{"id":9346,"date":"2011-05-06T12:54:31","date_gmt":"2011-05-06T10:54:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9346"},"modified":"2014-08-28T15:17:23","modified_gmt":"2014-08-28T13:17:23","slug":"diese-herrliche-unzulanglichkeit-des-vorstellens-und-des-fuhlens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9346","title":{"rendered":"\u201e&#8230; diese herrliche Unzul\u00e4nglichkeit des Vorstellens und des F\u00fchlens\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Von Brigitta Huhnke<\/p><p><strong>T&auml;ter &ndash;Opfer Umkehr: &bdquo;die Stunde Null&ldquo;<\/strong><br>\nDie eigentliche historische Z&auml;sur vollzieht sich seltsam unaufgeregt. Vor 66 Jahren haben die Alliierten &bdquo;das Grauen, das Deutschland &uuml;ber die Welt gebracht hat&ldquo;[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] (Imre Kert&eacute;sz) zum Stillstand gebracht &ndash; zumindest &auml;u&szlig;erlich. Die letzten &Uuml;berlebenden werden in wenigen Jahren endg&uuml;ltig gegangen sein, ebenso die letzten T&auml;ter. Doch die &Uuml;bergabe ist &auml;u&szlig;erst einseitig geregelt.<br>\n<!--more--><\/p><p>&bdquo;Eine Stunde Null gab es f&uuml;r uns freilich nicht&ldquo;(Ruth Kl&uuml;ger)[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] . Im Gegenteil: bis heute leiden &Uuml;berlebende, von denen immer weniger unter uns weilen unter Alptr&auml;umen und bedr&auml;ngenden Bildern, viele am Ende ihrer Tage immer noch unter &bdquo;&Uuml;berlebensschuld&ldquo;.<br>\nDie Fragen, denen sich die deutsche (Mehrheits-) Gesellschaft heute weitgehend entzieht sind zahlreich: Wie haben wir das Feld bestellt, um das historische Ged&auml;chtnis und Erinnerung lebendig zu halten? Wie haben wir uns noch zu Lebzeiten mit den T&auml;terInnen auseinandergesetzt, nicht nur mit denen, die wir in B&uuml;chern, Ausstellungen und Gedenkst&auml;tten finden und die jederzeit Distanzierung erm&ouml;glichen, sondern welche Spuren und Dokumente haben wir ganz konkret &uuml;ber aus unseren Familien stammende T&auml;ter gesichert? Was wissen wir &uuml;ber ihre Dienstgrade, was von ihren Taten an welchen Orten? Wer von uns hat sie nach ihren Gef&uuml;hlen von damals gefragt? Womit sind wir, die Kinder und Kindeskinder bis heute identifiziert? Rechtfertigungsdruck kommt au&szlig;erdem noch von einer anderen Seite: In Gro&szlig;st&auml;dten wie Hamburg haben mittlerweile fast 50 Prozent der untere 25-j&auml;hrigen einen Migrationshintergrund. Mit welchem gesellschaftlichen Erbe sehen sich eigentlich deutsche B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger konfrontiert, die in diesem Land in migrantischen Zusammenh&auml;ngen geboren und aufgewachsen sind?<br>\nWie viele Berichte von &Uuml;berlebenden bezeugen, haben die Nazis bereits in den Todeslagern sehr bewusst gegen das Konzept Erinnerung Krieg gef&uuml;hrt, die Menschen verh&ouml;hnt und das Grauen um so wilder exekutiert. Deshalb, so schreibt Primo Levi kurz vor seinem Tod, m&uuml;sse die Geschichte des &bdquo;&rsquo;Tausendj&auml;hrigen Reiches&rsquo; als Krieg gegen das Erinnern neu gelesen werden, als Orwellsche Falsifikation der Erinnerung, als Falsifikation der Realit&auml;t, als Verneinung der Realit&auml;t&ldquo;. [<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>]<br>\nIn &bdquo;Atempause&ldquo; beschreibt  Primo Levi, wie er kurz nach der Befreiung, im Oktober 1945,  durch Tr&uuml;mmerlandschaften M&uuml;nchens irrt, erkenntlich als einer der von dort gekommen ist, aber niemand nimmt die Herausforderung an, keiner stellt Fragen, stattdessen: &bdquo;taub, blind, stumm waren sie eingeschlossen in Ruinen, wie in eine Festung gewollter Unwissenheit, noch immer stark, noch immer f&auml;hig zu Hass und Herabw&uuml;rdigung, noch immer geknotet unters Joch von Hochmut und Schuld&ldquo; Und verzweifelt nimmt er die absolute Abwesenheit von Empathie zur Kenntnis: &bdquo;Ich suchte nach Gesichtern, die unm&ouml;glich nicht wissen, nicht antworten, sich nicht erinnern konnten, da sie doch kommandiert und gehorcht, get&ouml;tet, gedem&uuml;tigt und von der Bestechlichkeit ihrer Geiseln gelebt hatten.&ldquo;[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>]<br>\nGerade heute scheint sich der Pessimismus von Levi und anderen &Uuml;berlebenden zu best&auml;tigen, wenn auch in modifizierter Form. Vor allem drohen sich die Grenzlinien  zwischen Opfern einerseits und andererseits den T&auml;tern sowie diese sie st&uuml;tzenden &bdquo;Bystanders&ldquo;(Dabeistehenden) und Gaffern aufzul&ouml;sen.<br>\nW&auml;hrend f&uuml;r die &Uuml;berlebenden auch nach der Befreiung f&uuml;r immer die &bdquo;Kontinuit&auml;t des Lebens zerbrochen ist&ldquo;(Kert&eacute;sz)[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>], schufen sich die T&auml;ter mit aller wieder gew&auml;hrten politischen Macht die &bdquo;Stunde Null&ldquo;. In atemberaubender Geschwindigkeit und zum Entsetzen der Geschundenen setzten sie diesen Leit-Diskurs durch, womit bis heute in dieser Tradition, trotz vieler Modifikationen, die allerdings eher den Charakter der Beschweigens und Besch&ouml;nigens tragen, die Wahrheit der Geschichte manipuliert, wenigstens aber abgewehrt wird: Mit &bdquo;Krieg und Vertreibung&ldquo; bis hin zu &bdquo;Leitkultur&ldquo; oder &bdquo;Land der Lebenschancen&ldquo;, wie Angela  Merkel 2007 die Bundesrepublik zynisch lobte. Daran kann auch der offizielle &bdquo;Gedenkmarkt&ldquo; (Klaus Briegleb)[<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>], wie er seit etwa 25 Jahren betrieben wird, wenig &auml;ndern.  <\/p><p>Die &bdquo;Stunde Null&ldquo; beginnt mit den Deutschen als Opfer, vor allem mit den &bdquo;Vertriebenen&ldquo;, die nach der Befreiung 1945 Osteuropa verlassen mussten. Eine besonders unr&uuml;hmliche Rolle beim Durchsetzen dieses Diskurses spielten dabei die ersten Drahtzieher der westdeutschen Geschichtswissenschaft, in dem sie von 1951 bis 1961 das erste Gro&szlig;projekt der Verleugnung betrieben, die sogenannte &bdquo;Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa&ldquo;, mit tatkr&auml;ftiger Unterst&uuml;tzung der Adenauer-Regierung und Verb&auml;nden der Vertriebenen. Unter der  Leitung von Theodor Schieder, der einige Jahre zuvor noch die &bdquo;Entjudung Restpolens&ldquo; gefordert hatte, befragten Werner Conze, Hans Rothfels,  Martin Broszat, allesamt tatkr&auml;ftig in  das NS-Regime  verstrickt,  11 000 &bdquo;Vertriebene&ldquo;. Ihnen zur Seite stand der junge Assistent  Hans-Ulrich Wehler. Unterst&uuml;tzt wurde diese &bdquo;Forschung&ldquo;, aus der etwa 1000 &bdquo;Dokumente von 1954 bis 1963 ver&ouml;ffentlicht wurden, vom sogenannten  &bdquo;Ministerium f&uuml;r Vertriebene&ldquo;, das von 1953 bis 1963  Theodor Oberl&auml;nder f&uuml;hrte. Oberl&auml;nder war im Krieg unter anderem Mitglied des Bataillon Nachtigall gewesen, das im Juli 1941 unter der j&uuml;dischen Bev&ouml;lkerung Lembergs ein Massaker veranstaltet hatte. Nach dem Krieg und amerikanischer Gefangenschaft trat er zun&auml;chst in die FDP ein, war dann 1950 Gr&uuml;ndungsmitglied der Partei &bdquo;Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten&ldquo;, sp&auml;ter   Mitglied der CDU. <\/p><p>Die bisher umfassendste Untersuchung dieser &bdquo;Dokumentation&ldquo;  hat der US-Historiker Robert Moeller in seiner Arbeit &bdquo;War Stories&ldquo;[<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>] vorgelegt, f&uuml;r die er die Erlebnisberichte von Deutschen,  systematisch gesichtet und analysiert hat.  