{"id":93548,"date":"2023-02-09T08:40:20","date_gmt":"2023-02-09T07:40:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=93548"},"modified":"2023-02-10T16:15:16","modified_gmt":"2023-02-10T15:15:16","slug":"der-scoop-des-jahres-reporter-legende-seymour-hersh-macht-die-usa-und-norwegen-fuer-die-sprengung-der-nord-stream-pipelines-verantwortlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=93548","title":{"rendered":"Der Scoop des Jahres: Reporter-Legende Seymour Hersh macht die USA und Norwegen f\u00fcr die Sprengung der Nord-Stream-Pipelines verantwortlich"},"content":{"rendered":"<p>Es war eigentlich nur eine Frage der Zeit. Alle Indizien &uuml;ber die T&auml;terschaft bei der Sprengung der Ostseepipelines Nord Stream 1 und 2 sprachen seit Beginn eine <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88560\">recht klare Sprache<\/a> &ndash; nur die USA hatten sowohl ein klares Motiv als auch die Mittel und die Ruchlosigkeit f&uuml;r eine derartige &bdquo;Kriegshandlung&ldquo;. Doch seitdem herrschte sowohl in der Politik als auch bei den Medien dies- und jenseits des Atlantiks bleiernes Schweigen. Nun hat Reporter-Legende <strong>Seymour Hersh<\/strong> das Schweigen gebrochen und <a href=\"https:\/\/seymourhersh.substack.com\/p\/how-america-took-out-the-nord-stream\">eine aufsehenerregende Reportage geschrieben<\/a>, in der er die USA und Norwegen f&uuml;r den Anschlag verantwortlich macht. Dabei greift Hersh auch auf Erkenntnisse zur&uuml;ck, die auch die NachDenkSeiten bereits <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88603\">sehr fr&uuml;h thematisiert haben<\/a>. Hersh ist nicht irgendwer, sondern der wohl renommierteste Investigativ-Journalist &uuml;berhaupt &ndash; der Mann, der unter anderem die Kriegsverbrechen von My Lay und Abu-Ghuraib aufdeckte. Die NachDenkSeiten haben Hershs Reportage automatisiert ins Deutsche &uuml;bersetzt.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_455\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-93548-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230210_Der_Scoop_des_Jahres_Reporter_Legende_Seymour_Hersh_macht_die_USA_und_Norwegen_fuer_die_Sprengung_der_Nord_Stream_Pipelines_verantwortlich_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230210_Der_Scoop_des_Jahres_Reporter_Legende_Seymour_Hersh_macht_die_USA_und_Norwegen_fuer_die_Sprengung_der_Nord_Stream_Pipelines_verantwortlich_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230210_Der_Scoop_des_Jahres_Reporter_Legende_Seymour_Hersh_macht_die_USA_und_Norwegen_fuer_die_Sprengung_der_Nord_Stream_Pipelines_verantwortlich_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230210_Der_Scoop_des_Jahres_Reporter_Legende_Seymour_Hersh_macht_die_USA_und_Norwegen_fuer_die_Sprengung_der_Nord_Stream_Pipelines_verantwortlich_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=93548-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230210_Der_Scoop_des_Jahres_Reporter_Legende_Seymour_Hersh_macht_die_USA_und_Norwegen_fuer_die_Sprengung_der_Nord_Stream_Pipelines_verantwortlich_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230210_Der_Scoop_des_Jahres_Reporter_Legende_Seymour_Hersh_macht_die_USA_und_Norwegen_fuer_die_Sprengung_der_Nord_Stream_Pipelines_verantwortlich_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Wie Amerika die Nord Stream-Pipeline ausgeschaltet hat<\/strong><\/p><p>Die New York Times nannte es ein &ldquo;Mysterium&rdquo;, aber die Vereinigten Staaten f&uuml;hrten eine verdeckte Seeoperation durch, die geheimgehalten wurde &ndash; bis jetzt. Von <strong>Seymour Hersh<\/strong>.<\/p><p>Das Tauch- und Bergungszentrum der US-Marine befindet sich an einem Ort, der so obskur ist wie sein Name &ndash; an einem ehemaligen Feldweg im l&auml;ndlichen Panama City, einer heute boomenden Urlaubsstadt im s&uuml;dwestlichen Panhandle von Florida, 70 Meilen s&uuml;dlich der Grenze zu Alabama. Der Komplex des Zentrums ist so unscheinbar wie sein Standort &ndash; ein trister Betonbau aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, der an eine Berufsschule im Westen Chicagos erinnert. Auf der anderen Seite der heute vierspurigen Stra&szlig;e befinden sich ein M&uuml;nzwaschsalon und eine Tanzschule.<\/p><p>Das Zentrum bildet seit Jahrzehnten hochqualifizierte Tiefseetaucher aus, die einst amerikanischen Milit&auml;reinheiten auf der ganzen Welt zugeteilt waren. Sie sind in der Lage, technische Tauchg&auml;nge durchzuf&uuml;hren, um sowohl das Gute zu tun &ndash; C4-Sprengstoff zu verwenden, um H&auml;fen und Str&auml;nde von Tr&uuml;mmern und nicht explodierten Sprengk&ouml;rpern zu befreien &ndash; als auch das Schlechte, wie das Sprengen ausl&auml;ndischer &Ouml;lplattformen, das Verschmutzen von Einlassventilen f&uuml;r Unterwasserkraftwerke und die Zerst&ouml;rung von Schleusen an wichtigen Schifffahrtskan&auml;len. Das Zentrum in Panama City, das &uuml;ber das zweitgr&ouml;&szlig;te Hallenbad Amerikas verf&uuml;gt, war der perfekte Ort, um die besten und wortkargsten Absolventen der Tauchschule zu rekrutieren, die im vergangenen Sommer erfolgreich das taten, wozu sie 260 Fu&szlig; unter der Oberfl&auml;che der Ostsee befugt gewesen waren.<\/p><p>Im vergangenen Juni brachten die Marinetaucher im Rahmen einer weithin bekannten NATO-Sommer&uuml;bung namens BALTOPS 22 die fernausgel&ouml;sten Sprengs&auml;tze an, die drei Monate sp&auml;ter drei der vier Nord-Stream-Pipelines zerst&ouml;rten, so eine Quelle mit direkter Kenntnis der Einsatzplanung.