{"id":93501,"date":"2023-02-07T12:21:43","date_gmt":"2023-02-07T11:21:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=93501"},"modified":"2023-02-10T11:18:28","modified_gmt":"2023-02-10T10:18:28","slug":"der-gaskrieg-der-usa-um-europas-suedosten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=93501","title":{"rendered":"Der Gaskrieg der USA um Europas S\u00fcdosten"},"content":{"rendered":"<p>Letzte Woche <a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/business\/energy\/bulgaria-begins-work-serbia-gas-link-sees-operations-by-year-end-2023-02-01\/\">begannen<\/a> in Bulgarien die Bauarbeiten f&uuml;r eine Gasverbundleitung nach Serbien. Damit wird Serbien noch in diesem Jahr als einer der letzten europ&auml;ischen Binnenstaaten an ein Verbundnetz angeschlossen, das in der Lage ist, das bisherige Versorgungsmonopol Russlands zu beenden. Nach dem Nordkorridor mit den Nord-Stream-Pipelines, dem Mittelkorridor mit den &uuml;ber polnisches und ukrainisches Gebiet verlaufenden Pipelines ist der S&uuml;dkorridor das letzte umk&auml;mpfte Schlachtfeld im <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=42694\">Gaskrieg der USA gegen Russland<\/a>. Und wie es zurzeit aussieht, sind die USA drauf und dran, diesen Krieg zu gewinnen. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8511\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-93501-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230207_Der_Gaskrieg_der_USA_um_Europas_Suedosten_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230207_Der_Gaskrieg_der_USA_um_Europas_Suedosten_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230207_Der_Gaskrieg_der_USA_um_Europas_Suedosten_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230207_Der_Gaskrieg_der_USA_um_Europas_Suedosten_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=93501-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230207_Der_Gaskrieg_der_USA_um_Europas_Suedosten_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230207_Der_Gaskrieg_der_USA_um_Europas_Suedosten_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Wenn neue Pipelines geplant werden, geht es stets um eine Diversifikation der Versorgung und um Versorgungssicherheit &ndash; das behaupten zumindest die involvierten Regierungen. Auch die Verbundleitung zwischen Bulgarien und Serbien wird von der EU, die das Projekt <a href=\"https:\/\/balkangreenenergynews.com\/bulgaria-starts-building-second-gas-pipeline-interconnection-with-serbia\/\">mehr als zur H&auml;lfte bezahlt<\/a>, unter diesem Gesichtspunkt <a href=\"https:\/\/energy.ec.europa.eu\/topics\/infrastructure\/trans-european-networks-energy_en\">gef&ouml;rdert<\/a>. Heute geht es um die Unabh&auml;ngigkeit von russischen Gasimporten, die durch die Sanktionen in den meisten EU-L&auml;ndern zum Stillstand gekommen sind. Dies entbehrt nicht einer gewissen Ironie, da genau diese Pipeline <a href=\"https:\/\/www.hydrocarbons-technology.com\/projects\/gas-interconnection-bulgaria-serbia-ibs-pipeline\/\">2012 von den Regierungen Bulgariens und Serbiens<\/a> eigentlich geplant wurde, um unabh&auml;ngiger vom Transitland Ukraine zu werden, das w&auml;hrend des russisch-ukrainischen Gasstreits 2009 Bulgarien wochenlang von der Versorgung abgeschnitten hatte. Eigentlich sollte also Bulgarien &uuml;ber Serbien mit russischem Gas versorgt werden &ndash; nun wird Serbien &uuml;ber Bulgarien mit &hellip; ja, womit soll Serbien eigentlich versorgt werden? <\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/230207_Der%20Gaskrieg_01.png\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/230207_Der%20Gaskrieg_01.png\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Quelle: Deutsche Welle<\/p><p>Zurzeit bezieht