In keinem dieser Berichte, werden vorbehaltlos, also ohne jeglichen Zwang zur Relativierung, zur Auf- und Abrechnung, deutsche Verbrechen in Polen und in der Sowjetunion anerkannt. Damit wurde das geschaffen, was Robert Moeller &bdquo;die Anerkennung einer &lsquo;imaginierten Gemeinschaft&rsquo; als Leidensgemeinschaft&ldquo;[<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>] analysiert.  Mit Hervorheben eigenen deutschen Leidens wird so die Vernichtung &bdquo;dethematisiert&ldquo;. Diese Geschichten der &bdquo;Vertriebenen&ldquo; sind vielmehr getrieben von dem  Zwang sich oder andere Deutsche als Opfer z.B. der Polen und Russen zu inszenieren. Diesen  Bekundungen fehlt jegliche Empathie und Scham f&uuml;r die Verbrechen an europ&auml;ischen Juden, an Sinti und Roma oder anderen Opfergruppen, vielmehr widert vor dem Hintergrund der Vernichtung die Formelhaftigkeit, die Zeitlosigkeit rassistischer Klischees und vor allem der antisemitische Subtext an. <\/p><p>W&auml;hrenddessen waren viele NS Opfer noch stumm bzw. versuchten sich vergeblich Geh&ouml;r zu verschaffen,  wie beispielsweise Primo Levi mit seinen Erinnerungen &bdquo;Ist das noch ein Mensch&ldquo;: Sie waren noch mit dem &Uuml;berleben besch&auml;ftigt, mit der Trauer um die Ermordeten  der Familie,  nicht wenige mit &bdquo;&Uuml;berlebensschuld&ldquo;. Viele j&uuml;dische &Uuml;berlebende waren  durch Europa geirrt, versuchten in Israel oder in den USA Fu&szlig; zu fassen oder kamen ins Land der T&auml;ter zur&uuml;ck.  W&auml;hrend &Uuml;berlebende damit gerungen haben, eine Sprache f&uuml;r ihre Qualen zu finden, hatten sich die T&auml;ter bereits  eine neue kollektive Identit&auml;t als Opfer geschaffen, mit entsprechenden Diskursen &uuml;ber &bdquo;Befehlsnotstand&ldquo;, &bdquo;die saubere Wehrmacht&ldquo;,  bis hin zu Gesetzen, die fast allen der Millionen von T&auml;tern bis zu ihrem Lebensende Straffreiheit gew&auml;hrten.[<a href=\"#foot_9\" name=\"note_9\">9<\/a>]<br>\nDas alles war und ist weiterhin nur m&ouml;glich bei v&ouml;lliger Abwesenheit von Schuld- und Schamgef&uuml;hlen. Noch unter dem Eindruck des Prozesses gegen Adolf Eichmann und des Frankfurter Auschwitz Prozesses stehend verweist G&uuml;nther Anders auf das Monstr&ouml;se und wie es psychisch abgewehrt wurde: &bdquo;Es gab ja diese herrliche Unzul&auml;nglichkeit des Vorstellens und des F&uuml;hlens&ldquo;.[<a href=\"#foot_10\" name=\"note_10\">10<\/a>]<br>\nDie Nachgeborenen der T&auml;ter waren damals &uuml;berwiegend noch Kinder und Jugendliche, also unschuldig, viele aber waren der Dauerkontamination mit einsch&uuml;chternden  Mantren &uuml;ber &bdquo;Flucht und Vertreibung&ldquo; ausgeliefert, h&ouml;rten aber ebenso magische Worte wie &bdquo;Partisanenbek&auml;mpfung&ldquo;.<br>\nWarum aber diese &bdquo;herrliche Unzul&auml;nglichkeit des Vorstellens und des F&uuml;hlens&ldquo; bis heute andauert, das zu erkl&auml;ren, daf&uuml;r sind wir Nachgeborenen sehr wohl verantwortlich, z.B. daf&uuml;r:<br>\nAusgerechnet im Vorfeld des 60. Jahrestages der Befreiung ver&ouml;ffentlichte der Deutsche Taschenbuch Verlag das Machwerk der Opfer-T&auml;terumkehr erneut, ohne jegliche Reflexion oder gar quellenkritische Einsch&auml;tzung. Positiv bewirbt &bdquo;Weltbild&ldquo; f&uuml;r seinen  Internetversand: &bdquo;Die Vertreibung der Deutschen 1944 bis 1947. &Uuml;ber 1.000 Augenzeugenberichte und Dokumente &uuml;ber eine der gr&ouml;&szlig;ten Katastrophen, die die deutsche Bev&ouml;lkerung im Osten erleben musste.&ldquo; Und zitiert dazu aus &bdquo;Der Spiegel&ldquo;: &rdquo;Bis heute eine der beeindruckendsten Sammlungen &uuml;ber das Elend am Ende des Krieges.&rdquo;<\/p><p><strong>Der &bdquo;Zeitzeuge&ldquo; erobert den &bdquo;Gedenkmarkt&ldquo; <\/strong><br>\nErst  mit dem Eichmann Prozess und noch st&auml;rker mit dem Auschwitzprozess fassten mehr und mehr &Uuml;berlebende den Mut in die &Ouml;ffentlichkeit zu treten. Die Grausamkeiten, die Morde an Millionen von Menschen lie&szlig; sich nicht mehr verleugnen, zu viel kam ans Tageslicht. Nicht  zuletzt fingen auch heranwachsende Kindern der T&auml;ter &ndash;  vereinzelt zumindest  &ndash; Fragen zu stellen, wenn auch weniger nach den pers&ouml;nlichen Taten der V&auml;ter und Gro&szlig;v&auml;ter als abstrakter nach der Kriegsschuld. Und sie klagten &ouml;ffentlich  alte Nazis und Kriegsverbrecher an, die erneut Macht und Ansehen genossen. <\/p><p>Hatte der Schuldabwehr-Diskurs &bdquo;Stunde Null&ldquo; das Verbrechen als Geschehen exkulpiert und die Vertriebenenverb&auml;nde mit Hilfe vor allem der  CDU mit ihren Mantren &bdquo;Flucht und Vertreibung&ldquo; zu einer Art parlamentarischen Kraft gemacht, so tauchte ab Mitte der siebziger Jahre langsam und erst fast unbemerkt der &bdquo;Zeitzeuge&ldquo; auf. Die Absurdit&auml;t steckt schon im Komposita, dem zusammengesetzten Hauptwort, denn: w&auml;re ein Nicht-Zeitzeuge denkbar? Eine Zeugin oder ein Zeuge ist ein Mensch, der bei einem Ereignis zugegen ist. Davon zu unterscheiden w&auml;re die sekund&auml;re Zeugenschaft, die ein Mensch &uuml;bernimmt, der einem beim Ereignis anwesenden Menschen zuh&ouml;rt, beispielsweise einem &Uuml;berlebenden von Auschwitz und dessen Bericht &uuml;ber die dort erlittene Qual anh&ouml;rt und in moralischer Verantwortung daf&uuml;r Sorge tr&auml;gt, dieses Zeugnis der Geschichte weiterzutragen.<br>\nIn keinem Fall aber kann ein T&auml;ter der Vernichtung blo&szlig; &bdquo;Zeuge&ldquo; sein. Mit dem zun&auml;chst aber unsinnig erscheinenden Verdopplung &bdquo;Zeitzeuge&ldquo; wird der T&auml;ters lediglich zu einem, der in der Zeit (von 1933 bis 1945) anwesend war, trivialisiert.  Kein zweiter hat wie Guido Knopp seit den achtziger Jahren die PR f&uuml;r den &bdquo;Zeitzeugen&ldquo; betrieben und so unz&auml;hligen Wehrmachtssoldaten die Gelegenheit geboten, sich in ihrer Verlogenheit noch einmal (und davon einige dauernd) mitzuteilen, umrahmt von Kitsch und Melodrama. Somit wird nicht nur das Grauen der Geschundenen sondern auch die T&auml;terschaft nivelliert. Das Bigotte der modifizierten Mantren, unterst&uuml;tzt von erhabenen Kl&auml;ngen zum Berichteten oder auch gezeigten Schlachtget&uuml;mmel. Bis heute aber wird der Euphemismus &bdquo;Zeitzeuge&ldquo; kaum hinterfragt.