<\/p><p>Zwei der Pipelines, die unter dem Namen Nord Stream 1 bekannt sind, versorgen Deutschland und weite Teile Westeuropas seit mehr als einem Jahrzehnt mit billigem russischen Erdgas. Ein zweites Paar von Pipelines, Nord Stream 2 genannt, wurde bereits gebaut, war aber noch nicht in Betrieb. Nun, da sich russische Truppen an der ukrainischen Grenze sammeln und der blutigste Krieg in Europa seit 1945 droht, sah Pr&auml;sident Joseph Biden in den Pipelines ein Vehikel f&uuml;r Wladimir Putin, um Erdgas f&uuml;r seine politischen und territorialen Ambitionen zu instrumentalisieren.<\/p><p>Adrienne Watson, eine Sprecherin des Wei&szlig;en Hauses, erkl&auml;rte in einer E-Mail: &bdquo;Das ist falsch und frei erfunden.&ldquo; Tammy Thorp, eine Sprecherin des US-Geheimdienstes Central Intelligence Agency, schrieb ebenfalls: &bdquo;Diese Behauptung ist komplett und v&ouml;llig falsch.&ldquo;<\/p><p>Bidens Entscheidung, die Pipelines zu sabotieren, kam nach mehr als neun Monaten streng geheimer Debatten innerhalb der nationalen Sicherheitsgemeinschaft in Washington dar&uuml;ber, wie dieses Ziel am besten zu erreichen sei. Die meiste Zeit &uuml;ber ging es nicht um die Frage, ob die Mission durchgef&uuml;hrt werden sollte, sondern darum, wie sie durchgef&uuml;hrt werden konnte, ohne dass offenkundig war, wer daf&uuml;r verantwortlich war.<\/p><p>Es gab einen wichtigen b&uuml;rokratischen Grund, sich auf die Absolventen der Tauchschule des Zentrums in Panama City zu verlassen. Die Taucher geh&ouml;rten ausschlie&szlig;lich der Marine an und nicht dem amerikanischen Kommando f&uuml;r Sondereins&auml;tze, dessen verdeckte Operationen dem Kongress gemeldet und der F&uuml;hrung des Senats und des Repr&auml;sentantenhauses &ndash; der so genannten Gang of Eight &ndash; im Voraus mitgeteilt werden m&uuml;ssen. Die Biden-Administration tat alles, um undichte Stellen zu vermeiden, da die Planung Ende 2021 und in den ersten Monaten des Jahres 2022 stattfand.<\/p><p>Pr&auml;sident Biden und sein au&szlig;enpolitisches Team &ndash; der Nationale Sicherheitsberater Jake Sullivan, Au&szlig;enminister Tony Blinken und Victoria Nuland, die Unterstaatssekret&auml;rin f&uuml;r Politik &ndash; hatten sich klar und deutlich gegen die beiden Pipelines ausgesprochen, die von zwei verschiedenen H&auml;fen im Nordosten Russlands nahe der estnischen Grenze Seite an Seite 750 Meilen unter der Ostsee hindurch verlaufen und in der N&auml;he der d&auml;nischen Insel Bornholm enden, bevor sie in Norddeutschland enden.<\/p><p>Die direkte Route, die den Transit durch die Ukraine umging, war ein Segen f&uuml;r die deutsche Wirtschaft, die in den Genuss eines &Uuml;berflusses an billigem russischen Erdgas kam &ndash; genug, um ihre Fabriken zu betreiben und ihre H&auml;user zu heizen, w&auml;hrend die deutschen Verteilerunternehmen &uuml;bersch&uuml;ssiges Gas mit Gewinn in ganz Westeuropa verkaufen konnten. Ma&szlig;nahmen, die auf die Regierung zur&uuml;ckgef&uuml;hrt werden k&ouml;nnten, w&uuml;rden gegen das Versprechen der USA versto&szlig;en, den direkten Konflikt mit Russland zu minimieren. Geheimhaltung war unerl&auml;sslich.<\/p><p>Von Anfang an wurde Nord Stream 1 von Washington und seinen antirussischen NATO-Partnern als Bedrohung der westlichen Vorherrschaft angesehen. Die dahinterstehende Holdinggesellschaft, die Nord Stream AG, wurde 2005 in der Schweiz in Partnerschaft mit Gazprom gegr&uuml;ndet. Gazprom ist ein b&ouml;rsennotiertes russisches Unternehmen, das enorme Gewinne f&uuml;r seine Aktion&auml;re erwirtschaftet und von Oligarchen beherrscht wird, von denen bekannt ist, dass sie im Bannkreis Putins stehen. Gazprom kontrollierte 51 Prozent des Unternehmens, w&auml;hrend sich vier europ&auml;ische Energieunternehmen &ndash; eines in Frankreich, eines in den Niederlanden und zwei in Deutschland &ndash; die restlichen 49 Prozent der Aktien teilten und das Recht hatten, den nachgelagerten Verkauf des preiswerten Erdgases an lokale Verteiler in Deutschland und Westeuropa zu kontrollieren. Die Gewinne von Gazprom wurden mit der russischen Regierung geteilt, und die staatlichen Gas- und &Ouml;leinnahmen machten in manchen Jahren sch&auml;tzungsweise bis zu 45 Prozent des russischen Jahreshaushalts aus.<\/p><p>Die politischen Bef&uuml;rchtungen der Amerikaner waren real: Putin w&uuml;rde nun &uuml;ber eine zus&auml;tzliche und dringend ben&ouml;tigte wichtige Einnahmequelle verf&uuml;gen, und Deutschland und das &uuml;brige Westeuropa w&uuml;rden von preiswertem, von Russland geliefertem Erdgas abh&auml;ngig werden &ndash; und gleichzeitig die Abh&auml;ngigkeit Europas von Amerika verringern. Tats&auml;chlich ist genau das passiert. Viele Deutsche sahen Nord Stream 1 als Teil der Befreiung in Gestalt der ber&uuml;hmten Ostpolitik des ehemaligen Bundeskanzlers Willy Brandt, die es dem Nachkriegsdeutschland erm&ouml;glicht hatte, sich selbst und andere europ&auml;ische Nationen, die im Zweiten Weltkrieg zerst&ouml;rt worden waren, zu rehabilitieren, indem es unter anderem billiges russisches Gas als Treibstoff f&uuml;r einen florierenden westeurop&auml;ischen Markt und eine florierende Handelswirtschaft nutzen w&uuml;rde.