{"id":9336,"date":"2011-05-07T15:08:28","date_gmt":"2011-05-07T13:08:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9336"},"modified":"2016-07-19T11:57:52","modified_gmt":"2016-07-19T09:57:52","slug":"demokratie-in-not-emporung-ist-nicht-genug","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9336","title":{"rendered":"Demokratie in Not \u2013 Emp\u00f6rung ist nicht genug"},"content":{"rendered":"<p>Wie aus einen &bdquo;systemischen Risiko&ldquo; der Banken ein Risiko f&uuml;r das System wurde &ndash; &Ouml;ffentliche Armut bei privatem Reichtum sprengen das Gemeinwohl<br>\nReferat auf dem <a href=\"?p=9334\">Dresdener Fr&uuml;hjahrsgespr&auml;ch 2011<\/a><br>\nAm 7. Mai im Kulturrathaus Dresden<br>\nVon Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Demokratie in Not, diese &Uuml;berschrift ist keine &Uuml;bertreibung:<\/strong> <\/p><p>Mehrere Umfragen der letzten Jahre (z.B. im ARD-Deutschlandtrend von <a href=\"http:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/deutschlandtrend\/meldung91230.html\">infratest dimap von Ende 2006<\/a>; eine von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Auftrag gegebenen <a href=\"http:\/\/www.fes.de\/aktuell\/documents2008\/Zusammenfassung_Studie_GPI.pdf\">Studie des M&uuml;nchner Instituts Polis\/Sinus 2008 [PDF &ndash; 248 KB]<\/a>; des Eurobarometers der EU 2007) kommen &uuml;bereinstimmend zu dem Befund, dass ungef&auml;hr die H&auml;lfte der Deutschen oder jedenfalls ein ganz hoher Prozentsatz mit der Art und Weise, wie die Demokratie in Deutschland funktioniert <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/0,1518,grossbild-731075-446386,00.html\">weniger oder gar nicht zufrieden ist<\/a>.<\/p><p>&Auml;rmere Menschen beurteilen das Funktionieren der Demokratie noch weitaus schlechter:<br>\n73% der Arbeitslosen, 63% der Hartz-IV-Haushalte, 61% der Ostdeutschen, 60% der Haushalte mit einem Nettoeinkommen von unter 700 Euro beurteilen die demokratische Praxis in Deutschland kritisch (so die <a href=\"http:\/\/www.fes.de\/aktuell\/documents2008\/Zusammenfassung_Studie_GPI.pdf%20\">Polis\/Sinus Studie [PDF &ndash; 248 KB]<\/a>. Siehe <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/0,1518,grossbild-731075-446386,00.html\">auch<\/a>.<\/p><p>Nach einer infas-Umfrage im Auftrag der Bertelsmann Stiftung vom letzten Monat glaubt eine Mehrheit in der Bev&ouml;lkerung zwar nach wie vor an die &bdquo;Soziale Marktwirtschaft&ldquo;, aber gleichzeitig sorgen sie sich um den Sozialstaat:<br>\n63 Prozent der Befragten rechnen damit, dass die gesetzliche Rentenversicherung bis zum Jahr 2020 niedriger ausfallen wird. Abgaben und Steuern werden nach Ansicht von 78 Prozent der Interviewten steigen. Zugleich bef&uuml;rchten 61 Prozent, dass die Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung sinken werden und die H&auml;lfte meint, dass die Pflegeversicherung abgebaut werde. Dementsprechend skeptisch beurteilt die Mehrheit auch die Entwicklung des sozialen Zusammenhalts. So glauben fast zwei Drittel (63 Prozent), dass die Einkommensunterschiede gr&ouml;&szlig;er werden und &uuml;ber die H&auml;lfte  (51 Prozent) f&uuml;rchten, dass der soziale Zusammenhalt schw&auml;cher werde. Und 42 Prozent erwarten, dass die <a href=\"http:\/\/www.heute.de\/ZDFheute\/inhalt\/18\/0,3672,8231442,00.html\">individuellen Aufstiegschancen schlechter werden<\/a>. <\/p><p>Nach einer Allensbach-Umfrage im <a href=\"http:\/\/www.bertelsmann-stiftung.de\/cps\/rde\/xchg\/bst\/hs.xsl\/nachrichten_99834.htm\">Auftrag der Bertelsmann Stiftung<\/a> aus dem letzten Jahr halten 58 Prozent der Bev&ouml;lkerung halten die wirtschaftlichen Verh&auml;lt&shy;nisse f&uuml;r &ldquo;nicht gerecht&rdquo;.<br>\nmeint nur jeder F&uuml;nfte meint, dass die die Einkommens- und Verm&ouml;gensverteilung im Gro&szlig;en und Ganzen f&uuml;r &ldquo;gerecht&rdquo; sind. Die gro&szlig;e Mehrheit der Bev&ouml;lkerung (71 Prozent) hat den Eindruck, dass die soziale Ge&shy;rechtigkeit in Deutschland in den letzten vier Jahren weiter abgenommen hat. <\/p><p><strong>Das sind h&ouml;chst gef&auml;hrliche Alarmzeichen f&uuml;r die Demokratie und f&uuml;r unser Gesellschaftsbild einer &bdquo;sozialen Marktwirtschaft&ldquo;.<\/strong><\/p><p>Die Gefahr f&uuml;r unsere Demokratie ist nicht abstrakt, sondern schon sehr konkret: Wie j&uuml;ngst in Finnland, gewinnen quer durch Europa &bdquo;rechtspopulistische&ldquo; Parteien unaufhaltsam an Boden. Mit Fremdenfeindlichkeit, chauvinistischer Kritik an Europa und vorgespiegeltem sozialem Nationalismus bringen sie die etablierten, wirtschafts- und sozialpolitisch kaum noch unterscheidbaren &bdquo;Volks&ldquo;-Parteien in Bedr&auml;ngnis.<br>\nIn Frankreich, mit dem Front National von Marine Le Pen, in den Niederlande, die &bdquo;Partij voor de Vrijheid&ldquo; des Geert Wilders, in Belgeien, der &bdquo;Vlaams Blok&ldquo;, in der Schweiz, die Schweizerische Volkspartei (SVP), in &Ouml;sterreich, die &bdquo;Freiheitliche&ldquo; Partei des Heinz-Christian Strache, in Italien, Umberto Bossi mit Silvio Berlusconi, in D&auml;nemark, die &bdquo;D&auml;nische Volkspartei&ldquo; und auch sonst in allen skandinavischen L&auml;ndern, auch in England, mit Nigel Farage mit seiner Unabh&auml;ngigkeitspartei UKI, in Osteuropa sowieso:<br>\n&Uuml;berall in Europa erzielen &bdquo;rechtspopulistische&ldquo; Parteien und deren Partei-&bdquo;F&uuml;hrer&ldquo; sprunghafte Wahlerfolge, stellen wie in Ungarn Regierungen oder mischen durch direkte Regierungsbeteiligung oder durch Duldung in zahlreichen Regierungen mit.<\/p><p>Die Unzufriedenheit mit dem Funktionieren mit der Demokratie, mit der Politik, mit den Politikern und die Sorge um den Sozialstaat ist eigentlich nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, dass die Politik in zentralen Fragen seit Jahren Entscheidungen gegen den Mehrheitswillen trifft. Das ist bei <a href=\"http:\/\/www.dailynet.de\/TvMedien\/5957.php\">Hartz IV so<\/a>, bei der Rente mit 67 so, bei der Gesundheitsreform, beim Kriegseinsatz in Afghanistan, oder bei der Atompolitik. Man k&ouml;nnte noch eine ganze Reihe wichtiger Politikfelder aufz&auml;hlen, bei denen die B&uuml;rger das Gef&uuml;hl gewonnen haben, dass ihre Meinung von der Politik, von den Parteien und von den Regierungen <a href=\"http:\/\/www.fes.de\/aktuell\/documents2008\/Zusammenfassung_Studie_GPI.pdf\">nicht mehr gefragt ist [PDF &ndash; 248 KB]<\/a>.<\/p><p>Die Frage dr&auml;ngt sich also auf: Ist die Demokratie in Not? Ist unser System in Gefahr? Oder gibt es sogar ein systemisches Versagen? <\/p><p>Eines der tiefgreifendsten Beispiele f&uuml;r ein systemisches Versagen ist die Finanzkrise und in deren Gefolge die Wirtschaftskrise und wiederum dadurch ausgel&ouml;st die Euro-Krise.