{"id":94013,"date":"2023-02-20T08:49:59","date_gmt":"2023-02-20T07:49:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=94013"},"modified":"2023-02-20T09:51:49","modified_gmt":"2023-02-20T08:51:49","slug":"die-zeitenwende-auf-der-muenchner-siko-eine-lageeinschaetzung-der-eurasien-gesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=94013","title":{"rendered":"\u201eDie Zeitenwende auf der M\u00fcnchner SiKo\u201c &#8211; Eine Lageeinsch\u00e4tzung der Eurasien-Gesellschaft"},"content":{"rendered":"<p>Am 16. Februar 2023 fand eine Veranstaltung der Eurasien-Gesellschaft mit dem renommierten Politikwissenschaftler und jahrelangen Kommentator der SiKo, Prof. Dr. Christian Hacke, unter Leitung des bekannten Osteuropaexperten Prof. Alexander Rahr in Berlin statt. Hacke, eigentlich bekennender Transatlantiker, kam die letzten Monate zunehmend in Kritik, weil er die westliche Eskalationspolitik in Bezug auf Russland hinterfragte. Die <a href=\"https:\/\/www.eurasien-gesellschaft.org\/\">Eurasien-Gesellschaft<\/a> ist eine recht junge Diskussions- und Forschungsorganisation. Ihr Anspruch ist es, Au&szlig;en-, Sicherheits- und geopolitische Debatten zu f&uuml;hren und k&uuml;nftig Analysen zu erarbeiten, die woanders nicht mehr gef&uuml;hrt und erarbeitet werden. Von <strong>Alexander Neu<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDas Selbstverst&auml;ndnis der Eurasien-Gesellschaft lautet: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wir bringen Menschen zusammen, die sich f&uuml;r friedliche Koexistenz und kooperative Beziehungen der L&auml;nder Eurasiens einsetzen. Wir analysieren und diskutieren &uuml;ber Entwicklungen in Europa, China, Russland, Zentralasien, Kaukasus, Indien, Iran und Pakistan, setzen uns f&uuml;r politische, wirtschaftliche und zivilgesellschaftliche Kontakte und kulturellen Austausch zwischen diesen L&auml;ndern ein, interessieren uns f&uuml;r den interreligi&ouml;sen Dialog.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Mit diesem Selbstverst&auml;ndnis hebt sich die Eurasien-Gesellschaft von anderen Denkfabriken und Diskussionsforen in Deutschland ab, da Eurasien nicht durch die transatlantische Brille gesehen werden soll, sondern durch die europ&auml;ische und asiatische Brille. Der absolut dominierende westzentrierte Blick auf die Welt und auf den Doppelkontinent Eurasien spiegelt die geopolitischen M&auml;chteverschiebungen nicht nur nicht wider, sondern beg&uuml;nstigt sogar eine umfassende Fehlperzeption der sich tats&auml;chlich verschiebenden globalen Machtverh&auml;ltnisse. <\/p><p>War es der Westen geradezu gewohnt, dass dieser die Strukturen und die Ausrichtung der Weltpolitik alleinig (unipolare Weltordnung) bestimmt, ja geradezu diktiert, so hat sich in den letzten 10 bis 15 Jahren eine langsame, aber mit wachsender Geschwindigkeit Ver&auml;nderung aufgetan, die sich nun in Russlands Krieg gegen die Ukraine und im Stellvertreterkrieg zwischen Russland und dem Westen manifestiert. Nicht zuletzt die dezidierte Weigerung von Staaten und ganzen Kontinenten des globalen S&uuml;dens, den westlichen Forderungen, sich den Sanktionen gegen Russland anzuschlie&szlig;en, offenbart das Ende der unipolaren Epoche. Brasiliens neu gew&auml;hlter Pr&auml;sident Luiz Lula da Silva verweigert trotz Bitten des Bundeskanzlers Olaf Scholz Waffen- und Munitionslieferungen an die Ukraine und betont, die Ukraine sei ebenfalls schuld an dem Krieg. <\/p><p>Statt