{"id":93863,"date":"2023-02-16T11:00:33","date_gmt":"2023-02-16T10:00:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=93863"},"modified":"2023-02-16T17:00:04","modified_gmt":"2023-02-16T16:00:04","slug":"lehrkraefte-braucht-das-land-es-wird-alles-unternommen-jungen-menschen-den-beruf-zu-verleiden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=93863","title":{"rendered":"Lehrkr\u00e4fte braucht das Land? \u201eEs wird alles unternommen, jungen Menschen den Beruf zu verleiden.\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Deutschland fehlen massenhaft Lehrkr&auml;fte, aktuell bis zu 40.000, in naher Zukunft wohl noch viel mehr. Da wird doch jeder frischgebackene P&auml;dagoge mit Kusshand genommen &ndash; sollte man meinen. Dass dem nicht so sein muss, zeigt der Fall eines voll ausgebildeten Junglehrers mit Topabschluss und allerbesten Voraussetzungen, beruflich durchzustarten. Aber was erlebt <strong>Thilo B.<\/strong>* aus M. seit &uuml;ber einem halben Jahr? Aussichtslose Bewerbungsverh&ouml;re, stundenlange Autofahrten f&uuml;r die Katz&rsquo; und Absagen ohne Absage. Im Interview mit den NachDenkSeiten schildert der 28-J&auml;hrige seine ganz pers&ouml;nliche Odyssee durch die deutsche Schulb&uuml;rokratie, f&uuml;r die er bisher blo&szlig; als billiger L&uuml;ckenstopfer mit prek&auml;rem Status herh&auml;lt. Mit ihm sprach <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5721\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-93863-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230216_Lehrkraefte_braucht_das_Land_Es_wird_alles_unternommen_jungen_Menschen_den_Beruf_zu_verleiden_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230216_Lehrkraefte_braucht_das_Land_Es_wird_alles_unternommen_jungen_Menschen_den_Beruf_zu_verleiden_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230216_Lehrkraefte_braucht_das_Land_Es_wird_alles_unternommen_jungen_Menschen_den_Beruf_zu_verleiden_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230216_Lehrkraefte_braucht_das_Land_Es_wird_alles_unternommen_jungen_Menschen_den_Beruf_zu_verleiden_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=93863-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230216_Lehrkraefte_braucht_das_Land_Es_wird_alles_unternommen_jungen_Menschen_den_Beruf_zu_verleiden_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230216_Lehrkraefte_braucht_das_Land_Es_wird_alles_unternommen_jungen_Menschen_den_Beruf_zu_verleiden_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><em>Thilo B. aus M.*, Jahrgang 1995, ist fertig ausgebildeter Junglehrer mit Lehramtsabschluss und erfolgreich absolviertem Referendariat in den F&auml;chern Latein und Spanisch. Trotz eines in dieser Gr&ouml;&szlig;enordnung nie dagewesenen Lehrermangels in Deutschland bem&uuml;ht sich B. seit &uuml;ber einem halben Jahr erfolglos um eine dauerhafte Anstellung im Schuldienst. <\/em><\/p><p><em>* Aus Sorge vor beruflichen Repressionen zieht es der Interviewte vor, nicht unter seinem Namen in der &Ouml;ffentlichkeit aufzutreten. <\/em><\/p><p><strong>Herr B., Sie haben Ihr Lehramtsstudium mit Bravour gemeistert, Sie sind jung, motiviert und voller Tatendrang, dem grassierenden Lehrermangel an Deutschlands Schulen mit Ihrer Leibhaftigkeit wenigstens ein St&uuml;ckchen beizukommen. Aber: Die deutsche Schulb&uuml;rokratie will Sie nicht haben. Warum nicht? <\/strong><\/p><p>Wenn ich das so genau w&uuml;sste. Vielleicht habe ich die falschen F&auml;cher gew&auml;hlt, vielleicht passt es mit der Schulform nicht. Dass ich mich zu wenig beworben h&auml;tte oder nicht mit der n&ouml;tigen Professionalit&auml;t, kann ich mir auch nicht vorwerfen. Und ja, ich habe ein gutes bis sehr gutes Master-Zeugnis. Ich erf&uuml;lle alle Voraussetzungen, mit hundertprozentiger Tatkraft sofort loslegen zu k&ouml;nnen und zu wollen. Aber man l&auml;sst mich einfach nicht.