<\/p><p>Durch die Finanzkrise sind weit  gr&ouml;&szlig;ere und schwerer zu behebende Sch&auml;den verursacht worden als durch alle anderen &bdquo;Kapitalverbrechen&ldquo; zusammen. Es sind nicht nur Verm&ouml;genssch&auml;den in unvorstellbarer Billionenh&ouml;he entstanden, die Existenz von Millionen von Menschen wurde bedroht, ihre Arbeitspl&auml;tze und ihre soziale Sicherheit aufs Spiel gesetzt, Familien zerst&ouml;rt und die k&ouml;rperliche und seelische Gesundheit zahlloser Kinder und Erwachsener verletzt. <\/p><p>Noch ist nicht abzusehen wie hoch &ndash; &uuml;ber die schon geleisteten Milliardenzusch&uuml;sse und &uuml;ber die unfassbar hohen Kreditgarantien f&uuml;r die Rettung der Banken hinaus &ndash; die &ouml;ffentlichen Haushalte in den n&auml;chsten Jahren belastet werden. Doch schon jetzt ist ziemlich klar, dass die Schuldenlast von denjenigen abgetragen werden muss, die mit der Finanzwirtschaft allenfalls dadurch in Ber&uuml;hrung kamen, dass sie einen Kredit aufnehmen mussten. Noch viele Generationen werden nicht nur die Zinslasten zu tragen haben.<\/p><p>Kaum einer der Verursacher und nur ganz Wenige der Verantwortlichen sind bisher zur Rechenschaft gezogen worden. Im Gegenteil, die Banken, die l&auml;ngst pleite w&auml;ren, wurden mit Steuermitteln in bisher unvorstellbarer Milliardenh&ouml;he gerettet. Und die Banker sind noch immer auf ihren Posten, ja, mehr noch, sie machen weiter, als w&auml;re nichts gewesen. Und wenn es ganz schlimm kommt, werden sie mit Millionenabfindungen sprichw&ouml;rtlich &bdquo;entsorgt&ldquo;. <\/p><p><strong>Das Tarnwort, hinter dem sich all dieses geradezu kriminelle Verhalten verbergen kann, lautet &bdquo;systemrelevant&ldquo;.<\/strong> <\/p><p>Ja, die Rettung der Banken war relevant f&uuml;r die Rettung des ganzen f&uuml;r die Krise verantwortlichen Systems. Hinter dem Tarnwort &bdquo;systemrelevant&ldquo; wird das systemische Versagen nicht nur des Finanzkapitals, sondern auch der Politik, der Medien, der Wissenschaft und der Justiz vertuscht. <\/p><p>Auf dieses systemische Versagen m&ouml;chte ich im Folgenden so knapp wie m&ouml;glich eingehen:<\/p><p>Mit der Behauptung, alle Banken seien systemrelevant, hat das Netzwerk zwischen Bankenwelt und Politik auch die wenigen potentiellen Kritiker in den Medien und in der &Ouml;ffentlichkeit ruhig gestellt und damit zugleich einen Sichtschutz vor einer unglaublichen Verschleierung der Rettungsaktionen aufgebaut.<\/p><p>Die Banker haben im landl&auml;ufigen Sinne belogen und betrogen und sie haben es geschafft ihre Gewinne zu privatisieren und ihre Verluste zu sozialisieren. <\/p><p>Viele Finanzberater wussten oder ahnten von den Risiken der Zertifikate, die sie als Vertrauenspersonen f&uuml;r ihre Kunden aber dennoch anboten. Die Berater lebten von den Verkaufsprovisionen, die umso h&ouml;her waren, je h&ouml;her das Risiko war, das sie den Anlegern unterjubeln konnten. Sie nutzten ihre Autorit&auml;t als Fachleute und spiegelten falsche Sicherheit vor oder verschwiegen Risiken und lie&szlig;en ihre Kunden im falschen Glauben an die Werbeversprechen und verschafften sich und anderen Vorteile. Das erf&uuml;llt den Tatbestand des Betrugs. Von jedem Handwerker oder jedem Kfz-H&auml;ndler werden mehr Sorgfaltspflichten abverlangt und sie unterliegen einer strengeren Haftung.<\/p><p>Die Banken wiederum haben nicht mehr durchschaubare Kreditderivate zusammen gepackt und als rentierliche, hochinnovative Finanzprodukte weiterverkauft. Und wieder andere haben diese geb&uuml;ndelten faulen Forderungen, von denen sie eigentlich wissen mussten, dass sie ihren Preis nicht wert waren, weiterverkauft. In der Umgangssprache nennt man das Hehlerei.<\/p><p>Dass die Banker genau wussten, was sie taten, zeigte sich sp&auml;testens als die von ihnen ausgebrachten Kettenbriefe aufgeflogen sind. Pl&ouml;tzlich haben sie sich selbst nicht mehr &uuml;ber den Weg getraut und haben sich nicht einmal mehr untereinander Geld geliehen. Der sog. Interbankenverkehr brach zusammen.<\/p><p><strong>Nach Betrug und Hehlerei folgte die Erpressung.<\/strong> <\/p><p>Wie etwa <a href=\"\/upload\/pdf\/090708_protokoll_hre.pdf\">im Protokoll [PDF &ndash; 1.9 MB]<\/a> der zum Drama hochgespielten Nachtsitzung zur Rettung der Hypo Real Estate vom 28. September 2008  nachzulesen ist, drohte der Deutsche Bank-Chef Ackermann mit dem &bdquo;Tod des deutschen Bankensystems&ldquo; als er und die in Frankfurt versammelten Top-Banker von der Kanzlerin und dem Finanzminister die erste Rate von 8,5 Milliarden Staatsgelder abpresste. Dass dies nur die erste Abschlagszahlung des Fiskus auf die inzwischen auf 142 Milliarden angewachsene Summe allein f&uuml;r die HRE war, f&uuml;r die die Steuerzahler gerade stehen m&uuml;ssen, das wussten oder ahnten die versammelten Banker mit ziemlicher Sicherheit schon an diesem Abend.<\/p><p>Sich durch Androhung eines empfindlichen &Uuml;bels zu Lasten eines anderen selbst zu bereichern, das erf&uuml;llt den Tatbestand der Erpressung.<\/p><p>Den weiteren Verlauf kennen wir alle: Im Hau-Ruck-Verfahren unter ma&szlig;geblicher Anleitung der Banker wurde ein sog. Bankenrettungsschirm aufgeklappt mit 400 &uuml;ber Milliarden als Refinanzierungsgarantie, mit 80 Milliarden direkten Kapitalhilfen und einem sog. &bdquo;Stabilisierungsfonds&ldquo; von bis zu 100 Milliarden.<\/p><p>Das Parlament hat sich bei diesen Entscheidungen im Hau-Ruck-Verfahren selbst entmachtet und bis heute ist der Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung &ndash; SoFFin &ndash; einer echten parlamentarischen Kontrolle entzogen. &Uuml;ber eine halbe Billion Steuergelder &ndash; das ist mehr als das Anderthalbfache des Bundeshaushalts und mehr als ein F&uuml;nftel der Jahresleistung unserer gesamten Volkswirtschaft &ndash; wird quasi ohne &ouml;ffentliche Kontrolle von einem Netz von Insidern und Verursachern der Krise verf&uuml;gt.  <\/p><p>Nach Ausbruch der Krise backten die Banker eine kurze Weile &bdquo;kleine Br&ouml;tchen&ldquo;. Man r&auml;umte &bdquo;Fehleinsch&auml;tzungen&ldquo; und &bdquo;Irrt&uuml;mer&ldquo; ein, von individueller Schuld oder gar kriminellen Handlungen war allerdings nie die Rede. <\/p><p>Nach dem ersten Schock wurde das havarierte System bald wieder verteidigt, zumal die deutschen Banker es schafften, den &ouml;ffentlichen Eindruck zu erwecken, dass sie selbst mit dem Entstehen der Finanzkrise nicht das Geringste zu tun h&auml;tten.<br>\nDa sie dank Steuerzahlers Hilfe ihre Sch&auml;fchen ins Trockene bringen konnten und die Politik bisher nichts oder kaum etwas dagegen unternommen hat, ihre miesen Gesch&auml;fte zu kontrollieren, machen sie weiter wie bisher.<br>\nAckermann protzt schon wieder mit zweistelligen Renditezielen und kassierte 9,4 Millionen Euro im Krisenjahr.<\/p><p>Wahrheitswidrig aber systematisch hat der Deutsche Bank-Chef Ackermann verbreiten lassen, seine Bank sei ohne &ouml;ffentliche Gelder ausgekommen. Das ist eine Finte. Allein durch die &ouml;ffentliche Rettung der HRE hat die Deutsche Bank &uuml;ber 2 Milliarden gerettet, die sie der Pleitebank ohne Sicherheiten geliehen hatte und die sich in Luft aufgel&ouml;st h&auml;tten, w&auml;ren wir Steuerzahler nicht eingesprungen. 