{"id":934,"date":"2005-11-08T16:18:42","date_gmt":"2005-11-08T14:18:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=934"},"modified":"2016-03-01T10:29:52","modified_gmt":"2016-03-01T09:29:52","slug":"die-finanzierung-der-renten-ein-blick-auf-die-schweiz-und-von-dort-zuruck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=934","title":{"rendered":"Die Finanzierung der Renten &#8211; ein Blick auf die Schweiz und von dort zur\u00fcck"},"content":{"rendered":"<p>So k&ouml;nnte man einen Beitrag von G&uuml;nter Baigger nennen, den er f&uuml;r die NachDenkSeiten geschrieben hat. G&uuml;nter Baigger lebt als Versicherungsfachmann in der Schweiz. Ich fand seine Anmerkungen zum Schweizer System sehr interessant und habe ihn deshalb um seinen Beitrag gebeten. Wenn man seinen Text liest, dann begreift man auch ein St&uuml;ckchen mehr, welche tolle Erfindung das Umlageverfahren ist. Nicht alle seine Bemerkungen sind gleicherma&szlig;en treffend, aber vieles ist interessant und denkansto&szlig;end.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Die Finanzierung der Renten<\/strong><br>\n<em>Kriens, 1.11.2005<br>\nG&uuml;nter Baigger <\/em><\/p><p>Albrecht M&uuml;ller zitiert in seinem Buch &sbquo;die Reforml&uuml;ge&rsquo; den Bundespr&auml;sidenten der Bundesrepublik Deutschland, Horst K&ouml;hler: &bdquo;Der aktuelle Schuldenstand (1,4 Billionen Euro) und die Anwartschaften in den Sozialversicherungen (5,7 Billionen) belaufen sich auf insgesamt 7.1 Billionen Euro.&ldquo; (Rede des Bundespr&auml;sidenten vor dem Arbeitgeberverband vom 15. M&auml;rz 2005.) Die Aussage des Bundespr&auml;sidenten steht nat&uuml;rlich nicht isoliert in der politischen Landschaft. Viele andere ma&szlig;gebliche Pers&ouml;nlichkeiten haben in Deutschland &auml;hnliches gefordert. Er wird hier nur als Repr&auml;sentant ma&szlig;geblicher politischer Kreise zitiert, welche das gleiche wollen. <\/p><p>Mit seiner Aussage will der Bundespr&auml;sident zeigen, dass die finanzielle Verfassung von Deutschland weit schlechter ist als bisher angenommen. Es lohnt sich, die Aussage des Bundespr&auml;sidenten genauer zu pr&uuml;fen. Worum geht es: <\/p><p>Die deutsche Rentenversicherung ist nach dem Umlageverfahren finanziert. D. h., die aktive Erwerbsbev&ouml;lkerung zahlt Beitr&auml;ge in die Rentenversicherung ein. Diese werden sofort nach Eingang an die Rentner verteilt. Ein Kapital wird dabei nicht oder nur im Sinne einer Schwankungsreserve gebildet. Eine Alternative w&auml;re es, die deutsche Rentenversicherung nach dem Deckungskapitalverfahren zu finanzieren. In einem Deckungskapitalverfahren spart jeder Versicherte individuell f&uuml;r sich Geld bis zum Rentenalter, z. B. bis zum Alter 65. In diesem Zeitpunkt beginnt die Rente zu laufen. Aus dem Deckungskapital wird die Rente finanziert. Man sagt auch, die Rente wird im Deckungskapitalsverfahren vorfinanziert, da nicht die Beitragszahler der Rentnergeneration, sondern die Rentner zu ihrer eigenen aktiven Zeit, also lange vor dem Bezug die Rente finanziert haben. Es ist klar, dass das Verh&auml;ltnis von Beitr&auml;gen zu Leistungen stark von der Sterbeh&auml;ufigkeit und von der eingerechneten Verzinsung abh&auml;ngen. Der Zeitraum, in welcher gespart wird und das Deckungskapital aufbaut wird, hei&szlig;t der Aufbauphase, der Zeitraum des Rentenbezugs, wenn sich das Deckungskapital abbaut, hei&szlig;t die Abbau- oder Entsparphase. &Auml;hnlich spricht man in einem Land von Aufbauphase, in welchem