<\/p><p>Nord Stream 1 war nach Ansicht der NATO und Washingtons schon gef&auml;hrlich genug, aber Nord Stream 2, dessen Bau im September 2021 abgeschlossen wurde, w&uuml;rde, wenn die deutschen Aufsichtsbeh&ouml;rden zustimmen, die Menge an billigem Gas verdoppeln, die Deutschland und Westeuropa zur Verf&uuml;gung stehen w&uuml;rde. Die zweite Pipeline w&uuml;rde au&szlig;erdem genug Gas f&uuml;r mehr als 50 Prozent des j&auml;hrlichen Verbrauchs in Deutschland liefern. Die Spannungen zwischen Russland und der NATO eskalierten st&auml;ndig, unterst&uuml;tzt durch die aggressive Au&szlig;enpolitik der Biden-Administration.<\/p><p>Der Widerstand gegen Nord Stream 2 flammte am Vorabend der Amtseinf&uuml;hrung Bidens im Januar 2021 auf, als die Republikaner im Senat, angef&uuml;hrt von Ted Cruz aus Texas, w&auml;hrend der Anh&ouml;rung zur Best&auml;tigung Blinkens als Au&szlig;enminister wiederholt die politische Bedrohung durch billiges russisches Erdgas ansprachen. Bis dahin hatte ein vereinigter Senat erfolgreich ein Gesetz verabschiedet, das, wie Cruz zu Blinken sagte, &bdquo;[die Pipeline] in ihrem Lauf aufhielt&ldquo;. Die deutsche Regierung, die damals von Angela Merkel gef&uuml;hrt wurde, &uuml;bte enormen politischen und wirtschaftlichen Druck aus, um die zweite Pipeline in Betrieb zu nehmen.<\/p><p>W&uuml;rde Biden den Deutschen die Stirn bieten? Blinken bejahte dies, f&uuml;gte aber hinzu, dass er die Ansichten des neuen Pr&auml;sidenten nicht im Einzelnen er&ouml;rtert habe. &bdquo;Ich kenne seine feste &Uuml;berzeugung, dass Nord Stream 2 eine schlechte Idee ist&ldquo;, sagte er. &bdquo;Ich wei&szlig;, dass er m&ouml;chte, dass wir alle uns zur Verf&uuml;gung stehenden Mittel einsetzen, um unsere Freunde und Partner, einschlie&szlig;lich Deutschland, davon zu &uuml;berzeugen, das Projekt nicht voranzutreiben.&ldquo;<\/p><p>Ein paar Monate sp&auml;ter, als der Bau der zweiten Pipeline kurz vor der Fertigstellung stand, lenkte Biden ein. Im Mai dieses Jahres verzichtete die Regierung in einer erstaunlichen Kehrtwende auf Sanktionen gegen die Nord Stream AG, wobei ein Beamter des Au&szlig;enministeriums einr&auml;umte, dass der Versuch, die Pipeline durch Sanktionen und Diplomatie zu stoppen, &bdquo;schon immer aussichtslos&ldquo; gewesen sei. Hinter den Kulissen dr&auml;ngten Beamte der Regierung Berichten zufolge den ukrainischen Pr&auml;sidenten Wolodymyr Zelenskij, der zu diesem Zeitpunkt von einer russischen Invasion bedroht war, dazu, den Schritt nicht zu kritisieren.<\/p><p>Das hatte unmittelbare Folgen. Die Republikaner im Senat, angef&uuml;hrt von Cruz, k&uuml;ndigten eine sofortige Blockade aller von Biden nominierten Kandidaten f&uuml;r die Au&szlig;enpolitik an und verz&ouml;gerten die Verabschiedung des j&auml;hrlichen Verteidigungsgesetzes &uuml;ber Monate hinweg bis tief in den Herbst hinein. Politico bezeichnete Bidens Kehrtwende in Bezug auf die zweite russische Pipeline sp&auml;ter als &bdquo;die einzige Entscheidung, die Bidens Agenda gef&auml;hrdet hat, wohl noch mehr als der chaotische milit&auml;rische R&uuml;ckzug aus Afghanistan&ldquo;. <\/p><p>Die Regierung geriet ins Trudeln, obwohl sie Mitte November einen Aufschub in der Krise erhielt, als die deutschen Energieregulierungsbeh&ouml;rden die Genehmigung f&uuml;r die zweite Nord-Stream-Pipeline aussetzten. Die Erdgaspreise stiegen innerhalb weniger Tage um 8 Prozent, da in Deutschland und Europa die Bef&uuml;rchtung wuchs, dass die Aussetzung der Pipeline und die wachsende M&ouml;glichkeit eines Krieges zwischen Russland und der Ukraine zu einem sehr unerw&uuml;nschten kalten Winter f&uuml;hren w&uuml;rden. In Washington war nicht klar, wo Olaf Scholz, der neu ernannte deutsche Bundeskanzler, steht. Monate zuvor, nach dem Fall Afghanistans, hatte Scholz in einer Rede in Prag &ouml;ffentlich die Forderung des franz&ouml;sischen Pr&auml;sidenten Emmanuel Macron nach einer eigenst&auml;ndigeren europ&auml;ischen Au&szlig;enpolitik unterst&uuml;tzt &ndash; ein klarer Hinweis darauf, dass man sich weniger auf Washington und dessen wechselhaftes Handeln verlassen sollte.<\/p><p>W&auml;hrenddessen wurden die russischen Truppen an den Grenzen der Ukraine stetig und bedrohlich aufgestockt, und Ende Dezember waren mehr als 100.000 Soldaten in der Lage, von Wei&szlig;russland und der Krim aus zuzuschlagen. In Washington wuchs die Besorgnis, und Blinken sch&auml;tzte ein, dass diese Truppenst&auml;rke &bdquo;in kurzer Zeit verdoppelt werden k&ouml;nnte&ldquo;.<\/p><p>Die Aufmerksamkeit der Regierung richtete sich wieder einmal auf Nord Stream. Solange Europa von den Pipelines f&uuml;r billiges Erdgas abh&auml;ngig blieb, bef&uuml;rchtete Washington, dass L&auml;nder wie Deutschland z&ouml;gern w&uuml;rden, die Ukraine mit dem Geld und den Waffen zu versorgen, die sie brauchte, um Russland zu besiegen.<\/p><p>In diesem unruhigen Moment beauftragte Biden Jake Sullivan, eine beh&ouml;rden&uuml;bergreifende Gruppe zusammenzustellen, die einen Plan ausarbeiten sollte. <\/p><p>Alle Optionen sollten auf den Tisch gelegt werden. Aber nur eine w&uuml;rde sich durchsetzen.<\/p><p><strong>PLANUNG<\/strong><\/p><p>Im Dezember 2021, zwei Monate bevor die ersten russischen Panzer in die Ukraine rollten, berief Jake Sullivan eine Sitzung einer neu gebildeten Arbeitsgruppe ein &ndash; M&auml;nner und Frauen aus den Stabschefs, der CIA, dem Au&szlig;en- und dem Finanzministerium &ndash; und bat um Empfehlungen, wie man auf Putins bevorstehende Invasion reagieren sollte.