<br>\nDer politische Philologe Klaus Briegleb beschreibt bereits 1989 den &bdquo;widerw&auml;rtige(n) B&ouml;rsenton der Gedenk-Markttage&ldquo;[<a href=\"#foot_11\" name=\"note_11\">11<\/a>] und  analysiert daf&uuml;r sehr ins Detail gehend. Sein ern&uuml;chterndes Resultat: &bdquo;Gesch&auml;ftige Gedenksprachen, Dokumentationstrubel, Leitartikelgl&auml;tte gedeihen zur Normalit&auml;t geordneter Diskursverh&auml;ltnisse, weil Vernunft in ihnen ist&ldquo;.[<a href=\"#foot_12\" name=\"note_12\">12<\/a>]  Seither ist die Trivialisierung zum ohrenbet&auml;ubenden Get&ouml;se wie auf einem Jahrmarkt angeschwollen. In den letzten f&uuml;nfundzwanzig Jahren wurde viel debattiert. Laut und vollmundig in der Bundesrepublik, doch selten reflektieren insbesondere Angeh&ouml;rige der Nachfolgegenerationen in Deutschland und &Ouml;sterreich die historische Rolle ihrer Familien. Demgegen&uuml;ber haben Kinder und Enkel der &Uuml;berlebenden insbesondere in den USA und  auch in Israel eine reichhaltige Erinnerungskultur geschaffen, vielf&auml;ltig, kontrovers, auch Geschmacklosigkeiten und dementsprechende Debatten[<a href=\"#foot_13\" name=\"note_13\">13<\/a>] geh&ouml;ren durchaus dazu.<br>\nIn diesem Land erstarren die Rituale. F&uuml;r Gedenkveranstaltungen sind in den letzten zehn Jahren die letzten &Uuml;berlebenden besonders begehrt, die Regie daf&uuml;r obliegt in der Regel den Nachkommen der T&auml;ter, deren konkrete Taten nach wie vor ausgeblendet bleiben. Dabei ist oft eine unheimliche Gesch&auml;ftigkeit zu beobachten. Die &Uuml;berlebenden werden so h&auml;ufig f&uuml;r die eigene Abwehr funktionalisiert, um sich z.B. nicht mit der pers&ouml;nlichen  NS-Familiengeschichte und den Folgen f&uuml;r das eigene Leben auseinandersetzen zu m&uuml;ssen.<\/p><p><strong>Der Ausschluss Polens aus dem &bdquo;Ged&auml;chtnisraum&ldquo;<\/strong><br>\nMangelnde Empathie ist besonders im Verh&auml;ltnis zum &ouml;stlichen Nachbarland festzustellen. Polen, als erstes Land gezielter und umfassendster kriegerischer Aggression, war als gesamtes Land das erste Opfer des modernen Vernichtungskrieges zu Land, zu Wasser und aus der Luft eines absolut asymmetrischen Krieges und hatte zudem zentrale Bedeutung den Terror von 1939 bis 1945 betreffend. Aber auf eine verst&ouml;rende Weise wird das Land (auch international) vor allem lediglich als geographischer Schauplatz der Vernichtungslager zur Kenntnis genommen,  bleibt aber in theoretischen und politischen Diskursen &uuml;ber Erinnern und Gedenken auf eigent&uuml;mliche Weise noch immer weitgehend fast ausgegrenzt. Im deutschen &bdquo;Ged&auml;chtnisraum&ldquo; sind Polinnen und Polen als Opfer, die, sowie deren Kinder und Kindeskinder, noch heute an den Folgen zu tragen haben, so gut wie nicht vorhanden. Wohl aber ger&auml;t Polen regelm&auml;&szlig;ig seit 66 Jahren in den Fokus offener Aggressionen der sogenannten &bdquo;Vertriebenenverb&auml;nde&ldquo;, die sich noch heute den Interessen der damaligen &bdquo;Volksdeutschen&ldquo; verpflichtet f&uuml;hlen. Die Bearbeitung des historischen Traumas der Polen bzw. wenigstens die Kenntnisnahme steckt in der deutschen historischen bzw. sozialwissenschaftlichen Forschung  allenfalls in den Anf&auml;ngen.<br>\nIn der neueren deutschen historischen Forschung haben sich die Untersuchungen zum NS-Terror in den letzten Jahrzehnten im wesentlichen auf die Ermordung der europ&auml;ischen Juden und den Vernichtungskrieg ab 1941 in der Sowjetunion konzentriert und auch das erst relativ sp&auml;t. Empfehlenswert sind deshalb die Ver&ouml;ffentlichungen des am Historischen Institut in Warschau arbeitenden deutschen Historikers Jochen B&ouml;hler, der sehr akribisch versucht deutsche Verbrechen in Polen nachzuzeichnen[<a href=\"#foot_14\" name=\"note_14\">14<\/a>]  .<br>\nDas Ziel war seitens der Aggressoren immer eindeutig: Bereits im M&auml;rz 1939 hatte Hitler gegen&uuml;ber dem Oberbefehlshaber des Heeres Walter von Brauchitsch sein Vorhaben Polen betreffend keine Zweifel gelassen. Das Land solle &bdquo;so niedergeschlagen werden, dass es in den n&auml;chsten Jahrzehnten als politischer Faktor nicht mehr in Rechnung gestellt zu werden braucht.&ldquo;. Ende August gab er seinen Befehlshabern als Verhaltensregel mit auf den Weg: &bdquo;Herz verschlie&szlig;en gegen Mitleid. Brutales Vorgehen. 80 Millionen [deutsche] Menschen m&uuml;ssen ihr Recht bekommen.&ldquo; [<a href=\"#foot_15\" name=\"note_15\">15<\/a>]<br>\nNach dem Krieg sind die Gewaltexzesse zwar in vielen Berichten polnischer Zeugen und Zeuginnen festgehalten worden. Aber im Westen wurden diese Zeugnisse lange nicht zur Kenntnis genommen oder mit der Begr&uuml;ndung, diese Aussagen seien durch kommunistische Sichtweise entstellt worden, abgewehrt.<\/p><p><strong>Die Gegenw&auml;rtigkeit der Verbrechen in Polen<\/strong><br>\nSeit einigen Jahren bin ich h&auml;ufig in Polen. Eines Tages berichtete mir eine befreundete Kollegin, die aus einer nicht-religi&ouml;sen, akademischen Familie in Polen stammt, heute in Norddeutschland lebend, Folgendes: Die Familie lebte in den sechziger Jahren in einem eigenen Haus, in einer gr&ouml;&szlig;eren polnischen Stadt. H&auml;ufig kam die Mutter abends vor dem Schlafen in das Zimmer dieses polnischen Kindes und ihrer Schwester und sagte: &bdquo;Betet Kinder, dass die Deutschen nicht kommen und uns das Haus wegnehmen&ldquo;. Beide Eltern haben Verfolgung durch Deutsche erlebt. Sie haben zwar nicht im Lager gesessen. Aber jetzt am Ende ihres Lebens bricht das Traumatische von damals wieder in ihr Erleben ein. Die Mutter ist unterdessen verstorben, um so st&auml;rker kommen jetzt beim Vater die alten &Auml;ngste zur&uuml;ck, bis hin zu Verfolgungs&auml;ngsten. Seither bin ich f&uuml;r solche Schilderungen empf&auml;nglich, h&ouml;re viel &uuml;ber Opfer in polnischen Familien,  sehe aber manchmal ebenso Verflechtungen mit der (volks-) deutschen Seite.  <\/p><p>Versuche der Ann&auml;herung an meine eigene Familiengeschichte unternehme ich schon lange, aber erst 2008 habe ich den Weg  in die kleine Stadt Nak&#322;o nad Notecia in Westpolen  gefunden, mich getraut dorthin zu gehen. <a href=\"http:\/\/maps.google.de\/maps?f=q&amp;source=s_q&amp;hl=de&amp;geocode=&amp;q=Nak%C5%82o%2Bnad%2BNoteci%C4%85,%2BPolen&amp;aq=&amp;sll=49.213497,8.100605&amp;sspn=0.313085,0.703125&amp;gl=de&amp;ie=UTF8&amp;hq=&amp;hnear=Nak%C5%82o+nad+Noteci%C4%85,+Powiat+Nakielski,+Woiwodschaft+Kujawien-Pommern,+Polen&amp;z=14\">Die Familie meines Vaters hat dort gelebt und war von Anfang an in die Grausamkeiten gegen die polnische Bev&ouml;lkerung, der j&uuml;dischen und nicht-j&uuml;dischen involviert<\/a>. Vorher habe ich viele Umwege unternommen. Ich habe in Archiven gesucht, bis ich im National Archive in Washington f&uuml;ndig wurde. Seit vielen Jahren halte ich Lehrveranstaltungen &uuml;ber Erinnerungskulturen ab, bem&uuml;he mich, Studierende zu ermutigen, in ihre Familiengeschichten zu schauen. Immer wieder aber wird das Studium der Erinnerungen von &Uuml;berlebenden f&uuml;r mich zentral. &Uuml;ber sie bekomme ich nicht nur Einblick in das Ausma&szlig; des Leidens sondern auch in die grenzenlosen Perversionen der T&auml;ter. Aber die Lekt&uuml;re zeigt mit ebenso immer wieder das Desiderat auf  unserer Seite der Nachkommen der T&auml;tergesellschaft.