{"id":9322,"date":"2011-05-05T10:13:21","date_gmt":"2011-05-05T08:13:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9322"},"modified":"2014-08-26T14:58:35","modified_gmt":"2014-08-26T12:58:35","slug":"bernd-raffelhuschen-blast-zur-lobbyisten-polka","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9322","title":{"rendered":"Bernd Raffelh\u00fcschen bl\u00e4st zur Lobbyisten-Polka"},"content":{"rendered":"<p>Turnusm&auml;&szlig;ig meldet sich die neoliberale Mietfeder Bernd Raffelh&uuml;schen zu Wort und spielt stereotyp mit den &Auml;ngsten vor dem  demographischen Wandels und prophezeit wie einst Nostradamus den baldigen Kollaps der gesetzlichen Sozialsysteme. Dabei  erf&uuml;llt Raffelh&uuml;schen eigentlich nur seinen Auftrag, werden viele seiner Studien am Deutschen Institut f&uuml;r Altersvorsorge doch von der Deutschen Bank finanziert, was wiederum perfekt zu seinen T&auml;tigkeiten im Aufsichtsrat der ERGO-Versicherungsgruppe AG und in den neoliberalen Denkfabriken Stiftung Marktwirtschaft und Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft passt. In seiner <a href=\"http:\/\/www.dia-vorsorge.de\/files\/5-dia-pressemitteilung_02-05-2011auf_bp_korr.pdf\">j&uuml;ngsten Gef&auml;lligkeitsstudie [PDF &ndash; 129 KB]<\/a> prognostiziert Raffelh&uuml;schen wieder einmal den Zusammenbruch der Pflegeversicherung. Er malt das Schreckbild einer Vervierfachung der Beitr&auml;ge bis 2060 (!) an die Wand.  Die  Rettung f&uuml;r die Pflegeversicherung liegt &ndash; wie sollte es bei Raffelh&uuml;schen auch anders sein &ndash; nat&uuml;rlich in deren Teilprivatisierung. Mit Wissenschaft hat diese Studie jedoch  wie so oft nichts zu tun. Jens Berger<br>\n<!--more--><\/p><p>Da staunt der Laie und der Experte reibt sich verwundert die Augen: W&auml;hrend &Ouml;konomen in steter Regelm&auml;&szlig;igkeit bei der Prognose konjunktureller Daten f&uuml;r das n&auml;chste Quartal versagen,  gaukelt <a href=\"\/upload\/pdf\/110505_praesentation_pflegeversicherung.pdf\">Bernd Raffelh&uuml;schen vor [PDF &ndash; 1.1 MB]<\/a>, das Verh&auml;ltnis der Pflegef&auml;lle zur Erwerbsbev&ouml;lkerung im Jahre 2050 mit einer Stelle hinter dem Komma berechnen zu k&ouml;nnen, um  daraus dann auch noch den exakten Beitrag f&uuml;r die Pflegeversicherung im Jahre 2060 zu prognostizieren. <\/p><p>Zur Erinnerung: Um eine solche Prognose auch nur einigerma&szlig;en plausibel erstellen zu k&ouml;nnen, m&uuml;sste man genaue Daten &uuml;ber die Bev&ouml;lkerungsentwicklung, die Entwicklung der Eink&uuml;nfte, der Inflation, der Arbeitslosigkeit, der Pflegequote und der Pflegekosten f&uuml;r die n&auml;chsten 49 Jahre voraussagen k&ouml;nnen. Wer sich &ndash; ohne einen Hauch von Selbstzweifeln &ndash; an solchen Vorhersagen versucht und seine Ergebnisse der &Ouml;ffentlichkeit dann noch als wissenschaftliche Erkenntnisse verkauft, ist entweder ein Scharlatan oder er verfolgt einen bestimmten Zweck. Beides d&uuml;rfte zutreffen. <\/p><p><strong>Trick