{"id":93913,"date":"2023-02-19T11:45:10","date_gmt":"2023-02-19T10:45:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=93913"},"modified":"2023-02-19T12:22:57","modified_gmt":"2023-02-19T11:22:57","slug":"garkuechen-und-rezepte-des-vergessens-die-aufwuehlende-vita-der-hwang-kum-ju","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=93913","title":{"rendered":"Gark\u00fcchen und Rezepte des Vergessens \u2013 die aufw\u00fchlende Vita der Hwang Kum-Ju"},"content":{"rendered":"<p>Seit der Eskalation des milit&auml;rischen Feldzuges gegen China in den 1930er Jahren hatten der Generalstab und das Heeresministerium der Kaiserlich Japanischen Armee u.a. angeordnet, dass sich unverheiratete M&auml;dchen und Frauen zum dreij&auml;hrigen Dienst in einer japanischen Milit&auml;rfabrik melden sollten. Die Koreanerin Hwang Kum-Ju folgte wie zahlreiche andere M&auml;dchen und Frauen diesem Aufruf. Sie wollten Geld verdienen und so ihre Familien unterst&uuml;tzen. Sechs Jahre, von 1939 bis 1945, verbrachte Frau Hwang in der Mandschurei &ndash; nicht freiwillig in einer Fabrik, sondern als Zwangsprostituierte in japanischen Milit&auml;rbordellen. Hwang Kum-Ju (1922-2013) war die zweite Koreanerin, die &ouml;ffentlich auf ihr Schicksal aufmerksam machte. Unser Ost- und S&uuml;dostasienexperte <strong>Rainer Werning<\/strong> hatte die M&ouml;glichkeit, Frau Hwang in den Jahren 2001 und 2003 in der s&uuml;dkoreanischen Metropole Seoul zu besuchen und zu interviewen. Aus mehrst&uuml;ndigen Gespr&auml;chen entstand ein beklemmendes Zeitdokument, das die NachDenkSeiten im Rahmen einer von Rainer Werning am 7. Januar begonnenen <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=92178\">Serie anl&auml;sslich des 70. Jahrestags des Endes des Koreakrieges<\/a> publizieren.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Junge Opfer &ndash; alte Opfer<\/strong><\/p><p>Keine andere Hauptstadt in Ostasien ist so schnelllebig wie die s&uuml;dkoreanische Metropole Seoul. Im Zeitraffer und mit Kasernendrill wurde einer vormals b&auml;uerlichen Gesellschaft ein gnadenloser Kapitalismus verordnet. Bis Ende der 1950er Jahre war S&uuml;dkorea noch ein quasi-feudales Agrarland mit einem j&auml;hrlichen Pro-Kopf-Einkommen von umgerechnet weniger als 100 US-Dollar. Heute rangiert S&uuml;dkorea weltweit auf Platz 10 der gr&ouml;&szlig;ten Volkswirtschaften.<\/p><p>Milit&auml;rmachthaber exekutierten von Anfang der 1960er bis Ende der 1980er Jahre in dem Land einen Turbo-Kapitalismus und oktroyierten dem Land eine &bdquo;Entwicklung&ldquo;, f&uuml;r die L&auml;nder in Europa einige Jahrhunderte ben&ouml;tigten. In S&uuml;dkorea wurde binnen dreier Jahrzehnte die Gesellschaft so ruckartig und tiefgreifend umgekrempelt, dass &uuml;ber die zahlreichen neuen Opfer &ndash; ausgebeutete Bauern und Arbeiter, geschurigelte Gewerkschafter und Medien sowie Tausende von politischen Gefangenen &ndash; ebenso hektisch hinweggegangen wurde wie &uuml;ber die Vielzahl alter Opfer.<\/p><p>Alte Opfer &ndash; das sind unter anderen w&auml;hrend der japanischen Kolonialzeit, die von 1910 bis 1945 w&auml;hrte, enteignete Kleinbauern und P&auml;chter. Sie wurden nach Japan verschleppt und schufteten dort unter j&auml;mmerlichen Bedingungen auf Werften, in Kohlegruben und Bergwerken sowie in R&uuml;stungsbetrieben. Bei den allj&auml;hrlichen Gedenkfeiern der Atombombenabw&uuml;rfe &uuml;ber Hiroshima und Nagasaki im August 1945 wird geflissentlich vergessen, dass ein Gro&szlig;teil der Opfer solche zwangsrekrutierten Koreaner waren.<\/p><p>Auch das ist Seoul. Seit dem 8. Januar 1992 demonstrieren alte koreanische Frauen im Zentrum der City vor dem Geb&auml;ude der japanischen Botschaft. Jeden Mittwoch zur Mittagszeit &ndash; bei klirrender K&auml;lte oder sengender Hitze. Am 13. M&auml;rz 2002 war es das 500. Mal, dass sich die Frauen auf Plastikst&uuml;hle vor das Botschaftsgeb&auml;ude des &ouml;stlichen Nachbarn hockten und Transparente mit den Aufschriften entrollten: <em>&bdquo;Enth&uuml;llt die Wahrheit!<\/em> &ndash; <em>L&ouml;st das Problem der Comfort Women!&ldquo; <\/em>Traurig und bizarr zugleich ist diese allw&ouml;chentliche Inszenierung. Die Gruppe der Demonstrantinnen, allesamt ehemalige Sexsklavinnen <em>(siehe Exkurs)<\/em>, wird stets kleiner und das ihnen widerfahrene Unrecht erdr&uuml;ckender. Zahnlosen Omas, umringt von wenigen neugierigen Passanten, steht ein gnadenlos &uuml;berlegenes, mitunter sogar martialisch ausger&uuml;stetes Aufgebot junger Polizisten gegen&uuml;ber. Offensichtlich bef&uuml;rchten sie, dass radikale Studentinnen die Frauendemonstration unterst&uuml;tzen. Hinter den Botschaftsmauern, Schutzschilden milchgesichtiger Sicherheitskr&auml;fte und Masken schotten sich die Verantwortlichen ab.