{"id":93215,"date":"2023-01-31T09:00:50","date_gmt":"2023-01-31T08:00:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=93215"},"modified":"2023-01-31T09:44:05","modified_gmt":"2023-01-31T08:44:05","slug":"bahnwerkstatt-auf-dem-russenfriedhof-die-entscheidung-steht-kurz-bevor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=93215","title":{"rendered":"Bahnwerkstatt auf dem \u201eRussenfriedhof\u201c \u2013 die Entscheidung steht kurz bevor"},"content":{"rendered":"<p>Die W&uuml;rfel sind gefallen. Alles deutet darauf hin, dass der Senat der Stadt Bremen innerhalb der n&auml;chsten Wochen beschlie&szlig;en wird, dass das Gel&auml;nde an der Reitbrake in Bremen-Oslebshausen, auch bekannt unter der Bezeichnung &bdquo;Russenfriedhof&ldquo;, freigegeben wird f&uuml;r den Bau einer gro&szlig;en Bahnwerkstatt. Obwohl sich der Landesparteitag der Linkspartei am 14. Januar 2023 noch kurz zuvor in einer Entschlie&szlig;ung gegen den Bau ausgesprochen hatte, waren auch die beiden Senatorinnen der Linkspartei (in Bremen regiert rot-gr&uuml;n-rot) &bdquo;umgefallen&ldquo; und hatten ihre Zustimmung signalisiert. Der franz&ouml;sische Bahnkonzern Alstom hat angek&uuml;ndigt, wie der Weserkurier am 16. Januar meldete, &bdquo;noch im Januar&ldquo;, also in den n&auml;chsten Tagen, die notwendigen Unterlagen f&uuml;r den Beginn des Planfeststellungsverfahrens bei der Baubeh&ouml;rde einzureichen. Von <strong>S&ouml;nke Hundt<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAm 20. Januar 2022 tagte unter gro&szlig;er Beteiligung der &Ouml;ffentlichkeit der Petitionsausschuss der Bremischen B&uuml;rgerschaft, um &uuml;ber zwei Petitonsantr&auml;ge aus dem Sommer 2021 zu beraten. Die B&uuml;rgerinitiative &bdquo;Bremen-Oslebshausen und umzu&ldquo; und das Bremer Friedensforum, die die Petitionen eingereicht hatten, fordern den sofortigen Stopp aller Planungen, die Fortsetzung der arch&auml;ologischen Untersuchungen und die Einsetzung einer unabh&auml;ngigen Expertenkommission mit Historikern, V&ouml;lkerrechtlern und Vertretern von Opferverb&auml;nden.  <\/p><p>Es ist den Gegnern der Bahnwerkstatt in den letzten zwei Jahren gelungen, die &Ouml;ffentlichkeit in unz&auml;hligen Stellungnahmen, Versammlungen, Demonstrationen, Beiratssitzungen, Resolutionen, Presseerkl&auml;rungen, Petitionen etc. aufzur&uuml;tteln. Viele Medien (Radio Bremen, Weserkurier, Der Spiegel, Taz, junge Welt, zuletzt sogar die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Welt am Sonntag) griffen das Thema in z.T. mehrseitigen Artikeln auf. Schlie&szlig;lich wurde auch die internationale Dimension des Skandals um den &bdquo;Russenfriedhof&ldquo; deutlich. Auf Vermittlung der ukrainischen Generalkonsulin in Hamburg beteiligten sich zeitweise junge Wissenschaftler der Universit&auml;t Kiew an den Grabungen; der Generalkonsul der Russischen F&ouml;deration, ebenfalls in Hamburg, hat das Gr&auml;berfeld mehrfach besucht und sich informiert.<\/p><p>Auf der Sitzung des Petitionsausschusses erhielten nun die Sprecher f&uuml;r die Petenten, Dieter Winge von der B&uuml;rgerinitiative und Ekkehard Lentz vom Friedensforum, die Gelegenheit, noch einmal ihre Argumente gegen den Bau der Bahnwerkstatt und f&uuml;r die Fortsetzung der Grabungen vorzutragen. Von den Nazi-Beh&ouml;rden sei auf dem Gel&auml;nde an der Reitbrake ein Areal von 20.000 Quadratmetern als Friedhof f&uuml;r die Toten aus den umliegenden Kriegsgefangenen- und Zwangsarbeiterl&auml;gern vorgesehen worden. Aus den (sp&auml;rlichen) Unterlagen des Staatsarchivs sei dokumentiert, dass hier bis Kriegsende ca. 800 Tote in Einzel- und Massengr&auml;bern begraben worden seien. Diese Zahl wurde 1945 nach Kriegsende best&auml;tigt in einem genauen Protokoll &uuml;ber den Zustand des Gr&auml;berfeldes, das die Ortspolizei &ndash; auf Anordnung der alliierten Siegerm&auml;chte &ndash; angefertigt hatte. Gez&auml;hlt wurden von der Polizei 742 Grabstellen.