{"id":9383,"date":"2011-05-10T14:16:56","date_gmt":"2011-05-10T12:16:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9383"},"modified":"2019-07-05T11:33:01","modified_gmt":"2019-07-05T09:33:01","slug":"gefahrliche-geruchte-aus-berlin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9383","title":{"rendered":"Gef\u00e4hrliche Ger\u00fcchte aus Berlin"},"content":{"rendered":"<p>Am gestrigen Montag hat in Athen die leitende Staatsanw&auml;ltin Elena Raikou eine strafrechtliche Vorermittlung gegen die Redaktion von SPIEGEL-Online in die Wege geleitet. Verfolgt werden soll ein Delikt namens &bdquo;Verbreitung falscher Nachrichten&ldquo;, das in Griechenland eine Panik ausgel&ouml;st habe. Gemeint ist damit die Publikation vom vergangenen Freitag, wonach die Regierung Papandreou &uuml;berlege, den Euro aufzugeben und wieder eine eigene W&auml;hrung einzuf&uuml;hren.<br>\nDie Ermittelungen werden wahrscheinlich in einer juristischen Sackgasse enden, aber der Vorgang zeigt, wie intensiv das vom SPIEGEL verbreitete Ger&uuml;cht die griechische &Ouml;ffentlichkeit besch&auml;ftigt. Dabei sind informierte Beobachter und die seri&ouml;se Presse in der Meinung einig, dass hinter der Publikation politische Kreise in Berlin stehen. Das ist nicht unrealistisch, weil SPIEGEL-Online in der Vergangenheit mehrmals als Outlet f&uuml;r Ideen aus der Regierung und speziell aus dem Finanzministerium diente. Von Niels Kadritzke<br>\n<!--more--><br>\n&Uuml;ber die Motive werden in der Fachpresse mehrere Theorien gehandelt. Eine Vermutung lautet, dass irgendjemand auf einen kurzfristigen Kursverlust des Euro spekuliert hat, was immer sein kann und wie immer nicht zu beweisen sein wird, Interessanter sind zwei andere Vermutungen:<\/p><ul>\n<li>Es handele sich um einen Warnschuss nach Athen, der besagen soll: Wenn ihr eurer Sparprogramm nicht einhaltet und eine Umschuldung n&auml;her r&uuml;ckt, bedeutet dies &uuml;ber kurz oder lang den Ausschluss aus der Eurozone; eine solche Prognose erscheint angesichts der in Finnland und anderswo sichtbaren Ablehnung weiterer Hilfen an die Euro-Problemstaaten keineswegs abwegig.<\/li>\n<li>Es handele sich um einen Testlauf, um zu erkunden, wie stark die Stabilit&auml;t des Euro leidet, wenn die M&ouml;glichkeit eines Ausschlusses von einem (oder mehreren) der Wackelkandidaten angedacht wird; nach dieser Theorie hielt sich die Nervosit&auml;t &bdquo;der M&auml;rkte&ldquo; in Grenzen.<\/li>\n<\/ul><p>Richtig an der Meldung von SPIEGEL-Online ist zweifellos, dass das griechische Sparprogramm zu scheitern droht, weil die Staatseinnahmen hinter den Planungen zur&uuml;ckbleiben. Das hat vor allem zwei Gr&uuml;nde: Die wirtschaftliche Flaute h&auml;lt unvermindert an (f&uuml;r 2011 ist ein Minuswachstum von mindestens drei Prozent zu erwarten) und die Finanz&auml;mter treiben in Zeiten der Wirtschaftsflaute noch weniger Steuern (und Steuerschulden) ein, und nicht etwa mehr &ndash; wie im Sparprogramm vorgesehen (siehe dazu meine <a href=\"?p=7429\">Analyse auf den NachDenkSeiten vom 22. Novemer 2010<\/a>). <\/p><p>Die neuesten Daten sind in der Tat verheerend: Die Steuereinnahmen lagen schon in den ersten vier Monaten von 2011 um 1,88 Milliarden Euro hinter dem Plan zur&uuml;ck. Die Kassenlage ist inzwischen so klamm, dass die Regierung einen gro&szlig;en Sto&szlig; ihrer Rechnungen nicht mehr bezahlen kann. Nach einem Bericht der Sonntagszeitung <em>Kyriakatiki