Serbien sein Gas nahezu ausschlie&szlig;lich &uuml;ber eine Pipeline namens Balkanstream &ndash; diese Pipeline, die von der T&uuml;rkei &uuml;ber Bulgarien und Serbien bis nach Ungarn verl&auml;uft und erst 2021 in Betrieb ging, ist eine Verl&auml;ngerung der ebenfalls erst 2020 er&ouml;ffneten Turkstream-Pipeline, die russisches Erdgas durch das Schwarze Meer in den europ&auml;ischen Teil der T&uuml;rkei transportiert. Urspr&uuml;nglich plante Russland diese Trasse bis nach &Ouml;sterreich auszubauen, um so auch &Ouml;sterreich und den s&uuml;ddeutschen Raum mit russischem Gas zu versorgen. &Uuml;ber einen zweiten Strang sollte zudem S&uuml;ditalien &uuml;ber eine durch die Adria verlaufende Nebenleitung versorgt werden. &Auml;hnlich wie bei den beiden Nord-Stream-Projekten wurde jedoch dieses unter dem Namen &bdquo;South Stream&ldquo; geplante Projekt durch massiven Widerstand der EU und sp&auml;tere Sanktionen der USA und der EU verhindert. Aus dem gro&szlig;en Projekt &bdquo;South Stream&ldquo; wurde so das viel kleinere Projekt &bdquo;Turkstream&ldquo;, an dem neben der T&uuml;rkei vor allem die beiden vergleichsweise russlandfreundlichen Staaten Bulgarien und Serbien partizipieren. <\/p><p>Der gro&szlig;e Coup der EU war es jedoch nicht, die gro&szlig;e russische L&ouml;sung zu verhindern, sondern sie durch eine Alternative zu ersetzen. Die eigentlich &uuml;ber South Stream geplante Versorgung findet n&auml;mlich heute &uuml;ber die TANAP (Transanatolische Pipeline) statt, die &uuml;ber ihre Verl&auml;ngerung TAP (Transadriatische Pipeline) nun in der Tat bis S&uuml;ditalien reicht. Was fehlte, war nur noch ein Anschluss an das Verbundnetz auf dem Balkan. Dieser letzte Stein im Puzzle wird nun mit der Verbundleitung von Bulgarien nach Serbien gesetzt. TANAP\/TAP transportiert Erdgas, das Aserbaidschan im Kaspischen Meer f&ouml;rdert, &uuml;ber das Staatsgebiet der T&uuml;rkei nach Europa. <\/p><p>K&ouml;nnen Bulgarien und Serbien also nun &ndash; finanziert von der EU &ndash; von Aserbaidschan versorgt werden? Nein! Das TANAP-System ist n&auml;mlich &uuml;berhaupt nicht in dieser Gr&ouml;&szlig;e dimensioniert. Als 2003 die Planungen begannen und 2016 der erste Spatenstich erfolgte, konnten sich die Beteiligten wohl in ihren k&uuml;hnsten Tr&auml;umen nicht vorstellen, dass ausgerechnet Aserbaidschan den kompletten S&uuml;dosten Europas mit Erdgas versorgen soll. Zwar k&ouml;nnte man die Pipeline langfristig ausbauen, doch die aserbaidschanische Erdgasf&ouml;rderung l&auml;uft <a href=\"https:\/\/www.atlanticcouncil.org\/blogs\/energysource\/europe-and-the-caspian-the-gas-supply-conundrum\/\">bereits am Anschlag<\/a> und ist nicht mehr ohne weiteres ausbaubar. Das hei&szlig;t paradoxerweise jedoch nicht, dass Bulgarien und Serbien nicht mit Erdgas aus Aserbaidschan versorgt werden k&ouml;nnten. Doch der Reihe nach.<\/p><p>Ein Drittel der Erdgasf&ouml;rderung Aserbaidschans wird im eigenen Land verbraucht. Bereits im letzten Jahr exportierte Aserbaidschan dank der neuen Energiepartnerschaft mit der EU so viel Gas, das es selbst Gas f&uuml;r den Eigenverbrauch importieren musste. Und das kam &ndash; welch &Uuml;berraschung &ndash; aus Russland. Dieses Spiel lie&szlig;e sich fortf&uuml;hren. Die Balkanstaaten kaufen teures Gas aus Aserbaidschan, das selbst Gas zum Sonderpreis aus Russland einkauft. Ein lohnenswertes Gesch&auml;ft. Die Transportkapazit&auml;t der TANAP verhindert jedoch, dass man diese Dreiecksgesch&auml;fte &ndash; die selbstverst&auml;ndlich nebenbei auch dem Gedanken der Sanktionen vollkommen zuwider sind &ndash; im relevanten Ma&szlig;e ausbauen k&ouml;nnte. Als gro&szlig;er &bdquo;Retter&ldquo; der EU-Sanktionen k&ouml;nnte jedoch die T&uuml;rkei einspringen. Sie