<\/p><p><strong>Exkurs: &bdquo;Trost spenden&ldquo; im Dienst des Tenno<\/strong><\/p><p>Zu den &bdquo;Altlasten&ldquo; des japanischen Militarismus in Ost- und S&uuml;dostasien z&auml;hlen auch sch&auml;tzungsweise 200.000 M&auml;dchen und Frauen aus Korea, China, den Philippinen, Indonesien, Osttimor und Burma, die von den Truppen der Kaiserlich Japanischen Armee zwischen 1932 und 1945 gewaltsam in Soldatenbordelle verschleppt und dort systematisch missbraucht wurden. Die meisten dieser Sexsklavinnen waren Koreanerinnen und Chinesinnen. Diese Opfer tragen viele Namen &ndash; allesamt herabsetzend oder besch&ouml;nigend. Im Deutschen spricht man von &bdquo;Trostfrauen&ldquo;, im Englischen von &bdquo;comfort women&ldquo;. W&auml;hrend des Krieges nannte man sie in Korea <em>&bdquo;jungshindae&ldquo;<\/em>, was so viel hei&szlig;t wie: &bdquo;den K&ouml;rper freiwillig f&uuml;r die Arbeit einsetzen&ldquo;.<\/p><p>Dieser &bdquo;Dienst&ldquo; f&uuml;r den japanischen Kaiser war alles &ndash; nur nicht freiwillig. Weshalb eine internationale Juristengruppe anl&auml;sslich eines &ndash; symbolischen &ndash; Kriegsverbrechertribunals auch Kaiser Hirohito Mitte Dezember 2000 der Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig sprach. Die Sexsklavinnen der Kaiserlich Japanischen Armee wurden zwangsrekrutiert. Deren Generalstab und das Heeresministerium wollten so Geschlechtskrankheiten und den Verrat milit&auml;rischer Geheimnisse vermeiden. Und man bef&uuml;rchtete im Falle unkontrollierter Vergewaltigungen Unruhen in der Bev&ouml;lkerung.<\/p><p>1991 entstand der <em>Koreanische Rat der von Japan f&uuml;r die milit&auml;rische Sexsklaverei eingezogenen Frauen<\/em>. Anfang 1992 machte er erstmalig &ouml;ffentlich auf sich aufmerksam, als der damalige japanische Premierminister Kiichi Miyazawa in S&uuml;dkorea zur Staatsvisite weilte:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wir erwarten, dass die japanische Regierung die Wahrheit enth&uuml;llt, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zieht, sich offiziell f&uuml;r diese Verbrechen entschuldigt, die Opfer gem&auml;&szlig; internationalen Rechtsnormen entsch&auml;digt, die Geschichtsb&uuml;cher korrigiert und ein Mahnmal errichtet.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Der Rat will so lange protestieren, bis die japanische Regierung die volle Verantwortung f&uuml;r die Kriegsverbrechen &uuml;bernimmt. Vor allem ist es den Opfern ein Dorn im Auge, dass Tokio selektiv Kompensationszahlungen an &Uuml;berlebende gew&auml;hrte, japanische Berufungsgerichte hingegen Entsch&auml;digungsklagen ehemaliger Zwangsprostituierter regelm&auml;&szlig;ig abschmettern.<\/p><p>So gro&szlig; anf&auml;nglich der Schock war, als 1991 erstmalig <em>Kim Hak-Sun<\/em> (1924-1997) das lange verschwiegene Schicksal von Sexsklavinnen der japanischen Armee enth&uuml;llte, so beharrlich widersetzen sich seitdem die Herrschenden in den jeweiligen L&auml;ndern der Aufarbeitung ihrer Vergangenheit und m&ouml;chten mit all dem nicht konfrontiert werden. Jahre vergingen, bis dieses heikle Kapitel des japanischen Militarismus international Beachtung fand und beispielsweise 1998 die Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen, <em>Gay McDougall<\/em>, die Vergewaltigungscamps der japanischen Armee als eklatante Menschenrechtsverletzung einstufte.<\/p><p>Wie viele &uuml;berlebende &bdquo;comfort women&ldquo; es in Ost- und S&uuml;dostasien noch gibt, ist unbekannt. In S&uuml;dkorea, so berichtete die Seouler Tageszeitung <em>The Hankyoreh<\/em> am 3. Mai 2022, lebten noch elf der landesweit insgesamt 240 offiziell registrierten fr&uuml;heren Sexsklavinnen. Aus Nordkorea liegen keine genauen Zahlen vor, doch auch dort d&uuml;rften es ebenso viele beziehungsweise wenige sein.<\/p><p><strong>Begegnung in Balsan<\/strong><\/p><p>Balsan ist ein Vorort Seouls. Triste, durchnummerierte Hochh&auml;user, die s&uuml;dkoreanische Antwort auf einstige ostdeutsche Plattenbausilos, s&auml;umen lustlos ganze Stra&szlig;enz&uuml;ge. In einem dieser anonymen Wohnh&auml;user, das die Nummer 507 tr&auml;gt, lebte lange Zeit die am 3. Januar 2013 im Alter von 92 Jahren verstorbene Hwang Kum-Ju. Ihr knapp 20 Quadratmeter kleines Appartement im 15. Stockwerk erreichte Frau Hwang mit einem altersschwachen, knarrend-schaukelnden Aufzug.