<\/p><p>1948, also drei Jahre sp&auml;ter, beschloss der Senat die Umbettung der Toten vom Friedhof an der Reitbrake auf die zentrale Kriegsgr&auml;berst&auml;tte auf dem Friedhof Osterholz im Osten der Stadt. Und hier beginnt eine makabre Arithmetik. Nach den Unterlagen des Friedhofs Osterholz sind hier nur 446 Leichen &bdquo;angekommen&ldquo; und in einem Massengrab beigesetzt worden. F&uuml;r die Differenz von 296 Verstorbenen gibt es bis heute von Seiten der Beh&ouml;rden keine plausible Erkl&auml;rung. Die Exhumierungen waren also unvollst&auml;ndig und sind seinerzeit, wie sich bei den Ausgrabungen herausstellen sollte, mit &auml;u&szlig;erster Brutalit&auml;t und Piet&auml;tlosigkeit durch das damalige Gartenbauamt durchgef&uuml;hrt worden. Wenn, so die notwendige Schlussfolgerung der B&uuml;rgerinitiative und des Friedensforums, die Exhumierungen 1948 unvollst&auml;ndig waren und also noch mindestens 300 Tote auf dem Gel&auml;nde unter der Erde liegen m&uuml;ssten, habe das Gel&auml;nde an der Reitbrake nie den Charakter einer Kriegsgr&auml;berst&auml;tte verloren. Es sei nach wie vor v&ouml;lkerrechtlich gesch&uuml;tzt und demgem&auml;&szlig; eine gewerbliche Nutzung verboten. Die BI und das Friedensforum haben zur juristischen Absicherung zwei Gutachten von Instituten der Universit&auml;ten Gie&szlig;en und Leiden (Niederlande) eingeholt, die diese Auffassung best&auml;tigten.<\/p><p>Der politische Senat mit B&uuml;rgermeister Andreas Bovenschulte an der Spitze &bdquo;erz&auml;hlt&ldquo; bis heute ein anderes &bdquo;Narrativ&ldquo;. Nach seiner Auffassung sei damals, 1948, die Umbettung aller Toten beschlossen und auch durchgef&uuml;hrt worden. Also h&auml;tte das Gel&auml;nde auch schon damals seinen Charakter als Kriegsgr&auml;berst&auml;tte verloren und k&ouml;nne bebaut werden.<\/p><p>Nachdem nun ein Whistleblower der BI Hinweise &uuml;ber die Planungen f&uuml;r den Bau der Bahnwerkstatt gegeben hatte und zwei Historiker (Harry Winkel und Peter-Michael Meiners), die schon lange &uuml;ber das Leben und Sterben der Tausenden von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern und Zwangsarbeiterinnen in den vielen L&auml;gern in Bremen-Nord geforscht hatten, ihre Erkenntnisse der BI zur Verf&uuml;gung gestellt hatten, wurde der BI klar, um welche Tragik es sich hier handelte und welcher Skandal sich hier anbahnte. Es gelang ihr schlie&szlig;lich mit gro&szlig;em Erfolg, die &Ouml;ffentlichkeit aufzur&uuml;tteln.<\/p><p>Die senatorischen Beh&ouml;rden sahen sich schlie&szlig;lich gen&ouml;tigt, zur Absicherung der Bebauungspl&auml;ne und zur Beruhigung der misstrauisch gewordenen &Ouml;ffentlichkeit eine arch&auml;ologische Untersuchung des Gel&auml;ndes anzuordnen. Es sollte der Nachweis erbracht werden, dass auf dem Gel&auml;nde keine Toten mehr begraben und die Umbettungen 1948 vollst&auml;ndig durchgef&uuml;hrt worden seien. Was dann folgte, hatte allerdings niemand erwartet und war an Dramatik nicht zu &uuml;berbieten. Nach und nach wurden vom Team der Arch&auml;ologen zuerst einzelne Knochen und Knochenfragmente, dann Erkennungsmarken und schlie&szlig;lich das erste vollst&auml;ndige Skelett gefunden. Zuletzt dann kurz vor dem geplanten Ende der Grabungen der Fund von insgesamt drei Massengr&auml;bern mit 66 (!) vollst&auml;ndigen Skeletten! Nach Auffassung der BI und des Friedensforums best&auml;tigten diese Funde ihre Auffassung &uuml;ber die unvollst&auml;ndigen Exhumierungen und ver&auml;nderten grundlegend die Situation f&uuml;r den Senat.  