Waffenlieferungen k&uuml;ndigt Lula Bem&uuml;hungen um die Gr&uuml;ndung eines &bdquo;Friedensclubs&ldquo; an. Nicht anders Chinas Ank&uuml;ndigung k&uuml;rzlich auf der M&uuml;nchner Sicherheitskonferenz, eine Friedensinitiative vorzulegen, womit dem Westen eine Friedensunwilligkeit und -unf&auml;higkeit unterstellt wird. Das NATO-Mitglied T&uuml;rkei verweigert &auml;hnlich wie der EU-Aspirant Serbien sowie die Mehrheit des globalen S&uuml;dens die Verh&auml;ngung von Sanktionen gegen Russland. In S&uuml;dafrika handelte sich Scholz mit seinen Forderungen, S&uuml;dafrika m&uuml;sse sich den Sanktionen anschlie&szlig;en, ebenso wie in Brasilien eine Abfuhr erster Klasse ein. Der Iran liefert offensichtlich sogar Waffensysteme nach Russland etc. Auch Indien beteiligt sich nicht an den Sanktionen, sondern hat scheinbar ein neues Gesch&auml;ftsmodell entdeckt: Aufkauf von verbilligtem russischen &Ouml;l, das es dann zu Treibstoffen aufbereitet und an den Westen teurer verkauft.<\/p><p>Obschon in der UN-Generalversammlung &uuml;ber 140 Mitgliedsstaaten den russischen Krieg gegen die Ukraine verurteilen, verweigert die Mehrheit der UNO-Mitgliedsstaaten die Verh&auml;ngung von Sanktionen. <\/p><p>Es wird deutlich, dass sich eine neue Gruppe von Staaten in gewisser Anlehnung an die Organisation der &bdquo;Bewegung der Blockfreien Staaten&ldquo; auftut, die wohl global gesehen die Staatenmehrheit darstellt, die sich weder vom Westen noch von Russland in dem Ukraine-Krieg bzw. in dem Stellvertreterkrieg vereinnahmen lassen will, sondern selbstbewusst jeweilige nationale Interessen verfolgt.<\/p><p>F&uuml;r manche westliche politische Vertreter und die sie treibenden Medien stellt dies eine schockartige und schmerzhafte neue Situation dar. F&uuml;r politische Analytiker indessen, die ihre Aufmerksamkeit &uuml;ber den transatlantischen Tellerrand bem&uuml;hten, war diese Entwicklung absehbar. Und dennoch fahren westliche Staatschefs in L&auml;nder des globalen S&uuml;dens und versuchen immer noch mit alten Kolonialattit&uuml;den die L&auml;nder auf Linie zu bringen, was jedoch zum Scheitern verurteilt sein wird und im Gegenteil den Emanzipationsprozess vertiefen und beschleunigen d&uuml;rfte.<\/p><p>Und hier setzt die Eurasien-Gesellschaft an, indem sie die sich herausentwickelnde multipolare Welt als eine unverr&uuml;ckbare Realit&auml;t wahrnimmt und in ihren Diskussionen und Analysen vor allem auf die gr&ouml;&szlig;te und bev&ouml;lkerungsreichste Landmasse, n&auml;mlich den Doppelkontinent Eurasien, fokussiert.<\/p><p>Dabei sollen die Debatten durchaus kontrovers gef&uuml;hrt werden. Ein Meinungskorridor, wie er derzeit in Politik, Medien, Gesellschaft und Wissenschaft zu beobachten ist, wird abgelehnt, da dieser dem Erkenntnisgewinn abtr&auml;glich w&auml;re. Faktenbasierte Wissenschaft, statt wissenschaftsnihilistische Political Correctness &ndash; das soll die Richtschnur sein.<\/p><p>Die oben genannte Veranstaltung mit dem Politikwissenschaftler Prof. Chr. Hacke, einem &uuml;berzeugten Transatlantiker, f&uuml;hrte zu einer sehr interessanten Debatte. Das lag auch daran, dass der Gast, obschon Transatlantiker, seine Urteilsf&auml;higkeit nicht dem politischen Zeitgeist der Political Correctness opfert, sondern analytisch die anstehende M&uuml;nchner Sicherheitskonferenz, die er jahrelang f&uuml;r den Sender Ph&ouml;nix kommentierte, erheblich kritisierte. Die Kritik bezog sich auf die gr&ouml;&szlig;te US-Delegation seit 20 Jahren und deren Zusammensetzung, die Nichteinladung Russlands, den damit einhergehenden, zunehmend einengenden Geist der Konferenz und der geradezu zu erwartenden Beschw&ouml;rung des notwendigen Zusammenhalts der westlichen Welt gegen das B&ouml;se.