<\/p><p>Mit einem herzlichen L&auml;cheln begr&uuml;&szlig;te mich die alte Dame an der Haust&uuml;r, sichtlich erfreut, nach unserer letzten gemeinsamen Mittwoch-Demonstration mich nun auch in ihrem bescheidenen Zuhause willkommen zu hei&szlig;en. Inmitten von Erinnerungsst&uuml;cken und Fotoalben hockten wir zu Dritt auf dem Boden. Anwesend war noch Kim Eun-Sik, der dolmetschte und eine langj&auml;hrige Vertrauensperson von Frau Hwang war. Herr Kim war zu jener Zeit Generalsekret&auml;r des <em>Koreanischen Rates f&uuml;r die Rehabilitierung der Gewaltopfer w&auml;hrend des Zweiten Weltkrieges<\/em>. Nach einem Tee dr&auml;ngte Frau Hwang, doch unbedingt ihren Kimtschi (eingelegten Kohl) zu probieren.<\/p><p>Frau Hwang lebte lange Jahre in diesem Ein-Zimmer-Appartement inklusive einer Kochnische. Das WC war winzig und erlaubte nur streng kontrollierte Bewegungen. Ein Wandregal zierten Plaketten und Auszeichnungen &ndash; Mitbringsel zahlreicher Auslandsreisen. In den USA beispielsweise ehrten Elite-Universit&auml;ten wie Harvard und Columbia sie als &bdquo;couragierteste Frau des Jahres&ldquo;. Am 10. Dezember 2003, dem Internationalen Tag der Menschenrechte, erhielt sie aus den H&auml;nden des damaligen Pr&auml;sidenten Roh Moo-Hyun einen Preis. Geehrt wurde Frau Hwang f&uuml;r ihr unerm&uuml;dliches Engagement im Dienst ihrer Leidensgef&auml;hrtinnen und der Entrechteten in der Gesellschaft.<\/p><p>Die Stimme der alten Frau war resolut und ausdrucksstark. Sie erz&auml;hlte gern und unterbrach sich nur, wenn sie nach passenden Fotos kramte oder sich zutiefst unw&uuml;rdiger Phasen ihres Lebens erinnerte. Geboren wurde Hwang Kum-Ju am 15. August 1922 in Buyeo in der Provinz S&uuml;d-Chungcheong, heute Teil S&uuml;dkoreas:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Unser gro&szlig;es famili&auml;res Ungl&uuml;ck bestand darin, dass mein Vater fast gleichzeitig mit dem Abschluss seiner Studien in Japan schwer erkrankte und regelm&auml;&szlig;ig Medikamente einnehmen musste. Gute Medizin kostete aber 100 Won, eine Summe, die wir beim besten Willen nicht aufbringen konnten. Durch einen gl&uuml;cklichen Zufall lernte ich einen reichen Gesch&auml;ftsmann aus Seoul kennen. Ihm zeigte ich einfach das Diplom meines Vaters und bat ihn um finanzielle Unterst&uuml;tzung. Der Mann hie&szlig; Choe und stammte aus Hamhung im Norden. Er gab mir tats&auml;chlich die 100 Won. Ich wurde seine Adoptivtochter. Bevor ich mein Elternhaus verlie&szlig;, versteckte ich das Diplom meines Vaters und die 100 Won unter seinem Kopfkissen und sagte ihm zum Abschied, er solle dort nachschauen &ndash; aber erst, nachdem ich fortgegangen sei. Ich war knapp dreizehn Jahre alt, als ich das elterliche Haus verlie&szlig;. Zur&uuml;ckkehren wollte ich erst, wenn ich es zu etwas gebracht und gen&uuml;gend Geld gespart h&auml;tte.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Im Hause ihrer Adoptivmutter in Hamhung, im heutigen Nordkorea, erinnerte sich Frau Hwang, sei sie anst&auml;ndig behandelt worden. Sie konnte sogar eine Abendschule besuchen. Tags&uuml;ber war sie M&auml;dchen f&uuml;r alles:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Der damalige Chef unseres Wohnviertels war Japaner &ndash; ein Steuereintreiber oder ein Milit&auml;rpolizist. Ihn selbst bekam ich nur selten zu Gesicht, umso h&auml;ufiger aber seine Frau und die Kinder. Vor allem seine Frau war sehr r&uuml;hrig; sie zog durch die Stra&szlig;en, ging von Haus zu Haus und redete auf die Leute ein: &sbquo;Der Kaiser hat angeordnet, dass sich unverheiratete M&auml;dchen und Frauen zum dreij&auml;hrigen Dienst in einer japanischen Milit&auml;rfabrik melden sollen. Dort verdienen sie eine Menge Geld&lsquo;. Erst sp&auml;ter erfuhr ich, dass von jedem Wohnbezirk aufw&auml;rts bis hin zur Provinzebene eine bestimmte Quote solcher M&auml;dchen und Frauen zu erf&uuml;llen war. Wurde diese Quote nicht erreicht, mussten notfalls die jeweiligen Dorfvorsteher und Distriktchefs ihre eigenen T&ouml;chter entsenden. Niemand sch&ouml;pfte damals Verdacht, was das bedeutete &ndash; &sbquo;kaiserliche Dienste&lsquo;.<\/p>\n<p>Im Hause meiner Adoptiveltern gab es einschlie&szlig;lich mir drei unverheiratete T&ouml;chter. Da die anderen beiden studierten, bot ich mich an, zwei bis drei Jahre lang in einer solcher japanischen Fabriken zu arbeiten. Meine Adoptivmutter war sehr erleichtert und versprach mir, sich w&auml;hrend meiner Abwesenheit um einen guten Partner zu k&uuml;mmern, den ich dann nach meiner R&uuml;ckkehr heiraten k&ouml;nnte.