12 Milliarden US-Dollar erhielt die Deutsche Bank von den amerikanischen Steuerzahlern durch die Rettung des Versicherungskonzerns AIG. Aber die Irref&uuml;hrung der &Ouml;ffentlichkeit verschwindet hinter einem bezaubernden L&auml;cheln und dem einschmeichelnden Schweizer Akzent des Deutsche-Bank-Chefs. <\/p><p>Einige wenige verantwortlichen Vorst&auml;nde traten zur&uuml;ck oder wurden zur&uuml;ckgetreten, aber mit dem Hinweis sie tr&uuml;gen keinerlei pers&ouml;nliche Schuld kassieren sie schamlos ihre &bdquo;Erfolgstantiemen&ldquo; und ihre millionenschwere Abfindungen &ndash; und das teilweise sogar finanziert aus den staatlichen Hilfsgeldern. <\/p><p>Die Banker haben Sch&auml;den in Milliardenh&ouml;he hinterlassen aber f&uuml;r den Schaden von einer Pfandflasche oder von ein paar aus dem Abfall geholten Maultauschen werden andere per Gerichtsbeschluss ihrer beruflichen Existenz beraubt. Ganze Gef&auml;ngnisse sind voller U-Bahn-Schwarzfahrer, die ihre Strafgeb&uuml;hren nicht bezahlen k&ouml;nnen. <\/p><p><strong>Wir sind wieder im Feudalismus angekommen. Die Oben l&auml;sst man laufen, die unten werden geh&auml;ngt.<\/strong><\/p><p>Wer nun erwartet h&auml;tte, die Justiz w&uuml;rde sich mit diesen kriminellen Handlungen der Banker befassen, sieht sich ge- und entt&auml;uscht.<br>\nDie Justiz w&auml;scht ihre H&auml;nde in Unschuld und zieht sich auf den Standpunkt zur&uuml;ck, das Strafrecht k&ouml;nne nicht sanktionieren, was das Aktien-, Handels- Bilanz- oder Kapitalmarktrecht erlaube. <\/p><p>Die origin&auml;re Aufgabe des Strafrechts ist der Schutz des friedlichen Zusammenlebens der Menschen. Kaum etwas anderes aber hat in j&uuml;ngerer Zeit den inneren Frieden der Gesellschaft so bedroht wie die Finanzkatastrophe. <\/p><p>Die Wiedergutmachung eines Schadens geh&ouml;rt zu den grundlegenden Rechtsprinzipien.<br>\nDie Straftatbest&auml;nde der Untreue, des Betrugs, der Hehlerei und der Erpressung sind erf&uuml;llt, doch der &bdquo;h&ouml;lzerne Handschuh&ldquo; des Strafrechts (so Heribert Prantl) packt nicht zu. <\/p><p>Die wenigen bisherigen Strafverfahren gegen Verantwortliche lassen nicht erwarten, dass je ein Bankvorstand oder je ein politisch Verantwortlicher  f&uuml;r eingetretene Verluste ernsthaft zur Verantwortung gezogen w&uuml;rde oder gar haften m&uuml;sste.<\/p><p>Das Strafrecht ist auf derartige Herausforderungen gar nicht vorbereitet. Der fr&uuml;here Vorstandsvorsitzende der Mittelstandsbank IKB wurde angeklagt. Aber nicht wegen der vielen Milliarden Euro, die w&auml;hrend seiner Amtszeit in nicht mehr handelbare Derivative versenkt wurden. Ihm wird u.a. als Untreue vorgeworfen, auf Bankkosten eine &uuml;berteuerte Hifi-Anlage gekauft zu haben.<\/p><p>Die Mittel und M&ouml;glichkeiten des Strafrechts nehmen offenbar in dem Ma&szlig; ab, je mehr Nullen an einer Schadenssumme h&auml;ngen. Dem &bdquo;Too big to fail&ldquo; folgt das &bdquo;too big for justice&ldquo;. Gegen Systemkriminalit&auml;t gibt es offenbar kein Sanktionsrepertoire.<\/p><p>Hinter dem &bdquo;systemischen&ldquo; Risiko der Banken verbirgt sich aber noch etwas anderes, n&auml;mlich ein systematisches Versagen der Politik.<\/p><p>Die verantwortlichen Politiker tun so, als h&auml;tten sie mit den Ursachen des Bankenkollapses nichts zu tun, ja &ndash; mehr noch &ndash;  sie lassen sich inzwischen sogar als &bdquo;Retter&ldquo; feiern. Sie tun so, als habe uns die Finanzkatastrophe wie ein Tsunami  &ndash; ausgel&ouml;st durch ein fernes Erdbeben &ndash; &uuml;berrollt. <\/p><p>Dabei hatte die Politik auf vielf&auml;ltige Weise die Roulettemaschine des Casinos erst richtig in Schwung gebracht. 2005 r&uuml;hmte sich etwa der damalige Bundesfinanzminister auf seiner regierungsoffiziellen Website: Die Bundesregierung habe in den vergangenen Jahren wichtige Stufen erklommen auf dem Weg zu einem erfolgreichen Finanzplatz Deutschland in Europa und der Welt. Oder: <a href=\"http:\/\/www.bundesfinanzministerium.de\/nn_1928\/DE\/Wirtschaft__und__Verwaltung\/Geld__und__Kredit\/Aufgaben__und__Ziele\/Das__Ziel__fest__im__Blick.html\">die gewaltigen Potenziale des deutschen Finanzmarktes m&uuml;ssten als Motor f&uuml;r Wachstum und Besch&auml;ftigung vollst&auml;ndig ausgesch&ouml;pft werden<\/a>.  <\/p><p>Von 2001 bis 2008 wurden insgesamt 35 Gesetze und Ma&szlig;nahmen auf dem Finanzsektor auf den Weg gebracht und durch das Parlament geschleust.<br>\nHier nur einige wenige Beispiele:<br>\n2002 bedurfte die Forderungsverwaltung durch ausgelagerte Zweckgesellschaften keiner Erlaubnis mehr (damit konnten die Bilanzen verschleiert werden), 2003 wurden Verbriefungen gef&ouml;rdert und erleichtert, der Ankauf von Kreditforderungen eines Kreditinstituts durch eine unkontrollierte Zweckgesellschaft wurde von der Gewerbesteuer und unter bestimmten Umst&auml;nden von der Umsatzsteuer ausgenommen, 2004 wurden Hedgefonds zugelassen oder es wurden die Gewinne beim Verkauf von Unternehmen und Unternehmensteilen steuerfrei gestellt und so das Auspl&uuml;ndern vieler Betriebe geschmiert. Womit Tausende Arbeitspl&auml;tze vernichtet wurden. <\/p><p>Bei der Gesetzgebung f&uuml;hrte allzu oft  die Finanzwirtschaft die Feder. Mitarbeiter von Finanzinstituten wurden in die Ministerien abgeordnet. Die Gesetzentw&uuml;rfe schrieben oft die Gleichen, die die Banken berieten. So entwarf etwa die Kanzlei Freshfields die Gesetzesvorlage zur Verstaatlichung der Hypo Real Estate. Im Standesrecht von normalen Anw&auml;lten nennt man das T&auml;tigwerden f&uuml;r zwei Parteien, die in einem Interessengegensatz stehen, &bdquo;Parteiverrat&ldquo;.<\/p><p>Die Politik hat sich auf blo&szlig;e Hand- und Spanndienste f&uuml;r hochqualifizierte Investmentbanker reduziert. Ja mehr noch, viele Politiker sa&szlig;en w&auml;hrend und nach ihrer Amtszeit mit im Boot der Banker. Die Dreht&uuml;r zwischen Politik und Finanzwirtschaft dreht sich schneller als ein Ventilator. Mit dem fr&uuml;heren Chefvolkswirt der Europ&auml;ischen Zentralbank Otmar Issing &ndash; er war danach Berater der Pleitebank Lehmann Brothers und von Goldman Sachs &ndash; machte die Kanzlerin den Bock zum G&auml;rtner und berief ihn zum Vorsitzenden der Kommission zur Reform der internationalen Finanzm&auml;rkte. <\/p><p>Um von ihrem vorausgegangenen Tun abzulenken, haben uns Politiker den B&auml;ren aufgebunden, die Finanzkrise komme aus den USA, sie habe uns &uuml;berfallen wie ein &bdquo;Springinsfeldteufel&ldquo;. <\/p><p>Alle diese Ausfl&uuml;chte waren eine glatte T&auml;uschung: Schon im Februar 2003 berichtete das Handelsblatt, dass der damalige Finanzminister Eichel zusammen mit Kanzler Schr&ouml;der und Superminister Clement mit den Spitzen von Banken und Versicherungen zusammentreffen wollten, um &uuml;ber die Gr&uuml;ndung einer Bad Bank zur Auslagerung fauler Kredite zu beraten. Schon damals sch&auml;tzten Fachleute den Bestand der deutschen Banken an &bdquo;notleidenden Krediten&ldquo; <a href=\"\/?p=4130\">auf 150 bis 160 Milliarden Euro<\/a>.<\/p><p>Nach Angaben von Wolfgang Hetzer vom European Anti-Fraud Office (OLAF) hatte die Bundesanstalt f&uuml;r Finanzdienstleistungen (BaFin) schon im Jahre 2007 &ndash; also lange bevor uns angeblich der Teufel aus den USA ansprang &ndash;  ca. 750 Analysen zu m&ouml;glichen F&auml;llen von Insiderhandel und Marktmanipulation angefertigt, 103 neue Untersuchungen eingeleitet und in <a href=\"\/upload\/pdf\/091126_Rede_Finanzkrise.pdf\">42 F&auml;llen gegen 113 Personen Strafanzeige erstattet [PDF &ndash; 1.3 MB]<\/a>. Durchgedrungen ist die Finanzaufsicht damit offenbar nicht.<\/p><p><strong>Die Finanzkrise ist aber auch ein Beleg f&uuml;r das systematische Versagen der herrschenden &ouml;konomischen Lehre.