Nr. 1: Der demographische Wandel<\/strong><\/p><p>Raffelh&uuml;schen h&auml;lt sich in seiner &bdquo;Studie&ldquo; weitestgehend bedeckt, welche Grundannahmen er f&uuml;r seine Rechenkunsst&uuml;cke verwendet. Das ist verst&auml;ndlich, lassen sich seine  Zahlenspiele an den wenigen Stellen, an denen er etwas konkreter wird, doch m&uuml;helos entzaubern. Will man eine Prognose erstellen, mit der man eine &bdquo;Kostenexplosion&ldquo; in der Pflegeversicherung vorhersagen m&ouml;chte, muss man beispielsweise nur verschiedene Stellschrauben bei den demographischen Daten so stellen, dass sie den eigenen Zielvorgaben entsprechen. F&uuml;r Bernd Raffelh&uuml;schen hei&szlig;t das, er muss einerseits einen starken Anstieg der potentiell Pflegebed&uuml;rftigen und andererseits einen starken R&uuml;ckgang der potentiellen Beitragszahler in das Umlagesystem Pflegeversicherung unterstellen. Um den Anschein der Seriosit&auml;t zu erwecken bedient sich Raffelh&uuml;schen bei seinen Fiktionen aus dem mehr als reichhaltigen Zahlenangebot der &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.destatis.de\/jetspeed\/portal\/cms\/Sites\/destatis\/Internet\/DE\/Content\/Publikationen\/Fachveroeffentlichungen\/Bevoelkerung\/VorausberechnungBevoelkerung\/BevoelkerungDeutschland2060,templateId=renderPrint.psml\">12. koordinierten Bev&ouml;lkerungsvorausberechnung<\/a>&ldquo; des Statistischen Bundesamtes. Diese Datenquelle f&uuml;r derart komplexe Prognosen zugrunde zu legen ist jedoch gleich aus mehreren Gr&uuml;nden fragw&uuml;rdig. <\/p><p>Die Bev&ouml;lkerungsvorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes stellen keine Prognosen dar, sondern sind Modellrechnungen, denen bestimmte Annahmen zugrunde liegen. Die Statistiker sprechen bewusst von &bdquo;Vorausberechnungen&ldquo; und nicht von &bdquo;Prognosen&ldquo;. Wer solche Berechnungen, wie Naturgesetze fortschreiben will,  <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/gbosbach_demogr.pdf\">betreibt wissenschaftlichen Missbrauch [PDF &ndash; 183 KB]<\/a>.<\/p><p>Was w&auml;re passiert, wenn die Statistiker im Jahre 1900 die Altersstruktur der deutschen Gesellschaft im Jahre 1950 vorhergesagt h&auml;tten? Wahrscheinlich h&auml;tten sie anhand der Grundannahmen der Jahrhundertwende eine Gesamtpopulation von &uuml;ber 200 Millionen Einwohnern vorhergesagt &ndash; schlie&szlig;lich konnten sie noch nichts von den beiden Weltkriegen und dem sozio&ouml;konomisch bedingten R&uuml;ckgang der Geburtenziffern wissen. H&auml;tte man die Statistiker im Jahre 1950 nach der Gesamtpopulation im Jahre 2000 gefragt, h&auml;tten sie nichts vom Pillenknick, aber auch nichts von der Zuwanderung gewusst, die die realen Zahlen ma&szlig;geblich beeinflusst haben.<br>\nKein Mensch wagt etwa aktuell eine Voraussage wie viele osteurop&auml;ische Arbeitnehmer in den n&auml;chsten Monaten oder Jahren nach der &Ouml;ffnung der Grenzen zuwandern oder auf den deutschen Arbeitsmarkt dr&auml;ngen werden, aber Raffelh&uuml;schen kennt die Gesamtpopulation in 40 oder gar in 60 Jahren.