{"id":94,"date":"2004-09-23T14:35:48","date_gmt":"2004-09-23T13:35:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=94"},"modified":"2016-03-26T15:12:21","modified_gmt":"2016-03-26T14:12:21","slug":"die-pferde-mussen-wieder-saufen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=94","title":{"rendered":"&#8220;Die Pferde m\u00fcssen wieder saufen&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>Eine Erinnerung an erfolgreiche Konjunkturpolitik in den Zeiten von &ldquo;Plisch und Plum&rdquo; oder: Wachstum scheitert derzeit haupts&auml;chlich an Dogmen, von Albrecht M&uuml;ller, Frankfurter Rundschau, 09\/2004<br>\n<!--more--><br>\nDer immer noch als Vordenker der SPD herumgereichte Peter Glotz hat in einer gemeinsamen Besprechung eines Buches von Friedrich Merz (CDU) und meines Buches &ldquo;Die Reforml&uuml;ge&rdquo; voller Erstaunen festgehalten, Merz und ich glaubten, Vollbesch&auml;ftigung sei m&ouml;glich. Wer heute f&uuml;r eine Politik der Vollbesch&auml;ftigung wirbt, wer zu erkennen gibt, mit Hilfe des Wachstums unserer Volkswirtschaft dieses Ziel erreichen zu wollen und deshalb eine expansive Wirtschaftspolitik empfiehlt, der gilt als Exot, als einseitig keynesianisch und damit als traditionell und &uuml;berholt. <\/p><p>Die Variation der Behauptungen, die wir in diesem Zusammenhang zu h&ouml;ren bekommen, reicht von den Thesen, das Wachstum in der Bundesrepublik Deutschland sei 1975 zu Ende gegangen (so u.a. Glotz), das Wachstum nehme geradezu gesetzm&auml;&szlig;ig st&auml;ndig ab (Horst Afheldt), nie mehr k&ouml;nnten wir Wachstumsraten erreichen, die Vollbesch&auml;ftigung schaffen und der Kapitalismus schaffe die Arbeit ab (Ulrich Beck) bis zu dem in einem vielstimmigen Chor vorgetragenen Sprechgesang: &ldquo;Keynes ist out&rdquo; und &ldquo;Konjunkturprogramme sind Strohfeuer&rdquo;. Letzteres wird im Kanon gesungen, wobei der Einsatz f&uuml;r die CDU\/CSU einen gro&szlig;en Vorlauf aus den siebziger Jahren hat und die SPD jetzt kr&auml;ftig mitsingt, nachdem sie noch in den Siebzigern mit Recht taub gegen diese Parolen und stolz auf ihre Politik der Globalsteuerung war. <\/p><p>Die Reaktionen der heute herrschenden Meinungsf&uuml;hrer sind rational schwer zu begreifen. Warum soll Vollbesch&auml;ftigung nicht mehr m&ouml;glich sein? Warum sollen wir sie nicht wenigstens wollen? <\/p><p><strong>Erfahrung wider Pessimismus<\/strong><\/p><p>Schon die eigenen deutschen Erfahrungen sprechen gegen den g&auml;ngigen &ldquo;strukturellen&rdquo; Pessimismus: 1975, im Jahr der angeblichen Z&auml;sur, war das Bruttoinlandsprodukts (real) um -1,3 Prozent gefallen &ndash; vor allem eine Folge der ersten &Ouml;lpreisexplosion. 1976 stieg das Bruttoinlandsprodukt um 5,3 Prozent (!). Dann um 2,8, um drei und 1979 noch einmal um 4,2 Prozent. Damit ist in dieser Vier-Jahres-Periode nach dem angeblichen Abbruch des Wachstums der hohe Durchschnittswert von gut 3,8 Prozent p.a. erreicht &ndash; vor allem ein Erfolg der verp&ouml;nten Konjunkturprogramme! <\/p><p>In den folgenden Jahren zwischen 1980 und 1987 d&uuml;mpelte die deutsche Volkswirtschaft mit einer kl&auml;glichen Durchschnittsrate von 1,3 Prozent Wachstum dahin. Die Arbeitslosigkeit erreichte 1985 den bis dahin h&ouml;chsten Wert von 9,3 Prozent. 