{"id":93786,"date":"2023-02-15T09:00:31","date_gmt":"2023-02-15T08:00:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=93786"},"modified":"2023-02-15T19:24:00","modified_gmt":"2023-02-15T18:24:00","slug":"spaete-gerechtigkeit-otto-john-rehabilitieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=93786","title":{"rendered":"Sp\u00e4te Gerechtigkeit: Otto John rehabilitieren"},"content":{"rendered":"<p>Das Brecht-Zitat von der Dummheit und den L&uuml;gen besseren Wissens[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=93786#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] wird immer aktueller. Tagt&auml;glich. Tausendfach. Bei der ARD bin ich mir nicht sicher. Ist es einfach Dummheit oder schon Verbrechen im Brecht&lsquo;schen Sinne? Die Anmache des Senders wird jedenfalls immer dreister, im selben Ma&szlig;e wie die Meinungs- und Pressefreiheit peu a peu in Deutschland eliminiert wird. Deshalb blicke ich einigerma&szlig;en &uuml;berrascht auf die TV-Serie des Senders &uuml;ber Otto John, dem ersten Verfassungsschutzpr&auml;sidenten der BRD. <a href=\"https:\/\/www.ardmediathek.de\/serie\/bonn-alte-freunde-neue-feinde\/staffel-1\/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL2Jvbm4\/1\">&bdquo;Bonn &ndash; Alte Freunde, neue Feinde&ldquo;<\/a>. Er scheiterte an den alten Nazi-Seilschaften. Und die Serie zeigt das ohne Wenn und Aber. Auch die begleitende <a href=\"https:\/\/www.ardmediathek.de\/video\/bonn-alte-freunde-neue-feinde\/doku-zur-serie-alte-freunde-neue-feinde-s01-e07\/das-erste\/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL2Jvbm4vNzJlMjBmOTgtNzBiMi00MTZkLTg3MDgtZWNjN2ZmNDQ1Y2Fm\">Doku<\/a> springt nicht aus der Faktenwelt in die Relativierung, um die bittere Wahrheit zu entsch&auml;rfen, wie es bei heiklen Themen oft der Fall ist. Von <strong>Burkhart List<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4342\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-93786-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230215_Spaete_Gerechtigkeit_Otto_John_rehabilitieren_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230215_Spaete_Gerechtigkeit_Otto_John_rehabilitieren_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230215_Spaete_Gerechtigkeit_Otto_John_rehabilitieren_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230215_Spaete_Gerechtigkeit_Otto_John_rehabilitieren_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=93786-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230215_Spaete_Gerechtigkeit_Otto_John_rehabilitieren_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230215_Spaete_Gerechtigkeit_Otto_John_rehabilitieren_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Otto John war 1954 verschwunden, genauer gesagt nach einer Gedenkfeier zum 20. Juli 1944 in Berlin, wo ihm bewusst geworden war, dass die bewaffnete Geheimorganisation alter SS-Kader, die er aufgedeckt hatte, nicht nur von Reinhard Gehlen angeleitet, sondern auch vom US-Geheimdienst unterst&uuml;tzt wurde. Er tauchte in Ost-Berlin auf und berichtete unverhohlen von der Wiederauferstehung der Nazis in der BRD, unterst&uuml;tzt von den USA gegen die Sowjetunion. Der internationale Skandal war perfekt. <\/p><p>Die Hetzjagd gegen den &bdquo;Verr&auml;ter&ldquo; war damals nach Art des fr&uuml;heren Propagandaministers. Und Gehlen, der sp&auml;tere BND-Chef, kommentierte es auch auf diese Weise: &bdquo;Einmal Verr&auml;ter, immer Verr&auml;ter!&ldquo;. Damit bezog er sich auf Johns Zugeh&ouml;rigkeit zum Widerstandskreis um Stauffenberg.<\/p><p>Nach seiner R&uuml;ckkunft in die BRD wurde John wegen Landesverrats angeklagt und zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Dass dieses Urteil eine ideologische Inszenierung war von den alten Nazis, angefangen bei Globke und Gehlen und NS-Richtern, die niemals zur Rechenschaft gezogen worden waren, bleibt im Geschichtsnebel weiterhin verborgen. Wie so vieles aus dieser Zeit.