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Mandschurische Albtr&auml;ume<\/strong><\/p><p>Die Frau des Dorfchefs teilte Kum-Ju und den anderen M&auml;dchen mit, sich vor der Bahnstation von Hamhung zu versammeln. Die meisten M&auml;dchen waren zwischen f&uuml;nfzehn und siebzehn Jahre alt. Es gab keine Abschiedszeremonie. Ein &auml;lterer Herr f&uuml;hrte die M&auml;dchen wortlos zu einem japanischen Soldaten, der sie dann zum Zug begleitete:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die vorderen Waggons waren mit Milit&auml;rs besetzt. In unserem Waggon befanden sich etwa f&uuml;nfzig M&auml;dchen. Die Fahrt ging nach Norden. Meistens war unser Abteil abgedunkelt. H&auml;ufig blieb der Zug in Tunnels stehen, nachts fuhr er kaum. Zweimal am Tag erhielten wir von den Milit&auml;rpolizisten, die die Eing&auml;nge der Waggons bewachten, einige Reisb&auml;llchen mit Wasser. Einige Tage d&uuml;rften wir so verbracht haben. Der Zug erreichte schlie&szlig;lich den Zielbahnhof in Jirin. Vor dem Bahnhofsgeb&auml;ude parkte ein Lastwagen, &uuml;ber den eine Plane gezogen war. Wir mussten auf die Ladefl&auml;che steigen, jede mit ihrem B&uuml;ndel Habseligkeiten bepackt. Einen halben Tag lang holperten wir dann &uuml;ber schlechte Stra&szlig;en und Schlammwege.<\/p>\n<p>Der Laster stoppte auf einem Milit&auml;rgel&auml;nde. Uns wurde als Schlafst&auml;tte eine der zahlreichen Baracken zugewiesen, die man koya nannte &ndash; H&uuml;tte. Eine koya hatte ein abgerundetes Dach aus Wellblech, der Boden war mit Strohmatten ausgelegt. Wir bekamen eine Decke und ein Kopfkissen. Es war so kalt, dass wir uns w&auml;hrend des Schlafs aneinander kuschelten. Ich dachte, dass wir hier nun f&uuml;r die Truppen arbeiten.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Es gab Frauen und M&auml;dchen, die bereits eine Zeitlang dort waren. Sie sagten den Neuank&ouml;mmlingen:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Vielleicht ist es besser, tot zu sein. Es ist wirklich schlecht f&uuml;r euch. Was ihr tun m&uuml;sst, ist Arbeit, aber keine wirkliche Arbeit. Tut einfach nur das, was man von euch verlangt. Sonst pr&uuml;geln sie euch zu Tode.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>An dieser Stelle wurde Frau Hwangs Stimme zittrig. Leise fuhr sie fort, einf&uuml;hlsam unterst&uuml;tzt von Herrn Kim, dem sie diese Erlebnisse in der Mandschurei bereits fr&uuml;her eidesstattlich anvertraut hatte:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Am n&auml;chsten Tag holte ein Soldat jede von uns einzeln ab. Ich wurde in den Raum eines Offiziers gef&uuml;hrt. Ich solle an sein Bett treten und ihn umarmen, forderte er. Ich weigerte mich und er fragte, warum ich mich ziere. Ich sagte ihm, dass ich lieber putzen und seine W&auml;sche waschen w&uuml;rde. Das k&uuml;mmerte ihn nicht. Als er versuchte, mich zu umarmen, widersetzte ich mich. Dann schlug er mir mitten ins Gesicht. Ich wimmerte vor Schmerzen und bat um Mitleid. Das st&ouml;rte ihn nicht; im Gegenteil, er wurde w&uuml;tend. &sbquo;Tu gef&auml;lligst, was ich dir sage&lsquo;, br&uuml;llte er mich an und drohte, mich umzubringen. Er riss mir das Hemd vom Leib und durchschnitt mit seinem Schwert meine Unterw&auml;sche. Ich wurde ohnm&auml;chtig. Sp&auml;ter kam ein Soldat, um mich zur&uuml;ckzubringen. Weinend wankte ich langsam hinter ihm her.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Etwa zwei Wochen lang dauerte diese Tortur. Jeden Tag mussten Kum-Ju und die anderen M&auml;dchen die Offiziere &bdquo;besuchen&ldquo;. Die Neuank&ouml;mmlinge waren meistens Jungfrauen, so dass die Offiziere es mit ihnen zuerst trieben. Kondome benutzten sie nicht, viele M&auml;dchen waren bald schwanger. Wenn sie das feststellten, bekamen sie eine Spritze. Ihre K&ouml;rper schwollen dann an und es stellten sich starke Blutungen ein. Danach schabte man ihnen in der Klinik die Geb&auml;rmutter aus. Wer sich dieser Prozedur unterziehen musste, wurde nicht mehr schwanger:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Nach zwei Wochen wurden wir zur &bdquo;comfort station&ldquo; geschickt. Das war eine Holzkonstruktion mit bis zu sechs abgetrennten R&auml;umen. Als T&uuml;ren dienten Decken. Vier Geb&auml;ude dieser Art standen dicht gedr&auml;ngt beieinander. Ich h&ouml;rte, dass es zahlreiche solcher Stationen in der Umgebung gab. Die R&auml;ume waren winzig, auf den Holzb&ouml;den lagen T&uuml;cher und Decken. Nach der &sbquo;Arbeit&lsquo; h&auml;tten wir eigentlich in unsere koya zur&uuml;ckgehen sollen. Doch h&auml;ufig waren wir so ersch&ouml;pft, dass wir auch nachts in der &bdquo;comfort station&ldquo; schliefen. St&auml;ndig gingen Soldaten ein und aus &ndash; auch nach Mitternacht.<\/p>\n<p>Wir a&szlig;en in derselben Kantine, wo auch die Mannschaften a&szlig;en. Die Soldaten gaben uns Reis, Suppen mit Bohnenpaste und eingelegten Kohl. Zuerst erhielten wir als Kleidungsst&uuml;cke weite, am K&ouml;rper schlabbernde Hosen, eine &uuml;bergro&szlig;e Jacke, Soldatensocken und ausgetretene Stiefel. Sp&auml;ter gab es dann richtige Hosen und passende Hemden.