<\/p><p>Es war das erste einer Reihe von streng geheimen Treffen in einem sicheren Raum im obersten Stockwerk des Old Executive Office Building, das an das Wei&szlig;e Haus angrenzt und in dem auch das President&rsquo;s Foreign Intelligence Advisory Board (PFIAB) untergebracht war. Es gab das &uuml;bliche Hin- und Hergerede, das schlie&szlig;lich zu einer entscheidenden Vorfrage f&uuml;hrte: W&uuml;rde die Empfehlung, die die Gruppe dem Pr&auml;sidenten &uuml;bermittelte, reversibel sein &ndash; wie eine weitere Schicht von Sanktionen und Devisenbeschr&auml;nkungen &ndash; oder irreversibel &ndash; d. h. kinetische Aktionen, die nicht r&uuml;ckg&auml;ngig gemacht werden k&ouml;nnten?<\/p><p>Laut der Quelle mit direkter Kenntnis des Prozesses wurde den Teilnehmern klar, dass Sullivan beabsichtigte, dass die Gruppe einen Plan f&uuml;r die Zerst&ouml;rung der beiden Nord-Stream-Pipelines ausarbeiten sollte &ndash; und dass er den W&uuml;nschen des Pr&auml;sidenten nachkam.<\/p><p>In den n&auml;chsten Sitzungen er&ouml;rterten die Teilnehmer Optionen f&uuml;r einen Angriff. Die Marine schlug vor, ein neu in Dienst gestelltes U-Boot einzusetzen, um die Pipeline direkt anzugreifen. Die Air Force diskutierte den Abwurf von Bomben mit verz&ouml;gertem Z&uuml;nder, die aus der Ferne gez&uuml;ndet werden k&ouml;nnten. Die CIA vertrat die Ansicht, dass der Angriff in jedem Fall verdeckt erfolgen m&uuml;sse. Allen Beteiligten war klar, was auf dem Spiel stand. &bdquo;Das ist kein Kinderkram&ldquo;, sagte die Quelle. Wenn der Angriff auf die Vereinigten Staaten zur&uuml;ckgef&uuml;hrt werden k&ouml;nnte, &bdquo;w&auml;re das eine Kriegshandlung&ldquo;.<\/p><p>Zu dieser Zeit wurde die CIA von William Burns geleitet, einem sanftm&uuml;tigen ehemaligen Botschafter in Russland, der als stellvertretender Au&szlig;enminister in der Obama-Regierung gedient hatte. Burns erm&auml;chtigte rasch eine Arbeitsgruppe der Agentur, zu deren Ad-hoc-Mitgliedern zuf&auml;llig jemand geh&ouml;rte, der mit den F&auml;higkeiten der Tiefseetaucher der Marine in Panama City vertraut war. In den n&auml;chsten Wochen begannen die Mitglieder der CIA-Arbeitsgruppe mit der Ausarbeitung eines Plans f&uuml;r eine verdeckte Operation, bei der Tiefseetaucher eingesetzt werden sollten, um eine Explosion entlang der Pipeline auszul&ouml;sen.<\/p><p>So etwas war schon einmal gemacht worden. Im Jahr 1971 erfuhr der amerikanische Geheimdienst aus noch unbekannten Quellen, dass zwei wichtige Einheiten der russischen Marine &uuml;ber ein im Ochotskischen Meer an der russischen Fernostk&uuml;ste verlegtes Unterseekabel miteinander kommunizierten. Das Kabel verband ein regionales Marinekommando mit dem Hauptquartier auf dem Festland in Wladiwostok.<\/p><p>Ein handverlesenes Team von Mitarbeitern des US-Geheimdienstes Central Intelligence Agency und der National Security Agency (NSA) wurde irgendwo im Gro&szlig;raum Washington zusammengetrommelt und arbeitete unter Einsatz von Marinetauchern, umgebauten U-Booten und einem Tiefsee-Rettungsfahrzeug einen Plan aus, mit dem es nach vielen Versuchen und Irrt&uuml;mern gelang, das russische Kabel zu lokalisieren. Die Taucher brachten ein ausgekl&uuml;geltes Abh&ouml;rger&auml;t auf dem Kabel an, das den russischen Datenverkehr erfolgreich abfing und mit einem Abh&ouml;rsystem aufzeichnete.<\/p><p>Die NSA erfuhr, dass hochrangige russische Marineoffiziere, die von der Sicherheit ihrer Kommunikationsverbindung &uuml;berzeugt waren, ohne Verschl&uuml;sselung mit ihren Kollegen plauderten. Das Aufzeichnungsger&auml;t und das dazugeh&ouml;rige Band mussten monatlich ausgetauscht werden, und das Projekt lief ein Jahrzehnt lang munter weiter, bis es von einem vierundvierzigj&auml;hrigen zivilen NSA-Techniker namens Ronald Pelton, der flie&szlig;end Russisch sprach, aufgedeckt wurde. Pelton wurde 1985 von einem russischen &Uuml;berl&auml;ufer verraten und zu einer Gef&auml;ngnisstrafe verurteilt. Die Russen zahlten ihm nur 5.000 Dollar f&uuml;r seine Enth&uuml;llungen &uuml;ber die Operation sowie 35.000 Dollar f&uuml;r andere russische Betriebsdaten, die er zur Verf&uuml;gung stellte und die nie ver&ouml;ffentlicht wurden.<\/p><p>Dieser Unterwassererfolg mit dem Codenamen Ivy Bells war innovativ und riskant und lieferte unsch&auml;tzbare Erkenntnisse &uuml;ber die Absichten und Planungen der russischen Marine.<\/p><p>Dennoch war die beh&ouml;rden&uuml;bergreifende Gruppe anfangs skeptisch, was die Begeisterung der CIA f&uuml;r einen verdeckten Tiefseeangriff betraf. Es gab zu viele unbeantwortete Fragen. Die Gew&auml;sser der Ostsee wurden von der russischen Marine stark patrouilliert, und es gab keine &Ouml;lplattformen, die als Deckung f&uuml;r eine Tauchoperation genutzt werden konnten. M&uuml;ssten die Taucher nach Estland fahren, direkt &uuml;ber die Grenze zu den russischen Erdgasverladedocks, um f&uuml;r den Einsatz zu trainieren? &bdquo;Das w&auml;re ein Ziegenfick&ldquo;, wurde der Agentur gesagt.<\/p><p>W&auml;hrend &bdquo;all dieser Planungen&ldquo;, so die Quelle, &bdquo;sagten einige Mitarbeiter der CIA und des Au&szlig;enministeriums: &lsquo;Macht das nicht. Es ist dumm und wird ein politischer Albtraum sein, wenn es herauskommt.&rsquo;&ldquo;<\/p><p>Dennoch berichtete die CIA-Arbeitsgruppe Anfang 2022 an Sullivans beh&ouml;rden&uuml;bergreifende Gruppe: &bdquo;Wir haben eine M&ouml;glichkeit, die Pipelines zu sprengen.