Elevtheropia<\/em> ist der Staat bei seinen Rechnungen mit rund zehn Milliarden Euro im R&uuml;ckstand. Gl&auml;ubiger sind zum Beispiel Bauunternehmen (f&uuml;r bereits erledigte Auftr&auml;ge) oder die Lieferanten der staatlichen Krankenh&auml;user. Steuerr&uuml;ckzahlungen in H&ouml;he von 2,5 Milliarden, auf die Unternehmen oder individuelle  Steuerpflichtige rechtlichen Anspruch haben, werden vom Fiskus nicht geleistet. <\/p><p>Das Wissen um solche weiteren Defizitnester l&auml;sst die EU-Partner und den IWF an der Realisierbarkeit des Sparprogramms zweifeln. Aber statt ihr eigenes Konzept in Frage zu stellen, drohen sie nun damit, die f&uuml;nfte Tranche aus ihrem Kreditfonds, die im Juni f&auml;llig wird, nicht auszuzahlen. Wie die Athener Zeitung <em>Ta Nea<\/em> gestern aus Br&uuml;ssel berichtete, bewerten die Griechenland-Experten der EU die wirtschaftliche Lage des Landes als &bdquo;ziemlich katastrophal&ldquo;. Die Nachricht ist zwar nicht mit Namen unterlegt, aber dennoch legitim und glaubw&uuml;rdig. Was man von der omin&ouml;sen Meldung auf SPIEGEL-Online nicht sagen kann. <\/p><p>Denn das Ger&uuml;cht, die Athener Regierung denke selbst an den Austritt aus der Eurozone, ist schlicht und einfach falsch. Diese Behauptung ist entweder bewusst erfunden, also gelogen, oder sie beweist die &ouml;konomische Inkompetenz des Verfassers bzw. der Redaktion. Weder die Athener Regierung noch die ernst zu nehmenden griechischen &Ouml;konomen wollen die Drachme zur&uuml;ck haben. Und jeder Journalist mit etwas Sachverstand sollte, k&ouml;nnte oder m&uuml;sste das wissen.  <\/p><p>Die R&uuml;ckkehr zur Drachme macht nur Sinn, wenn sie einer drastischen Abwertung der griechischen W&auml;hrung dienen soll. Die Folgen einer solchen Abwertung aber w&auml;ren f&uuml;r das Land katastrophal:<\/p><ul>\n<li>Die griechische Staatsschuld w&uuml;rde noch weiter wachsen, da die Staatsobligationen auf Euro ausgestellt sind; das hei&szlig;t: die Wirkungen einer m&ouml;glichen &ndash; und immer wahrscheinlicher werdenden &ndash; Umschuldung w&auml;ren auf einen Schlag wieder aufgezehrt. Ein Rechenbeispiel: Falls Griechenland gezwungen w&auml;re, durch eine Umschuldung seine Verpflichtungen gegen&uuml;ber anderen Staaten, dem EWF, der EZB, ausl&auml;ndischen Banken und privaten Besitzer griechischer Bonds zu halbieren, w&uuml;rde eine Abwertung um 50 Prozent diesen Effekt voll zunichte machen.<\/li>\n<li>Die griechischen Banken w&auml;ren auf einen Schlag am Ende, weil erstens ihre inneren Guthaben abgewertet w&uuml;rden und zweitens weil die Einleger schon im Vorfeld der R&uuml;ckkehr zur Drachme ihre Gelder abziehen und in die Eurozone transferieren w&uuml;rden;<\/li>\n<li>die R&uuml;ckkehr zur Drachme w&uuml;rde eine inflation&auml;re Spirale in Gang setzen, die vor allem die Bezieher niedriger Einkommen treffen w&uuml;rde;<\/li>\n<li>die griechischen Importe w&uuml;rde sich extrem verteuern, und zwar nicht nur die &Ouml;l- und Gasimporte, sondern auch Waren des t&auml;glichen Bedarfs aus der EU und der Eurozone.