1988, wohl gemerkt noch vor der deutschen Einheit, begann mit 3,7 Prozent eine neue Phase des Wachstums. Wie die abgebildete Tabelle von Daten der OECD zeigt, folgten 3,9 Prozent in 1989, 5,7 in 1990 und 5,1 in 1991. Die durchschnittliche Wachstumsrate in diesen vier Jahren lag real bei 4,6 Prozent. Das war 15 Jahre nach der angeblichen Z&auml;sur von 1975 und dem Ende des Wachstums! <\/p><p>Dieser Boom wurde von Bundesbank und Bundesregierung willentlich abgebrochen. Nicht von irgendeiner au&szlig;erirdischen Macht &ouml;konomischer Gesetzm&auml;&szlig;igkeiten. Die Bundesbank erh&ouml;hte den Diskontsatz von 2,9 Prozent in 1988 auf 8,75 Prozent. Die Konjunktur brach ein. Seit dem sind wir ein Land mit einem miserablen Durchschnittswachstums von 1,07 Prozent p.a.. Die 90er Jahre waren damit hierzulande, anders als es Joseph Stiglitz f&uuml;r die USA beschreibt, alles andere als Roaring Nineties. Seit zw&ouml;lf Jahren verschenken wir durch Unterauslastung der Kapazit&auml;ten unsere Volkswirtschaft jedes Jahr rund 150 Milliarden. <\/p><p>Die gesamte Entwicklung bis heute ist nicht das Ergebnis eines objektiv vorgegebenen Strukturtrends. Es ist das Ergebnis einer falschen Geld- und Fiskalpolitik und damit der Missachtung der M&ouml;glichkeiten einer aktiven Konjunkturpolitik. Die Verantwortlichen in anderen L&auml;ndern verstehen davon offenbar mehr als die bei uns herrschenden Kreise. <\/p><p>Frankreich z.B. hat in den Jahren nach 1997 eine expansive Konjunkturpolitik betrieben und immerhin Wachstumsraten von 3,5 Prozent, 3,2 und 4,2 Prozent erreicht. &ndash; Schweden hat vier Mal innerhalb von sieben Jahren die Vier-Prozent-Marke &uuml;berschritten. &ndash; Die USA haben in der 90ern eine pragmatische Mischung von Angebots&ouml;konomie und Keynesianismus angewandt und ebenfalls vier mal die Vier-Prozent-Marke &uuml;berschritten. <\/p><p>Fr&uuml;her wussten auch wir, wie das geht. Wie beschrieben in der 2. H&auml;lfte der 70er. Oder noch fr&uuml;her. Die erste Rezession mit einem R&uuml;ckgang des Bruttoinlandsprodukts um -0,3% im Jahr 1967 war innerhalb von nur einem Jahr &uuml;berwunden worden. Damals haben der Wirtschaftsminister Karl Schiller (SPD), genannt auch Plisch, und der Finanzminister Franz Josef Strau&szlig; (CSU), genannt Plum, eine expansive Konjunktur- und Finanzpolitik betrieben, mit Konjunkturprogrammen und vor allem mit der Verbreitung von Optimismus. &ldquo;Die Pferde m&uuml;ssen wieder saufen&rdquo;, schw&auml;rmte Karl Schiller. &ldquo;Die Richtung stimmt!&rdquo;, verk&uuml;ndete die Bundesregierung in Anzeigen, auf Plakaten und Z&uuml;ndholzschachteln. Damals wusste man noch: eine gute Wirtschaftspolitik ist zur H&auml;lfte Psychologie. Soll das heute nicht mehr gelten? Dann m&ouml;chte ich den Beleg daf&uuml;r sehen. Nachgeplapperte Parolen wie &ldquo;Keynes ist out&rdquo; und &ldquo;Konjunkturprogramme sind Strohfeuer&rdquo; sind keine Belege. <\/p><p>Sachlich gibt es keine Gr&uuml;nde, die vorhandenen Kapazit&auml;ten unserer Volkswirtschaft nur zu rund 82 Prozent zu nutzen. Anders als immer behauptet wird, haben viele Menschen noch Bedarf an allt&auml;glichen G&uuml;tern; unsere Gemeinden lassen viele ihrer Einrichtungen aus Geldmangel verkommen; viele Alleinerziehende und Eltern, die arbeiten wollen, sind auf der Suche nach einer guten Betreuung ihrer Kinder; die Sch&uuml;ler-Lehrer-Relation ist nicht gut; wir k&ouml;nnten mit einfachen Tiefbauma&szlig;nahmen, die vielen kleinen Unternehmen Auftr&auml;ge br&auml;chten, &ouml;kologisch vern&uuml;nftige R&uuml;ckbauma&szlig;nahmen unserer B&auml;che und Fl&uuml;sse betreiben. Usw. Diese Arten von Wachstum w&auml;ren &ouml;kologisch nicht bedenklich. Im Gegenteil. Die mit dem Wachstum verbundene Verbesserung der wirtschaftlichen Lage vieler Menschen ist sogar die Voraussetzung daf&uuml;r, sie wieder aufgeschlossener zu machen f&uuml;r &ouml;kologische Belange. <\/p><p><strong>Der Wille der Eliten fehlt<\/strong><\/p><p>Deutschland mangelt es nicht an Wachstumspotential, unserer Volkswirtschaft fehlt der Wille der Eliten, sie auf Wachstumskurs zu