&ldquo;<\/p><p>Was dann kam, war verbl&uuml;ffend. Am 7. Februar, weniger als drei Wochen vor der scheinbar unvermeidlichen russischen Invasion in der Ukraine, traf Biden in seinem B&uuml;ro im Wei&szlig;en Haus mit dem deutschen Bundeskanzler Olaf Scholz zusammen, der nach einigem Wackeln nun fest auf der Seite der Amerikaner stand. Bei der anschlie&szlig;enden Pressekonferenz sagte Biden trotzig: &bdquo;Wenn Russland einmarschiert &hellip; wird es kein Nord Stream 2 mehr geben. Wir werden dem ein Ende setzen.&ldquo;<\/p><p>Zwanzig Tage zuvor hatte Staatssekret&auml;rin Nuland bei einem Briefing des Au&szlig;enministeriums im Wesentlichen dieselbe Botschaft verk&uuml;ndet, ohne dass die Presse dar&uuml;ber berichtet h&auml;tte. &bdquo;Ich m&ouml;chte Ihnen heute ganz klar sagen&ldquo;, antwortete sie auf eine Frage. &bdquo;Wenn Russland in die Ukraine einmarschiert, wird Nord Stream 2 so oder so nicht vorankommen.&ldquo;<\/p><p>Mehrere an der Planung der Pipeline beteiligte Personen zeigten sich best&uuml;rzt &uuml;ber die ihrer Meinung nach indirekten Anspielungen auf den Angriff.<\/p><p>&bdquo;Es war, als w&uuml;rde man eine Atombombe in Tokio auf den Boden legen und den Japanern sagen, dass wir sie z&uuml;nden werden&ldquo;, sagte die Quelle. &bdquo;Der Plan sah vor, dass die Optionen nach der Invasion ausgef&uuml;hrt und nicht &ouml;ffentlich bekanntgegeben werden sollten. Biden hat es einfach nicht kapiert oder ignoriert.&ldquo;<\/p><p>Bidens und Nulands Indiskretion, wenn es denn so war, k&ouml;nnte einige der Planer frustriert haben. Aber sie schuf auch eine Gelegenheit. Der Quelle zufolge waren einige hochrangige CIA-Beamte der Ansicht, dass die Sprengung der Pipeline &bdquo;nicht l&auml;nger als verdeckte Option betrachtet werden konnte, weil der Pr&auml;sident gerade bekanntgegeben hatte, dass wir w&uuml;ssten, wie man es macht&ldquo;.<\/p><p>Der Plan, Nord Stream 1 und 2 zu sprengen, wurde pl&ouml;tzlich von einer verdeckten Operation, die eine Unterrichtung des Kongresses erforderte, zu einer als streng geheim eingestuften Geheimdienstoperation mit milit&auml;rischer Unterst&uuml;tzung der USA herabgestuft. Nach dem Gesetz, so die Quelle, &bdquo;gab es keine rechtliche Verpflichtung mehr, den Kongress &uuml;ber die Operation zu informieren. Alles, was sie jetzt tun mussten, war, es einfach zu tun &ndash; aber es musste immer noch geheim sein. Die Russen haben eine hervorragende &Uuml;berwachung der Ostsee&ldquo;.<\/p><p>Die Mitglieder der Arbeitsgruppe der Agentur hatten keinen direkten Kontakt zum Wei&szlig;en Haus und wollten unbedingt herausfinden, ob der Pr&auml;sident es ernst meinte, was er gesagt hatte, d. h. ob die Mission nun genehmigt war. Die Quelle erinnerte sich: &bdquo;Bill Burns kam zur&uuml;ck und sagte: &lsquo;Tun Sie es&rsquo;&ldquo;.<\/p><p><strong>DIE OPERATION<\/strong><\/p><p>Norwegen war der perfekte Ort f&uuml;r die Mission.<\/p><p>In den letzten Jahren der Ost-West-Krise hat das US-Milit&auml;r seine Pr&auml;senz in Norwegen, dessen westliche Grenze 1.400 Meilen entlang des Nordatlantiks verl&auml;uft und oberhalb des Polarkreises mit Russland zusammentrifft, stark ausgebaut. Das Pentagon hat &ndash; trotz einiger lokaler Kontroversen &ndash; hoch bezahlte Arbeitspl&auml;tze und Vertr&auml;ge geschaffen, indem es Hunderte von Millionen Dollar in die Modernisierung und den Ausbau von Einrichtungen der amerikanischen Marine und Luftwaffe in Norwegen investiert hat. Zu den neuen Arbeiten geh&ouml;rte vor allem ein fortschrittliches Radar mit synthetischer Apertur weit im Norden, das tief in Russland eindringen kann und gerade zu dem Zeitpunkt in Betrieb genommen wurde, als die amerikanischen Geheimdienste den Zugang zu einer Reihe von Langstrecken-Abh&ouml;rstationen in China verloren.<\/p><p>Ein neu eingerichteter amerikanischer U-Boot-St&uuml;tzpunkt, der seit Jahren im Bau war, wurde in Betrieb genommen, und mehr amerikanische U-Boote konnten nun eng mit ihren norwegischen Kollegen zusammenarbeiten, um eine gro&szlig;e russische Nuklearstation 250 Meilen &ouml;stlich auf der Halbinsel Kola zu &uuml;berwachen und auszuspionieren. Die Amerikaner haben au&szlig;erdem einen norwegischen Luftwaffenst&uuml;tzpunkt im Norden erheblich ausgebaut und der norwegischen Luftwaffe eine Flotte von Boeing-Poseidon-Patrouillenflugzeugen zur Verf&uuml;gung gestellt, um die Langstrecken-Spionage gegen Russland zu verst&auml;rken.<\/p><p>Im Gegenzug ver&auml;rgerte die norwegische Regierung im November letzten Jahres die Liberalen und einige gem&auml;&szlig;igte Abgeordnete in ihrem Parlament mit der Verabschiedung des erg&auml;nzenden Abkommens &uuml;ber die Zusammenarbeit im Verteidigungsbereich (SDCA). Das neue Abkommen sieht vor, dass die US-Justiz in bestimmten &bdquo;vereinbarten Gebieten&ldquo; im Norden f&uuml;r amerikanische Soldaten zust&auml;ndig ist, die au&szlig;erhalb des St&uuml;tzpunktes eines Verbrechens beschuldigt werden, sowie f&uuml;r norwegische B&uuml;rger, die beschuldigt oder verd&auml;chtigt werden, die Arbeit auf dem St&uuml;tzpunkt zu st&ouml;ren.<\/p><p>Norwegen geh&ouml;rte zu den Erstunterzeichnern des NATO-Vertrags im Jahr 1949, in den Anf&auml;ngen des Kalten Krieges. Heute ist der Oberbefehlshaber der NATO, Jens Stoltenberg, ein &uuml;berzeugter Antikommunist, der acht Jahre lang norwegischer Ministerpr&auml;sident war, bevor er 2014 mit amerikanischer Unterst&uuml;tzung auf seinen hohen NATO-Posten wechselte. Er war ein Hardliner in Sachen Putin und Russland und hatte seit dem Vietnamkrieg mit den amerikanischen Geheimdiensten zusammengearbeitet. Seitdem genie&szlig;t er volles Vertrauen. &bdquo;Er ist der Handschuh, der auf die amerikanische Hand passt&ldquo;, sagte die Quelle.