ein deckungskapitalfinanziertes Rentensystem soeben eingef&uuml;hrt wurde, und mehr gespart als in Rentenform ausgezahlt wird. Wird etwa aufgrund demographischer Ver&auml;nderungen mehr Deckungskapital aufgrund Rentenzahlungen verbraucht, als einbezahlt, dann spricht man von Abbauphase. Dazwischen gibt es noch den Beharrungszustand, wo sich Beitragszahlungen und Rentenzahlungen die Waage halten. <\/p><p>Welche Vorteile hat das Umlageverfahren, welche hat das Deckungskapitalverfahren? Rein rechnerisch sind beide dann &auml;quivalent, wenn Zinsrate und Lohnsteigerungsrate bei voller Rentendynamik &uuml;bereinstimmen. Bei einem Umlageverfahren treten Finanzierungsprobleme auf, wenn aus irgendwelchen Gr&uuml;nden die Zahl der Beitragszahler abnimmt, oder die Zahl der Rentner zunimmt. Im Deckungskapitalverfahren treten diese Probleme rein rechnerisch nicht auf. Denn das Kapital ist da und man kann davon leben. Andererseits ist festzustellen, dass bei einer Neueinf&uuml;hrung des Deckungskapitalverfahrens in einem Land die Aufbauphase &uuml;ber 50 Jahre beansprucht. Dies ist ein gravierender Nachteil des Deckungskapitalverfahren. <\/p><p>Kehren wir zur zitierten &Auml;u&szlig;erung des Bundespr&auml;sidenten zur&uuml;ck. Wenn er von zus&auml;tzlichen Schulden von 5,7 Billionen Euro redet, dann meint er wohl, dass die f&uuml;r die Finanzierung der Renten notwendigen Mittel nicht im vornherein vorhanden sind. Damit die Schuld von 5,7 Billionen verschwindet, m&uuml;sste diese jedoch vorfinanziert, also als Sparkapital in dieser H&ouml;he vorhanden sein. Man br&auml;uchte somit ein Deckungskapital von 5.7 Billionen Euro. W&auml;re dieses Geld da, dann m&uuml;ssten die Aktiven nurmehr ihre Beitr&auml;ge brav weiter einzahlen, die Rente k&ouml;nnte dannzumal aus dem angesparten Deckungskapital finanziert werden <\/p><p>5,7 Billionen sind ein schwindelerregender Betrag, welcher den Empf&auml;nger der Botschaft ratlos zur&uuml;ckl&auml;sst. Wie soll man diese Summe aufbringen? Anstatt hier vor diesem Betrag zu erschrecken, sollte man die damit einhergehenden Probleme analysieren. Man sollte pr&uuml;fen, wie ein System mit diesem Kapital funktionieren soll. Indem man wie der Bundspr&auml;sident das nicht vorfinanzierte Sparkapital als Schuld erkl&auml;rt, handelt man sich ein neues Problem ein, das Problem n&auml;mlich, ein solches Kapitale verwalten zu m&uuml;ssen. <\/p><p>Vorab m&ouml;chte ich folgenden einfachen Sachverhalt in Erinnerung rufen: <\/p><p>Die deutsche Rentenversicherung hat zwei Weltkriege und eine Hyperinflation unbeschadet &uuml;berstanden. (Wie viel w&auml;re ein Deckungskapital von 5,7 Billionen Mark nach 1923 wert gewesen?). <\/p><p>Um die Wirkungsweise des Deckungskapitalverfahren in der Rentenversicherung zu studieren, begeben wir uns in die Schweiz. In der Schweiz hat man sowohl ein umlagefinanziertes als auch ein deckungskapitalfinanziertes System installiert, erg&auml;nzt um eine private Vorsorge. Die Schweiz m&uuml;sste also das Vorbild des Bundespr&auml;sidenten sein. <\/p><p>In der Schweiz bezeichnet man das Vorsorgesystem als das sogenannte Dreis&auml;ulenprinzip, welches in Deutschland vielfach als das &sbquo;Schweizer Modell&rsquo; bezeichnet wird. In diesem &sbquo;Modell&rsquo; spielen die zweite S&auml;ule also die betrieblichen Pensionskassen eine tragende Rolle. Die betrieblichen Pensionskassen sind als selbst&auml;ndige Rechtstr&auml;ger, meist als Stiftungen organisiert. Daneben gibt es noch die