<\/p><p><strong>Aber vorsprechen l&auml;sst man Sie schon? <\/strong><\/p><p>Ja, Vorstellungsgespr&auml;che hatte ich schon einige. In Nordrhein-Westfalen gibt es einen zentralen Bewerbertag, zu dem sich jeweils ein mehrk&ouml;pfiges Gremium, bestehend unter anderem aus Schulleitung, Personal- und Elternvertretern und Gleichstellungsbeauftragtem, konstituiert. Die Einladung dazu erh&auml;lt man mitunter erst am Tag davor. M&ouml;glichst viele Gespr&auml;che an einem Tag zu schaffen, erfordert Organisationsgeschick und man f&auml;hrt Hunderte Kilometer durch die Gegend. Es kommt schon vor, dass man einen Termin ganz absagen muss, weil es sich einfach nicht regeln l&auml;sst. Dann fragt man sich nat&uuml;rlich im Nachhinein, ob einem nicht genau da die Chance f&uuml;rs Leben durch die Lappen gegangen ist.<\/p><p><strong>W&auml;hrend Sie da, wo man Sie angeh&ouml;rt hat, den Vorstellungen nicht entsprachen. Was lief schief? <\/strong><\/p><p>Ich hatte gute und weniger gute Gespr&auml;che. Manchmal kommt man sich vor wie bei einem Verh&ouml;r. In einem hochformalisierten Prozess werden da protokollartig Fragen abhakt, dabei keine Miene verzogen, f&uuml;r Pers&ouml;nliches ist kein Platz, eigentlich ist man als Person total uninteressant. Man ahnt dann ziemlich schnell, dass man hier von vornherein nicht gewollt war und nur abgewimmelt werden soll.<\/p><p><strong>Warum hat man Sie dann eingeladen? <\/strong><\/p><p>Weil das die Regularien bei einer Stellenausschreibung vorsehen. Man liest und h&ouml;rt ja immer wieder, die &ouml;ffentliche Verwaltung geh&ouml;re nach unternehmerischen Effizienzkriterien modernisiert. Aber dann erlebt man, dass der Bewerberprozess das genaue Gegenteil davon ist. Ich habe kein Problem damit, wenn eine Schule sich schon fr&uuml;hzeitig auf einen Kandidaten festlegt, zum Beispiel die Referendarin mit Stallgeruch. Dann schreibe ich die Stelle aber doch nicht so aus, als w&auml;re das Rennen v&ouml;llig offen, und bestelle pro forma Leute ein, nur um die dann abzuservieren. Es ist eine Ressourcenverschwendung sondergleichen, an so einem Tag 300 oder 400 Kilometer im Auto durch die Lande zu gondeln, daf&uuml;r den eigenen Unterricht ausfallen zu lassen, und am Ende des Tages wird einem klar, du hattest nicht den Hauch einer Chance. Und bei all dem halten es manche Schulen nicht einmal f&uuml;r n&ouml;tig, einem abzusagen.<\/p><p><strong>Aha &hellip; <\/strong><\/p><p>Es ist vollkommen legitim, wenn eine Schule einen anderen Kandidaten vorzieht. Dann erwarte ich aber auch, dass man das wenigstens mit einem Dreizeiler per E-Mail kommuniziert. Selbst das haben in meinem Fall gleich mehrere Schulen unterlassen. Man sitzt da zu Hause auf gl&uuml;henden Kohlen, aber keiner meldet sich. Ich bin mit 28 Jahren in einem Alter, in dem man sich so langsam stabile Verh&auml;ltnisse w&uuml;nscht, man denkt &uuml;ber Dinge wie Familie und H&auml;uslebauen nach. Aber daf&uuml;r braucht es wenigstens mal eine berufliche Perspektive f&uuml;r die n&auml;chsten f&uuml;nf Jahre.