<\/p><p>Im Gemeindeamt habe ich im Fr&uuml;hjahr 2008 in den Unterlagen das Dorf gefunden, das fr&uuml;her Wilhelmsdorf hie&szlig;. Mit dem Namen &ndash; Polichno-  und der Hausnummer der B&uuml;rgermeisterin bin ich dann in einen kleinen lokalen Bus gestiegen. Noch steht in Polichno die Scheune des Bauernhofes, wo die Familie des Vaters gelebt hat. Wenig sp&auml;ter an diesem ersten Tag, im Wohnzimmer der B&uuml;rgermeisterin, berichtet mir ein alter Dorfbewohner, der etwas Deutsch kann, noch aus seiner Kindheit, als er zwangsweise Deutsch in der Schule hat lernen m&uuml;ssen &ndash;  dann Folgendes unter Tr&auml;nen: in die Scheune haben die Volksdeutschen des Ortes gleich in den ersten Septembertagen 1939 vor allem  polnische M&auml;nner des Ortes getrieben und misshandelt. Er konnte dann nicht weiter sprechen. Sp&auml;ter am Nachmittag  zeigte mir die B&uuml;rgermeisterin Gr&auml;ber im gegen&uuml;berliegenden Wald, ein gr&ouml;&szlig;eres Denkmal steht am Wald zur Stra&szlig;e hin. Im November 2009 war ich bei der Gedenkfeier f&uuml;r die in den ersten Septembertagen 1939 in diesem kleinen D&ouml;rfchen 28 Ermordeten. Eine anwesende Polin der Enkelgeneration, zeigte mit vier Namen von damals Ermordeten, deren Tr&auml;ger alle Vorfahren ihrer Familie sind.     <\/p><p>In jedem dieser kleinen zu Nak&#322;o geh&ouml;renden D&ouml;rfer dieses Gebietes liegen Leichen ermordeter Polen in den W&auml;ldern. Im Dorf Paterek. z.B. sind Hunderte von Leichen verscharrt worden, ebenfalls gleich im September 1939 wurden dort mindestens 390 Polinnen und Polen ermordet, j&uuml;dische und nicht-j&uuml;dische. Wenn ich in  dem St&auml;dtchen bin, wohne ich bei einem Ehepaar, in einem sch&ouml;nen alten Stadthaus. Der Erbauer des Hauses, der j&uuml;dische Gro&szlig;vater der Frau, ist von den Nazis ermordet worden. Im Salon h&auml;ngt noch immer sein Bild, vor dem die Frau jeden Tag ein paar Momente verweilt &ndash; vor dem Gro&szlig;vater, den sie nie hat kennen lernen k&ouml;nnen. Immer stehen frische Blumen auf dem Tischchen vor seinem  Bild. &Uuml;berhaupt liegen &uuml;ber all im Land vor vielen polnischen Gedenksteinen f&uuml;r die Zeit von 1939 bis 1945 Blumenstr&auml;u&szlig;e.  <\/p><p>Im Herbst 2009 stand ich vor dem heutigen Standesamt in Nak&#322;o, dem ehemaligen &ouml;rtlichen Gestapo-Quartier, um die Gedenktafel zu entziffern, die Namen abzuschreiben. Was ich wusste: dort hat eine Verwandte als Sekret&auml;rin gearbeitet, w&auml;hrend sie noch 1944 auf den positiven Bescheid zu ihrem Antrag auf Mitgliedschaft in der NSDAP gewartet hatte. Pl&ouml;tzlich kommt &ndash;  sehr aufgeregt &ndash; ein kleiner alter, vom Wetter gegerbter  Mann auf mich zu.  Ich konnte ihm nur irgendwie verst&auml;ndlich machen Deutsche zu sein. Er hat mir dann sehr eindr&uuml;cklich mit Hand- und K&ouml;rperbewegungen erkl&auml;rt, was damals an dem Ort passiert ist. Schlie&szlig;lich f&uuml;hrt er mich um das Haus  herum, zu den Kellerfenstern,  wird noch aufgeregter, zeigt mir mit seiner Gestik, wie dort Polen gequ&auml;lt und ermordet worden sind, zieht  mich auf die andere Stra&szlig;enseite zur Schule. Der Pausenhof diente fr&uuml;her als  Platz f&uuml;r Hinrichtungen.<br>\nEr muss damals noch ein Kind oder Jugendlicher gewesen sein.<\/p><p><strong>Polnische und deutsche Jugendliche erarbeiten sich die Geschichte<\/strong><br>\nAm n&auml;chsten Tag besuche  ich das Museum des kleinen St&auml;dtchens. Dort war im Herbst 2009 einige Wochen lang der Nachbau einer Folterszene aus dem KZ  Mauthausen zu sehen, von dem K&uuml;nstler Jan Top&oacute;r aus Nak&#322;o. Die Szene und die Figuren der M&ouml;rder sind &auml;u&szlig;erst pr&auml;zise gestaltet, die Opfer, vor allem Frauen und Kinder, halb nackt. Im Mittelpunkt steht das Foltern von Kindern. &bdquo;Schauen Sie wie die SS M&auml;nner dabei grinsen&ldquo;, kommentiert die Museumshistorikerin. Die ganze Szene ist unertr&auml;glich sadistisch aufgeladen. Top&oacute;r  muss viele Jahre an diesem Kunstwerk gearbeitet haben. Das ist das Schockierendste, was ich je an k&uuml;nstlerischer Aufarbeitung gesehen habe. Aber leider ist das Werk wieder im Keller des Museums gelagert. Es geh&ouml;rt dringend in ein gro&szlig;es Museum oder m&uuml;sste f&uuml;r von vielen kleineren zeitlich befristet angefordert werden,  auf Wanderung gehen, da es ein einzigartiges Zeugnis ist, nicht zuletzt f&uuml;r diesen &Uuml;berlebenden Jan Top&oacute;r. 1967 ist er verstorben, hatte lange unter Depressionen gelitten. <\/p><p>Wenig sp&auml;ter kommen an diesem sp&auml;ten Vormittag deutsche und polnische Sch&uuml;lerInnen in das Museum, &uuml;berwiegend M&auml;dchen, zwischen 13 und 15 Jahre alt. In einem Nachbarort arbeiten sie gemeinsam an einem deutsch-polnischen Geschichtsprojekt. Die deutsche Gruppe begleiten eine Lehrerin und eine Sozialp&auml;dagogin, die polnische mehrere Lehrerinnen. Alle Jugendlichen waren beim Anblick des Kunstwerks entsetzt und verst&ouml;rt. Die polnische Lehrerin allerdings hat sich ihrer Gruppe sofort angenommen. Die deutsche Lehrerin bewegte sich teilnahmslos, ohne den jungen, vorwiegend M&auml;dchen auch nur irgendeine Hilfestellung zu geben. Ich habe dann zumindest einigen der M&auml;dchen versucht zu erkl&auml;ren, was wir da sehen und welche Bedeutung das hat, vor allem mit dem Wissen, was mir die Kunsthistorikerin kurz zuvor vermittelt hatte.<\/p><p>Am n&auml;chsten Tag bin ich mit dieser Gruppe junger Leute im Bus nach Gdansk gefahren. Mit zwei  Zwischenstopps: in der KZ Gedenkst&auml;tte Stutthoff und auf der Westerplatte. In Stutthoff waren die Jugendlichen beider Seiten sehr ber&uuml;hrt. Aber in unterschiedlicher Weise: Bei den  polnischen Jugendlichen lag eher tiefe Trauer und Verletztsein auf den Gesichtern, w&auml;hrend die deutschen Jugendlichen eher hilflos und verwirrt waren.<br>\nDer junge Museumsf&uuml;hrer spricht au&szlig;er Polnisch sehr gut Deutsch. Sehr klar erl&auml;utert er die Bedeutung dieses ersten gro&szlig;en KZ der SS in Polen, schildert &auml;u&szlig;erst pr&auml;zise wie hier SS M&auml;nner, darunter auch deutsche Mediziner, sich an lebenden Menschen in Folter- und Mordtechniken haben ausbilden lassen. Die Verst&ouml;rung ist nachvollziehbar, zumal diese Gedenkst&auml;tte auf allen museumsp&auml;dagogischen Kitsch verzichtet, vor allem auf den Schnickschnack neuerer Medien. Das Halbdunkel in den Baracken und der Geruch tragen vielmehr letzte Spuren der alten Unheimlichkeit, das Studium der Tafeln mit den vielfach schon vergilbten Dokumenten, die wenigen Exponate, wie Mobiliar, Strohs&auml;cke, werfen die Besucherin fast automatisch auf die eigene Verzweiflung zur&uuml;ck.  