<\/p><p>Schaut man sich <a href=\"http:\/\/www.destatis.de\/jetspeed\/portal\/cms\/Sites\/destatis\/Internet\/DE\/Content\/Publikationen\/Fachveroeffentlichungen\/Bevoelkerung\/VorausberechnungBevoelkerung\/BevoelkerungDeutschland2060__5124202099005,property=file.xls\">die Tabellen [xls &ndash; 6.1 MB]<\/a> genauer an, stellt man fest, dass diese &bdquo;Berechnungen&ldquo;  nicht mehr als ein bunter Zahlenstrau&szlig; sind, aus dem sich jeder &ndash; ganz nach pers&ouml;nlicher Zielvorgabe &ndash; seine Wunschzahlen heraussuchen kann. Das kann man weniger den Statistikern vorwerfen, als denjenigen, die sich aus diesem Strau&szlig; die passenden Blumen herausrupfen. <\/p><p>Das Statistische Bundesamt bietet beispielsweise verschiedene Szenarien hinsichtlich der Entwicklung der Geburtenrate, der Einwanderung und auch der Entwicklung der Lebenserwartung an. Es ist nicht erstaunlich, dass Bernd Raffelh&uuml;schen unter all den &bdquo;Szenarien&ldquo; auch eines findet, dass zu seiner Zielvorgabe passt &ndash; erstaunlich ist jedoch, dass Raffelh&uuml;schens konkrete Zahlen im riesigen Tabellenanhang zur Studie noch nicht einmal vorkommen. Woher hat Raffelh&uuml;schen diese Zahlen? Dabei ist es nicht so, dass seine Zahlen au&szlig;erhalb der zahlreichen Parameter liegen. Wenn man einen R&uuml;ckgang der Geburtenziffern und eine sehr geringe Zuwanderung bei steigender Lebenserwartung annimmt, kommt man m&ouml;glicherweise ungef&auml;hr auf diese Werte. Was ist aber, wenn die Zuwanderung zunimmt oder die Geburtenziffern steigen? Was ist, wenn sich die Lebenserwartung nicht entsprechend der Kalkulationen erh&ouml;hnt? Was wei&szlig; man &uuml;ber den medizinischen Fortschritt und den Gesundheitszustand &auml;lterer Menschen in 50 Jahren? Was, wenn immer mehr &bdquo;Alte&ldquo; den Herbst ihres Lebens im Ausland verbringen werden? <\/p><p>Dreht man nur einige dieser Stellschrauben ein wenig in eine andere Richtung, f&auml;llt Raffelh&uuml;schens Rechenexempel wie ein Kartenhaus in sich zusammen. An dieser Stelle alternative Zahlen zu nennen, w&auml;re jedoch genau so unseri&ouml;s wie Raffelh&uuml;schens Studie selbst. Als Fazit sollte man jedoch im Hinterkopf behalten, dass Raffelh&uuml;schen bestimmte Annahmen, deren Eintrittswahrscheinlichkeit hoch spekulativ ist, als gegeben voraussetzt, um genau die Zahlen zu prognostizieren, die den W&uuml;nschen seiner Auftraggeber aus der Versicherungsbranche entsprechen, die wie Aasgeier darauf warten, dass ihnen mit der Pflegeversicherung nach der Rente ein weiteres milliardenschweres Gesch&auml;ftsfeld er&ouml;ffnet wird. Ein solches Vorgehen, bei dem der Interessensbezug mit H&auml;nden zu greifen ist, hat weder etwas mit &bdquo;Unabh&auml;ngigkeit&ldquo; noch mit &bdquo;Wissenschaft&ldquo; zu tun.