<\/p><p><strong>Nun waren Sie nach Abschluss Ihres Referendariats im Sommer 2022 ja nicht v&ouml;llig ohne Engagement. <\/strong><\/p><p>Zum Schuljahresbeginn konnte ich auf der letzten Rille eine Teilzeitstelle in Vertretung ergattern, befristet auf drei Monate, sp&auml;ter eine 60-Prozent-Stelle als Vertretung in Latein, wof&uuml;r ich t&auml;glich 100 Kilometer zur&uuml;cklegen musste. Das ist sogar noch komfortabel, wenn man sich andere Angebote ansieht. Mein lieber Scholli! Da ist man f&uuml;r ein paar Wochen f&uuml;r ein paar Stunden L&uuml;ckenb&uuml;&szlig;er und dann wird auch noch erwartet, dass man sich aktiv in irgendwelchen Schulgremien einsetzt. Da fasse ich mir an den Kopf, einmal wegen der Dreistigkeit solcher Angebote, und dann mit Blick auf die armen Schweine, die in ihrer Verzweiflung nach so einem Strohhalm greifen und sich derart ausnutzen lassen m&uuml;ssen.<\/p><p><strong>Wenn man Ihnen zuh&ouml;rt, f&auml;llt es schwer zu glauben, dass aktuell ein <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=93325\">nie dagewesener Mangel an P&auml;dagogen<\/a> an Deutschlands Schulen herrscht. Bis zu 40.000 Kr&auml;fte sollen im laufenden Schuljahr fehlen und die Aussichten f&uuml;r die Zukunft sind noch viel schlechter. F&uuml;hlen Sie sich angesichts des pers&ouml;nlich Erlebten manchmal wie im falschen Film? <\/strong><\/p><p>Bei mir macht sich vor allem Verst&auml;ndnislosigkeit breit. Entweder ist es ein M&auml;rchen, dass wir zu wenige Lehrer haben, wogegen meine Erfahrungen sprechen: Alle Schulen, an denen ich bisher war, haben auf jeden Fall Bedarf. Oder geht es um ein Ressourcenproblem, weil einfach nicht genug Geld da ist, Lehrer einzustellen? Ich frage mich auch, wer f&uuml;r die Planung zust&auml;ndig ist. Als ich begonnen hatte, Spanisch und Latein zu studieren, hie&szlig; es, in beiden F&auml;chern w&auml;ren die beruflichen Aussichten in NRW rosig. Zumindest hat das damals ein Studienberater an der Uni M&uuml;nster so dargestellt.<\/p><p><strong>Ihnen wurde ausdr&uuml;cklich zu der F&auml;cherkombination geraten. Und jetzt: Pustekuchen &hellip; <\/strong><\/p><p>Genau. Ich wei&szlig; nicht, wie dieser Studienberater zu seinem Votum kam. Man selbst findet n&auml;mlich keinerlei verl&auml;ssliche Daten dar&uuml;ber, auf deren Grundlage man sich f&uuml;r oder gegen eine F&auml;cherkombination entscheiden k&ouml;nnte. F&uuml;r mich ging es aber auch um Berufung: Ich brenne f&uuml;r meine F&auml;cher und ich halte die Vermittlung von Sprachen in unserer globalisierten und konfliktbeladenen Welt f&uuml;r etwas immens Wichtiges.<\/p><p><strong>K&ouml;nnte man Sie nicht in anderen F&auml;chern einsetzen? <\/strong><\/p><p>Tats&auml;chlich bin ich im Rahmen der neuerlichen Vertretungsstelle, die ich gerade erst angetreten habe, im Unterstufenbereich f&uuml;r das Fach Geschichte eingeteilt. Wegen meines Studiums und meines ohnehin bestehenden geschichtlichen und politischen Interesses sehe ich mich der Herausforderung auch gewachsen.<\/p><p><strong>Bekanntlich unterrichten heutzutage ja sehr viele Lehrkr&auml;fte, die eigentlich keine echten, also voll ausgebildeten P&auml;dagogen sind: Quer- und Seiteneinsteiger, <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=57765\">Lehrer ohne volle Lehrbef&auml;higung (Lovls)<\/a>, Lehramtsstudierende, mithin werden Pension&auml;re oder sogar Eltern eingesetzt, um den Betrieb irgendwie am Laufen zu halten. Wenn dann jemand wie Sie als echter p&auml;dagogischer Profi haufenweise Steine in den Weg gelegt bekommt: Ist das dann nicht doppelt frustrierend? <\/strong><\/p><p>Ich vergleiche das damit: Wer gibt sein Auto in eine Werkstatt ohne Kfz-Meister, aber mit einem Mechaniker, der sein Handwerk in einem Dreiwochen-Crashkurs erlernt hat? Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich sch&auml;tze die Arbeit und das Engagement von Quer- und Seiteneinsteigern im Schuldienst sehr, manch einer von ihnen ist sogar motivierter als der alteingesessene Kollege, der sich in 30 Jahren krummgebuckelt hat. Aber nat&uuml;rlich machen Profis einen anderen und in der Regel gedeihlicheren Unterricht. Und es kann doch auch nicht die L&ouml;sung sein, die L&ouml;cher nur noch mit Quer- und Seiteneinsteigern zu stopfen.<\/p><p><strong>Aber genau darauf setzen im Wesentlichen die j&uuml;ngst durch eine Expertenkommission der Kultusministerkonferenz (KMK) pr&auml;sentierten <a href=\"https:\/\/www.kmk.org\/fileadmin\/Dateien\/pdf\/KMK\/SWK\/2023\/SWK-2023-Stellungnahme_Lehrkraeftemangel.pdf\">&bdquo;Notma&szlig;nahmen zum Umgang mit dem akuten Lehrkr&auml;ftemangel&ldquo;<\/a>. Das Hauptmanko besteht nun einmal darin, dass von den Hochschulen viel zu wenig professioneller Nachwuchs nachkommt. Das wundert Sie nicht? <\/strong><\/p><p>Es wurde und wird ja alles unternommen, jungen Menschen den Lehrerberuf zu verleiden. Das geht mit dem b&uuml;rokratischen Wahnsinn beim Bewerben los und damit weiter, dass ein BWL-Student, der nach sechs Semestern seinen Bachelor-Abschluss macht, in der freien Wirtschaft sofort einen gut bezahlten Job bekommt. Als voll ausgebildete Lehrkraft mit Bachelor, anschlie&szlig;endem Master und sp&auml;terem Referendariat kommt man nach vielleicht sieben Jahren zum Geldverdienen &ndash; oder auch nicht. Ich stehe mit Ende 20 noch immer in einem prek&auml;ren Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnis und kann bestenfalls f&uuml;r ein halbes Jahr planen. So etwas spricht sich nat&uuml;rlich herum, genauso wie die schlechten Arbeitsbedingungen, wie sie an den Schulen herrschen. Und besser wird das bestimmt nicht damit, dass man jetzt auch noch die Klassen gr&ouml;&szlig;er machen oder die Leute aus der Teilzeit dr&auml;ngen will.<\/p><p><strong>Auch das geh&ouml;rt zu den Rezepten besagter KMK-Kommission. <\/strong><\/p><p>Und dabei wird sogar behauptet, dass h&ouml;here Klassenfrequenzen sich nicht negativ auf den Unterrichtserfolg auswirken w&uuml;rden. Was f&uuml;r ein Unsinn! Im NRW-Schulgesetz ist verbrieft, dass jeder Sch&uuml;ler ein Recht auf individuelle F&ouml;rderung hat und gem&auml;&szlig; seiner St&auml;rken und Schw&auml;chen Unterst&uuml;tzung erhalten soll. In einer Gruppe mit 15 Sch&uuml;lern kann ich mir doch viel mehr Zeit f&uuml;r den Einzelnen nehmen als bei 30 Sch&uuml;lern. Das Gegenteil zu propagieren, zeugt entweder von kompletter Unwissenheit oder ist schlicht Desinformation. Wo soll das hinf&uuml;hren? Wollen wir zur&uuml;ck zu Zust&auml;nden wie im 19. Jahrhundert, als man in der Volksschule die Kinder und Jugendlichen des ganzen Dorfes in eine Klasse gesteckt hat? Herzlichen Gl&uuml;ckwunsch!<\/p><p><strong>Was ist davon zu halten, Lehramtsstudierende schon vor dem Referendariat f&uuml;r den Unterricht einzuspannen? <\/strong><\/p><p>Schon der &Uuml;bergang von der Uni ins Referendariat ist ein Sprung ins kalte Wasser, trotz aller Praktika davor. Ich habe h&ouml;chsten Respekt vor denen, die als Studierende ohne jede R&uuml;ckendeckung durch einen Lehrer vor eine Klasse treten. Ich f&uuml;rchte nur, dass viele eher ein Erweckungserlebnis haben werden und f&uuml;r sich feststellen: lieber doch nicht diesen Job. Hier drohen massenweise Leute verheizt zu werden.<\/p><p><strong>Was sp&auml;ter auch f&uuml;r jene gilt, die den Beruf jahrelang praktizieren. Welchen Eindruck haben Sie von Ihren bisherigen Kollegen gewonnen?