In dieser Situation geht eine deutsche Sch&uuml;lerin zur Lehrerin und zeigt ihr, wie verst&ouml;rt sie ist. Da sagt die Lehrerin: &bdquo;Das haben ja nicht nur Deutsche getan&ldquo;. Ich kann bis heute die Kaltschn&auml;uzigkeit dieser Frau nicht vergessen, ebenso nicht die Hilflosigkeit der ihr anvertrauten M&auml;dchen und Jungen. &Uuml;ber die Westerplatte wusste die deutsche Lehrerin sp&auml;ter nichts zu erkl&auml;ren, die Bedeutung schien ihr unbekannt. Die polnische Lehrerin &uuml;bernahm ihren Part.<\/p><p><strong>Aktive Verweigerung des Gedenkens, Pl&auml;doyer f&uuml;r Infotainment und Erlebnisp&auml;dagogik<\/strong><br>\nDoch dieser Teilnahmslosigkeit, dem Unwillen, genauer wissen zu wollen, was damals wirklich geschehen ist, begegne ich immer wieder in unserem Land und genau das f&auml;llt auch zunehmend migrantischen Deutschen[<a href=\"#foot_16\" name=\"note_16\">16<\/a>] auf. Viel Kraft wird aufgewendet, um das &bdquo;Genie der Zerst&ouml;rung&ldquo; (Primo Levi) in den eigenen Familien zu verleugnen, es nicht an sich heran kommen zu lassen, eingebettet in eine Kultur, die das Verdr&auml;ngen und das Verleugnen st&uuml;tzt, nicht aber die Scham, nicht die Verantwortung. Vielmehr fehlen Empathie, der Drang und Wille zum Wissen, die Trauer, also kurzum: die Voraussetzungen, um Verantwortung vor der Geschichte &uuml;bernehmen zu k&ouml;nnen. <\/p><p>Eine Repr&auml;sentantin dieses Unwillens ist die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel. Seit  ihrem Amtsantritt hat sie es nicht ein einziges Mal f&uuml;r n&ouml;tig erachtet, der Befreiung am 8. Mai 1945 zu gedenken, zumindest ist keine Rede zu diesem  wichtigsten Gedenktag des 20. Jahrhunderts  auf ihrer Webseite zu finden. Am 8. Mai 2009 ver&ouml;ffentlicht sie stattdessen Folgendes<br>\n&bdquo;Rede von Bundeskanzlerin&nbsp;Angela Merkel anl&auml;sslich der Jubil&auml;umsveranstaltung  &sbquo;Vor 20 Jahren &ndash; Am Vorabend der friedlichen Revolution&rsquo;&ldquo;<br>\nAuf f&uuml;nf Seiten breitet sie darin ihr altbekanntes Konzept &bdquo;Freiheit und Einheit Deutschland&ldquo; aus, augenf&auml;llig die Hohlheit der Gedanken, Phrasen durchziehen in unertr&auml;glicher Komplexit&auml;t die Zeilen. Hier ein Ausschnitt:<br>\n&bdquo;ich freue mich, heute zu Ihnen sprechen zu k&ouml;nnen. Freiheit und Einheit Deutschlands&nbsp;&ndash; ich glaube, f&uuml;r dieses gro&szlig;e historische Gl&uuml;ck stehen stellvertretend zwei Tage: der 9.&nbsp;November des Jahres 1989 und der 3.&nbsp;Oktober des Jahres 1990.<br>\nWeniger Beachtung&nbsp;&ndash; umso besser, dass es diese Konferenz gibt&nbsp;&ndash; erf&auml;hrt dagegen der 7.&nbsp;Mai 1989. An diesem Tag machte unser Land einen ganz wichtigen Schritt weg von der Teilung und staatlichen Bevormundung hin zu Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie in ganz Deutschland. Es ist richtig und wichtig, dass an diesen Tag erinnert wird.&ldquo;  <\/p><p>Dann gegen Schluss nimmt sie auf den wichtigsten Tag f&uuml;r die Befreiten des Jahres 1945 Bezug, ohne jedoch nur mit einem Wort der Opfer zu gedenken, sondern um lediglich dann umgehend die Deutschen in unertr&auml;glicher Weise als die mit Vertrauen Beschenkten zu loben: <\/p><p>&bdquo;Heute ist der 8.&nbsp;Mai. Dieses Datum erinnert uns auch an das Ende des Zweiten Weltkriegs und die Befreiung vom Nationalsozialismus. Wir vergessen an einem Tag wie heute deshalb nicht: Die Deutsche Einheit wurde 45&nbsp;Jahre sp&auml;ter nur m&ouml;glich, weil unsere Nachbarn, unsere Partner und unsere ehemaligen Gegner uns Vertrauen schenkten&nbsp;&ndash; Vertrauen, dass wir mit der Einheit in Freiheit sorgsam und verantwortungsvoll umgehen w&uuml;rden. Dieses Vertrauen ist &uuml;ber viele Jahrzehnte hinweg Schritt f&uuml;r Schritt erarbeitet worden. Wir d&uuml;rfen nicht vergessen: Freiheit und Einheit unseres Landes w&auml;ren ohne unsere Nachbarn und Partner in Europa und weltweit unm&ouml;glich gewesen.&ldquo;<br>\nIm Gestus einer Marketenderin stimmt Merkel schlie&szlig;lich noch einmal ihr tumbes Lied auf die Freiheit an:<br>\n&bdquo;Wir haben das unsch&auml;tzbare Gl&uuml;ck der Freiheit, uns das vornehmen zu k&ouml;nnen, was wir uns bisher nicht zugetraut haben. Deshalb w&auml;re es das Schlimmste, wenn wir unsere Freiheit brachliegen lie&szlig;en. Wir sollten unsere Freiheit nicht brachliegen lassen und wir d&uuml;rfen unsere Freiheit nicht brachliegen lassen, sondern wir sollten das Gl&uuml;ck beim Schopf packen. Ich bin optimistisch, dass uns das gelingen kann.&ldquo;<\/p><p>Einige Wochen sp&auml;ter erscheint in der &bdquo;Beilage zur Wochenzeitung &sbquo;Das Parlament&rsquo;&ldquo; das Themenheft &bdquo;Zukunft der Erinnerung&ldquo; (ApuZ 25-26\/2010). Die Suche nach Antworten wie  endlich den vielen Millionen T&auml;tern aus konkreten deutschen Familien ein Gesicht gegeben werden k&ouml;nnte,  endet vergeblich. Aber nur mit einer solchen Kenntnis besteht die Chance die psychischen und gesellschaftlichen Folgen verarbeiten zu k&ouml;nnen. Die Fu&szlig;noten der einzelnen Artikel  zeigen wie wenig von der internationalen Forschung  zur Erinnerung &uuml;berhaupt zur Kenntnis genommen wird. Stattdessen stehen in fast allen Artikeln die Pr&auml;sentationsformen im Vordergrund, so als gebe es nicht die bereits seit Jahrzehnten, besonders von den Nachkommen der Opfer forcierten Debatten &uuml;ber das Darstellbare bzw. dessen Unm&ouml;glichkeit, &uuml;ber Grenzen der Sprache, Grenzen der &Auml;sthetik bei der Ann&auml;herung an Auschwitz. <\/p><p>Harald Welzer empfiehlt in seinem Beitrag &bdquo;Erinnerungskultur und Zukunftsged&auml;chtnis&ldquo;- unter der latenten Implikation als gebe es so etwas wie eine homogene &bdquo;Erinnerungskultur&ldquo;-  die er wahlweise in der Uneindeutigkeit  mit dem Zusatz &bdquo;reflexive&ldquo; bekr&auml;ftigt &ndash; wie er &uuml;berhaupt auffallend viel mit dem rhetorischen Mittel Adjektiv arbeitet &ndash;  allen Ernstes als &bdquo;Herauforderung&ldquo; anzunehmen,  was &bdquo;anspruchsvolle Vermittlungsangebote mit Event-Charakter auf dem neuesten Stand der Pr&auml;sentationstechnik&ldquo; anbieten. Eine solche von ihm begr&uuml;&szlig;te Hinwendung zu &bdquo;Infotainment&ldquo; k&ouml;nnte dann &bdquo;dazu f&uuml;hren, dass Besucherinnen und Besucher die Institutionen der politischen Bildung nicht mehr mit Inferiorit&auml;ts- und Besch&auml;mungsgef&uuml;hlen verlassen, sondern mit dem Bewusstsein, etwas Interessantes gemacht und erlebt zu haben.&ldquo;( S. 22). Keine &bdquo;Besch&auml;mungsgef&uuml;hle&ldquo; mehr haben sollen?<\/p><p>Wie diese Art von Bespa&szlig;ungskonzeption dann runtergebrochen auf die Weiterbildung von Lehrerinnen und Lehrern vor Ort aussehen kann, zeigt eine aktuelle Aussendung f&uuml;r eine Weiterbildung in einer KZ-Gedenkst&auml;tte:<br>\n&bdquo;Die Gegenwart der Vergangenheit.&rsquo; Richtiges Erinnern&rsquo;&ldquo;<br>\nProjektseminar zum Thema Nationalsozialismus und Holocaust im kompetenzorientierten Geschichtsunterricht.