staatliche Alters- und Hinterlassenversicherung (AHV) sowie die steuerbeg&uuml;nstigte dritte S&auml;ule. Die AHV ist nach dem Umlagesystem finanziert, die zweite S&auml;ule sowie nat&uuml;rlich auch die dritte S&auml;ule nach Deckungskapitalverfahren. Die AHV-Renten betragen einkommensabh&auml;ngig zwischen rund 1&rsquo;000 und 2&rsquo;000 Franken. (Vermutlich ist dem Bundespr&auml;sidenten auch dieser Anteil an umlagefinanziertem System noch zu gro&szlig;.) Die zweite S&auml;ule soll obligatorisch diese Leistungen auf mindestens 60% des letzten Lohnes (maximal von rund 75&rsquo;000 Franken) erg&auml;nzen. Viele die Pensionskassen haben zus&auml;tzliche, sogenannte &uuml;berobligatorische Leistungen versichert.<\/p><p>Die AHV ist in der Schweiz seit Jahren, besser seit Jahrzehnten im Gerede. (Ein pensionierter Kollege hat mir gesagt, die Kritik an der AHV h&auml;tte bereits mit Inkrafttreten des AHV-Gesetzes 1948 begonnen, wo man das baldige Scheitern dieses umlagefinanzierten Vorsorgesystems prophezeit hat). Fast konstant hei&szlig;t es von bestimmten Experten: &sbquo;In zehn Jahren ist die AHV pleite&rsquo;. Ich habe Dutzende derartiger Artikel gelesen. Diese Artikel datieren von 1975 bis heute. Wissenschaftliche Studien versuchen die langfristige Unfinanzierbarkeit der AHV zu beweisen. Trotz dieser Unkenrufe belaufen sich die j&auml;hrlichen Gewinne der AHV auf 1 bis 2 Milliarden Franken (dies im Widerspruch zu den j&uuml;ngsten Prognosen). <\/p><p>Und noch ein wichtiger Aspekt. Die interne Ertragsrate der nach dem Mischindex (arithmetisches Mittel aus Lohn- und Preisindex) dynamisierten AHV ist erheblich h&ouml;her als das, was die Pensionskassen erwirtschaften. Dies liegt zum einen an staatlichen Zusch&uuml;ssen an die AHV, zu einem wesentlichen Teil aber daran, dass das Umlagesystem wirtschaftliches Wachstum dank der mit den L&ouml;hnen steigenden Beitr&auml;gen schnell und automatisch weitergeben kann.  <\/p><p>Der Aussage des Bundespr&auml;sidenten liegt die Vorstellung zugrunde, dass Kapital so etwas wie ein Vorrat sei, den man speichern und bei Bedarf aufbrauchen k&ouml;nne. Das Kapital muss jedoch angelegt werden, d. h. anderen zur Verf&uuml;gung gestellt, welche dann daraus Ertr&auml;ge erwirtschaften, woraus man die Rente finanzieren kann. Angesichts der Betr&auml;ge, welche im Rahmen eines deckungskapitalfinanzierten Systems angelegt werden m&uuml;ssen, ist die Sicherheit des Deckungskapitalverfahren (DKV) keinesfalls so sicher, wie allgemein angenommen wird. Im Gegenteil das DKV st&ouml;&szlig;t angesichts der enormen anzulegenden Betr&auml;ge auf un&uuml;berwindbare Schranken. <\/p><p>Interessanterweise hat in der Schweiz nach dem B&ouml;rsencrash die zweite S&auml;ule Schlagseite bekommen, und versprochene Leistungen gek&uuml;rzt, w&auml;hrend die AHV ihre Leistungen halten konnte, und wahrscheinlich auch in naher und ferner Zukunft wird halten k&ouml;nnen. Sehen wir uns die zweite S&auml;ule dazu genauer an. Zur Zeit sind rund 600 Milliarden Franken in der zweiten S&auml;ule gespart. Jedes Jahr kommen weitere 30 Milliarden hinzu. Die zweite S&auml;ule befindet sich somit in der Aufbauphase. Das Geld der zweiten S&auml;ule ist inzwischen mehr Last als Lust. 600 Milliarden Franken wollen angelegt werden, um den eingerechneten Zins zu erwirtschaften. Aber aufgrund der f&uuml;r Schweizer Verh&auml;ltnisse unglaublichen H&ouml;he des Deckungskapitals beeinflusst das Kapital den eigenen Preis beeinflusst. Der