<\/p><p>Prof. Chr. Hacke war f&uuml;r die Eurasien-Gesellschaft schon aufgrund seiner nicht stromlinienf&ouml;rmigen Positionierungen von Interesse. So warnte Hacke in der Sendung <em>Maischberger<\/em>, mit massiven Waffenlieferungen wachse die Gefahr eines Nuklearkrieges. Eine eigentlich banale Feststellung f&uuml;hrte zu harter medialer Kritik. Der Merkur, aber auch andere Medien kommentierten diese Aussage wie folgt: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Dass er sich damit genau in der Argumentationslinie Putins befindet, scheint den Professor nicht zu st&ouml;ren.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Prof. Hacke wurde auf diese Weise eine eigene Analyse- und Urteilsf&auml;higkeit abgesprochen &ndash; mehr noch, er wurde als Verlautbarungsorgan Putins diffamiert. So eindimensional, unterkomplex, verst&ouml;rend, ja geradezu verkommen ist das Diskussionsklima in Deutschland mittlerweile.<\/p><p>Wie wichtig und wie gew&uuml;nscht eine offene und kontroverse, jedoch nicht moralisch anklagende und diffamierende Debatte ist, offenbarte die anschlie&szlig;ende Diskussion in der Eurasien-Gesellschaft. Es wurde mitunter strittig diskutiert. Manche &Auml;u&szlig;erungen von Prof. Hacke wurden wohlwollend zur Kenntnis genommen, wie beispielsweise die Feststellung, demnach die fortgesetzte NATO-Osterweiterung die grundlegende Ursache f&uuml;r den Krieg Russlands sei. Andere &Auml;u&szlig;erungen, wie die in seinen Augen bestehende Notwendigkeit der Beschaffung von Atomwaffen f&uuml;r Deutschland, um in der Welt ein eigenes Gewicht darstellen zu k&ouml;nnen, wurden eher mit Ablehnung und Skepsis betrachtet.<\/p><p>Aber genau diese Art der Diskussion, diese kontroverse Atmosph&auml;re ohne H&auml;me und moralischem Damoklesschwert, scheint bislang zu fehlen. Die Sitzpl&auml;tze waren bis zum letzten Platz besetzt.<\/p><p><em>Transparenzanmerkung der Redaktion: Der NachDenkSeiten-Gastautor Alexander Neu ist Mitglied der Eurasien-Gesellschaft<\/em><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<p><strong>Mehr zum Thema:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=89302\">Krieg in der Ukraine: Warum sich der Westen so schwertut, Kompromisse einzugehen &ndash; Teil 1<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=89314\">Krieg in der Ukraine: Warum sich der Westen so schwertut, Kompromisse einzugehen &ndash; Teil 2<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91010\">Russlands Krieg im Spiegel von westlichem V&ouml;lkerrechtsnihilismus und Propaganda<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/43d82847a9d94154b7020c0724db8290\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 16. Februar 2023 fand eine Veranstaltung der Eurasien-Gesellschaft mit dem renommierten Politikwissenschaftler und jahrelangen Kommentator der SiKo, Prof. Dr. Christian Hacke, unter Leitung des bekannten Osteuropaexperten Prof. Alexander Rahr in Berlin statt. Hacke, eigentlich bekennender Transatlantiker, kam die letzten Monate zunehmend in Kritik, weil er die westliche Eskalationspolitik in Bezug auf Russland hinterfragte. 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