bringen. Nirgendwo in der Welt ist der Dogmatismus der herrschenden &ouml;konomischen Lehre und ihrer J&uuml;nger in Politik und Medien gr&ouml;&szlig;er als bei uns. Der Chef&ouml;konom der US-Investmentbank Goldman Sachs, Jim O&rsquo;Neill nennt Deutschlands Volkswirte &ldquo;dogmengl&auml;ubig&rdquo;. Konfrontiert mit dem g&auml;ngigen Glaubenssatz &ldquo;Keynes ist tot&rdquo; antwortet O&rsquo;Neill treffend: &ldquo;Adam Smith ist auch tot. Und wenn die deutschen &Ouml;konomen weiterhin so kategorisch denken, wird auch die deutsche Wirtschaft demn&auml;chst tot sein.&rdquo; <\/p><p>Dass bei uns das Notwendige nicht geschieht, dass wir unsere Volkswirtschaft weit unter unseren M&ouml;glichkeiten fahren, ist nicht sachlich bedingt sondern die Folge einer eigenartigen &ouml;ffentlichen Meinungsbildung. Sie ist gepr&auml;gt von einer F&uuml;lle von Vorurteilen und Denkfehlern: Wachstum bringe es nicht mehr, wir lebten &uuml;ber unsere Verh&auml;ltnisse, staatliche Konjunktur und Wachstumspolitik f&uuml;hrten nur zu weiterer Verschuldung, Wachstum sei &ouml;kologisch nicht vertretbar, der Bedarf sei ges&auml;ttigt, die Produktivit&auml;t sei zu hoch &ndash; dieser Wust von vorgefassten Meinungen verhindert rationale politische Entscheidungen und die Optimierung der wirtschaftspolitischen Instrumente. 40 derartige Denkfehler und Legenden habe ich meinem Buch &ldquo;Die Reforml&uuml;ge&rdquo; analysiert &ndash; ein kleiner Beitrag zur dringend notwendigen Aufkl&auml;rung. <\/p><p><strong>Der Standpunkt des Autors<\/strong><\/p><p>Die gegenw&auml;rtige Debatte &uuml;ber Wege aus der Wirtschaftsflaute wird von Dogmen beherrscht. Dazu geh&ouml;ren S&auml;tze wie &ldquo;Keynes ist tot&rdquo; oder &ldquo;Konjunktur-programme sind Strohfeuer&rdquo;. Dabei fehlt es der deutschen Volkswirtschaft nicht an Wachstumspotential. Weder ist der private Bedarf an Konsumg&uuml;tern vollst&auml;ndig gedeckt noch mangelt es an Aufgaben, bei denen der Staat konjunkturf&ouml;rdernd &ndash; und umwelt-schonend &ndash; investieren k&ouml;nnte, urteilt Albrecht M&uuml;ller. Er ist freier Autor, Politik- und Unternehmensberater. Lange Zeit war er in den Beraterst&auml;ben von Politikern wie Karl Schiller oder Willy Brandt t&auml;tig. F&uuml;r die SPD war er von 1987 bis 1994 im Bundestag. In seinem j&uuml;ngsten Buch &ldquo;Die Reforml&uuml;ge&rdquo; z&auml;hlt er 40 Denkfehler auf, die die aktuelle Wirtschaftspolitik behindern. <\/p><p><em>&copy; Frankfurter Rundschau online 2004<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Erinnerung an erfolgreiche Konjunkturpolitik in den Zeiten von &ldquo;Plisch und Plum&rdquo; oder: Wachstum scheitert derzeit haupts&auml;chlich an Dogmen, von Albrecht M&uuml;ller, Frankfurter Rundschau, 09\/2004<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[147,14,30],"tags":[1589,299,300,510,402],"class_list":["post-94","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitslosgigkeit","category-veroffentlichungen-der-herausgeber","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-glotz-peter","tag-konjunkturprogramme","tag-mueller-albrecht","tag-vollbeschaeftigung","tag-wachstum"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/94","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=94"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/94\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32513,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/94\/revisions\/32513"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=94"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=94"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=94"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}