<\/strong><\/p><p>Es gab nur ganz wenige Wirtschaftswissenschaftler, die vor einer Krise gewarnt hatten, die allermeisten wurden von der Krise v&ouml;llig &uuml;berrascht oder noch mehr: sie wollten von Krisengefahren nichts wissen. Sie haben die Finanzkrise zuerst nicht kommen sehen &ndash; und danach nicht geglaubt, dass sie sich zur Wirtschaftskrise auswachsen w&uuml;rde.<\/p><p>Noch am 10. Oktober 2008, also nachdem Ackermann schon den &bdquo;Tod des Bankensystems&ldquo; an die Wand malte, meinte der von der Bild-Zeitung zu Deutschlands &bdquo;bestem &Ouml;konomen&ldquo; geadelte Direktor des M&uuml;nchner Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, das <a href=\"http:\/\/www.focus.de\/finanzen\/boerse\/finanzkrise\/rezession-die-sinnkrise-der-star-oekonomen_aid_349755.html\">Geld bei deutschen Banken sei sicher<\/a>.<\/p><p>Die radikalsten Marktliberalen &ndash; wie etwa Prof. Juergen B. Donges, emeritierter Wirtschaftswissenschaftler der Uni K&ouml;ln und Botschafter der INSM &ndash; blicken bis heute nicht &uuml;ber ihre ideologischen Scheuklappen und erkl&auml;ren die Finanzmarktkrise schlicht als Staatsversagen. Niedrige Zinsen und Geldvermehrung der amerikanischen Zentralbank seien die eigentliche Ursache, <a href=\"\/?p=3567\">behauptet er<\/a>. <\/p><p>Wie in kaum einem anderen Land galt unter Deutschlands Wirtschafswissenschaftlern die absolut herrschende Meinung, dass die &bdquo;M&auml;rkte&ldquo; zu einer angemessenen Preisbildung f&uuml;hrten, dass der Staat sich aus den M&auml;rkten m&ouml;glichst herauszuhalten h&auml;tte und der unregulierte, freie Wettbewerb zu &bdquo;effizienten&ldquo; Ergebnissen f&uuml;hre. Seit Jahrzehnten haben die Wirtschaftweisen des Sachverst&auml;ndigenrates, die Konjunkturforschungsinstitute und die allermeisten wirtschaftswissenschaftlichen Lehrst&uuml;hle nichts Wichtigeres zu tun, als dieses Markt-Dogma zu verteidigen und mit ihren Gutachten der Politik anzudienen. <\/p><p>Der Monetarismus der Chicagoer Schule oder angebotsorientierte, der einzelunternehmerischen Logik folgende Lehren dr&auml;ngten nachfrageorientierte oder makro&ouml;konomische Ans&auml;tze nahezu vollst&auml;ndig aus den Hochschulen. Wirtschaftsempirische Forschung &uuml;ber Marktversagen fand anders als im Ausland in Deutschland praktisch nicht mehr statt. Konjunkturst&uuml;tzende Ma&szlig;nahmen des Staates etwa galten als &bdquo;Strohfeuer&ldquo;. Der Lohn als Nachfragefaktor spielte in den g&auml;ngigen Modellen keine Rolle mehr.<\/p><p>Es gab geradezu einen Herdentrieb. Die Herde forderte Lohndumping, Unternehmenssteuersenkungen, Deregulierung, Flexibilisierung, Privatisierung. Ein  schwacher Sozialstaat galt als Erfolgsrezept im internationalen &bdquo;Standortwettbewerb&ldquo;. Diese Rezepte galten als &bdquo;alternativlos&ldquo; oder &bdquo;objektiv notwendig&ldquo;. Und bei jedem Scheitern, wurde immer nur eine Erh&ouml;hung der Dosis der gleichen Rezeptur empfohlen.<\/p><p>In ihrem Dogmatismus haben sie nicht nur gegen die Prinzipien der Wissenschaftlichkeit versto&szlig;en, viele sog. Experten, wie etwa Raffelh&uuml;schen, van Suntum, R&uuml;rup, Miegel, B&ouml;rsch-Supan, Zimmermann, H&uuml;ther usw. &ndash; Sie kennen sie alle aus den Medien &ndash;   sind mittelbar oder ganz direkt mit der Gro&szlig;wirtschaft oder deren PR-Agenturen verbunden.<\/p><p>Als Denkfabriken getarnte Propaganda-Agenturen wie etwa Mont-P&egrave;lerin-Gesellschaft, die Hayek Stiftung, das Institut der deutschen Wirtschaft (IW), der Kronberger Kreis, die Stiftung Marktwirtschaft, die Heinz Nixdorf Stiftung, die Ludwig-Erhard-Stiftung oder die Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft vor allem die Bertelsmann Stiftung und die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft unterzogen die gesamte &Ouml;ffentlichkeit geradezu einer Gehirnw&auml;sche.<\/p><p>Wissenschaftler und gesellschaftlichen Kr&auml;fte, die Alternativen zum neoliberalen Dogma vorschlugen, konnten dem bestehenden Propagandaapparat nichts mehr entgegen setzen. <\/p><p>Wer von &bdquo;systemischer&ldquo; Krise spricht, wei&szlig; offenbar gar nicht, was er damit sagt: Es ist die Krise eines Systems, das die &Ouml;konomen wissenschaftlich untermauert haben.<\/p><p>Die Finanz- und Wirtschaftskrise m&uuml;sste eigentlich die herrschende &ouml;konomische Lehre in eine Sinnkrise gest&uuml;rzt haben. Doch eine grundlegende Debatte &uuml;ber eine wirtschaftspolitische Wende oder gar einen Neubeginn findet nicht statt.<br>\nEs gilt nach wie vor das Prinzip: Umso schlimmer f&uuml;r die Praxis, wenn sie unserer Theorie nicht folgt.<\/p><p>Neben dem Versagen von Bankern, Justiz, Politik und der Wirtschaftswissenschaften haben auch die Medien in ihrer &bdquo;W&auml;chterrolle&ldquo; versagt. <\/p><p>Der Kommunikationswissenschaftler Hans-J&uuml;rgen Arlt und der ehemalige Chefredakteur der Frankfurter Rundschau, Wolfgang Storz haben in einer umf&auml;nglichen empirischen <a href=\"http:\/\/www.otto-brenner-shop.de\/publikationen\/obs-arbeitshefte\/shop\/wirtschaftsjournalismus-in-der-krise-ah63.html%20\">Studie im Auftrag der Otto-Brenner-Stiftung<\/a> die wirtschaftsjournalistische Arbeit der wichtigsten Leitmedien, n&auml;mlich von ARD-Aktuell, der Deutschen Presseagentur und von f&uuml;nf &uuml;berregionalen Tageszeitung von 1999 &ndash; also dem Jahr des R&uuml;cktritts von Oskar Lafontaine als Finanzminister &ndash; bis zur offenen Krise ins Jahr 2009 gr&uuml;ndlich ausgewertet.<\/p><p><strong>Das Ergebnis dieser Studie ist niederschmetternd:<\/strong><\/p><p>Zitat: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Der tagesaktuelle deutsche Wirtschaftsjournalismus stand dem globalen Finanzmarkt gegen&uuml;ber wie ein ergrauter Stadtarchivar dem ersten Computer mit einer Mischung aus Ignoranz und Bewunderung, ohne Wissen, wie er funktioniert, ohne Ahnung von den folgenreichen Zusammenh&auml;ngen, die sich aufbauen; im Zweifel schloss man sich der vorherrschenden Meinung an. Die weltweite Krise des Finanzmarktes, die globale Krise der Gro&szlig;en Spekulation, l&ouml;ste auch eine Krise des Wirtschaftsjournalismus aus&ldquo;.<\/p><\/blockquote><p>Die untersuchten sog. &bdquo;Qualit&auml;tsmedien&ldquo; h&auml;tten bis 2005 die Mindesterwartungen an journalistische Arbeit nicht erf&uuml;llt.<br>\nErst die globale Krise habe den Wirtschaftsjournalismus zur Besch&auml;ftigung mit der Finanzentwicklung gezwungen.<br>\nDie wichtigste Nachrichtenagentur, also die Deutsche Pressagentur,  habe sich in der Finanzpolitik nur als offizielles Sprachrohr verstanden.<br>\nDer Wirtschafts- und Finanzmarktjournalismus habe die Distanz zu den Subjekten und Objekten seiner Berichterstattung verloren.<br>\nDas journalistische Verhalten von ARD-Aktuell gegen&uuml;ber der regierenden Politik k&ouml;nne nur als devot bezeichnet werden. Es g&auml;be dort viel B&ouml;rse, aber so gut wie keine Volkswirtschaft.<\/p><p>Wohlgemerkt, die Rede ist von den sog. Qualit&auml;tsmedien und nicht vom Kampagnenjournalismus der Bild-Zeitung oder von kleinen regionalen Zeitungen mit ausged&uuml;nnten Redaktionen bei denen sich die Grenzen zwischen Journalismus und der &Uuml;bernahme von Public-Relations-Beitr&auml;gen ohnehin zunehmend vermischen.