<\/strong><\/p><p>Der Wunsch, krankzufeiern, weil so viel zu korrigieren, vorzubereiten oder sonst zu regeln ist, ist im Lehrerzimmer praktisch greifbar. Ich habe Hochachtung vor denen, die eine 100-Prozent-Stelle ausf&uuml;llen und trotzdem nicht zusammenklappen. Aber es gibt eben auch nicht wenige, die unter der Last kapitulieren und nur noch Dienst nach Vorschrift machen.<\/p><p><strong>Immerhin haben Sie selbst dieser Tage das n&auml;chste Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnis auf Zeit angetreten. <\/strong><\/p><p>Ja, nachdem es eigentlich schon zum 1. Februar losgehen sollte, durfte ich eine Woche mehr den Irrsinn deutscher Schulb&uuml;rokratie durchleben, also Krankenversicherung informieren oder mich f&uuml;r eine Woche arbeitslos melden. Das setzt einem schon zu: Man war froh, willig und gespannt auf die neue Herausforderung &ndash; und dann steht man fr&uuml;hmorgens vor der Arbeitsagentur. Aber am Ende ging es ja dann doch gut.<\/p><p><strong>Wie lange haben Sie die Stelle? <\/strong><\/p><p>Ich profitiere von einer Neuerung der NRW-Schulpolitik, wonach befristete Lehrkr&auml;fte nicht mehr vor den Sommerferien rausgeschmissen werden, um Geld zu sparen, das dann zu Lasten der Arbeitslosenversicherung geht. F&uuml;r mich hei&szlig;t das, dass ich erst nach den Ferien vor die T&uuml;r gesetzt werde.<\/p><p><strong>Ohne Chance auf Vertragsverl&auml;ngerung? <\/strong><\/p><p>Da bin ich skeptisch. F&uuml;r meine ausgelaufene Stelle bestand auch weiterer Bedarf, nur wurde das Budget daf&uuml;r nicht bewilligt. Aber nat&uuml;rlich werde ich vor den Sommerferien das Gespr&auml;ch mit der Schulleitung suchen.<\/p><p><strong>Wie desillusioniert sind Sie nach ein paar Monaten Schuldienst? <\/strong><\/p><p>Ich bin politisch ein kritischer Zeitgenosse und wei&szlig; ziemlich gut, was l&auml;uft und was nicht. Ich habe kaum noch Hoffnung auf durchgreifende Besserung in Sachen Bildung und Schulen. Es bed&uuml;rfte schon eine riesengro&szlig;e Kelle an Reformen, Mitteln und Personal, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Es braucht multiprofessionelle Teams, Sozialarbeiter, Schulpsychologen, Inklusions- und Integrationshelfer, &Uuml;bersetzer, IT-Fachkr&auml;fte. Und an jeder Ecke m&uuml;sste eine Werbetafel stehen, um Leute anzuwerben und f&uuml;r den Beruf zu begeistern. Aber der n&ouml;tige bildungspolitische Doppelwumms l&auml;sst sich nicht einmal erahnen. Stattdessen prangen &uuml;berall Werbeplakate f&uuml;r die Bundeswehr. Entsprechend resigniert sind auch viele Kollegen, manche sind schon &uuml;ber den Burnout hinaus in einer Art Coolout nach dem Motto: Rutscht mir den Buckel runter.<\/p><p><strong>Wie lange werden Sie sich das alles noch antun? <\/strong><\/p><p>Ich mache das vielleicht noch, bis ich die Drei&szlig;ig voll habe. Wenn ich bis dahin keine sichere Anstellung mit langfristiger Perspektive habe, wird es h&ouml;chste Zeit, mich beruflich umzuorientieren.<\/p><p>Titelbild: DesignRage\/shutterstock.com<img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg06.met.vgwort.de\/na\/278b1b1cda9b440fa069d5902637ea9b\" alt=\"\" title=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutschland fehlen massenhaft Lehrkr&auml;fte, aktuell bis zu 40.000, in naher Zukunft wohl noch viel mehr. Da wird doch jeder frischgebackene P&auml;dagoge mit Kusshand genommen &ndash; sollte man meinen. Dass dem nicht so sein muss, zeigt der Fall eines voll ausgebildeten Junglehrers mit Topabschluss und allerbesten Voraussetzungen, beruflich durchzustarten. 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