<\/p><p>Zur&uuml;ck in Washington wussten die Planer, dass sie nach Norwegen gehen mussten. &bdquo;Sie hassten die Russen, und die norwegische Marine war voller hervorragender Seeleute und Taucher, die seit Generationen Erfahrung in der hochprofitablen Tiefsee-&Ouml;l- und Gasexploration hatten&ldquo;, sagte die Quelle. Au&szlig;erdem konnte man darauf vertrauen, dass sie die Mission geheimhalten w&uuml;rden. (Die Norweger k&ouml;nnten auch andere Interessen gehabt haben. Die Zerst&ouml;rung von Nord Stream &ndash; falls die Amerikaner es schaffen sollten &ndash; w&uuml;rde es Norwegen erm&ouml;glichen, weitaus mehr eigenes Erdgas nach Europa zu verkaufen.)<\/p><p>Irgendwann im M&auml;rz flogen einige Mitglieder des Teams nach Norwegen, um sich mit dem norwegischen Geheimdienst und der Marine zu treffen. Eine der wichtigsten Fragen war, wo genau in der Ostsee der beste Ort f&uuml;r die Anbringung des Sprengstoffs ist. Nord Stream 1 und 2, die jeweils &uuml;ber zwei Pipelines verf&uuml;gen, waren auf ihrem Weg zum Hafen von Greifswald im &auml;u&szlig;ersten Nordosten Deutschlands gr&ouml;&szlig;tenteils nur durch eine Meile voneinander getrennt.<\/p><p>Die norwegische Marine fand schnell die richtige Stelle in den flachen Gew&auml;ssern der Ostsee, nur wenige Meilen vor der d&auml;nischen Insel Bornholm. Die Pipelines verliefen in einem Abstand von mehr als einer Meile entlang eines Meeresbodens, der nur 260 Fu&szlig; tief war. Das w&auml;re in Reichweite der Taucher, die von einem norwegischen Minenj&auml;ger der Alta-Klasse aus mit einem Gemisch aus Sauerstoff, Stickstoff und Helium aus ihren Tanks tauchen und C4-Sprengladungen an den vier Pipelines anbringen w&uuml;rden, die mit Betonabdeckungen versehen sind. Es w&auml;re eine m&uuml;hsame, zeitraubende und gef&auml;hrliche Arbeit, aber die Gew&auml;sser vor Bornholm hatten einen weiteren Vorteil: Es gab keine gr&ouml;&szlig;eren Gezeitenstr&ouml;mungen, die das Tauchen erheblich erschwert h&auml;tten.<\/p><p>Nach ein paar Nachforschungen waren die Amerikaner einverstanden.<\/p><p>An diesem Punkt kam wieder einmal die obskure Tiefseetauchergruppe der Marine in Panama City ins Spiel. Die Tiefseeschulen in Panama City, deren Auszubildende an den Ivy Bells teilnahmen, werden von den Elite-Absolventen der Marineakademie in Annapolis, die in der Regel nach dem Ruhm streben, als Seal, Kampfpilot oder U-Boot-Fahrer eingesetzt zu werden, als unerw&uuml;nschtes Hinterland angesehen. Wenn man ein &bdquo;Black Shoe&ldquo; werden muss, d. h. ein Mitglied des weniger begehrten &Uuml;berwasserschiffkommandos, gibt es immer mindestens einen Dienst auf einem Zerst&ouml;rer, Kreuzer oder Amphibienschiff. Am wenigsten glamour&ouml;s ist die Minenkriegsf&uuml;hrung. Ihre Taucher erscheinen nie in Hollywood-Filmen oder auf den Titelseiten popul&auml;rer Zeitschriften.<\/p><p>&bdquo;Die besten Taucher mit Tieftauchqualifikationen sind eine enge Gemeinschaft, und nur die allerbesten werden f&uuml;r den Einsatz rekrutiert und darauf hingewiesen, dass sie sich darauf einstellen m&uuml;ssen, zur CIA nach Washington gerufen zu werden&ldquo;, so die Quelle.<\/p><p>Die Norweger und Amerikaner hatten einen Ort und die Agenten, aber es gab noch eine weitere Sorge: Jede ungew&ouml;hnliche Unterwasseraktivit&auml;t in den Gew&auml;ssern vor Bornholm k&ouml;nnte die Aufmerksamkeit der schwedischen oder d&auml;nischen Marine auf sich ziehen, die dar&uuml;ber berichten k&ouml;nnten.  <\/p><p>D&auml;nemark geh&ouml;rte ebenfalls zu den urspr&uuml;nglichen NATO-Unterzeichnern und war in Geheimdienstkreisen f&uuml;r seine besonderen Beziehungen zum Vereinigten K&ouml;nigreich bekannt. Schweden hatte einen Antrag auf Mitgliedschaft in der NATO gestellt und sein gro&szlig;es Geschick bei der Verwaltung seiner Unterwasserschall- und Magnetsensorsysteme unter Beweis gestellt, mit denen es erfolgreich russische U-Boote aufsp&uuml;rte, die gelegentlich in den entlegenen Gew&auml;ssern der schwedischen Sch&auml;ren auftauchten und an die Oberfl&auml;che gezwungen wurden.<\/p><p>Die Norweger schlossen sich den Amerikanern an und bestanden darauf, dass einige hochrangige Beamte in D&auml;nemark und Schweden in allgemeiner Form &uuml;ber m&ouml;gliche Tauchaktivit&auml;ten in dem Gebiet unterrichtet werden mussten. Auf diese Weise konnte jemand von h&ouml;herer Stelle eingreifen und einen Bericht aus der Befehlskette heraushalten, wodurch die Pipeline-Operation isoliert wurde. &bdquo;Was ihnen gesagt wurde und was sie wussten, war absichtlich unterschiedlich&ldquo;, sagte die Quelle (die norwegische Botschaft, die um einen Kommentar zu dieser Geschichte gebeten wurde, hat nicht geantwortet).<\/p><p>Die Norweger waren der Schl&uuml;ssel zur &Uuml;berwindung anderer H&uuml;rden. Es war bekannt, dass die russische Marine &uuml;ber eine &Uuml;berwachungstechnologie verf&uuml;gte, die in der Lage war, Unterwasserminen aufzusp&uuml;ren und auszul&ouml;sen. Die amerikanischen Sprengs&auml;tze mussten so getarnt werden, dass sie f&uuml;r das russische System als Teil des nat&uuml;rlichen Hintergrunds erscheinen w&uuml;rden &ndash; was eine Anpassung an den spezifischen Salzgehalt des Wassers erforderte. Die Norweger hatten eine L&ouml;sung.