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>In der &bdquo;comfort station&ldquo; gab es f&uuml;r die Soldaten keinen Zeitplan. Es kamen einfache Soldaten und Offiziere. Letztere lie&szlig;en sich allerdings seltener blicken &ndash; aus Angst, sich eine Geschlechtskrankheit zuzuziehen. T&auml;glich musste ein M&auml;dchen bis zu 40 Soldaten &bdquo;bedienen&ldquo;. An Sonn- und Feiertagen bildete sich vor den &bdquo;comfort stations&ldquo; eine Traube von Soldaten, die teils in Unterw&auml;sche dastanden. Wenn es einmal l&auml;nger dauerte, schrien sie &bdquo;Mach&rsquo; schneller, mach&rsquo; voran&ldquo;:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Einige Soldaten reagierten sich wild ab, andere heulten, weil sie bald an die Front mussten. Einige kamen mit Kondomen, die meisten allerdings ohne. W&ouml;chentlich gingen wir in die Klinik, um uns untersuchen zu lassen. Viele M&auml;dchen wurden schwanger und mussten mehrfach Abtreibungen &uuml;ber sich ergehen lassen. Wenn sich jemand eine ansteckende Krankheit geholt hatte, wurde sie auf eine Isolierstation gebracht. Einige M&auml;dchen waren von den Schamhaaren aufw&auml;rts bis zum Bachnabel mit eiternden Wunden &uuml;bers&auml;t. Ihre Gesichter schwollen gelb an, sie verschwanden dann einfach.<\/p>\n<p>Wenn wir die Regel hatten, gaben uns die &Auml;rzte Watte oder Baumwolle. Als der Nachschub stoppte, mussten wir sehen, wie wir irgendwie an Stofffetzen herankamen. Manchmal benutzten wir sogar die Einlegesohlen von Soldaten, die diese weggeschmissen hatten. Wenn sie das herausfanden, schlugen sie uns und sagten, das bringe Ungl&uuml;ck.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>T&auml;glich wurden Kum-Ju und die anderen M&auml;dchen geschlagen. Selbst wenn sie den Mond anschauten, erinnerte sich Frau Hwang, schlugen die Soldaten sie und fragten, woran die M&auml;dchen gerade d&auml;chten:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Ich wurde so h&auml;ufig geschlagen, dass ich noch heute manchmal minutenlang nichts h&ouml;ren kann. Meine Knie und Oberschenkel sind bandagiert. Immer, wenn ich diese Bandagen vor dem Baden abnehme, treten Schwellungen auf und ich habe gro&szlig;e Schwierigkeiten, aufrecht zu sitzen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Lautlose Kapitulation<\/strong><\/p><p>Lebhaft erinnerte sich Frau Hwang an den 15. August 1945. Niemand rief an diesem denkw&uuml;rdigen Tag zum Abendessen. &Uuml;berall Stille, nur einige Stofffetzen, die sich im elektrischen Zaun des Milit&auml;rcamps verfangen hatten, flirrten im Wind. Als sie im leeren Speisesaal gerade Wasser trank, erschien ein Soldat. Er sagte ihr, sie sei jetzt frei und solle sofort abhauen, bevor die Chinesen k&auml;men und alle t&ouml;ten w&uuml;rden. Der Kaiser h&auml;tte n&auml;mlich kapituliert, weil Amerikaner Bomben mit verheerender Wirkung &uuml;ber Japan abgeworfen h&auml;tten:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Sofort informierte ich die anderen Frauen. Die klagten &uuml;ber zu gro&szlig;e Schmerzen im Unterleib und wollten die weite Flucht nicht riskieren. Sie weinten und baten mich, allein zu gehen. Zuerst wollte ich nicht, dann aber entschloss ich mich zur Flucht. Ich rannte, so schnell ich konnte. Ich passierte mehrere Tore und zerschnittene Stacheldrahtverhaue und erreichte nach etwa 15 Kilometern eine belebte Stra&szlig;e, die sich immer mehr f&uuml;llte. Alle m&ouml;glichen Leute hatten nur ein Ziel vor Augen: die Flucht gen S&uuml;den. Durch Betteln hielt ich mich &uuml;ber Wasser. Unterwegs fand ich ab und zu weggeschmissene Kleidungsst&uuml;cke, die immer noch in besserem Zustand als meine zerzausten, v&ouml;llig verdreckten Kleider waren. Nach viermonatigem Fu&szlig;marsch erreichte ich im Dezember 1945 schlie&szlig;lich die Station Cheongnyangni in Seoul.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>An der Cheongnyangni-Station lie&szlig; sich Frau Hwang ersch&ouml;pft nieder. Als Erstes ging sie zu einem Imbissstand und bat um eine hei&szlig;e, kr&auml;ftig gew&uuml;rzte Suppe. Die Besitzerin empfand offensichtlich Mitleid mit der v&ouml;llig heruntergekommenen Person, die sich aus der Mandschurei in die Heimat gerettet hatte. Frau Hwang bekam ausreichend zu essen. Nach Jahren war das die erste menschliche Regung, die sie versp&uuml;rte:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Ich war ger&uuml;hrt und weinte. Endlich konnte ich mich mal wieder sattessen, richtig waschen, erhielt saubere Kleidung und Unterw&auml;sche. Die Besitzerin war sogar so liebensw&uuml;rdig, mir die Haare zu schneiden, die L&auml;use zu entfernen und mein Haar dann mit DDT zu bespr&uuml;hen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Unter Br&uuml;ckenpfeilern &ndash; auf der Flucht<\/strong><\/p><p>Nach dem Krieg lebte Frau Hwang in Cheongnyangni drei Jahre lang unter einer Br&uuml;cke. Sie bettelte und kochte sich Brei, den sie in aufgesammelten Butterb&uuml;chsen der amerikanischen Besatzer abf&uuml;llte. In der N&auml;he gab es eine Gemeinde von Adventisten:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Als die Leute mitkriegten, dass ich h&auml;ufig starke Unterleibsblutungen und gro&szlig;e Schmerzen hatte, dachten sie, ich w&uuml;rde sterben. Sie informierten deshalb den Chefarzt eines amerikanischen Krankenhauses. Drei &Auml;rzte haben mich dann auf einem Tisch operiert und mir die Geb&auml;rmutter entfernt.