<br>\nAnhand der (Selbst-)Erkundung und anschlie&szlig;end der didaktischen Erschlie&szlig;ung der KZ-Gedenkst&auml;tte Neuengamme durch die Projektgruppe wird ein neuartiger Ansatz zum Umgang mit den Themen NS und Holocaust sichtbar, der die heterogenen Voraussetzungen unserer  Sch&uuml;lerschaft ber&uuml;cksichtigen und deren unterschiedliche Zug&auml;nge zum Gegenstand f&uuml;r den  Unterricht fruchtbar machen kann. Gelernt werden dabei nicht nur fachspezifische Einsichten und Methoden, sondern auch Projektmethoden bzw. projektartiges Arbeiten. Diese Unterrichtsform wird immer wichtiger als M&ouml;glichkeit zur Individualisierung der Lernprozessgestaltung, zur Sinnbildung f&uuml;r alle Sch&uuml;ler und zur Ausrichtung des Unterrichts auf Kompetenzerwerb statt Stoffsammlung.&ldquo;<br>\nUnter der zum Klischee geronnen &Uuml;berschrift  und in dann folgendem semi-wissenschaftlichem Jargon tauchen Opfer, T&auml;ter und &bdquo;Bystander&ldquo; bzw. die zu den T&auml;tern geh&ouml;renden Gaffer &uuml;berhaupt nicht mehr auf. Wer soll wie, was, warum erinnern? Was ist unter &bdquo;didaktischen Erschlie&szlig;ung der KZ-Gedenkst&auml;tte&ldquo; zu verstehen? Ergebe das Gegenteil der versteckten Behauptungen dieser Phrasen einen Sinn, z.B. &bdquo;(Fremd)-Erkundung&ldquo;? W&auml;ren &bdquo;homogene  Voraussetzungen&ldquo; m&ouml;glich, wenn ja, welche w&auml;ren das? Von welchem &bdquo;Gegenstand&ldquo; ist hier die Rede?  Sind die Opfer des KZ Neuengamme zum &bdquo;Gegenstand&ldquo; verdinglicht?  Was ist der Unterschied zwischen &bdquo;Projektmethoden&ldquo; und &bdquo;projektartiges Arbeiten&ldquo;, was ein &bdquo;Kompetenzerwerb&ldquo;?<br>\nIn dieser Textschablone aus  Plastikw&ouml;rtern, zu deren Wesen geh&ouml;rt, immer irgendwie Sinn  zu machen, wenn das Lesen oberfl&auml;chlich bleibt, lie&szlig;en sich &bdquo;KZ-Gedenkst&auml;tte Neuengamme&ldquo; &ndash; und &bdquo;Themen NS und Holocaust&ldquo; ebenso problemlos durch &bdquo;Stoffsammlung im Botanischen Garten&ldquo; und Themen durch  &bdquo;Unterholzflora und Str&auml;ucher&ldquo; ersetzen und w&uuml;rden ebenfalls einen nichtssagenden &bdquo;Sinn&ldquo; ergeben. Rein formal schon erinnert das an &bdquo;die gepumpten Methodiken&ldquo;, die Klaus Briegleb bereits  in den achtziger Jahren f&uuml;r die Germanistik beschrieben hat[<a href=\"#foot_17\" name=\"note_17\">17<\/a>]. Und schlie&szlig;lich: &bdquo;Individualisierung der Lernprozessgestaltung&ldquo;! Wozu?<\/p><p><strong>Konfrontation mit dem gegenw&auml;rtige Trauma damaliger polnischer Kinder<\/strong><br>\nWie schulische Auseinandersetzung im Nachbarland aussehen kann, habe ich im September 2010 relativ unvorbereitet in Koszalin, an der K&uuml;ste Polens erlebt. Zusammen mit einer polnischen  Kollegin von der Universit&auml;t Rzsez&oacute;w in S&uuml;dostpolen wollten wir die Direktorin der dortigen Berufschule besuchen und einige der Lehrerinnen wiedersehen, mit denen wir zwei Monate zuvor einen deutsch-polnischen Sprachkurs der Deutsch-Polnischen Gesellschaft in Karpacz besucht hatten. An dem Kurs hatten &uuml;berwiegend polnische und deutsche Lehrerinnen, drei polnische Schulleiterinnen, ein polnischer Schulleiter &ndash; sowie zwei polnische Germanistinnen teilgenommen und ich als deutsche Sozialwissenschaftlerin, die an der Universit&auml;t Klagenfurt u.a. im Fachgebiet interkulturelle Bildung unterrichtet. Doch kurz nach unserer Ankunft wurden wir an diesem Septembertag 2010 ziemlich bald in die bis auf den letzten Platz gef&uuml;llte Aula geleitet, um einen Dokumentarfilm zu schauen: &bdquo;Die vergessenen Opfer von Wielu&#324;&ldquo;, veranlasst vom stellvertretenden Direktor der Schule, der uns von diesem Film schon beim Sprachkurs erz&auml;hlt hatte. Damalige Kinder und Jugendliche aus Wielu&#324;, heute hoch in ihren achtziger Jahren, berichten &uuml;ber die Schrecken in den ersten Morgenstunden des 1.9.1939. Noch einige Stunden vor dem deutschen Angriff auf die Westerplatte, was gemeinhin als Kriegsbeginn gilt, wurde die kleine polnische Stadt Wielu&#324; mit 16.000 Einwohnern zu rund 70 Prozent zerst&ouml;rt, die Innenstadt gar zu 90 Prozent. 20 000 Tonnen Sprengstoff hatte die Wehrmacht in diesen ersten Stunden des Krieges abgeworfen. Eines der ersten Ziele war das st&auml;dtische Krankenhaus. Milit&auml;rische Ziele gab es nicht, die Stadt war unbefestigt, besa&szlig; weder Flak noch Bunker. Mindestens 1200 Menschen starben in diesen ersten Stunden des Krieges. Sp&auml;ter sind fast alle der 5000 Juden und J&uuml;dinnen ermordet worden. W&auml;hrend des  Filmes herrscht absolute Stille in der Aula.  Die jungen Leute verharren in Andacht, einige sind sichtbar traurig, obwohl sie regelm&auml;&szlig;ig mit dieser Zeit nicht nur im Unterricht konfrontiert werden. Nach der Vorf&uuml;hrung kommen wir mit einigen Lehrerinnen und Lehrern ins Gespr&auml;ch, um uns herum stehen Sch&uuml;lerInnen. Ich erlebe erneut schmerzhaft und voller Scham wie wenig der Zweite Weltkrieg  in Polen  Geschichte ist. In diesen Tagen hatte  Bundeskanzlerin Merkel erneut Erika Steinbach von der Leine gelassen, was jedes Mal viel Aufregung im Nachbarland ausl&ouml;st. Ein Geschichtslehrer fragt mich sehr beunruhigt, ob heute noch viele Deutsche so wie diese Frau denken w&uuml;rden und was eigentlich die jungen Leute &uuml;ber den Krieg und Polen, &uuml;ber polnisch-deutsche Geschichte in deutschen Schulen zu h&ouml;ren bekommen w&uuml;rden. Als wir wenige Stunden sp&auml;ter Koszalin besichtigen, sehen wir vor dem Dom polnische Soldaten, umringt von einer Menschenmenge, die bedeckt gekleidet ist. Reden werden gehalten, unterbrochen von traurig-getragenen Kl&auml;ngen. Was ich lerne: der 17. September 2010, wir sind an dessen Vorabend an dem Platz,  ist in Polen wie der 1. September ein Tag des Gedenkens &ndash; an den &Uuml;berfall auf Polen durch die Sowjetunion 1939. <\/p><p><strong>Hoffnung: f&uuml;r 2014 ist ein deutsch-polnisches Schulbuch beschlossen<\/strong><br>\nSchon in der Willy-Brandt-&Auml;ra war die Unwissenheit vor allem der Deutschen als Problem erkannt worden, was zur Gr&uuml;ndung der &bdquo;Gemeinsamen Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission&ldquo; f&uuml;hrte und die auf deutscher Seite seit 1972 im Georg-Eckert-Institut beheimatet ist. Mittels regelm&auml;&szlig;iger wissenschaftlich-didaktischer Analyse deutscher und polnischer Lehrwerke will die Einrichtung auf eine angemessene, wissenschaftliche Erkenntnisse ber&uuml;cksichtigende Darstellung der Nachbarn im Unterricht hinwirken. Doch die konkrete Realisierung ist weitgehend den Bundesl&auml;ndern &uuml;berlassen. Von einer angemessenen Ber&uuml;cksichtigung der leidvollen deutsch-polnischen Geschichte in deutschen Schulb&uuml;chern kann immer noch nicht die Rede sein. Dem soll jetzt Abhilfe geschafft werden. Der Steuerungsrat und Expertenrat des Projektes &bdquo;Deutsch-Polnisches Geschichtsbuch&ldquo;, hochkar&auml;tig besetzt mit Wissenschaftlerinnen und Vertretern der polnischen Regierung sowie mit mehreren Beamten deutscher Landesregierungen und einer Wissenschaftlerin, hat Ende 2010 eine 140 Seiten starke Empfehlung ver&ouml;ffentlicht, mit detaillierten Vorgaben und Begr&uuml;ndungen f&uuml;r ein solches Geschichtsbuch, das 2014 endlich erscheinen soll. Es ist l&auml;ngst &uuml;berf&auml;llig. Nahezu unverst&auml;ndlich aber ist, warum zum deutsch-polnischen Verh&auml;ltnis keine systematischen und vor allem verpflichtende Weiterbildungen von Lehrern und Lehrerinnen stattfinden, die in den  F&auml;chern Politik, Sozialkunde und Geschichte unterrichten, ein Desiderat, das allerdings allgemein f&uuml;r den Bereich transkultureller Bildungsprozesse in der Bundesrepublik augenf&auml;llig ist . <\/p><p><strong>Die Taten der V&auml;ter holen die Nachgeborenen ein<\/strong><br>\nDas Verdr&auml;ngte und Verleugnete bricht zunehmend ins Bewusstsein ein. Auch die Nachfolgenration der T&auml;ter kommt jetzt langsam in die Jahre, viele sind schon in der Rente, befinden sich im &Uuml;bergang oder haben nur noch eine begrenzte Zahl von Jahren im Beruf vor sich. Mehr Stille tritt so bei vielen an die Stelle beruflichen Karrierestrebens  bzw. ersch&ouml;pfender Arbeitsroutinen. Meine Erfahrung in den letzten Jahren ist: Das Wegdr&auml;ngen  der Familiengeschichte scheint f&uuml;r viele zunehmend  schwieriger zu werden, nicht zuletzt weil in vielen Familien die letzten T&auml;ter sterben und dadurch vieles was bisher in den Familien verleugnet werden konnte sich unverhofft den Weg an die Oberfl&auml;che bahnt . Nicht wenige dieser T&auml;ter leiden an Demenz, was bei vielen die seit Jahrzehnten ge&uuml;bte Abwehr des Leugnens schw&auml;cht. Sie &bdquo;erz&auml;hlen&ldquo; pl&ouml;tzlich von ihren Taten, vielfach verwirrt, unzusammenh&auml;ngend. Wer sich die M&uuml;he macht, dazu einmal Altenpflegerinnen auf entsprechenden  Stationen zu befragen, wird viel erfahren, besonders auch &uuml;ber das Befremden deutsch-t&uuml;rkischer oder aus Osteuropa stammender Pflegerinnen.<br>\nIn Polen erz&auml;hlte mir eines Tages nach einem Vortrag  &uuml;ber &bdquo;Erinnerung und Gegenged&auml;chtnis&ldquo; eine Mitte der f&uuml;nfziger Jahre geborene deutsche Frau pl&ouml;tzlich relativ unvermittelt vom Todeskampf ihres Vaters. Er hatte schon das Bewusstsein verloren, gab aber noch Kommandos, wie die Spritze in die Herzkammer zu setzen sei. Er war als Arzt  &bdquo;an der Front&ldquo; t&auml;tig gewesen. Das erinnerte mich sofort an den Vaters eines fr&uuml;heren Freundes, der damals in den siebziger Jahren mit solchen Taten als Zahnarzt noch fast unverhohlen vor uns Halbw&uuml;chsigen geprahlt hatte. Allein im letzten Jahre habe ich &uuml;ber f&uuml;nf solche &Auml;rzte in meinem Umfeld erz&auml;hlt bekommen, die allesamt ins T&ouml;ten involviert waren. Einer dieser Mediziner, dessen Lehrbuch noch heute zu den Grundlagen des Medizinstudiums geh&ouml;rt und der bis zu seiner Emeritierung als Professor an einer deutschen Universit&auml;tsklinik lehrte, war in Menschenversuche involviert. Er war zwar 1946\/47 bei den N&uuml;rnberger &Auml;rzteprozessen als &bdquo;Zeuge&ldquo; geladen, aber hat sich wie viele von ihnen herausreden k&ouml;nnen. Ein anderer Nachgeborener beginnt sich damit auseinanderzusetzen in der einen Linie der Familie eine Gro&szlig;mutter zu haben, die Opfer der NS- Euthanasie wurde und in der anderen Linie  Sohn eines Vaters zu sein, der ebenfalls als Arzt  in die NS-Zeit verstrickt war. <\/p><p><strong>&bdquo;wasche meine H&auml;nde&ldquo; in Unschuld<\/strong><br>\nSehr intensiv hat sich in den letzten Monaten in Hamburg die K&uuml;nstlerin Judith Hamann mit dem Treiben der NS-&Auml;rzteschaft in der Hansestadt und deren Verbleib nach 1945 auseinandergesetzt, hat dazu im Staatsarchiv Akten studiert. Viele dieser M&ouml;rder in Weiss praktizierten nach 1945 nicht nur in Westdeutschland einfach weiter, in ihren Privatpraxen, als Professoren an medizinischen Fakult&auml;ten, waren in Fachverb&auml;nden aktiv. Einige waren sogar in den ersten Nachkriegsjahrzehnten als Gutachter f&uuml;r &Uuml;berlebende des Holocaust in Entsch&auml;digungsverfahren t&auml;tig. Die bittere Erfahrung von Judith Hamann mit ihren regionalen Recherchen: Einige Akten werden bis heute einfach unter Verschluss gehalten, auch die solcher Mediziner, die bereits in Forschungen zu NS-Medizinern am Rande erw&auml;hnt werden, aber dringend weitere Beweise ben&ouml;tigt w&uuml;rden.<br>\nDie Ergebnisse von Hamanns Recherchen  pr&auml;sentiert derzeit die Kassen&auml;rztliche Vereinigung Hamburg in ihren R&auml;umen des Hamburger &Auml;rztehauses: als Ausstellung &bdquo;wasche meine H&auml;nde&ldquo;[<a href=\"#foot_18\" name=\"note_18\">18<\/a>], die noch bis zum 30. Mai 2011 wochentags zu sehen ist. Hamann  versucht sich mit ihren Exponaten, die &uuml;ber die Durchgangsr&auml;ume zur Kantine und zum Konferenzraum verteilt sind, nicht nur von Au&szlig;en dem Bild dieser T&auml;ter in Hamburg zu n&auml;hern. Sondern sie will ebenso &uuml;ber die eigene innere Haltung zur Geschichte und Gegenwart Klarheit gewinnen. &bdquo;Was aber macht es mit uns, wenn wir uns anhand der Fakten wirklich vorstellen, was damals geschehen ist&ldquo; sagt Judith Hamann. G&auml;ngige Erkl&auml;rungsmuster scheitern schnell. Gezwungen wurde keiner von ihnen, auch der Wille zum Gehorsam erkl&auml;rt nichts. Vielmehr ist  bei vielen NS &Auml;rzten von einer Energie auszugehen, in der sich Forschergeist und Sadismus in unheimlicher Weise verbunden haben. Das weckt das eigentliche Entsetzen in der Betrachterin. Daraus ergeben sich keine sch&ouml;nen Bilder, selbst die Abstraktion droht st&auml;ndig zu scheitern,  an der Vorstellung dessen, was nahezu unfassbar ist. Der Besucher und die Besucherin bleiben also letztlich auf sich selbst gestellt, sie sollen mit dieser Ausstellung nur einen Rahmen bekommen, um sich mit dem Zerst&ouml;rerischen auseinander zu setzen. Die Reaktionen sind vielf&auml;ltig: die meisten studieren nachdenklich die Dokumente, Exponate und ausliegenden B&uuml;cher. Aber immer wieder macht sich auch  Unwillen und Aggression Luft: Exponate werden herunter gerissen, vereinzelt sind Witze oder Gep&ouml;bel zu h&ouml;ren.  <\/p><p>Wir Nachgeborenen tragen keine Schuld an den Taten der V&auml;ter und Gro&szlig;v&auml;ter, dem teilnahmslosen Zuschauen und Gaffen der M&uuml;tter und Gro&szlig;m&uuml;tter oder auch ihrem tatkr&auml;ftigen Involviertsein. Aber wir tragen Verantwortung[<a href=\"#foot_19\" name=\"note_19\">19<\/a>] f&uuml;r das  weitere Kl&auml;ren des &bdquo;warum&ldquo;, mit dem sich &Uuml;berlebende und ihre Nachkommen seit Jahrzehnten qu&auml;len.<br>\nEs sei ein Symptom, sagt Primo Levi kurz vor seinem Tod, &bdquo;wenn Deutsche, auch Nachgeborene nicht &uuml;ber sich und ihre Familien sprechen&ldquo;[<a href=\"#foot_20\" name=\"note_20\">20<\/a>].