Preis f&uuml;r den Bezug von Kapital ist der Zins. Und weil im Rahmen der zweiten S&auml;ule soviel Kapital angeboten wird, dann sinkt der Zins. <\/p><p>Wenn aber der Zins sinkt, dann hat das aber auch Auswirkungen auf das Beitrags-Leistungsverh&auml;ltnis. Basierend auf den f&uuml;r Schweizer Pensionskassen verwendeten Grundlagen der Eidgen&ouml;ssischen Versicherungskasse, EVK2000, l&auml;sst sich zeigen, dass die Senkung des Zinses um ein halbes Prozent eine Leistungsk&uuml;rzung bzw. eine Pr&auml;mienerh&ouml;hung von &uuml;ber 15% notwendig macht. Betr&auml;fe die Zinssenkung in Zeiten einer Zinsbaisse alle Vorsorgeeinrichtungen, dann m&uuml;sste man, wenn man das Leistungsniveau beibehalten wollte, das gesamte Deckungskapital um 6% bis 10% erh&ouml;hen.1 W&auml;re das deutsche System auf Deckungskapitalverfahren im Sinne des Bundespr&auml;sidenten umgestellt, dann w&uuml;rde sich das gesamtdeutsche Deckungskapital (und eventuell die deutsche Schuld) bei einer Zinserh&ouml;hung von einem halben Prozent um 300 bis 500 Milliarden Euro erh&ouml;hen, oder man m&uuml;sste die Leistungen senken, oder man m&uuml;sste von dem Prinzip der vollen Finanzierung abgehen. Eine Leistungssenkung w&auml;re aber genau der Schritt, der bei einem umlagefinanzierten System als mangelnde Sicherheit der Renten in Frage interpretiert. Eine Leistungsk&uuml;rzung w&uuml;rde somit den Zweck der Umstellung auf Deckungskapitalverfahren konterkarieren. <\/p><p>Hinzu kommt die Frage, welchen Wert die Anlagen der Vorsorgeeinrichtungen haben werden, wenn sich in den kommenden Jahren die demographischen Verh&auml;ltnisse entsprechend den Prognosen verschlechtern, also wenn das System in die Abbauphase kommt. In einem statischen Modell m&uuml;ssten die Lebensversicherungsgesellschaften ihre Aktiven verkaufen, was deren Preis senken w&uuml;rde (und die Sicherheit der Renten beeintr&auml;chtigen w&uuml;rde. Es besteht die Gefahr, dass sich das aufgesparte Kapital entwertet. <\/p><p>Ein Schlaglicht auf einen solchen Prozess wirft folgende Geschichte, welche sich in der Schweiz in den Siebziger Jahren abgespielt hat: Als die Pensionskassen der Uhrenregion in der Westschweiz ihre Wohnungen nicht mehr vermieten konnten, hatten sie Schwierigkeiten, ihren Verpflichtungen nachzukommen. &Auml;hnliches k&ouml;nnte in Deutschland passieren, wenn die demographischen Prognosen zutreffen. Wenn sie hingegen nicht zutreffen, w&auml;ren aber auch die umlagefinanzierten Renten gesichert. <\/p><p>Fazit: Ein Deckungskapitalverfahren macht die Renten nicht sicherer. <\/p><p>Hinzu kommt: Bereits jetzt zu Beginn einer Rezession in der Schweiz wurde offenkundig, dass man sich auf die Wertbest&auml;ndigkeit der vorfinanzierten Renten nicht verlassen kann. Was wird dann bei starken demographischen Ver&auml;nderungen der Fall sein? Es gilt &ndash; mit kleinen Einschr&auml;nkungen -, was Prof. Schwartz bereits 1977 geschrieben hat: Jedes Deckungskapitalverfahren ist makro&ouml;konomisch ein Umlageverfahren. Man lebt immer nur aus der laufenden Produktion. Die Rentner kaufen G&uuml;ter, welche von der aktiven Generation produziert werden. <\/p><p>Kehren wir in die heutige Zeit zur&uuml;ck: Die Schweiz hat seit 1990 noch niedrigere Wachstumsraten als Deutschland. Gleichzeitig kann das Geld nurmehr teilweise in der Schweiz angelegt werden. Pro Jahr flie&szlig;en 15 Milliarden Franken der zweiten S&auml;ule ins Ausland. &Uuml;berdies ist das angelegte Geld auch in der Schweiz nicht