<\/p><p>Zu einer umfassenden Analyse der Befindlichkeiten des Journalismus m&uuml;sste dar&uuml;ber hinaus noch der Einfluss des krebsartig wuchernden Lobbyismus und die Wirkung der wirtschaftsnahen Think-Tanks und ihrer Propagandaagenturen auf die ver&ouml;ffentlichte Meinung geh&ouml;ren.<br>\nIn kaum einer Talkshow fehlt ein &bdquo;Botschafter&ldquo; der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM). Hans-Olaf Henkel, Arnulf Baring, Oswald Metzger und wie die &bdquo;Botschafter&ldquo; dieser arbeitgeberfinanzierten PR-Organisation auch hei&szlig;en m&ouml;gen, werden h&ouml;chst selten als wirtschaftsliberale Polit-Lobbyisten, sondern meist als &bdquo;Experten&ldquo; eingef&uuml;hrt. Wenn man nur auf die Mainstream-Medien schaute, k&ouml;nnte man den Eindruck gewinnen, dass es in Deutschland nur ein paar Dutzend &Ouml;konomen mit Reputation g&auml;be. Es werden immer dieselben gefragt und zitiert.<\/p><p>Wirtschaftsjournalistinnen und &ndash;journalisten haben offenbar vergessen oder haben nie dar&uuml;ber nachgedacht, dass die Wirtschaftswissenschaft keine &bdquo;harte&ldquo; sondern eine Gesellschaftswissenschaft ist, mit zahllosen Schulen und kontroversen Lehrmeinungen.<br>\nDass &ouml;konomische Studien einem Erkenntnis leitenden Interesse, ja sogar einem unmittelbaren Interessensbezug auf einen Auftraggeber unterliegen k&ouml;nnen, scheint in Vergessenheit geraten zu sein. Ideologiekritik oder Ideologieverdacht wird als Verschw&ouml;rungstheorie beiseite geschoben. <\/p><p>&bdquo;Konform, uniform, chloroform&ldquo; so lautet die &Uuml;berschrift eines Kapitels in Heribert Prantls B&uuml;chlein &bdquo;Kein sch&ouml;ner Land&ldquo; in dem er die &bdquo;Verbetriebswirtschaftlichung des Gemeinwesens&ldquo; nachzeichnet und beschreibt wie die neoklassische &Ouml;konomie in Deutschland nicht nur zur vorherrschenden sondern zur allein herrschenden Lehre geworden ist. <\/p><p>Da der Wirtschaftsjournalismus kaum ein Wort &uuml;ber seine Defizite in der Vergangenheit &uuml;brig hat, ist innere Einkehr und Besserung kaum zu erwarten.<\/p><p>Die Finanzkrise ist merkw&uuml;rdigerweise inzwischen aus der &ouml;ffentlichen Debatte nahezu verschwunden, die dadurch verursachte Wirtschaftskrise wird systematisch sch&ouml;n geredet. Alle reden vom Aufschwung XXL und dass Deutschland &bdquo;gest&auml;rkt&ldquo; aus der Krise hervorgegangen sei.<br>\nDabei hat selbst der gewiss wirtschaftsfreundliche Sachverst&auml;ndigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung der Regierung ins Stammbuch geschrieben, dass von einem &bdquo;neuen Wirtschaftswunder&ldquo; keine Rede sein k&ouml;nne und dass das Bruttoinlandsprodukt 2010 immer noch <a href=\"\/?p=7323\">unter dem Niveau von 2006 lag<\/a>. Und ganz typisch: sobald es dann um Lohnverhandlungen geht, erkl&auml;rt Gesamtmetall-Chef Kannegiesser, dass wir bei der Produktion erst 70 Prozent und <a href=\"http:\/\/www.manager-magazin.de\/politik\/deutschland\/0,2828,742567,00.html\">beim Auftragseingang 80 Prozent des Einbruchs wettgemacht h&auml;tten.<\/a>  <\/p><p>Wir beobachten geradezu einen kollektiven Ged&auml;chtnisverlust &uuml;ber die Ursachen und die Auswirkungen der Finanzkrise. Die Rede ist inzwischen nur noch von staatlichen Schuldenkrisenkrisen. <\/p><p>Dabei hat Finanzminister Sch&auml;uble sozusagen regierungsoffiziell eingestanden, dass die derzeitige Schuldenkrise eine unmittelbare Folge der Finanzkrise ist.<br>\nIn einem Beitrag f&uuml;r <a href=\"http:\/\/www.ftd.de\/politik\/international\/:top-oekonomen-schaeuble-der-schuldenberg-europas-muss-zum-huegel-werden\/50209773.html\">die FTD<\/a> r&auml;umte Sch&auml;uble ein, dass die krisenbedingten Nettokosten f&uuml;r die Unterst&uuml;tzung des Finanzsektors durch die G20-L&auml;nder vom Internationalen W&auml;hrungsfonds auf 905 Milliarden Doller gesch&auml;tzt werden.<br>\nZusammen mit den durch die Finanzkrise erforderlichen Konjunkturimpulsen erh&ouml;hte sich die Staatsverschuldung gemessen am Bruttoinlandsprodukt innerhalb der Eurozone in nur einem Jahr um fast 10 Prozentpunkte ( n&auml;mlich auf 78,7 Prozent vom BIP 2009 gegen&uuml;ber 69,3 Prozent in 2008. In Deutschland hat der &ouml;ffentliche Schuldenstand gemessen am BIP 83,2 Prozent erreicht.<\/p><p>Aber statt nur die geringsten Anstalten zu machen, das Geld wieder von denjenigen zur&uuml;ckzuholen, die mit der Zockerei einen Riesenreibach machten, hei&szlig;t es nun, dass die Verschuldung dadurch verursacht worden sei, dass Deutschland und viele L&auml;nder Europas &bdquo;&uuml;ber ihre Verh&auml;ltnisse gelebt&ldquo; h&auml;tten. <\/p><p><strong>Wer hat eigentlich in Deutschland &uuml;ber seine Verh&auml;ltnisse gelebt? <\/strong><\/p><p>Die Arbeitnehmer, deren Reall&ouml;hne seit nunmehr &uuml;ber 20 Jahren nahezu stagnierten, sicherlich nicht.<br>\nDie 6 Millionen Arbeitslosen und Hartz IV-Bezieher, bei denen mit dem sog. Sparpaket noch weiter gek&uuml;rzt wurde,<br>\ndie Zeit- und Leiharbeiter oder die Rentner, deren gesetzliche Rente durch die endlosen Rentenreformen &uuml;ber die &bdquo;Riestertreppe&ldquo; oder Nachhaltigkeitsfaktoren seit der Jahrtausendwende <a href=\"http:\/\/www.ak-sozialpolitik.de\/dukumente\/2010\/2010-12-02%20Perspektiven%20Rente.pdf\">um ein f&uuml;nftel gesenkt wurde [PDF &ndash; 228 KB]<\/a>, kurzum: die Mehrheit der Bev&ouml;lkerung hat mit Sicherheit nicht &bdquo;&uuml;ber ihre Verh&auml;ltnisse&ldquo; gelebt. <\/p><p>Im Gegenteil: Deutschland hat seit Jahren &bdquo;unter&ldquo; seinen Verh&auml;ltnissen gelebt, weil es durch Lohndumping und geradezu einem &bdquo;Steuersenkungswahn&ldquo; einen riesigen Leistungsbilanz&uuml;berschuss erzielt hat. <\/p><p>&bdquo;Seit dem Jahr 2000 haben in Deutschland Einkommensungleichheit und Armut st&auml;rker zugenommen als in jedem anderen OECD-Land&ldquo;, hei&szlig;t es in einem <a href=\"http:\/\/www.oecd.org\/dataoecd\/45\/27\/41525386.pdf\">OECD-Bericht aus dem Jahr 2008 [PDF &ndash; 251 KB]<\/a>. So entwickelten sich die Unternehmens- und Verm&ouml;genseinkommen, die zwischen 2000 und 2010 um nominal 45 Prozent zulegten, fast dreimal so stark wie die Arbeitnehmerentgelte. Diese wuchsen &uuml;ber das letzte Jahrzehnt nominal lediglich um 16 Prozent. Real &ndash; also nach Abzug der Inflation &ndash; sind die durchschnittlichen Bruttoverdienste pro Besch&auml;ftigtem im vergangenen Jahrzehnt sogar gesunken: 2010 lagen sie nach Abzug der Inflationsrate um <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/547_112500.html\">vier Prozent niedriger als im Jahr 2000<\/a>.<br>\nDie Lohnquote, also der Anteil der L&ouml;hne am Volkseinkommen, die in den 70er Jahren noch bei &uuml;ber 70 Prozent lag, ist um fast 10 Prozent auf etwas um die 60 Prozent abgesackt, w&auml;hrend im Gegenzug der Anteil der Kapital- und Verm&ouml;genseinkommen entsprechend zunahm. Nach einer DIW Studie aus diesem Jahr stiegen die privaten Nettoverm&ouml;gen allein von 1991 bis 2009 um 99 Prozentpunkte auf <a href=\"http:\/\/www.diw.de\/documents\/publikationen\/73\/diw_01.c.364647.de\/10-50.pdf\">7.370 Milliarden Euro [PDF &ndash; 601 KB]<\/a>. <\/p><p>Wer in Deutschland &bdquo;&uuml;ber seinen Verh&auml;ltnissen&ldquo; gelebt hat, zeigt sich vor allem in der Verteilung dieses immens gewachsenen Verm&ouml;gens: Die obersten 20% der Verm&ouml;gensverteilung besitzen rund 80% des Nettogeldverm&ouml;gens (also des Bruttogeldverm&ouml;gens minus Konsumentenkredite). Allein die obersten 10% besitzen zwei Drittel davon.