<br>\nDiese &bdquo;Bringschuld&ldquo; ist nur durch bewusste Ged&auml;chtnisarbeit und Spurensuche in den eignen Familien zu leisten. Dazu m&uuml;ssen wir uns einlassen und, so wie G&uuml;nther Anders fordert,  dem  &bdquo;&Uuml;berma&szlig; von Entmenschung wirklich Glauben schenken&ldquo;[<a href=\"#foot_21\" name=\"note_21\">21<\/a>].<br>\nIm Ziel k&ouml;nnten wir mit kleinen Facetten dazu beitragen das &bdquo;warum&ldquo; zu erhellen, auch wenn wir nie als einzelne zu einer koh&auml;renten Darstellung, nicht einmal unserer Familiengeschichten kommen werden. Der Weg ist schmerzhaft, aber nur so kann letztlich auch die innere Last, die uns die T&auml;ter aufgeb&uuml;rdet haben, gemindert werden.<br>\nDie franz&ouml;sische Philosophin Sara Kofman, deren Vater in Auschwitz ermordet worden ist, hat den Drang sprechen zu m&uuml;ssen  f&uuml;r die andere Seite  so formuliert:<br>\n&bdquo;Wenn auch nach Auschwitz keine Erz&auml;hlung mehr m&ouml;glich ist, besteht doch die Pflicht zu sprechen, ohne Unterlass f&uuml;r jene zu sprechen, die nicht sprechen konnten, weil sie das wahre Wort bis zum &Auml;u&szlig;ersten bewahren wollten, ohne es zu verraten.&ldquo;[<a href=\"#foot_22\" name=\"note_22\">22<\/a>]<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Imre Kert&eacute;sz (2003): Die exilierte Sprache, in: ders.: Die exilierte Sprache. Essays und Reden, Frankfurt a.M., S. 219.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Ruth Kl&uuml;ger (2008 ) : unterwegs verloren. Erinnerungen, Wien, S. 15.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Primo Levi (1988): The Drowned and the Saved, New York, S. 31.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Zitiert  nach der &Uuml;bersetzung aus dem Italienischen  von  Klaus Briegleb in (1989): Unmittelbar zur Epoche des NS-Faschismus, Frankfurt a.M., S. 20.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] Irme Kertesz<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] Briegleb, a.a.O, S. 33ff.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] Robert Moeller (2001):  War Stories: The  Search for a Usable Past in the Federal Republic of Germany, Berkeley, University of California<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] Robert Moeller (2002): Die Vertreibung aus dem Osten und westdeutsche Trauerarbeit, S. 139,  in: Brigitta Huhnke\/Bj&ouml;rn Krondorfer (Hg.): Das Verm&auml;chtnis annehmen. Kulturelle und biographische Zug&auml;nge zum Holocaust. Beitr&auml;ge aus den USA und Deutschland, Gie&szlig;en, S. 113-148.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_9\" name=\"foot_9\">&laquo;9<\/a>] Sehr ausf&uuml;hrlich und klar hat diese Entwicklung 1991 der Historiker Fritz Stern analysiert: Im Anfang war Auschwitz: Antisemitismus und Philosemitismus im deutschen Nachkrieg, Gerlingen.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_10\" name=\"foot_10\">&laquo;10<\/a>] G&uuml;nther Anders (1964): &bdquo;Wir Eichmanns&ouml;hne, M&uuml;nchen, S.40<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_11\" name=\"foot_11\">&laquo;11<\/a>] Briegleb, a.a. O., S. 31<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_12\" name=\"foot_12\">&laquo;12<\/a>] Briegleb, a.a.O., S. 50<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_13\" name=\"foot_13\">&laquo;13<\/a>] Stellvertretend f&uuml;r die vielen Debatten &uuml;ber die k&uuml;nstlerischen Grenzen in der Auseinandersetzung mit dem Holocaust sei dabei auf die Kontroverse um die 2002 im Jewish Museum in New York City gezeigte Ausstellung &bdquo;Mirroring Evil: Nazi Imagery\/Recent Art verwiesen, bei der unter anderem ein KZ-Nachbau mit Prada Logo  zu sehen war sowie ein Bild mit ausgemergelten H&auml;ftlingen in das  ein junger Mann mit einer Coca Cola Flasche reinmontiert worden war. Besonders &Uuml;berlebende f&uuml;hlten sich dadurch in ihrer W&uuml;rde verletzt.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_14\" name=\"foot_14\">&laquo;14<\/a>] Jochen B&ouml;hler (2006): Auftakt zum Vernichtungskrieg. Die Wehrmacht in Polen, F a.M. sowie (2009) : Der &Uuml;berfall. Deutschland gegen Polen, Frankfurt a.M. <\/p>\n<p>[<a href=\"#note_15\" name=\"foot_15\">&laquo;15<\/a>] Zit. Nach B&ouml;hler 2006, a.a.O., S. 31.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_16\" name=\"foot_16\">&laquo;16<\/a>] Vgl. z.B. Zafer Senocak: Deutschtest f&uuml;r Deutsche, in taz vom  17.4.2007 <\/p>\n<p>[<a href=\"#note_17\" name=\"foot_17\">&laquo;17<\/a>] Vgl. Briegleb, a.a.O., S. 252<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_18\" name=\"foot_18\">&laquo;18<\/a>] Vgl. <a href=\"http:\/\/www.hierunda.de\/judith_haman\/clean_my_hands.html\">dazu die Dokumentation im  Internet<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_19\" name=\"foot_19\">&laquo;19<\/a>] Vgl. dazu ausf&uuml;hrlicher Brigitta Huhnke (2002): Der weite Weg zur Erinnerung, in Huhnke\/Krondorfer, a.a.O., S. 149-197.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_20\" name=\"foot_20\">&laquo;20<\/a>] Levi, a.a.O, S. 182.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_21\" name=\"foot_21\">&laquo;21<\/a>] G&uuml;nther Anders, a.a.O., S. 43<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_22\" name=\"foot_22\">&laquo;22<\/a>] Sarah Kofman (1988): Erstickte Worte, Wien, S. 53<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Brigitta Huhnke<\/p>\n<p><strong>T&auml;ter &ndash;Opfer Umkehr: &bdquo;die Stunde Null&ldquo;<\/strong><br \/> Die eigentliche historische Z&auml;sur vollzieht sich seltsam unaufgeregt. Vor 66 Jahren haben die Alliierten &bdquo;das Grauen, das Deutschland &uuml;ber die Welt gebracht hat&ldquo;[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] (Imre Kert&eacute;sz) zum Stillstand gebracht &ndash; zumindest &auml;u&szlig;erlich. Die letzten &Uuml;berlebenden werden in wenigen Jahren endg&uuml;ltig gegangen sein, ebenso die letzten T&auml;ter.<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9346\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[212,171,161],"tags":[1114,1116,315,416,1115],"class_list":["post-9346","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-gedenktagejahrestage","category-militaereinsaetzekriege","category-wertedebatte","tag-adenauer-konrad","tag-knopp-guido","tag-merkel-angela","tag-nationalsozialismus","tag-wehler-hans-ulrich"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9346","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9346"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9346\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":22986,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9346\/revisions\/22986"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9346"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=9346"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=9346"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}