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Frau Hwang r&uuml;ckte n&auml;her zu uns, zog mit einem Ruck ihr Hemd hoch und zeigte uns eine gro&szlig;e Narbe. Ihr &bdquo;ganzer Bauch&rdquo; sei &bdquo;weg&ldquo;, sagte sie:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Nach drei Monaten konnte ich, auf einem Stock gest&uuml;tzt, aufstehen. Da ich damals unter einer Br&uuml;cke geschlafen hatte, mieteten die &Auml;rzte f&uuml;r mich ein Zimmer neben der Polizeiwache von Cheongnyangni an. Die Leute brachten mir T&ouml;pfe, Geschirr, Kleidungsst&uuml;cke und Schuhe, alles, was man halt zum Leben braucht. Ich f&uuml;hlte mich reich.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Ein kurzlebiges Gef&uuml;hl. Im Sommer 1950 st&uuml;rzte ein Bruderkrieg die koreanische Halbinsel in Elend und Chaos. Es war der erste &bdquo;hei&szlig;e&ldquo; Konflikt im Kalten Krieg, der fast zum Dritten Weltkrieg gef&uuml;hrt h&auml;tte. Zwar war der 15. August 1945 der Tag der Befreiung f&uuml;r Korea. Doch nach der japanischen Kolonialzeit verwalteten die Siegerm&auml;chte, die USA und die Sowjetunion, treuh&auml;nderisch die koreanische Halbinsel. Der 38. Breitengrad diente zun&auml;chst als provisorische, sp&auml;ter als hermetische Grenze zwischen dem von der Sowjetunion verwalteten Norden und dem von einer US-Milit&auml;rregierung kontrollierten S&uuml;den des Landes. Bereits 1948 hatte sich die Spaltung des Landes so weit vertieft, dass zwei unterschiedliche Staaten entstanden waren, die beide den Herrschaftsanspruch &uuml;ber die gesamte Halbinsel beanspruchten. Mit verheerenden Konsequenzen: Drei lange Jahre, bis Sommer 1953, dauerte der Koreakrieg &ndash; mit st&auml;ndig wechselnden Frontverl&auml;ufen.<\/p><p>Wie Millionen ihrer Landsleute begab sich auch Frau Hwang mit ihren wenigen Habseligkeiten auf die Flucht in den S&uuml;den &ndash; in die St&auml;dte Daegu und Busan:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Ich habe Waisenkinder aufgenommen. W&auml;hrend des Krieges wimmelte es nur so von Waisenkindern. Wohin man kam, &uuml;berall waren Kinder, die ihre Eltern nicht kannten. Sobald Kinder mich sahen, riefen sie &sbquo;Mama, Mama&lsquo; zu mir und klammerten sich an mich. Eines dieser Kinder habe ich auf den R&uuml;cken gepackt und wir sind nach Busan gefl&uuml;chtet. Dort verbrachten wir den Sommer, dann gingen wir nach Daegu. Es war leichter, mit einem Kind durchs Leben zu kommen. Alle wollten dem Kind etwas zum Essen geben, so konnte ich mich und das Kind t&auml;glich ern&auml;hren. Auf dem Weg zur&uuml;ck nach Seoul habe ich die ganze Zeit das Kind auf dem R&uuml;cken getragen. Kaum kamen wir dort an, mussten wir wieder nach S&uuml;den fliehen, weil nordkoreanische Truppen auf dem Vormarsch waren. Unterwegs riefen mir wieder Kinder zu &ndash; &sbquo;Mama, Mama&lsquo; &ndash; und wollten mich nicht loslassen. Da sagte meine Busan-&sbquo;Tochter&lsquo;: &sbquo;Mama, nimm noch ein Kind mit!&lsquo; &sbquo;Und was ist dann mit dir?&lsquo;, fragte ich sie. Sie wolle dann zu Fu&szlig; gehen. So packte ich wieder ein Kind auf den R&uuml;cken. Wir liefen und liefen, endlos, wieder nach Daegu. Sp&auml;ter ging ich nochmals zwei Monate lang zu Fu&szlig; nach Seoul zur&uuml;ck.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Insgesamt k&uuml;mmerte sich Frau Hwang w&auml;hrend der Kriegswirren um f&uuml;nf Waisenkinder, von denen eins sehr jung starb. Die anderen wuchsen auf, Frau Hwang bezahlte ihr Schulgeld und sp&auml;ter heirateten sie. Nachdem der Krieg im Sommer 1953 endlich vorbei war, arbeitete sie eine Zeitlang als landwirtschaftliche Gehilfin.