<br>\nDie unteren 25% der Bev&ouml;lkerung besitzen nicht nur kein Nettogeldverm&ouml;gen, sondern sie haben mehr Schulden als Guthaben. Zwei Drittel der Deutschen verf&uuml;gen laut einer <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/wirtschaft\/immer-mehr-auf-der-hohen-kante\/-\/1472780\/5078646\/-\/index.html\">DIW-Studie<\/a> &uuml;ber gar kein oder nur ein sehr geringes Nettogeldverm&ouml;gen.<\/p><p>Trotz des privaten Reichtums und der &ouml;ffentlichen Armut wird t&auml;glich aus allen Ecken erz&auml;hlt, dass die Staatsschulden das gr&ouml;&szlig;te Problem w&auml;ren und dass unsere beklagenswerten Enkel die Zinsen bezahlen m&uuml;ssten.<\/p><p><strong>Werden aber wirklich die k&uuml;nftigen Generationen belastet?<\/strong><\/p><p>Die Wahrheit ist: Die Schulden der einen, sind zu jedem Zeitpunkt, also jetzt und in alle Zukunft, die Verm&ouml;gen der anderen.<br>\n&bdquo;Generationengerechtigkeit&ldquo; ist zu einem politischen Kampfbegriff geworden, der von der sozialen Ungleichheit innerhalb der heutigen sowie auch der k&uuml;nftigen Generationen ablenken soll. <\/p><p>Wir haben es mit einer intragenerativen Belastung (also der zwischen den Armen und Reichen) und nicht um eine intergenerativen Belastung (also nicht zwischen Alt und Jung) durch die Staatsverschuldung zu tun.<\/p><p>Sie alle haben gewiss im Fernsehen schon mal die sog. Schuldenuhr gesehen, auf der mit schwindelerregender Geschwindigkeit die Zahlen rasen, mit denen die Staatsschulden ansteigen. Um das Verh&auml;ltnis zwischen &ouml;ffentlicher Armut und privatem Reichtum darzustellen, m&uuml;sste man neben diese Schuldenuhr einfach eine Uhr stellen, die den Verm&ouml;genszuwachs in jeder Sekunde misst. <\/p><p>Dann w&uuml;rden die staunenden Fernsehzuschauer oder die staunenden Touristen vor dem B&uuml;ro des Steuerzahlerbundes in Berlin aber sehen, dass die Verm&ouml;gensuhr viel schneller l&auml;uft als die Schuldenuhr und sie w&uuml;rden sich vielleicht fragen, wieso das in ihrem Geldbeutel nicht sp&uuml;rbar ist.<br>\nDie Leute w&uuml;rden dann vielleicht auch fragen, was denn mit den riesigen Verm&ouml;gen geschieht und warum die ber&uuml;hmten &bdquo;Leistungstr&auml;ger&ldquo;, die den Staat &uuml;ber Jahre gedr&auml;ngt haben, Steuern f&uuml;r sie zu senken, damit sie angeblich &bdquo;mehr leisten&ldquo; k&ouml;nnen, nun dem Staat das Geld in Form von Staatsanleihen borgen k&ouml;nnen und dabei noch weitere Zinsgewinne erzielen. Viele von denjenigen, die vom Staat in den vergangenen Jahren so gro&szlig;z&uuml;gig bedacht wurden, haben offenbar gar nicht gewusst, was sie mit dem Geld machen sollen, das da so unverhofft in ihre Taschen gesp&uuml;lt wurde.<br>\nSie haben es im Ausland als Staatsanleihen in Griechenland, in Spanien oder in Portugal angelegt. Oder sie haben mit ihrem Geld gleich im Finanz-Casino gespielt.<\/p><p><strong>Hier schlie&szlig;t sich der Kreis zum Beginn meines Referates. <\/strong><\/p><p>Wenn nicht bald etwas geschieht, dann werden wir schon in absehbarer Zeit in die n&auml;chste Finanzkrise st&uuml;rzen. Nur eines ist dann sicher, die Spekulanten k&ouml;nnten nicht noch einmal die Verluste auf die Allgemeinheit sozialisieren. So viel Geld k&ouml;nnten die verschuldeten Staaten nicht noch ein weiteres Mal aufbringen, ohne dass sie selbst pleite gehen w&uuml;rden.<br>\nWas diese Staatspleite f&uuml;r die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger bedeuten w&uuml;rde, m&ouml;chte man sich gar nicht erst ausdenken. <\/p><p>Nach einer vor wenigen Wochen ver&ouml;ffentlichten <a href=\"http:\/\/idw-online.de\/pages\/de\/news407664\">Umfrage der Universit&auml;t Hohenheim<\/a> glauben 54 Prozent der Befragten nicht, dass die Politik die Finanzkrise in den Griff bekommen wird. Fast zwei Drittel (64 %) sind der Meinung, der Politik fehle es an fachlicher Kompetenz, um die Strategien der Finanzunternehmen zu durchschauen. Nur jeder Vierte traut der Politik zu, dauerhaft gr&ouml;&szlig;eren Einfluss auf die Wirtschaft und die Banken zu gewinnen. Und fast drei Viertel der Bev&ouml;lkerung (72 %) gehen davon aus, dass die Banken und Versicherungen nichts aus der Krise gelernt haben. Und eine &uuml;bergro&szlig;e Mehrheit der Befragten (74 %) ist der Meinung, dass die Politik die Interessen des Finanzsektors mehr ber&uuml;cksichtigt als die der Steuerzahler. <\/p><p>Ist es angesichts dieses dramatischen Vertrauensverlustes gegen&uuml;ber der Politik noch verwunderlich, dass immer mehr Menschen am Funktionieren unserer Demokratie zweifeln. <\/p><p>Immer mehr B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger wenden sich von der Politik ab. Sie tun dies, weil sie sich ohnm&auml;chtig f&uuml;hlen und weil sie die politischen Entscheidungen nicht mehr nachvollziehen k&ouml;nnen oder sogar als gegen sich gerichtet sehen.<\/p><p>Die Wahlbeteiligungen erreichen einen historischen Tiefststand nach dem anderen. Bei der Landtagswahl in Sachsen im Jahre 2009 gingen nur noch 52 Prozent der Wahlberechtigten zur Wahlurne, fast die H&auml;lfte blieb also zu Hause. Die hiesige Regierungskoalition verdankt ihre Mehrheit gerade einmal von einem Viertel der Wahlberechtigten. Sogar weniger als die H&auml;lfte gingen in Ihrem Land noch zur Kommunalwahl. <\/p><p>Der britische Politikwissenschaftler Colin Crouch  hat den Begriff &bdquo;Postdemokratie&ldquo; gepr&auml;gt. Er will damit einen Zustand beschreiben, bei dem die demokratischen Institutionen formal weiterhin vollkommen intakt sind, indem sich politische Verfahren und die Regierungen zunehmend in eine Richtung zur&uuml;ck entwickeln, die typisch war f&uuml;r vordemokratische Zeiten: Der Einfluss privilegierter Eliten nimmt zu, wohingegen der Enthusiasmus der gro&szlig;en Mehrheit f&uuml;r die Demokratie, die Beteiligung der normalen B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger an der Gestaltung der politischen Agenda, die wirklich ihren Interessen entspricht, abnimmt. Es gibt  zwar noch eine formale Fortexistenz demokratischer Institutionen, hinter deren Fassade aber eine <a href=\"http:\/\/www.linksnet.de\/de\/artikel\/25970\">weitreichende Selbstaufgabe der Politik stattgefunden hat<\/a>. <\/p><p>Postdemokratisch bezeichnet Crouch &bdquo;ein Gemeinwesen, in dem zwar nach wie vor Wahlen abgehalten werden, Wahlen, die sogar dazu f&uuml;hren, dass Regierungen ihren Abschied nehmen m&uuml;ssen, in dem allerdings konkurrierende Teams professioneller PR-Experten die &ouml;ffentliche Debatte w&auml;hrend der Wahlk&auml;mpfe  so stark kontrollieren, dass sie zu einem reinen Spektakel verkommt, bei dem man nur &uuml;ber eine Reihe von Problemen diskutiert, die die Experten zuvor ausgew&auml;hlt haben. Die Mehrheit der B&uuml;rger spielt dabei eine passive, schweigende, ja sogar apathische Rolle, sie reagieren nur auf die Signale, die man ihnen gibt. Im Schatten dieser politischen Inszenierung wir die reale Politik hinter verschlossenen T&uuml;ren gemacht: von gew&auml;hlten Regierungen und Eliten, die vor allem die Interessen der Wirtschaft vertreten. S. 10 <\/p><p>Es gebe, so Crouch, nur noch einen negativen Aktivismus des Tadelns und sich Beschwerens, bei dem das Hauptziel der politischen Kontroverse darin besteht, zu sehen, wie Politiker zur Verantwortung gezogen werden, wie ihre K&ouml;pfe auf den Richtblock gelegt und ihre &ouml;ffentliche und private Integrit&auml;t peinlich genau &uuml;berpr&uuml;ft wird.