mehr sicher, da zumindest im Inland sichere Anlagen begrenzt sind. (Ein Beispiel unter anderen: Beim Swissair-Debakel haben Schweizer Pensionskassen an die 5 Milliarden Franken verloren). <\/p><p>Man geht nicht zu weit, wenn man das Kernst&uuml;ck des Schweizer Modell Altersvorsorge, die zweite S&auml;ule, als teuer, unsicher und wirtschaftsfeindlich bezeichnet. Die Verwaltungskostens&auml;tze der Schweizer zweiten S&auml;ule d&uuml;rften mehr als 10% der Pr&auml;mien umfassen. Genaue Zahlen sind schwer zu ermitteln, und werden nat&uuml;rlich zumindest von den Versicherungsgesellschaften nicht herausgegeben. Vielleicht ein positiver Aspekt der Schweizer S&auml;ule: Die zahlreichen Arbeitnehmer, welche im Zusammenhang mit der zweiten S&auml;ule ihr Brot verdienen, d&uuml;rften die Arbeitslosenzahl der Schweiz verkleinert haben. (Besch&auml;ftigungsprogramm zweite S&auml;ule?)  <\/p><p>Es kommt hinzu, dass die &ouml;ffentliche Hand der Schweiz zur Zeit von einer geradezu pathologischen Sparmanie heimgesucht wird. Damit wird den Pensionskassen auch der Weg abgeschnitten, die Gelder der zweiten S&auml;ule beim Staat anzulegen. Staatliche Anleihen rentieren in der Schweiz nurmehr rd. 1.8 %, was l&auml;ngerfristig die Renten schm&auml;lern d&uuml;rfte. Statt die Gelegenheit zu nutzen, und in die Zukunft zu investieren, verschm&auml;ht die b&uuml;rgerliche Mehrheit dieses Geld, obwohl die Konditionen einmalig g&uuml;nstig sind.  <\/p><p>Gleichzeitig gibt es auch hierzulande so etwas wie die Nachplapperei, von welcher Albrecht M&uuml;ller in Bezug auf die deutsche Situation schreibt. Die zweite S&auml;ule wird in der Schweiz nur wenig kritisiert, w&auml;hrend alles auf die AHV (z. Z. noch mehr die IV) starrt, welche weiterhin den Pr&uuml;gelknaben der Sozialversicherungsdiskussion spielt. Ein Unterschied zu Deutschland besteht allerdings. Die Schweiz wird im Ausland von ihren Politikern nicht so schlecht dargestellt wie dies in Deutschland &uuml;blich geworden ist. <\/p><p>Zur&uuml;ck nach Deutschland; In Deutschland sollen gem&auml;ss den Worten des Bundespr&auml;sidenten 5,7 Billionen Euro von Pensionskassen verwaltet werden. Erste Frage: Wer sollte das verwalten. Die deutsche Rentenversicherung? Aber widerspr&auml;che dies nicht ihren ordnungspolitischen Vorstellungen? Eine &ouml;ffentlichrechtliche Institution, welche so viel Geld verwalten w&uuml;rde, h&auml;tte eine unglaubliche wirtschaftliche Macht. Ein Ausweg w&auml;re, das Geld den Versicherungsgesellschaften zu geben. Jedoch: In der Schweiz waren es die privaten Versicherungsgesellschaften, welche bei der Zinsbaisse als erste einknickten. Sie waren es, welche auf juristisch h&ouml;chst problematische Weise aber mit dem Segen der zust&auml;ndigen Aufsichtsbeh&ouml;rde als sicher geglaubte Leistungen k&uuml;rzten, ein Novum, welches sich die AHV nie h&auml;tte leisten k&ouml;nnen. Gem&auml;ss NZZ am Sonntag vom 30.3.2003 erw&auml;gt Paul M&uuml;ller, Chef Schweiz der Rentenanstalt, des Marktf&uuml;hrers in Sachen beruflicher Vorsorge, den g&auml;nzlichen Ausstieg seiner Firma aus dem Gesch&auml;ft der zweiten S&auml;ule, falls der technische Zins nicht gesenkt werden kann. Realistisch w&auml;re f&uuml;r ihn eine Verzinsung von 2 %. Auch andere Schweizer Gesellschaften denken daran, das unrentable Gesch&auml;ft der zweiten S&auml;ule an den Nagel zu h&auml;ngen. <\/p><p>Selbst wenn die Vorsorge nach Schweizer Vorbild von Stiftungen gef&uuml;hrt w&uuml;rde, bleiben Fragen: Die Summe von 7,5 Billionen ist zwar im Verh&auml;ltnis zum BIP in &auml;hnlichem Rahmen wie in der Schweiz. Aufgrund der absoluten Zahlen tr&auml;ten in Deutschland dennoch neue Probleme auf. Wenn in Deutschland in &auml;hnlichem Ausma&szlig; wie in der Schweiz Geld ins Ausland abflie&szlig;en w&uuml;rden, w&auml;ren dies statt 15 Milliarden Franken 150 Milliarden Euro, welche f&uuml;r mindestens eine Generation pro Jahr ins Ausland abflie&szlig;en w&uuml;rden. Wird dieses Geld je zur&uuml;ck kommen? Deutschland wird aufgrund der gr&ouml;&szlig;eren Summen erheblich M&uuml;he haben, diese Gelder im Ausland unterzubringen. Die auch au&szlig;enpolitisch relevante Frage ist zu beantworten: Was wird damit finanziert? <\/p><p>Aber selbst wenn das Geld im Inland bleibt, bleiben Gefahren: Eine solche Menge Geld zieht zwielichtige Anlageberater an. Und dann, die Anzahl gut rentierender und sicherer Anlagen ist in jedem Land begrenzt. Zwangsl&auml;ufig m&uuml;ssen Pensionskassen &sbquo;faule Eier&rsquo; in Kauf nehmen. <\/p><p>Und ausgerechnet das System soll sicherer sein. Es sei die Frage gestattet: Ist der deutsche Bundespr&auml;sident &Ouml;konom? <\/p><p>Noch nicht ber&uuml;cksichtigt ist die Tatsache, dass die Konsequenz des Bundespr&auml;sidenten ein Neuaufbau der zweiten S&auml;ule w&auml;re. Dies im Gegensatz zur Schweiz, wo die zweite S&auml;ule eine &uuml;ber hundertundf&uuml;nfzigj&auml;hrige Tradition hat, und in relativ kleinen Schritten aufgebaut wird. Die j&auml;hrliche Kapitalzuwachsraten w&auml;ren deshalb in Deutschland noch erheblich h&ouml;her als in der Schweiz. Und gerade die &ouml;konomische Ver&auml;nderung ist es, welche die Wirtschaft belastet. Eine Umstellung auf Deckungskapitalverfahren w&uuml;rde in Deutschland gr&ouml;ssere Verwerfungen als in der Schweiz verursachen. Nach den Erfahrungen in der Schweiz w&uuml;rde sich bei einer Umstellung auf Deckungskapitalverfahren die &uuml;brigen Sparsummen nicht in gleichem Ausmass verkleinern. Wenn zus&auml;tzlich gespart w&uuml;rde, um Betr&auml;ge zu erreichen, wie sie der Bundespr&auml;sident nennt, dann w&uuml;rde der private Konsum in Deutschland weiter reduziert, ein zus&auml;tzliches kontrahierendes Moment f&uuml;r das ohnehin von Arbeitslosigkeit geplagte Land. <\/p><p>Der Bundespr&auml;sident hat in seiner Rede vom 15. M&auml;rz 2005 noch folgendes hinzugef&uuml;gt: &bdquo;Machen wir uns wirklich klar, welche Erblast das f&uuml;r unsere Kinder und Enkel bedeutet.&ldquo; Auch mit diesem Zitat steht der Bundespr&auml;sident f&uuml;r viele andere, welche das gleiche behaupten. <\/p><p>Nun nehmen wir noch einmal an, die Renten seien aus Zinsen und aus dem Verkauf der Aktiven des Deckungskapitals finanziert. Jedoch daran schlie&szlig;t sich die Frage an: Wer erwirtschaftet die Zinsen, wer bezahlt die Umwandlung des Deckungskapitals in Bargeld. Das sind genau die Kinder und Enkel, welche der Bundespr&auml;sident so in Schutz nimmt. Wenn aber das Deckungskapitalverfahren das Wirtschaftswachstum nachhaltig reduziert, dann wird es f&uuml;r die Kinder und Enkel noch viel schwieriger, die Renten zu finanzieren, als dies im Umlageverfahren der Fall gewesen w&auml;re. <\/p><p>Aufgrund dieser &Uuml;berlegungen k&ouml;nnte man zu folgender Konsequenz gelangen. Auch die betriebliche Vorsorge stelle eben kein vern&uuml;nftiges Vorsorgesystem dar. Als einzige L&ouml;sung bleibe: Jeder solle dank eigenem Sparen selbst f&uuml;r sich schauen. <\/p><p>Dies w&auml;re jedoch