<\/p><p><strong>Marketenderin im Moloch Seoul<\/strong><\/p><p>Auf dem Lande hielt es Frau Hwang jedoch nicht lange. Es zog sie zur&uuml;ck nach Seoul, erneut nahe der Station Cheongnyangni, wo sie zun&auml;chst Gem&uuml;se, sp&auml;ter Nudeln, dann Magkoli (Reisbier) und Reis verkaufte. Kleine Ersparnisse erm&ouml;glichten ihr einen gro&szlig;en Sprung; sie konnte sich eine Gark&uuml;che leisten &ndash; sogar mit eigenem Imbissstand. T&auml;glich stand sie um halb Sechs auf, trank mehrere Tassen Kaffee, um sich aufzurappeln, und deckte sich dann mit allem Notwendigen auf nahegelegenen M&auml;rkten ein. Ihr &Uuml;berlebensrezept bestand darin, das Vergangene zu vergessen und sich mit ihrer selbstst&auml;ndigen Arbeit Respekt zu verschaffen:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Ich habe meine Vergangenheit verheimlicht, weil es mir so peinlich war. Ich konnte nicht heiraten, und wem sollte ich mich anvertrauen? Nach Hause zur&uuml;ckgehen, kam nicht in Frage. Wenn ich den Leuten meine Geschichte erz&auml;hlt h&auml;tte, w&auml;re ich wie eine Auss&auml;tzige behandelt worden. Deshalb habe ich geschwiegen. Nur dem Arzt erz&auml;hlte ich alles, bevor ich operiert werden sollte.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Frau Hwangs Leben ver&auml;nderte sich schlagartig, als Kim Hak-Sun (1924-1997), ebenfalls eine ehemalige Sexsklavin, im Sommer 1991 erstmalig ihr eigenes Schicksal und das ihrer zahlreichen Leidensgenossinnen publik machte. Dazu geh&ouml;rte &ndash; erst recht in einer betont schamorientierten Kultur &ndash; eine geh&ouml;rige Portion Mut:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Ich habe Kim Hak-Sun zum ersten Mal in den Fernsehnachrichten abends um Neun gesehen. Sie forderte Frauen auf, die in einer &auml;hnlichen Lage sind wie sie, zu ihr nach Yongsan zu kommen und gemeinsam ein Projekt zu starten. Am n&auml;chsten Tag lie&szlig; ich meinen Laden Laden sein und machte mich direkt auf den Weg nach Yongsan. Am Abend zuvor hatte ich mir gleich Frau Kims Telefonnummer notiert, sodass ich sie direkt anrufen konnte. Sie holte mich ab und brachte mich zu anderen Betroffenen. So arbeiteten wir zusammen, bis Frau Kim starb. Solange ich lebe, erwarte ich, dass aus Tokio endlich ein Schuldeingest&auml;ndnis kommt. Im Falle von einem Dutzend verschleppter Japaner nach Nordkorea, wovon f&uuml;nf starben, verlangen die japanischen Beh&ouml;rden mit Mordsgeschrei, dass sich Nordkorea entschuldigt und die Opfer entsch&auml;digt. Von uns aber, die wir jung und unverheiratet waren, wollen dieselben Stellen in Japan nichts wissen und h&ouml;ren. Sie warten wohl nur darauf, dass Frauen wie ich sterben.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Mutig und engagiert bis zum letzten Atemzug<\/strong><\/p><p>Frau Hwang wusste nur zu gut, dass ihre verlorene Jugend nicht &bdquo;wiedergutzumachen&ldquo; war. Eine finanzielle Entsch&auml;digung interessierte sie in ihrem Alter kaum noch. Vom Staat bekam sie einen Zuschuss f&uuml;r den Lebensunterhalt und die Miete, und Freunde unterst&uuml;tzten sie mit allem Notwendigem. H&auml;tte Frau Hwang jemals eine Entsch&auml;digung bekommen, h&auml;tte sie das Geld ohnehin unter engen Freunden und engagierten Frauenorganisationen aufgeteilt. Sterben wollte sie mit dem Gef&uuml;hl, in ihrem Leben nicht verachtet worden zu sein. Neben Kim Hak-Sun wollte sie begraben werden, weil sie sonst niemanden h&auml;tte, der nach ihrem Tod zu ihr spr&auml;che.<\/p><p>Mit ihren Leidensgef&auml;hrtinnen stritt Frau Hwang daf&uuml;r, dass Tokio sich &ouml;ffentlich f&uuml;r das ihnen widerfahrene Leid und Unrecht entschuldigt. Das weckte in der alten Dame noch gl&uuml;hende Kampfeslust. Sollte sie ohne ein solches Schuldeingest&auml;ndnis sterben, werde sie nach ihrem Tod alle Japaner &bdquo;auffressen&ldquo; und sich als erstes auf Ministerpr&auml;sident Koizumi st&uuml;rzen und ihn &bdquo;zerrei&szlig;en&ldquo;. Ihre Kampfeslust haben bei den Mittwochsdemonstrationen der ehemaligen Sexsklavinnen vor der japanischen Botschaft in Seoul schon mehrfach Sicherheitskr&auml;fte zu sp&uuml;ren bekommen:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Warum bewacht ihr mich? Sind wir Schweine oder Bettler? Warum hindert ihr mich daran, in die Botschaft zu gehen? Wir wollen sie ja nicht auseinandernehmen, sondern nur mit den Leuten drinnen sprechen. Wieso seid ihr hier und habt diese uniformierten Kerle mitgebracht? Ich schrie sie immer wieder an: &sbquo;Sind wir denn Diebinnen oder Verbrecherinnen?&lsquo;, packte einen von ihnen am Kragen, bespuckte und kratzte ihn. Die Polizisten sagen dann nichts, weil sie nichts zu sagen haben.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Am 3. Januar 2013 ver&ouml;ffentlichte die Seouler Tageszeitung <em>The Korea Herald <\/em>eine Meldung der s&uuml;dkoreanischen Nachrichtenagentur <em>Yonhap<\/em>, in der es hie&szlig;:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Eine weitere koreanische Frau, die w&auml;hrend des Zweiten Weltkriegs von Japan in die sexuelle Sklaverei gezwungen wurde, ist am Freitag gestorben, wie die B&uuml;rgergruppe Koreanischer Rat f&uuml;r die von Japan zur sexuellen Sklaverei im Milit&auml;rdienst gezwungenen Frauen mitteilte. (&hellip;) Hwang Kum-Ju starb im Alter von 92 Jahren, wie der Rat mitteilte. Mit ihrem Tod stieg die Zahl der von der s&uuml;dkoreanischen Regierung registrierten &uuml;berlebenden Opfer der von Japan erzwungenen sexuellen Versklavung auf 58. Urspr&uuml;nglich standen insgesamt 234 Opfer auf der Liste.