<\/p><p><strong>Trick Nr. 2: Die konstante altersspezifische Pflegewahrscheinlichkeit<\/strong>   <\/p><p>Es ist durchaus m&ouml;glich (sicher ist das allerdings nicht), dass in einer &auml;lter werdenden Gesellschaft auch der Anteil der Pflegebed&uuml;rftigen steigen k&ouml;nnte. . Das ist auch f&uuml;r die absehbare Zeit in den Zahlen der Pflegeversicherung jetzt schon hinreichend antizipiert. Daraus jedoch den Schluss zu ziehen, dass auch die altersspezifische Pflegewahrscheinlichkeit bis ins Jahr 2060 konstant bleibt, ist jedoch mehr als gewagt. Um dies zu verdeutlichen, lohnt ein Blick in die Vergangenheit. Wer vor 50 Jahren das stolze Alter von 75 Jahren erreicht hat, war in der Regel in einem schlechteren Gesundheitszustand als heute. Der medizinische Fortschritt hat dazu gef&uuml;hrt, dass heute nicht einmal jeder zehnte Bundesb&uuml;rger im Alter von 75 bis 79 Jahren <a href=\"http:\/\/www.zes.uni-bremen.de\/homepages\/rothgang\/downloads\/GEK-Pflegereport2009.pdf\">&uuml;berhaupt pflegebed&uuml;rftig ist [PDF &ndash; 7.1 MB]<\/a>. H&auml;tte man diese Statistik unter ansonsten gleichen Bedingungen im Jahr 1960 aufgestellt, w&auml;re man zweifelsohne zu weitaus h&ouml;heren Pr&auml;valenzen gekommen. <\/p><p>Die Unsinnigkeit von Raffelh&uuml;schens Annahme einer konstanten altersspezifischen Pflegewahrscheinlichkeit zeigt auch die Beobachtung der vergangenen Jahre. Der <a href=\"http:\/\/www.zes.uni-bremen.de\/homepages\/rothgang\/downloads\/GEK-Pflegereport2009.pdf\">GEK-Pflegereport 2009 [PDF &ndash; 7.1 MB]<\/a> spricht in diesem Zusammenhang von einem &bdquo;signifikanten R&uuml;ckgang&ldquo; bei der Eintrittswahrscheinlichkeit der Pflegebed&uuml;rftigkeit in den beobachteten Jahren 2000 bis 2008. F&uuml;r diesen relativ kurzen Zeitraum beobachteten die Wissenschaftler einen R&uuml;ckgang der altersspezifischen Inzidenz bei M&auml;nnern um rund 8% und bei Frauen sogar um rund 25%. Wie hoch der Anteil der Pflegebed&uuml;rftigen je Altersstufe im Jahr 2060 sein wird, ist nicht nur unm&ouml;glich vorauszusagen sondern nur unseri&ouml;s &ndash; zu behaupten, sie sei exakt genau so hoch wie heute, kann nur dem Zweck dienen, die Zahl der Pflegebed&uuml;rftigen m&ouml;glichst gro&szlig; zu rechnen, damit sie ins Untergangsszenario f&uuml;r die gesetzliche Pflegeversicherung passen.<\/p><p>Wer die Zahl der Erwerbsbev&ouml;lkerung einerseits bewusst niedrig annimmt und dabei gleichzeitig die Zahl der Pflegebed&uuml;rftigen m&ouml;glichst hoch sch&auml;tzt, der kann mit solchen Rechentricks nat&uuml;rlich auf Raffelh&uuml;schens Annahme kommen, dass sich das Verh&auml;ltnis von Leistungsbeziehern und Beitragszahlern der Pflegeversicherung bis zum Jahr 2050 um den Faktor 2,4 ver&auml;ndern wird. Seri&ouml;s ist  solches Jonglieren mit vielen Unbekannten allerdings ganz sicher nicht.