<\/p><p>Was ist nun der Anlass f&uuml;r diese Story? Ist doch alles bekannt, oder? Na ja, da gibt es noch einen besonderen Aspekt, der nicht in der Geschichtsbetrachtung &uuml;ber John vorkommt und der viele Jahre sp&auml;ter &uuml;ber den langen Arm der Nazi-Seilschaften einiges zu erz&auml;hlen hat.<\/p><p>Es war im Winter 1986, als mich der Chefredakteur des KURIER, damals die zweitgr&ouml;&szlig;te Tageszeitung in &Ouml;sterreich, Gerd Leitgeb, pers&ouml;nlich zu einem Gespr&auml;ch bat, um mir einen speziellen Rechercheauftrag zu geben, wie er meinte. Ich sollte &uuml;ber Otto John eine Reportage schreiben. Wie er in seinem Schl&ouml;sschen in Igls, nahe Innsbruck, mit seiner Frau lebe und wie er seinen Landesverrat heute s&auml;he. Vielleicht k&ouml;nne ich ihn &uuml;berf&uuml;hren. Meine investigativen Stories wirbelten damals gerade die Republik durcheinander. &bdquo;Wenn es etwas zu finden gibt, dann werde ich das tun,&ldquo; sagte ich. Jedenfalls waren der Spesenersatz, die Di&auml;ten und das Honorar ungew&ouml;hnlich hoch. F&uuml;r eine Reportage &uuml;ber einen alten Herrn, der einsam in den Bergen lebt und den niemand mehr kennt? Na gut, schau ma mal.<\/p><p>Mein Wissen zu Otto John beschr&auml;nkte sich damals auf eine rudiment&auml;re Kenntnis &uuml;ber den Fall des Verfassungsschutzpr&auml;sidenten und darauf, dass er als einer der Wenigen aus dem Kreis von Stauffenberg den H&auml;schern entkommen war. Gejagt hatte ihn 1944 Major Otto Ernst Remer. Hitler hat diesen Remer zum Generalmajor bef&ouml;rdert. Dieser Mann war mir bekannt. Wie es dazu kam?<\/p><p>Zusammen mit Gerhard Kromschr&ouml;der[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">**<\/a>](STERN) und Gerald Navara (Fotograf) suchten wir ihn als Odal Austria, eine gefakte Nazigruppe aus Wien, um den 8. Mai 1985 auf und verbrachten einen ganzen Nachmittag mit ihm und seiner Frau. Obwohl vor seinem Haus in Kempten ein wei&szlig;er Wagen mit zwei Polizisten stand, die ihn offenbar &uuml;berwachen sollten, waren wir &uuml;ber einen Hinterausgang in der Lage, sein geheimes Kellerlager zu besichtigen. Er zeigte es uns stolz und lachte &uuml;ber die &bdquo;Amtsdeppen&ldquo;, wie er die Polizisten nannte, vor dem Haus. Im Keller lagen sto&szlig;weise Videokassetten &bdquo;Die Auschwitzl&uuml;ge&ldquo;, &bdquo;private Filmaufnahmen des F&uuml;hrers&ldquo;, von Eva Braun und anderes Propagandamaterial. Es war bis an den Rand gef&uuml;llt mit Nazikram. <\/p><p>Dieser Remer freute sich &uuml;berschw&auml;nglich &uuml;ber den Besuch aus der &bdquo;Ostmark&ldquo; und konnte es sich nicht verkneifen, uns mehrere Packen Briefe anzuvertrauen, die wir am besten in M&uuml;nchen in verschiedene Briefk&auml;sten werfen sollten. So dass sie nicht von den Beh&ouml;rden erkannt und aussortiert werden konnten. Offenbar hatten wir bei dem alten Nazi einen starken Eindruck hinterlassen. &Uuml;brigens: Abgeschickt wurde nichts. Die Adressaten der Briefe in &Ouml;sterreich wurden von mir aufgesucht und auf Remer angesprochen. Darunter war auch ein Major am Fliegerhorst in H&ouml;rsching bei Linz. Niemand distanzierte sich von Remer.<\/p><p>Der unverbesserliche Nazi war mir also bekannt. Als die Reportagen in STERN und BASTA erschienen waren, k&uuml;mmerte sich die Polizei sofort um Remer. Sie fand das geheime Lager und beschlagnahmte es. Ein Gerichtsverfahren wurde vorbereitet, wo wir Journalisten als Zeugen geladen werden sollten.<\/p><p>Viele Monate sp&auml;ter war dann das Verfolgungsopfer Otto John mein Gespr&auml;chspartner. Was sagte doch Remer &uuml;ber ihn? &bdquo;Den h&auml;tten wir wie alle anderen sofort aufgeh&auml;ngt&hellip;!&ldquo;<\/p><p>Von Kempten nach Igls sind es Luftlinie vielleicht 100 Kilometer. Und eine andere Welt. Bei Remers gab es &bdquo;Eintopf vom F&uuml;hrer&ldquo; und bei Johns Earl Grey mit Keksen. Mein Eindruck war unzweifelhaft. Es mag zwar nie wirklich aufgekl&auml;rt werden, wie John nach Ost-Berlin gelangt war &ndash; er bestand darauf, bet&auml;ubt und entf&uuml;hrt worden zu sein &ndash; aber eines stand f&uuml;r mich fest: Er war ein durch und durch anst&auml;ndiger Mensch, kein windiger Spion und schon gar kein Verr&auml;ter. Einer, der tats&auml;chlich ein antifaschistisches demokratisches Deutschland im Sinn hatte. Bei Remer war hingegen der alte b&ouml;sartige und antisemitische Nazi pr&auml;sent.