&ldquo; [Die Tageszeitung Hankyoreh und andere Quellen sprechen hingegen von 240 offiziell aufgelisteten Opfern &ndash; RW.]\n<\/p><\/blockquote><p>Titelbild: Kim Eun-Sik &amp; Rainer Werning<\/p><p><em><strong>Literatur &amp; Links zum Thema:<\/strong><\/em><\/p><ul>\n<li><em>Die Aktionsgruppe &bdquo;Trostfrauen&ldquo; im Korea Verband e.V. (Berlin) hat eine <a href=\"https:\/\/trostfrauen.de\/buecher\/\">B&uuml;cherliste zum Themenkomplex<\/a> erstellt<\/em><\/li>\n<li><em><a href=\"https:\/\/www.usip.org\/publications\/2022\/09\/guide-understanding-history-comfort-women-issue\">A Guide to Understanding the History of the &lsquo;Comfort Women&rsquo; Issue<\/a> | United States Institute of Peace *<\/em><\/li>\n<li><em><a href=\"https:\/\/inkstickmedia.com\/japan-should-take-responsibility-for-comfort-women-now\/\">Japan Should Take Responsibility for &ldquo;Comfort Women&rdquo; Now<\/a> &ndash; Inkstick * <\/em><\/li>\n<li><em><a href=\"https:\/\/english.hani.co.kr\/arti\/english_edition\/e_national\/1041443.html\">Kim Yang-ju, survivor of Japanese military&rsquo;s &ldquo;comfort women&rdquo; system, dies at 98<\/a> \/ National \/ News: The Hankyoreh * <\/em><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/List_of_war_apology_statements_issued_by_Japan\">en.wikipedia.org\/wiki\/List_of_war_apology_statements_issued_by_Japan<\/a><\/li>\n<li><em><a href=\"https:\/\/www.awf.or.jp\/e1\/facts-07.html\">Number of Comfort Stations and Comfort Women<\/a> *<\/em><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/world\/asia-pacific\/skoreas-few-surviving-comfort-women-face-lifes-end-political-fight-rages-2021-07-02\/\">reuters.com\/world\/asia-pacific\/skoreas-few-surviving-comfort-women-face-lifes-end-political-fight-rages-2021-07-02\/<\/a><\/li>\n<li><em><a href=\"https:\/\/brill.com\/view\/journals\/icla\/22\/3\/article-p475_004.xml\">The 2015 South Korean&ndash;Japanese Agreement on &lsquo;Comfort Women&rsquo;<\/a>: A Critical Analysis in: International Criminal Law Review Band 22 Ausgabe 3 (2022) * <\/em><\/li>\n<li>Rainer Werning: <em><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=65771\">St&uuml;hle des Ansto&szlig;es<\/a><\/em> *<\/li>\n<li>Reinhard Z&ouml;llner: Rezension von: Caroline Norma: <em><a href=\"http:\/\/www.sehepunkte.de\/2020\/11\/35249.html\">The Japanese Comfort Women and Sexual Slavery During the China and Pacific Wars<\/a><\/em>, London: Bloomsbury 2016, in: sehepunkte 20 (2020), Nr. 11 [15.11.2020] &ndash; Normas Opus konzentriert sich auf einen Aspekt, der im bisherigen Diskurs so gut wie gar nicht ber&uuml;cksichtigt ward.<\/li>\n<li>Reinhard Z&ouml;llner (2021): <em>Wahrheitseffekte und Widerstreit: Die &bdquo;Trostfrauen&rdquo; und ihre Denkm&auml;ler. <\/em>M&uuml;nchen: Iudicium Verlag.\n<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit der Eskalation des milit&auml;rischen Feldzuges gegen China in den 1930er Jahren hatten der Generalstab und das Heeresministerium der Kaiserlich Japanischen Armee u.a. angeordnet, dass sich unverheiratete M&auml;dchen und Frauen zum dreij&auml;hrigen Dienst in einer japanischen Milit&auml;rfabrik melden sollten. Die Koreanerin Hwang Kum-Ju folgte wie zahlreiche andere M&auml;dchen und Frauen diesem Aufruf. Sie wollten Geld<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=93913\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":93915,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[20,171,161],"tags":[1497,2703,304,305,1983,966,2399,2968],"class_list":["post-93913","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-landerberichte","category-militaereinsaetzekriege","category-wertedebatte","tag-japan","tag-korea","tag-kriegsverbrechen","tag-menschenrechte","tag-suedkorea","tag-weltkrieg","tag-wiedergutmachung","tag-zwangsprostitution"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/230219Hwang-Kum-Ju.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/93913","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=93913"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/93913\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":93918,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/93913\/revisions\/93918"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/93915"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=93913"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=93913"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=93913"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}