<\/p><p><strong>Trick Nr. 3: Die Projektion des Beitragssatzes<\/strong><\/p><p>Doch selbst wenn man Raffelh&uuml;schens unseri&ouml;se Zahlenakrobatik als Grundlage n&auml;hme, k&auml;me man bei solider Berechnung in keinem Fall auf die sagenhafte Steigerung des Beitragssatzes, mit der er Unsicherheit und &Auml;ngste sch&uuml;ren will. Selbst wenn man den &ndash; komplett unrealistischen &ndash; &bdquo;Raffelh&uuml;schen-Faktor&ldquo; von 2,4 auf den momentanen Beitragssatz ansetzen w&uuml;rde, k&auml;me man f&uuml;r das Jahr 2060 lediglich auf einen Beitragssatz von 4%, aber nicht auf die prognostizierten Beitragss&auml;tze von 5% bis 8%. Leider l&auml;sst Bernd Raffelh&uuml;schen die &Ouml;ffentlichkeit jedoch nicht daran teilhaben, wie er auf seine Zahlen kommt. Vielleicht hat er etwa nur ganz einfach &bdquo;vergessen&ldquo;, die Inflation auch auf die Beitragsbemessungsgrenze anzuwenden, was auf einen Zeitraum von 50 Jahren nat&uuml;rlich zu grotesken Verschiebungen f&uuml;hren muss? Eine Verschiebung dieser Grenze nach oben, ist f&uuml;r Raffelh&uuml;schen nat&uuml;rlich politisch undenkbar, w&uuml;rde doch damit die Versicherungswirtschaft eine relevante Klientel privat Pflegevorsorgenden verlieren. <\/p><p>Wenn neoliberale Mietfedern Prognosen &uuml;ber die Sozialversicherungen anstellen, konzentrieren sie sich meist auf die Ausgabenseite und kommen bei den passenden Grundannahmen stets zum Schluss, eine &bdquo;Kostenexplosion&ldquo; stehe unmittelbar bevor. Gemessen an der Leistungsf&auml;higkeit der Volkswirtschaft &ndash; also am Bruttoinlandsprodukt &ndash; ist diese Kostenexplosion <a href=\"\/upload\/pdf\/091202_hinweis_gesundheitskosten.pdf\">allerdings nicht nachzuweisen [PDF &ndash; 569 KB]<\/a>. <\/p><p>Vor allem weil die L&ouml;hne und damit die Beitr&auml;ge f&uuml;r die sozialen Sicherungssysteme in Deutschland geringer steigen als andere volkswirtschaftliche Kennziffern, haben die Umlagesysteme ein Einnahmenproblem. Gerade die Pflegeversicherung ist jedoch ziemlich solide finanziert. Trotz der mageren Lohnsteigerungen im letzten Jahrzehnt liegen die Beitragseinnahmen der Pflegeversicherung konstant und <a href=\"http:\/\/www.sozialpolitik-aktuell.de\/tl_files\/sozialpolitik-aktuell\/_Politikfelder\/Gesundheitswesen\/Datensammlung\/PDF-Dateien\/tabVI15.pdf\">deutlich &uuml;ber den Ausgaben [PDF &ndash; 68 KB]<\/a>. Im Jahr 2009 betrugen die Beitragseinnahmen beispielsweise 21,19 Mrd. Euro, die Ausgaben (inkl. Verwaltungskosten) lagen jedoch darunter, n&auml;mlich bei 20,33 Mrd. Euro. Wenn man diese Zahle zugrunde legt, k&ouml;nnte man sogar eher &uuml;ber eine Senkung des Beitragssatzes als &uuml;ber dessen Erh&ouml;hung nachdenken. Ein &bdquo;drohender Kollaps&ldquo; der Pflegeversicherung ist jedenfalls weit und breit nicht in Sicht. Eine Kostenexplosion hat in der Tat stattgefunden &ndash; von 1996 bis 2009 sind die Kosten um 87% gestiegen. Parallel gab es jedoch auch eine &bdquo;Einnahmenexplosion&ldquo; im gleichen Ma&szlig;stab. <\/p><p><strong>Trick Nr. 4 &ndash; Kostendruck<\/strong><\/p><p>Um &uuml;berhaupt auf so dramatische Beitragsprojektionen zu kommen, bedient sich Bernd Raffelh&uuml;schen eines weiteren Tricks, n&auml;mlich