<\/p><p>Die Norweger hatten auch eine L&ouml;sung f&uuml;r die entscheidende Frage, wann die Operation durchgef&uuml;hrt werden sollte. Seit 21 Jahren veranstaltet die amerikanische Sechste Flotte, deren Flaggschiff in Gaeta (Italien) s&uuml;dlich von Rom stationiert ist, jedes Jahr im Juni eine gro&szlig;e NATO-&Uuml;bung in der Ostsee, an der zahlreiche Schiffe der Alliierten aus der gesamten Region teilnehmen. Die aktuelle &Uuml;bung, die im Juni stattfinden soll, wird als Baltic Operations 22 oder BALTOPS 22 bezeichnet. Die Norweger schlugen vor, dies sei die ideale Tarnung f&uuml;r das Verlegen der Minen.<\/p><p>Die Amerikaner steuerten ein entscheidendes Element bei: Sie &uuml;berzeugten die Planer der Sechsten Flotte, eine Forschungs- und Entwicklungs&uuml;bung in das Programm aufzunehmen. An der &Uuml;bung, die von der Marine bekanntgegeben wurde, war die Sechste Flotte in Zusammenarbeit mit den &bdquo;Forschungs- und Kriegsf&uuml;hrungszentren&ldquo; der Marine beteiligt. Bei der &Uuml;bung, die vor der K&uuml;ste der Insel Bornholm stattfinden sollte, sollten Taucherteams der NATO Minen verlegen, w&auml;hrend die konkurrierenden Teams die neueste Unterwassertechnologie einsetzten, um die Minen zu finden und zu zerst&ouml;ren.<\/p><p>Dies war sowohl eine n&uuml;tzliche &Uuml;bung als auch eine raffinierte Tarnung. Die Jungs aus Panama City w&uuml;rden ihre Arbeit tun, und die C4-Sprengs&auml;tze w&uuml;rden bis zum Ende von BALTOPS22 an Ort und Stelle sein, mit einem 48-Stunden-Timer versehen. Alle Amerikaner und Norweger w&uuml;rden bei der ersten Explosion schon lange weg sein. <\/p><p>Die Tage z&auml;hlten herunter. &bdquo;Die Uhr tickte, und wir waren kurz davor, die Mission zu erf&uuml;llen&ldquo;, sagte die Quelle.<\/p><p>Und dann: Washington &uuml;berlegte es sich anders. Die Bomben w&uuml;rden immer noch w&auml;hrend BALTOPS gelegt werden, aber das Wei&szlig;e Haus bef&uuml;rchtete, dass ein Zeitfenster von zwei Tagen f&uuml;r ihre Detonation zu nahe am Ende der &Uuml;bung sein w&uuml;rde, und es w&auml;re offensichtlich, dass Amerika beteiligt war.<\/p><p>Stattdessen hatte das Wei&szlig;e Haus eine neue Anfrage: &bdquo;K&ouml;nnen sich die Jungs vor Ort etwas einfallen lassen, um die Pipelines sp&auml;ter auf Kommando zu sprengen?&ldquo;<\/p><p>Einige Mitglieder des Planungsteams waren ver&auml;rgert und frustriert &uuml;ber die scheinbare Unentschlossenheit des Pr&auml;sidenten. Die Taucher in Panama City hatten wiederholt ge&uuml;bt, C4 an den Pipelines anzubringen, wie sie es bei BALTOPS tun w&uuml;rden, aber nun musste das Team in Norwegen einen Weg finden, um Biden zu geben, was er wollte &ndash; die M&ouml;glichkeit, einen erfolgreichen Hinrichtungsbefehl zu einem Zeitpunkt seiner Wahl zu erteilen.  <\/p><p>Mit einer willk&uuml;rlichen &Auml;nderung in letzter Minute beauftragt zu werden, war etwas, mit dem die CIA vertraut war. Allerdings wurden dadurch auch die Bedenken einiger Beteiligter hinsichtlich der Notwendigkeit und Rechtm&auml;&szlig;igkeit der gesamten Operation erneuert.<\/p><p>Die geheimen Befehle des Pr&auml;sidenten erinnerten auch an das Dilemma der CIA in der Zeit des Vietnamkriegs, als Pr&auml;sident Johnson angesichts der wachsenden Anti-Vietnamkriegsstimmung der Agentur befahl, gegen ihre Charta zu versto&szlig;en, die es ihr ausdr&uuml;cklich untersagte, innerhalb Amerikas zu operieren, indem sie f&uuml;hrende Kriegsgegner ausspionierte, um festzustellen, ob sie vom kommunistischen Russland kontrolliert wurden.<\/p><p>Die Agentur willigte schlie&szlig;lich ein, und im Laufe der 1970er Jahre wurde deutlich, wie weit sie zu gehen bereit war. Nach den Watergate-Skandalen enth&uuml;llten die Zeitungen, dass die Agentur amerikanische B&uuml;rger ausspionierte, an der Ermordung ausl&auml;ndischer F&uuml;hrer beteiligt war und die sozialistische Regierung von Salvador Allende untergrub.<\/p><p>Diese Enth&uuml;llungen f&uuml;hrten Mitte der 1970er Jahre zu einer Reihe dramatischer Anh&ouml;rungen im Senat unter der Leitung von Frank Church aus Idaho, bei denen deutlich wurde, dass Richard Helms, der damalige Direktor der Agency, akzeptierte, dass er verpflichtet war, die W&uuml;nsche des Pr&auml;sidenten zu erf&uuml;llen, auch wenn dies einen Versto&szlig; gegen das Gesetz bedeutete.<\/p><p>In einer unver&ouml;ffentlichten Zeugenaussage hinter verschlossenen T&uuml;ren erkl&auml;rte Helms reum&uuml;tig, dass &bdquo;man fast eine unbefleckte Empf&auml;ngnis hat, wenn man etwas auf geheime Anweisung eines Pr&auml;sidenten tut&ldquo;. &bdquo;Ob es nun richtig ist, dass Sie es haben sollten, oder falsch, dass Sie es haben sollen, [die CIA] arbeitet nach anderen Regeln und Grundregeln als jeder andere Teil der Regierung.&ldquo; Im Wesentlichen erkl&auml;rte er den Senatoren, dass er als CIA-Chef f&uuml;r die Krone und nicht f&uuml;r die Verfassung gearbeitet habe.<\/p><p>Die Amerikaner, die in Norwegen im Einsatz waren, arbeiteten mit der gleichen Dynamik und begannen pflichtbewusst mit der Arbeit an dem neuen Problem &ndash; der Fernz&uuml;ndung des C4-Sprengstoffs auf Bidens Befehl. Die Aufgabe war viel anspruchsvoller, als man in Washington dachte. Das Team in Norwegen konnte nicht wissen, wann der Pr&auml;sident den Knopf dr&uuml;cken w&uuml;rde. W&uuml;rde es in ein paar Wochen, in vielen Monaten oder in einem halben Jahr oder l&auml;nger sein?