Nur eine wirklich unabh&auml;ngige Untersuchungskommission sei jetzt in der Lage, belastbare und seri&ouml;se Entscheidungsgrundlagen f&uuml;r das weitere Schicksal des Gel&auml;ndes an der Reitbrake zu erarbeiten.<\/p><p>Der Senat jedoch blieb bei seiner Auffassung und beschleunigte noch einmal das Tempo. Am 16. Oktober wurden die Ausgrabungen v&ouml;llig unerwartet f&uuml;r beendet erkl&auml;rt, obwohl nur ein Teil des von den Nazis ausgewiesenen Friedhofs arch&auml;ologisch untersucht worden war. Am 22. November tagte die f&uuml;r die Arch&auml;ologie zust&auml;ndige Kulturdeputation. In einer l&auml;ngeren Stellungnahme bekr&auml;ftigte der B&uuml;rgermeister noch einmal seine Auffassung, dass trotz der Leichenfunde das Gel&auml;nde seine Eigenschaft als Kriegsgr&auml;berst&auml;tte verloren habe und zur Bebauung freigegeben werden k&ouml;nne. Die Bahnwerkstatt habe schlie&szlig;lich f&uuml;r die Stadt Bremen eine gro&szlig;e finanzielle und arbeitsmarktpolitische Bedeutung. Die Forderung nach Fortsetzung der Grabungen wies er zur&uuml;ck. Eine unabh&auml;ngige Untersuchungskommission sei f&uuml;r ihn nichts weiter als ein &bdquo;&uuml;berfl&uuml;ssiges juristisches Oberseminar&ldquo;.<\/p><p>Die Entscheidung f&uuml;r die Freigabe des Gel&auml;ndes f&uuml;r die gewerbliche Nutzung ist offiziell zwar noch offen. Aber nach den &Auml;u&szlig;erungen des B&uuml;rgermeisters und aufgrund der bestehenden Mehrheitsverh&auml;ltnisse in Senat und B&uuml;rgerschaft schon so gut wie getroffen. Dass die Firma Alstom schon angek&uuml;ndigt hat, die Unterlagen in den n&auml;chsten Tagen einreichen zu wollen, zeigt, wie weit die Gespr&auml;che schon gediehen sind.<\/p><p>Dass das Gel&auml;nde ausgerechnet an das Bahnunternehmen Alstom &uuml;bergeben werden soll, hat einen besonderen Beigeschmack. Alstom ist n&auml;mlich nach mehreren Eigent&uuml;merwechseln Rechtsnachfolgerin der Linke-Hofmann-Werke, die seinerzeit ma&szlig;geblich an der Produktion der Vieh- und G&uuml;terwaggons beteiligt waren, ohne die das riesige Zwangsarbeiter- und Konzentrationslagersystem der Nazis gar nicht m&ouml;glich gewesen w&auml;re.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die W&uuml;rfel sind gefallen. Alles deutet darauf hin, dass der Senat der Stadt Bremen innerhalb der n&auml;chsten Wochen beschlie&szlig;en wird, dass das Gel&auml;nde an der Reitbrake in Bremen-Oslebshausen, auch bekannt unter der Bezeichnung &bdquo;Russenfriedhof&ldquo;, freigegeben wird f&uuml;r den Bau einer gro&szlig;en Bahnwerkstatt. Obwohl sich der Landesparteitag der Linkspartei am 14. Januar 2023 noch kurz zuvor<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=93215\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":93216,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[185,161],"tags":[2434,1403],"class_list":["post-93215","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-staatsorgane","category-wertedebatte","tag-kommunalpolitik","tag-konzentrationslager"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/221016-A6406901.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/93215","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=93215"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/93215\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":93233,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/93215\/revisions\/93233"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/93216"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=93215"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=93215"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=93215"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}