auf der Ausgabeseite lohnbedingte Kostensteigerungen zu prognostizieren, die allerdings keine Auswirkungen auf die Einnahmenseite haben sollen. Das ist nat&uuml;rlich &bdquo;tricky&ldquo;, wei&szlig; doch jeder, dass bei einem Umlagesystem die Beitragseinnahmen fast parallel zu den L&ouml;hnen wachsen. Wie Raffelh&uuml;schen auf die Idee kommt, dass ausgerechnet im Pflegesektor nun in den n&auml;chsten Jahren geradezu paradiesische Lohnsteigerungen durchgesetzt werden k&ouml;nnten, w&auml;hrend der Rest der Lohnempf&auml;nger mit konstanten L&ouml;hnen k&auml;mpfen muss, bleibt ein weiteres  Mysterium dieser &bdquo;wissenschaftlichen&ldquo; Studie.<\/p><p>So unbedeutend diese unterstellte ungleiche Lohnentwicklung scheint, so bedeutend ist sie f&uuml;r die Signalwirkung in den Medien. Ohne den &bdquo;Kostendruck-Faktor&ldquo; kommt Raffelh&uuml;schen mit allen beschriebenen Gauklertricks auf einen Beitragssatz von 5% im Jahr 2060. Mit dem &bdquo;Kostendruck-Faktor&ldquo; kommt er sogar auf sagenhafte 8% &ndash; da schrillen nat&uuml;rlich bei den Medien, die ja immer noch dem Mythos der zu hohen &bdquo;Lohnnebenkosten&ldquo; anh&auml;ngen, nat&uuml;rlich die Alarmglocken. Dass die H&auml;lfte der prognostizierten Beitragssteigerung in diesem Falle  v&ouml;llig willk&uuml;rlich zustande kommt, interessiert dabei offensichtlich nicht.<\/p><p><strong>Und t&auml;glich gr&uuml;&szlig;t das Murmeltier<\/strong><\/p><p>Es ist ja nicht unbedingt so, dass Bernd Raffelh&uuml;schen erst gestern &bdquo;entdeckt&ldquo; hat, dass die Pflegeversicherung seiner Meinung nach keine Zukunft hat und die Beitr&auml;ge zwangsl&auml;ufig steigen m&uuml;ssten. Seit Raffelh&uuml;schen seine von der Finanzwirtschaft gesponserte Gutachten schreibt, sagt er den baldigen Tod der Sozialsysteme voraus. So prognostizierte er <a href=\"http:\/\/www.vwl.uni-freiburg.de\/fakultaet\/fiwiI\/publikationen\/107.pdf\">beispielsweise im Juni 2004 [PDF &ndash; 150 KB]<\/a>, dass sich die Beitr&auml;ge zur Pflegeversicherung bis ins Jahr 2030 verdoppeln w&uuml;rden &ndash; die Arbeitsweise gleicht dabei frappierend derjenigen, die er auch heute noch immer benutzt. Der demographische Wandel ist ebenfalls keine Entdeckung Raffelh&uuml;schens, sondern bereits seit Jahrzehnten im vollen Gang. Nimmt man Raffelh&uuml;schens Studie aus dem Jahre 2004 ernst, m&uuml;sste der Beitragssatz heute bei 2,25% liegen. Er liegt aber bekannterma&szlig;en bei 1,95%. Was nun, Herr Raffelh&uuml;schen?<\/p><p><strong>Das Karenzzeit-Modell<\/strong><\/p><p>Um Raffelh&uuml;schens Rechenspiele &uuml;berhaupt verstehen zu k&ouml;nnen, muss man nat&uuml;rlich wissen, welchen Ausweg er aus dem von ihm &bdquo;prognostizierten&ldquo; Zusammenbruch der Pflegeversicherung vorschl&auml;gt. Aufmerksame Leser kennen die Antwort sicher schon: Raffelh&uuml;schen empfiehlt die Einf&uuml;hrung einer privaten Zusatzversicherung. Da die staatliche Pflegeversicherung jedoch konkurrenzlos g&uuml;nstig