<\/p><p>Ein Musterbeispiel f&uuml;r einen solchen negativen Aktivismus, wo der Fall eines Politikers nicht mehr wegen seines politischen Handelns, sonder wegen seiner privaten Verfehlungen herbeigef&uuml;hrt wurde, ist der R&uuml;cktritt des Freiherrn zu Guttenberg vom Amt des Verteidigungsministers. Er musste nicht etwa deshalb zur&uuml;cktreten, weil die Mehrheit der Bev&ouml;lkerung gegen den Milit&auml;reinsatz in Afghanistan ist. Es hat keine politische Kontroverse um die von ihm vertretene Sicherheitsdoktrin gegeben, wonach die Bundeswehr keine reine Verteidigungsarmee mehr sein soll, sondern der Sicherung von &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/deutschland\/2010-11\/guttenberg-militaer-wirtschaftsinteressen\">wirtschaftlichen Interessen<\/a>&ldquo; dienen soll. Nicht die nicht zu Ende gedachte und mangelhaft geplante Bundeswehrreform, nicht seine Kehrtwende bei der Einsch&auml;tzung des Bombardements von Kundus auf Kosten seines Staatssekret&auml;rs und eines Vier-Sterne-Generals, nicht die unter unr&uuml;hmlichen Umst&auml;nden vollzogene Suspendierung des Kommandanten der &bdquo;Gorch Fock&ldquo; wurden ihm vorgehalten, sondern der Verlust seiner privaten Integrit&auml;t durch Plagiate in seiner Doktorarbeit. <\/p><p>Je mehr sich die Politik von den Interessen und der Betroffenheit einer Mehrheit in der Bev&ouml;lkerung entfernt, je mehr sich der Staat aus der F&uuml;rsorge f&uuml;r das Leben der normalen Menschen zur&uuml;ckzieht, um so mehr Menschen versinken in politische Apathie und desto leichter k&ouml;nnen m&auml;chtige Interessengruppen und finanzstarke Wirtschaftsinteressen den Staat zu ihrem Selbstbedienungsladen machen.<\/p><p><strong>Die Demokratie ist in Not.<\/strong> <\/p><p>Das politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Geschehen in unserem Land wird in weiten Teilen von Meinungsmache und Manipulation bestimmt, dem Herrschaftsinstrument der M&auml;chtigen. Die gro&szlig;e Mehrheit des Volkes hat nicht viel zu sagen. Selbst die einzige kleine Macht, &uuml;ber die wir verf&uuml;gen, unsere Wahlentscheidung, ist oft nur noch von Werbeagenturen fremdbestimmt. Wenn sich diese Verh&auml;ltnisse weiter verfestigen, wird man bald nicht mehr sagen k&ouml;nnen, wir lebten in einer funktionierenden Demokratie.<\/p><p>Das ist die Lage. Aber gibt es M&ouml;glichkeiten zur &Uuml;berwindung dieser Blockade.<\/p><p>In der Bev&ouml;lkerung r&uuml;hrt sich etwas. Die Proteste gegen Stuttgart 21 oder die Demonstrationen gegen die Atompolitik sind nur einige wenige Beispiele f&uuml;r die Emp&ouml;rung der B&uuml;rger. &bdquo;Wutb&uuml;rger&ldquo; ist nicht ohne Grund zum Wort des Jahres 2010 geworden. <\/p><p>Demonstrationen sind sicherlich ein Mittel, mit dem viele Menschen ihren Protest &auml;u&szlig;ern k&ouml;nnen. Demonstrationen k&ouml;nnen vielleicht einen &ouml;ffentlichen Diskurs ansto&szlig;en, sie k&ouml;nnen ihn aber nicht argumentativ weiterf&uuml;hren. Und &ndash; was vielleicht noch entscheidender ist &ndash;: Demonstrationen unterliegen wiederum der Interpretationsmacht der Leitmedien. Viele unter Ihnen werden das vielleicht schon erlebt haben, wenn sie an einer Demo teilgenommen haben und anschlie&szlig;end dar&uuml;ber in der Zeitung lasen. Man hat in der Regel das Gef&uuml;hl, dass man auf einer ganz anderen Veranstaltung war. H&auml;ufig wird noch nicht einmal das Ziel des Protestes genannt, sondern die Schlagzeilen werden von einigen &Uuml;bergriffen einzelner &ndash; oft sogar eingeschleuster &ndash; Demonstrationsteilnehmer beherrscht. <\/p><p>Emp&ouml;rung und Wut gen&uuml;gen also nicht. Was wir brauchten, das ist eine demokratische Gegen&ouml;ffentlichkeit zur derzeitigen undemokratischen &bdquo;Vermachtung der &Ouml;ffentlichkeit&ldquo; durch wirtschaftlich m&auml;chtige Akteursgruppen, durch Staat, Parteien und Verb&auml;nde und vor allem auch durch die wenigen monopolartigen Medienunternehmen. <\/p><p>Zu viele Menschen vertrauen immer noch darauf, dass die Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und Medien nicht manipulativ mit ihnen umgehen. Sie glauben, dass in der Regel stimmt, was man ihnen sagt. Sie k&ouml;nnen sich nicht vorstellen, dass sie systematisch in die Irre gef&uuml;hrt werden. <\/p><p>Ich habe in meinem Referat beispielhaft aufzuzeigen versucht, dass das leider ein Irrtum ist.<br>\nFolglich sollten wir uns nicht die Schlafm&uuml;tze des &bdquo;deutschen Michels&ldquo; &uuml;ber Augen und Ohren ziehen, nein, unsere Grundhaltung sollte alles andere als vertrauensvoll sein.<br>\nWir sollten wachsam sein und schon gar nicht sollten wir alles glauben, was man uns glauben machen will.<br>\nEs ist wichtig, skeptisch zu sein. Wieder zweifeln zu lernen m&uuml;sste zu einer Tugend werden.<br>\nWenn es Menschen gel&auml;nge, hinter die Kulissen zu schauen, dann merkten sie: Was die Meinungsf&uuml;hrer sagen, stimmt oft nicht oder widerspricht der eigenen Wahrnehmung. Was die Meinungsf&uuml;hrer empfehlen, ist oft erfolglos, und was sie an egoistischer Ideologie f&ouml;rdern, widerspricht der Lebenserfahrung.<\/p><p>Skeptiker, Zweifler, Kritiker sind auf gleichgesinnte Partner angewiesen. Zweifeln lernen kann man zwar alleine. Aber ohne Partner und Mitstreiter ist es ausgesprochen m&uuml;hsam. So wie sich die Propagandisten der herrschenden Meinung in einem informellen Netzwerk gegenseitig st&uuml;tzen, so brauchen auch die Skeptiker ein Netz gegenseitiger Informationen und Hinweise.<\/p><p>Partner bei der kritischen Beobachtung braucht man aber nicht nur aus Gr&uuml;nden der Informationsbeschaffung. Man braucht sie auch, um beim Zweifeln nicht zu verzweifeln. Wenn man n&auml;mlich erst einmal den Grad der t&auml;glichen Meinungsbeeinflussung erfasst hat, dann ist die oft niederschmetternde Wahrheit besser auszuhalten, wenn man sich dar&uuml;ber mit anderen austauschen kann.<\/p><p>Das ist die Hintergrund&uuml;berlegung f&uuml;r unsere Initiative der kritischen Webseite www.NachDenkSeiten.de, die Albrecht M&uuml;ller und ich zusammen mit einem jungen Webmaster, im Dezember 2003 gestartet haben. Deshalb gibt es dort etwa auch Rubriken wie die &raquo;Manipulation des Monats&laquo; oder &raquo;Strategien der Meinungsmache&laquo; oder Informationen &uuml;ber typische &raquo;Denkfehler&laquo;. <\/p><p>Mit den  &raquo;NachDenkSeiten&laquo; wollen wir helfen, hinter die Kulissen der Macht zu schauen und zu erkennen, wie und mit welchen Mitteln und von welchen Einrichtungen und Personen wir manipuliert werden. Und welche Interessen dahinter stecken.