geh&ouml;rte 2022 n&auml;mlich mit einer Abnahme von 8,5 Mrd. Kubikmetern zu den gr&ouml;&szlig;ten Kunden Aserbaidschans. Da die T&uuml;rkei der neue &bdquo;Erdgas-Hub&ldquo; f&uuml;r Europas S&uuml;dosten ist und mit der Turkstream ja einen nun beinahe exklusiven Zugang zu einer russischen Pipeline, die auf 31,5 Mrd. Kubikmeter pro Jahr ausgelegt ist, hat, k&ouml;nnte man seinen Eigenbedarf aus politischen oder wohl eher &ouml;konomischen Gr&uuml;nden durchaus diversifizieren. Die T&uuml;rkei kann mehr preiswertes russisches Gas kaufen und das teure Gas aus Aserbaidschan den Balkanstaaten und Italien &uuml;berlassen. Europa zahlt die Rechnung, Russland kann zumindest etwas Gas in den Westen bzw. S&uuml;den verkaufen und die T&uuml;rkei profitiert durch niedrige Energiepreise. Ein Deal, bei dem alle au&szlig;er Europa gewinnen &ndash; also ein sehr wahrscheinlicher Deal.<\/p><p>Doch selbst das &auml;ndert nichts an der Tatsache, dass selbst eine TANAP, die exklusiv Europa beliefert, den gesamten Gasbedarf S&uuml;dosteuropas gar nicht decken kann. Hier kommen nun die eigentlichen Gewinner ins Spiel &ndash; die USA. Das Verbundsystem aus TANAP\/TAP ist n&auml;mlich &uuml;ber genau diese &bdquo;Interkonnektoren&ldquo; genannten Verbundleitungen, wie sie jetzt zwischen Bulgarien und Serbien gebaut werden, auch an die LNG-H&auml;fen der T&uuml;rkei und Griechenlands angeschlossen. Die neuen Volumina, mit denen der Balkan versorgt werden soll, stammen also weniger aus Aserbaidschan, sondern vor allem aus den Lieferl&auml;ndern f&uuml;r LNG, und hier sind die USA vor allem langfristig der Lieferant Nummer Eins. <\/p><p>Wenn das Leitungsnetz erst einmal vollendet ist, haben die USA den Gaskrieg um Europa gewonnen. Selbst Bulgarien, Serbien und Ungarn, die bis heute mangels verf&uuml;gbarer alternativer Leitungskapazit&auml;ten russisches Erdgas beziehen, k&ouml;nnen dann von den USA und anderen LNG-Exporteuren wie Katar versorgt werden. Russland verliert seinen letzten europ&auml;ischen Markt &ndash; zumindest wenn man die T&uuml;rkei nicht als europ&auml;ischen Staat bezeichnen will. <\/p><p>Diese Entwicklung ist nicht &uuml;berraschend und wurde seitens der EU und den USA bereits vor der Eskalation des Ukraine-Kriegs und den j&uuml;ngeren Sanktionsrunden geplant. Die n&ouml;tigen Liefermengen stehen sp&auml;testens bis 2030 zur Verf&uuml;gung. In einer <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=42694\">Analyse aus dem Jahr 2018<\/a> kommentierte ich diese Pl&auml;ne noch sehr verhalten, da ich mir nicht vorstellen konnte, dass Europa &bdquo;freiwillig&ldquo; die deutlich h&ouml;heren Preise f&uuml;r LNG aus den USA zu zahlen bereit ist. Das hat sich durch den Ukraine-Krieg nun ge&auml;ndert. Und nun sage bitte keiner, den USA ginge es im Ukraine-Krieg um so etwas wie Freiheit, Demokratie oder Selbstbestimmung. Einen ganzen Kontinent von sich abh&auml;ngig zu machen und daf&uuml;r auch noch Billionen zu kassieren &ndash; das ist wohl der Hauptpreis und die USA sind drauf und dran, ihr Ziel zu erreichen. <\/p><p>Titelbild: Kodda\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/d17a0facbe7e4cf1b528e1bc528adfad\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Letzte Woche <a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/business\/energy\/bulgaria-begins-work-serbia-gas-link-sees-operations-by-year-end-2023-02-01\/\">begannen<\/a> in Bulgarien die Bauarbeiten f&uuml;r eine Gasverbundleitung nach Serbien. Damit wird Serbien noch in diesem Jahr als einer der letzten europ&auml;ischen Binnenstaaten an ein Verbundnetz angeschlossen, das in der Lage ist, das bisherige Versorgungsmonopol Russlands zu beenden. 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