ist, muss sie nat&uuml;rlich im Leistungsspektrum massiv eingeschr&auml;nkt werden. Raffelh&uuml;schen schl&auml;gt daher eine &bdquo;Karenzzeit&ldquo; von ein bis drei Jahren vor. In den ersten ein bis drei Jahren soll also eine private Zusatzversicherung die Leistungen der Pflegeversicherung &uuml;bernehmen, w&auml;hrend die gesetzliche Versicherung erst nach dieser Karenzzeit zahlen k&ouml;nnen soll. <\/p><p>Das mag pfiffig klingen, w&uuml;rde in der Realit&auml;t bedeuten, dass &ndash; rein statistisch &ndash; mehr als die H&auml;lfte aller M&auml;nner und mehr als 40% aller Frauen, die zum Pflegefall werden, sterben, bevor sie &uuml;berhaupt einen Cent aus der staatlichen Versicherung ausbezahlt bek&auml;men. Diese Mortalit&auml;tsziffern sind nat&uuml;rlich ein dankbares Feld f&uuml;r Versicherungsmathematiker, die den vollen Karenzzeitraum als Auszahlungsbasis definieren k&ouml;nnen, in vielen F&auml;llen aber nur f&uuml;r einen wesentlich k&uuml;rzeren Leistungsbezugsraum zahlen m&uuml;ssen.<\/p><p>Es ist unverst&auml;ndlich, warum die Medien einer &uuml;berf&uuml;hrten Mietfeder wie Bernd Raffelh&uuml;schen &uuml;berhaupt stetig eine Plattform bieten, seine PR-Arbeiten f&uuml;r die Versicherungswirtschaft ohne jede Kritik (und eigenes Nachdenken) seitens der Redaktion zu pr&auml;sentieren. Sein j&uuml;ngstes Elaborat wird beispielsweise sowohl <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/wirtschaft\/raffelhueschen-befuerchtet-pflegekollaps-mit-ansage\/4125288.html\">vom Tagesspiegel<\/a>, von der <a href=\"http:\/\/newsticker.sueddeutsche.de\/list\/id\/1148277\">S&uuml;ddeutschen Zeitung<\/a>, von der <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/print\/welt_kompakt\/print_wirtschaft\/article13325460\/Jeder-soll-ein-Jahr-Pflege-selbst-bezahlen.html\">WELT<\/a> als auch vom <a href=\"http:\/\/www.stern.de\/news2\/aktuell\/experten-mahnen-reform-der-pflegeversicherung-an-1680426.html\">STERN<\/a> v&ouml;llig unkommentiert und unkritisch verbreitet. Eigentlich sollten diese Zeitungen besser viel Geld f&uuml;r diese Form von Werbung nehmen als solche unbezahlten Werbeanzeigen zu ver&ouml;ffentlichen. Vielleicht liegt in dieser Form von Public Relation f&uuml;r bestimmte Wirtschaftsinteressen der Grund, warum die Werbeeinnahmen der Printmedien zur&uuml;ckgehen.  Die Versicherungswirtschaft kauft lieber sogenannte &bdquo;wissenschaftliche Studien&ldquo;, da braucht sie keine teure Werbeanzeigen mehr kaufen. Der Vorteil ist, dass diese Art der Werbung dank eines unkritischen Papageien-Journalismus leider noch immer seri&ouml;ser daher kommt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Turnusm&auml;&szlig;ig meldet sich die neoliberale Mietfeder Bernd Raffelh&uuml;schen zu Wort und spielt stereotyp mit den &Auml;ngsten vor dem demographischen Wandels und prophezeit wie einst Nostradamus den baldigen Kollaps der gesetzlichen Sozialsysteme. 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