheit<br>\nEdition Faust<br>\n294 Seiten, 22 Euro<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>Titelbild: Everett Collection \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt. Durch Terror und halblegale Methoden war den Nationalsozialisten in k&uuml;rzester Zeit die Ausschaltung des Rechtsstaats und der &Uuml;bergang zur Diktatur gelungen. Juden und politische Gegner sahen sich Terror und Willk&uuml;r ausgeliefert. Die Mehrheit der Deutschen hat der Tyrannei zugestimmt. 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