nur eine Scheinl&ouml;sung. Obige Ausf&uuml;hrungen gelten f&uuml;r das Sparen auf privater Basis in gleicher Weise wie f&uuml;r das Sparen auf betrieblicher Ebene. Auch private Sparer m&uuml;ssen gleich hohe, aufgrund der geringeren Effizienz des privaten Sparens sogar h&ouml;here Alterskapitalien anlegen, um ihre Vorsorge vorzufinanzieren. Die Probleme w&uuml;rden sich somit bei privatem Sparen gegen&uuml;ber einem Sparen im Rahmen der zweiten S&auml;ule noch versch&auml;rfen. Als Konsequenz erg&auml;be sich, dass Altersvorsorge f&uuml;r die Mehrheit der Bev&ouml;lkerung nicht mehr m&ouml;glich sei. Dies f&uuml;hrt jedoch zu einem noch gr&ouml;&szlig;eren Paradoxon. Die globalisierte Marktwirtschaft wird mit dem Markt begr&uuml;ndet, der alles effizienter macht. Mehr Effizienz hei&szlig;t aber auch, dass mit gleichem Aufwand mehr produziert werden kann. Die Folge m&uuml;sste sein, dass es uns allen besser ginge. Und jetzt sagt man den Menschen, die Altersvorsorge sein nicht mehr finanzierbar. Also m&uuml;ssen die Rentner verarmen. Das Argument des Bundespr&auml;sidenten hat damit folgende wohl Konsequenz: Nur eine Minderheit wird die Segnungen der Globalisierung genie&szlig;en k&ouml;nnen. <\/p><p>Die Rede des Bundespr&auml;sidenten kann schliesslich auf indirektem Wege sehr negative Wirkungen auf das existierende deutsche Rentensystem haben. Denn implizit erf&auml;hrt der Empf&auml;nger der Botschaft, dass es Probleme mit der Finanzierung der Rentenversicherung gibt. Pessimistische Aussagen &uuml;ber die Finanzierung der umlagefinanzierten Altersvorsorge haben aber folgenden Effekt: Wenn junge Aktive in irgendeiner Form immer wieder h&ouml;ren, &sbquo;Eure Renten sind nicht sicher&lsquo;, verlieren sie die Motivation, Beitr&auml;ge an die Rentenversicherung zu zahlen. Daraus kann politischer Druck entstehen, die Rentenversicherung zur&uuml;ckzufahren. Ist dieser Druck erst einmal vorhanden, dann liegt es im Interesse der jungen Aktiven, den R&uuml;ckbau m&ouml;glichst rasch herbeizuf&uuml;hren, um den Schaden zu minimieren. Damit wird mit entsprechender Propaganda der R&uuml;ckbau der Rentenversicherung rasch in die Tat umgesetzt. Man redet das Ergebnis herbei, von dem man sagt, &sbquo;man wolle es nicht, aber man habe es gleich gesagt&lsquo;. Somit h&ouml;hlt der Bundespr&auml;sident die Rentenversicherung aus, obwohl es, wie oben beschrieben, keine vern&uuml;nftigen Alternativen zur heutigen Form der Rentenversicherung gibt. Andererseits ist festzuhalten: Die in diesem Zusammenhang immer wieder angesprochenen demographischen Ver&auml;nderungen lie&szlig;en sich ohne weiteres durch Beitragserh&ouml;hungen auffangen. Man muss nur die steigende Produktivit&auml;t in Rechnung stellen. <\/p><p>Res&uuml;mee: Man kann nicht genug davor warnen, dass Deutschland die Schweizer Art der Altersvorsorge &uuml;bernimmt. Soweit ich diese Diskussion von au&szlig;en verfolgen kann, ist man sich in Deutschland der Schw&auml;chen des Schweizer Modell nicht bewusst. <\/p><p>G&uuml;nter Baigger<br>\nBuchenweg 10<br>\n6010 Kriens<br>\nSchweiz\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So k&ouml;nnte man einen Beitrag von G&uuml;nter Baigger nennen, den er f&uuml;r die NachDenkSeiten geschrieben hat. G&uuml;nter Baigger lebt als Versicherungsfachmann in der Schweiz. Ich fand seine Anmerkungen zum Schweizer System sehr interessant und habe ihn deshalb um seinen Beitrag gebeten. 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