<\/p><p>Wenn Leserinnen und Leser der &raquo;NachDenkSeiten&laquo; mehrmals die Erfahrung machen, dass sie von den M&auml;chtigen in Politik und Wirtschaft, in Medien und Wissenschaft massiv in deren Sinne beeinflusst, ja sogar manipuliert werden, dann werden sie dagegen immun. Zum einen k&ouml;nnen sie lernen, wie die Mechanismen der Manipulation funktionieren &ndash; das ist der nachhaltige &raquo;Aha-so-ist- das-Effekt&laquo; &ndash;, zum anderen entwickeln sie Mut gegen die g&auml;ngige Fremdbestimmung anzugehen, weil sie das Gef&uuml;hl bekommen, dass sie nicht alleine stehen mit ihrem Denken  und ihren Erfahrungen.<\/p><p>Wer mehrfach erfahren hat, wie mit ihm oder ihr gespielt wird, der wird immun dagegen. Der hegt Zweifel am Meinungsmainstream. Dieser Zweifel verhindert, dass L&uuml;gen zu Wahrheit werden, selbst wenn alle das Gleich sagen. <\/p><p>Wer die Manipulationen durchschaut und dies an sich selbst erlebt hat, wird h&auml;ufig auch selbst zu einem wirksamen Multiplikator in der Auseinandersetzung mit der herrschenden Meinung.<\/p><p>Es ist weiter wichtig, die Wertelosigkeit der Manipulateure und ihrer Ideologie sichtbar zu machen. Ihre Werte sind jenseits des Humanen, ihr Egoismus ist absto&szlig;end und passt nicht zum Geist und zu den Versprechen unseres Grundgesetzes.<\/p><p>&raquo;Jeder ist seines Gl&uuml;ckes Schmied&laquo; &ndash; das ist keine humane Regel sozialen Zusammenlebens, es ist auch nicht zukunftsweisend.<br>\nEs ist h&ouml;chste Zeit, dass wir die Auseinandersetzung mit diesem Denkmuster offensiv f&uuml;hren. <\/p><p>Jede Strategie zum Aufbau einer demokratischen Gegen&ouml;ffentlichkeit wird darauf setzen m&uuml;ssen, dass die Zahl derer w&auml;chst, die sich die t&auml;gliche Manipulation nicht mehr gefallen lassen und bereit sind, als Multiplikatoren in einem Umfeld zu wirken, das medial von einer ganz anderen Linie gepr&auml;gt ist.<\/p><p>Solange unsere Parteiendemokratie noch einigerma&szlig;en intakt war, hat man sich zum Beispiel in den Gliederungen der einzelnen Parteien getroffen, um zu debattieren und Aktionen vorzubereiten.<br>\nHeute findet das kaum mehr statt.<br>\nWarum aber sollte sich die Debatte politischer und gesellschaftlicher Fragen nicht auch zwischen den B&uuml;rgern selbst organisieren lassen?<\/p><p>Eine gro&szlig;e Hoffnung ruht auf dem Internet.<br>\nSog. Blogs leisten einen beachtlichen Beitrag zur Aufkl&auml;rung. LobbyControl kl&auml;rt auf &uuml;ber Lobbying, PR-Kampagnen und Denkfabriken; Spiegelfechter betreibt investigativen Journalismus, wie man ihn beim &raquo;Spiegel&laquo; seit langem vergebens sucht; &raquo;BILDBlog&laquo; enth&uuml;llt die zahllosen Wahrheitsverf&auml;lschungen der auflagenst&auml;rksten, deutschen Zeitung. Blogs wie &bdquo;Herdentrieb&ldquo; oder &bdquo;weissgarnix&ldquo; konfrontieren die dominierenden Str&ouml;mungen der &Ouml;konomie mit ihrem Versagen; Ad sinistram bringt gesellschaftskritische Essays.<br>\nDas ist nur eine kleine Auswahl unter vielen lesenswerten Blogs.<\/p><p>Auch die Internetseiten mancher Organisationen und Gruppen sind oft n&uuml;tzliche Informationsquellen &ndash; die Internetseiten der Friedrich-Ebert oder der Hans-B&ouml;ckler-Stiftung z.B. oder die von Attac und die von Gewerkschaften.<br>\nDie Websites von &bdquo;Sozialpolitik aktuell in Deutschland&ldquo; oder des Instituts f&uuml;r Arbeit und Qualifikation (IAQ) oder die &bdquo;Impulse&ldquo; des Instituts f&uuml;r Makro&ouml;konomie von Gustav Horn.<\/p><p>Wir freuen uns dar&uuml;ber, dass die &raquo;NachDenkSeiten&laquo; inzwischen mit t&auml;glich &uuml;ber 70.000 Besuchern zu einem der meistgenutzten politischen Blogs geworden sind. Das zeigt, dass es einen Bedarf an kritischer Auseinandersetzung gibt. <\/p><p>Die Welt braucht mehr &bdquo;undichte Stellen&ldquo; wie etwa Wikileaks.<br>\nWir brauchen mehr Whistleblower, also mehr Informanten, die Missst&auml;nde, illegales Handeln oder Korruption an das Licht der &Ouml;ffentlichkeit zerren. Wir brauchen noch mehr Lobby-Kontrolleure und Organisationen, die wie Transparency International die Korruption bek&auml;mpfen. Wir m&uuml;ssten viel h&auml;ufiger auf &ouml;ffentliche Schlichtungen dr&auml;ngen.<br>\nKurz: Wir brauchen mehr direkte und lebendige Demokratie.<\/p><p>Sie werden mir jetzt vielleicht entgegenhalten: Alles was Sie uns hier erz&auml;hlen, ist ja sch&ouml;n und gut, aber das sind doch nur alles kleine Nadelstiche, gegen die Macht des gro&szlig;en Geldes. Das sind doch nicht mehr als kleine Stolpersteine, die der &uuml;berm&auml;chtige Meinungsstrom leicht &uuml;berwindet.<\/p><p>Sie werden mich dar&uuml;ber hinaus vielleicht fragen, woraus ziehen Sie eigentlich Ihren Optimismus, dass es eine &Auml;nderung oder gar eine Wende geben k&ouml;nnte.<\/p><p>Ich habe Sie am Anfang meines Referates mit zahlreichen Umfragen genervt, die ein ernsthaftes Alarmzeichen f&uuml;r den Zustand unserer Demokratie sind. Zum Gl&uuml;ck gibt es auch Umfragen, die hoffnungsfroh stimmen k&ouml;nnen. <\/p><p>Man darf nicht den Fehler machen, Verdruss und Unzufriedenheit mit dem Funktionieren unserer Demokratie gleichzusetzen mit einer Ablehnung der Demokratie:<br>\nDenn mehrere Umfragen kommen &uuml;bereinstimmend auch zu dem erfreulichen Ergebnis, dass die ganz &uuml;berwiegende Mehrheit unserer Bev&ouml;lkerung ein demokratisches Staatswesen, das Grundgesetz und vor allem auch den Sozialstaat f&uuml;r verteidigenswert h&auml;lt.<br>\nSo hat etwa das Institut f&uuml;r Demoskopie Allensbach festgestellt, dass &uuml;ber 80 % unser Grundgesetz f&uuml;r gut halten.<br>\nAuch die schon genannte Polis\/Sinus-Studie der FES kommt zu dem Befund, und dass die gro&szlig;e Mehrheit der Bundesb&uuml;rger (78 %) unsere Gesellschaftsordnung f&uuml;r verteidigenswert h&auml;lt.<\/p><p>Die kritische Haltung der Bev&ouml;lkerung ist also weder demokratie-, noch sozialstaatskritisch oder gar -feindlich, wir haben es eher (noch) mit einer Politik-, Politiker- und Parteienverdrossenheit als mit einer Demokratieverdrossenheit zu tun.<\/p><p>Auf diesem Potential an demokratischem Bewusstsein und auf diese Zustimmung f&uuml;r den Sozialstaat l&auml;sst sich zum Gl&uuml;ck immer noch aufbauen. Wir sollten uns deshalb in die &ouml;ffentlichen Angelegenheiten mutig einmischen und nicht abwarten bis es zu sp&auml;t ist. <\/p><p>Wir k&ouml;nnen uns gewiss sein, dass wir zumindest die latente Sympathie der Mehrheit demokratisch und sozial gesinnter Menschen hinter uns haben &ndash; selbst wenn einem spontan Desinteresse oder gar Abwehr entgegenschlagen.<br>\nVielleicht muss man nur nach dem emotionalen Funken suchen, um bei den Menschen wieder demokratisches Feuer zu entfachen. <\/p><p>Ich freue mich deshalb &uuml;ber die Initiative und das Engagement des NachDenkSeiten-Gespr&auml;chskreises, der dieses Dresdener Fr&uuml;hjahrsgespr&auml;ch zusammen mit der Friedrich-Ebert-Stiftung und dem Deutschen Gewerkschaftsbund auf die Beine gestellt hat. <\/p><p>Lassen Sie uns heute ein weiteres St&uuml;ck demokratische &Ouml;ffentlichkeit aufbauen. Ich freue mich deshalb auf das kritische Gespr&auml;ch mit Ihnen und bedanke mich f&uuml;r Ihre Aufmerksamkeit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie aus einen &bdquo;systemischen Risiko&ldquo; der Banken ein Risiko f&uuml;r das System wurde &ndash; &Ouml;ffentliche Armut bei privatem Reichtum sprengen das Gemeinwohl<br \/> Referat auf dem <a href=\"?p=9334\">Dresdener Fr&uuml;hjahrsgespr&auml;ch 2011<\/a><br \/> Am 7. 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