<\/li>\n<\/ul><p>Diesen Nachteilen &ndash; die gestern auch in einem pr&auml;zisen Kommentar von Claus Hulverscheidt in der <em>S&uuml;ddeutschen Zeitung<\/em> <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/geld\/eurokrise-ein-marshallplan-fuer-griechenland-1.1095178\">aufgelistet wurden<\/a> &ndash; pflegen die F&uuml;rsprecher einer R&uuml;ckkehr zur Drachme die Vorteile gegen&uuml;ber zu stellen, die der griechischen Volkswirtschaft aufhelfen sollen. Aber diese Kalkulation zeugt nur von fahrl&auml;ssiger Unkenntnis der griechischen Verh&auml;ltnisse. Denn der mutma&szlig;liche Vorteil Nr. 1: die verbesserten Exportchancen, sind eine Chim&auml;re. Die Exporte machen lediglich 7 (in Worten: sieben) Prozent des griechischen Bruttoinlandsprodukts aus, ein Vergleich mit F&auml;llen wie Argentinien (mit Exportschlagern wie Soja und Fleisch) zieht also nicht. Von einer Abwertung profitieren k&ouml;nnte allerdings die Tourismus-Branche. Aber hier ist Griechenland im Billigsektor auf lange Zeit nicht konkurrenzf&auml;hig. Zudem w&auml;re gerade f&uuml;r diesen Sektor die zu erwartende Inflation der Drachme reines Gift, weil die realen Ertr&auml;ge der Unternehmen &ndash; und damit ihre Lebensf&auml;higkeit &ndash; st&auml;ndig unter Druck w&auml;ren. <\/p><p>Dem Tourismus-Sektor w&uuml;rde zudem eine weitere Gefahr zeigen, die mit einer R&uuml;ckkehr zur Drachme vorprogrammiert ist: ein Ausverkauf zu Billigstpreisen an Unternehmen und Individuen, die ein Portfolio in harter W&auml;hrung haben. Die Profiteure w&auml;ren vor allem reiche Griechen mit Auslandskonten und das ausl&auml;ndische Kapital.<\/p><p>Seit Beginn der Krise vor 18 Monaten wurden bereits zig Milliarden Euro von griechischen B&uuml;rgern, die oft jahrelang keine Steuern bezahlt haben, ins Ausland transferiert (u.a. nach Zypern). Dieses Fluchtgeld w&uuml;rde &ndash; gegen&uuml;ber der Drachme erheblich aufgewertet &ndash; nach Griechenland zur&uuml;ckflie&szlig;en und in Immobilien und Sachwerten angelegt. Schon heute hat der Run auf Hotelunternehmen begonnen, die wegen der Krise nicht mehr liquide sind. An dieser Bonanza w&uuml;rden aber vor allem ausl&auml;ndische Kapitalfonds und Investoren teilhaben, die mit Euro, Pfund oder Dollar griechische Schn&auml;ppchen machen k&ouml;nnten. <\/p><p>Im Vergleich zu einem solchen Schreckensszenarios, sind die Pl&auml;ne der Regierung Papandreou, staatliche Besitztitel (Beteiligung an &ouml;ffentlichen Unternehmen, Immobilien) m&ouml;glichst schnell zu verkaufen, eine sehr viel schonendere und ganz sichere kl&uuml;gere Therapie. Bis Ende 2012 will der griechische Fiskus auf diese Weise 50 Milliarden Euro einnehmen, was die Staatsschuld von heute 150 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) immerhin auf etwa 125 Prozent dr&uuml;cken w&uuml;rde. Zugleich k&ouml;nnte man damit &bdquo;strategische Investoren&ldquo; gewinnen, die das n&ouml;tige Kapital mitbringen, das griechischen Unternehmen in der anhaltenden Flaute nicht mehr erwirtschaften k&ouml;nnen. <\/p><p>Aber das wird der Regierung Papandreou kaum gelingen, wenn die potentiellen Investoren davon ausgehen, dass Griechenland fr&uuml;her oder sp&auml;ter zur Drachme zur&uuml;ckkehrt. Dann werden sie darauf spekulieren, dass sie demn&auml;chst alles viel billiger erstehen k&ouml;nnen. Auch deshalb erscheinen die gezielten Ger&uuml;chte aus griechischer Sicht fast kriminell, ob justiziabel oder nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am gestrigen Montag hat in Athen die leitende Staatsanw&auml;ltin Elena Raikou eine strafrechtliche Vorermittlung gegen die Redaktion von SPIEGEL-Online in die Wege geleitet. Verfolgt werden soll ein Delikt namens &bdquo;Verbreitung falscher Nachrichten&ldquo;, das in Griechenland eine Panik ausgel&ouml;st habe. 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