<\/p><p>Das an den Pipelines angebrachte C4 w&uuml;rde durch eine kurzfristig von einem Flugzeug abgeworfene Sonarboje ausgel&ouml;st werden, aber das Verfahren erforderte die modernste Signalverarbeitungstechnologie. Einmal an Ort und Stelle, k&ouml;nnten die an jeder der vier Pipelines angebrachten Zeitverz&ouml;gerungsger&auml;te versehentlich durch die komplexe Mischung von Meeresger&auml;uschen in der stark befahrenen Ostsee ausgel&ouml;st werden &ndash; durch nahe und entfernte Schiffe, Unterwasserbohrungen, seismische Ereignisse, Wellen und sogar Meerestiere. Um dies zu vermeiden, w&uuml;rde die Sonarboje, sobald sie an Ort und Stelle ist, eine Abfolge einzigartiger tieffrequenter T&ouml;ne aussenden &ndash; &auml;hnlich denen einer Fl&ouml;te oder eines Klaviers -, die vom Zeitmessger&auml;t erkannt werden und nach einer voreingestellten Verz&ouml;gerung von mehreren Stunden den Sprengstoff ausl&ouml;sen w&uuml;rden. (&bdquo;Sie wollen ein Signal, das robust genug ist, damit kein anderes Signal versehentlich einen Impuls senden kann, der den Sprengstoff z&uuml;ndet&ldquo;, erkl&auml;rte mir Dr. Theodore Postol, emeritierter Professor f&uuml;r Wissenschaft, Technologie und nationale Sicherheitspolitik am MIT. Postol, der als wissenschaftlicher Berater des Chefs der Marineoperationen im Pentagon t&auml;tig war, sagte, das Problem, dem sich die Gruppe in Norwegen wegen Bidens Verz&ouml;gerung gegen&uuml;bersieht, sei eine Frage des Zufalls: &bdquo;Je l&auml;nger der Sprengstoff im Wasser ist, desto gr&ouml;&szlig;er ist das Risiko eines zuf&auml;lligen Signals, das die Bomben ausl&ouml;st&ldquo;).<\/p><p>Am 26. September 2022 warf ein P8-&Uuml;berwachungsflugzeug der norwegischen Marine bei einem scheinbaren Routineflug eine Sonarboje ab. Das Signal breitete sich unter Wasser aus, zun&auml;chst zu Nord Stream 2 und dann zu Nord Stream 1. Wenige Stunden sp&auml;ter wurde der C4-Hochleistungssprengstoff ausgel&ouml;st und drei der vier Pipelines wurden au&szlig;er Betrieb gesetzt. Innerhalb weniger Minuten konnte man sehen, wie sich Methangas, das in den stillgelegten Pipelines verblieben war, an der Wasseroberfl&auml;che ausbreitete, und die Welt erfuhr, dass etwas Unumkehrbares geschehen war.<\/p><p><strong>FALLOUT<\/strong><\/p><p>Unmittelbar nach dem Anschlag auf die Pipeline behandelten die amerikanischen Medien den Vorfall wie ein ungel&ouml;stes R&auml;tsel. Russland wurde wiederholt als wahrscheinlicher Schuldiger genannt, angestachelt durch kalkulierte Indiskretionen aus dem Wei&szlig;en Haus &ndash; ohne dass jedoch jemals ein klares Motiv f&uuml;r einen solchen Akt der Selbstsabotage jenseits einfacher Vergeltung gefunden wurde. Als sich einige Monate sp&auml;ter herausstellte, dass die russischen Beh&ouml;rden in aller Stille Kostenvoranschl&auml;ge f&uuml;r die Reparatur der Pipelines eingeholt hatten, bezeichnete die New York Times diese Nachricht als &bdquo;Erschwerung der Theorien dar&uuml;ber, wer hinter dem Anschlag steckt&ldquo;. Keine gro&szlig;e amerikanische Zeitung ging auf die fr&uuml;heren Drohungen gegen die Pipelines ein, die von Biden und Staatssekret&auml;rin Nuland ausgesprochen wurden.<\/p><p>W&auml;hrend nie klar war, warum Russland versuchen sollte, seine eigene lukrative Pipeline zu zerst&ouml;ren, kam eine aufschlussreichere Begr&uuml;ndung f&uuml;r die Aktion des Pr&auml;sidenten von Au&szlig;enminister Blinken.<\/p><p>Auf einer Pressekonferenz im vergangenen September zu den Folgen der sich versch&auml;rfenden Energiekrise in Westeuropa befragt, beschrieb Blinken den Moment als einen potenziell guten:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Es ist eine enorme Chance, die Abh&auml;ngigkeit von russischer Energie ein f&uuml;r alle Mal zu beenden und damit Wladimir Putin die Bewaffnung der Energie als Mittel zur Durchsetzung seiner imperialen Pl&auml;ne zu entziehen. Das ist sehr bedeutsam und bietet eine enorme strategische Chance f&uuml;r die kommenden Jahre, aber in der Zwischenzeit sind wir entschlossen, alles in unserer Macht Stehende zu tun, um sicherzustellen, dass die Folgen all dessen nicht von den B&uuml;rgern in unseren L&auml;ndern oder in der ganzen Welt getragen werden.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>K&uuml;rzlich &auml;u&szlig;erte sich Victoria Nuland erfreut &uuml;ber das Scheitern der j&uuml;ngsten der beiden Pipelines. Bei einer Anh&ouml;rung des Ausschusses f&uuml;r ausw&auml;rtige Beziehungen des Senats Ende Januar sagte sie zu Senator Ted Cruz: &bdquo;Wie Sie bin auch ich, und ich glaube auch die Regierung, sehr erfreut zu wissen, dass Nord Stream 2 jetzt, wie Sie sagen, ein Haufen Metall auf dem Meeresgrund ist.&ldquo;<\/p><p>Die Quelle sah Bidens Entscheidung, mehr als 1.500 Meilen der Gazprom-Pipeline zu sabotieren, w&auml;hrend der Winter n&auml;her r&uuml;ckte, wesentlich n&uuml;chterner. &bdquo;Nun&ldquo;, sagte er &uuml;ber den Pr&auml;sidenten, &bdquo;ich muss zugeben, dass der Kerl ein Paar Eier hat.  Er hat gesagt, er w&uuml;rde es tun, und er hat es getan&ldquo;.<\/p><p>Auf die Frage, warum die Russen seiner Meinung nach nicht reagierten, antwortete er zynisch: &bdquo;Vielleicht wollen sie die M&ouml;glichkeit haben, dasselbe zu tun, was die USA getan haben.&ldquo;<\/p><p>&bdquo;Es war eine sch&ouml;ne Tarngeschichte&ldquo;, fuhr er fort. &bdquo;Dahinter steckte eine verdeckte Operation, bei der Experten vor Ort eingesetzt wurden und Ger&auml;te, die mit einem verdeckten Signal arbeiteten.&ldquo;<\/p><p>&bdquo;Der einzige Makel war die Entscheidung, es zu tun.&ldquo;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war eigentlich nur eine Frage der Zeit. 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