<\/p><p>Meine Story &uuml;ber John f&uuml;r den KURIER wurde fast schon erwartungsgem&auml;&szlig; von der Chefredaktion nicht angenommen, aber ein Abstandshonorar bezahlt. Der aus meinen Zeilen authentische Teil des Besuchs kam dann in einem Artikel vor, der die Ansicht von Herrn Leitgeb widerspiegelte. Allerdings viel vorsichtiger, als urspr&uuml;nglich von ihm erz&auml;hlt.<\/p><p>Knapp drei Monate sp&auml;ter wurde mir klar, weshalb Otto John mitten im Winter ganz pl&ouml;tzlich so aktuell geworden war. Der deutsche Bundespr&auml;sident Richard von Weizs&auml;cker hatte per 1. Mai 1986 eine Rente dem so ungerecht behandelten Otto John zuerkannt. Der KURIER-Chefredakteur wurde von mir darauf angesprochen, dass er diese Rente verhindern und mich als bekannten antifaschistischen Journalisten als Instrument daf&uuml;r missbrauchen wollte. Mit seinen deutschen rechten Kameraden im Staatsapparat &ndash; er selbst war in einer schlagenden Burschenschaft &ndash; habe er das &uuml;ber die &bdquo;Bande&ldquo;, &uuml;ber &Ouml;sterreich spielen wollen. Er antwortete nur s&uuml;ffisant: &bdquo;Na und, an Unschuldigen h&auml;tt&lsquo;s net erwischt.&ldquo; <\/p><p>&bdquo;An Schuldigen,&ldquo; um in der Wiener Diktion zu bleiben, hat es anderen Orts erwischt. N&auml;mlich besagten Otto Ernst Remer in Kempten. Aufgrund unserer Zeugenaussage und des Ergebnisses der Hausdurchsuchung wurde er schuldig gesprochen und ihm die Rente aberkannt. Auch eine Form sp&auml;ter Gerechtigkeit. Und dass wir Journalisten dazu beitragen konnten, war quasi die Belohnung f&uuml;r eine nicht leicht ertr&auml;gliche Recherche. Jetzt warten wir nur noch auf die posthume Rehabilitierung von Otto John. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] B. Brecht: &bdquo;Wer die Wahrheit nicht wei&szlig;, der ist blo&szlig; ein Dummkopf. Aber wer sie wei&szlig; und sie eine L&uuml;ge nennt, der ist ein Verbrecher.&ldquo;<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;**<\/a>] Gerhard Kromschr&ouml;der: &bdquo;Ich war einer von ihnen&ldquo;, Eichborn Verlag<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Brecht-Zitat von der Dummheit und den L&uuml;gen besseren Wissens[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=93786#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] wird immer aktueller. Tagt&auml;glich. Tausendfach. Bei der ARD bin ich mir nicht sicher. Ist es einfach Dummheit oder schon Verbrechen im Brecht&lsquo;schen Sinne? Die Anmache des Senders wird jedenfalls immer dreister, im selben Ma&szlig;e wie die Meinungs- und Pressefreiheit peu a peu in<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=93786\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":93787,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,198,182,125],"tags":[3342,955],"class_list":["post-93786","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-einzelne-politiker-personen-der-zeitgeschichte","category-medienkonzentration-vermachtung-der-medien","category-rechte-gefahr","tag-john-otto","tag-neonazismus"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/urn_ard_image_8400b7ce52a760d3.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/93786","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=93786"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/93786\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":93842,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/93786\/revisions\/93842"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/93787"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=93786"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=93786"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=93786"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}