{"id":94038,"date":"2023-02-20T13:45:52","date_gmt":"2023-02-20T12:45:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=94038"},"modified":"2023-02-20T16:50:00","modified_gmt":"2023-02-20T15:50:00","slug":"geaechtete-streubomben-fuer-die-ukraine-was-fuer-eine-heuchelei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=94038","title":{"rendered":"Ge\u00e4chtete Streubomben f\u00fcr die Ukraine? Was f\u00fcr eine Heuchelei!"},"content":{"rendered":"<p>Dass sogar Anton Hofreiter und Annalena Baerbock Forderungen der Ukraine nach neuen Waffen kritisch kommentieren, hat Seltenheitswert. Doch die Forderung nach Streubomben, die am Wochenende auf der M&uuml;nchner Sicherheitskonferenz vom ukrainischen Regierungsvize Kubrakow <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/europa\/ukraine-streumunition-101.html\">vorgetragen wurde<\/a>, k&ouml;nnen selbst die Hardliner der Gr&uuml;nen verst&auml;ndlicherweise nicht &ouml;ffentlich er&ouml;rtern, geh&ouml;rt Deutschland doch zu den Staaten, die die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/%C3%9Cbereinkommen_%C3%BCber_Streumunition\">Streubomben-Konvention<\/a> unterzeichnet und sich damit v&ouml;lkerrechtlich verpflichtet haben, diese Waffen zu &auml;chten. Doch so &uuml;berraschend, wie allseits berichtet wurde, kam Kubrakows Forderung keinesfalls. Die Ukraine setzt schlie&szlig;lich seit 2014 diese ge&auml;chteten Waffen im Krieg gegen die Separatisten und sp&auml;ter gegen die russische Armee ein. Der internationale Protest blieb aus. Und offenbar liefert zumindest die T&uuml;rkei als NATO-Staat auch bereits Streubomben an die Ukraine, die aktuell im Krieg eingesetzt werden. Wo bleibt der Aufschrei der angeblich so ums V&ouml;lkerrecht besorgten Gr&uuml;nen-Politiker? Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5522\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-94038-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230220_Geaechtete_Streubomben_fuer_die_Ukraine_Was_fuer_eine_Heuchelei_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230220_Geaechtete_Streubomben_fuer_die_Ukraine_Was_fuer_eine_Heuchelei_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230220_Geaechtete_Streubomben_fuer_die_Ukraine_Was_fuer_eine_Heuchelei_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230220_Geaechtete_Streubomben_fuer_die_Ukraine_Was_fuer_eine_Heuchelei_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=94038-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230220_Geaechtete_Streubomben_fuer_die_Ukraine_Was_fuer_eine_Heuchelei_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230220_Geaechtete_Streubomben_fuer_die_Ukraine_Was_fuer_eine_Heuchelei_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Die internationale &Auml;chtung von Streumunition ist eine vergleichsweise junge Entwicklung. Das Osloer &Uuml;bereinkommen zur &Auml;chtung von Streubomben trat erst am 1. August 2010 in Kraft und wurde bislang von 111 Staaten ratifiziert. Deutschland und Spanien geh&ouml;ren dazu. Die USA, Russland, die Ukraine, die T&uuml;rkei und Estland geh&ouml;ren nicht dazu. All diese L&auml;nder spielen eine Rolle bei der aktuellen Debatte um den Einsatz von Streubomben im Ukraine-Krieg. <\/p><p>Noch bis in die 1990er wurde Streumunition in vielen Staaten der NATO und des ehemaligen Warschauer Pakts produziert. Sowohl Russland als auch die Ukraine verf&uuml;gen &uuml;ber Lagerbest&auml;nde dieser Munition aus alten Sowjetzeiten. Dass die Ukraine und die Separatisten bereits 2014 im B&uuml;rgerkrieg in der Ostukraine diese v&ouml;lkerrechtlich ge&auml;chtete Munition eingesetzt haben, ist bekannt und wurde damals auch scharf kritisiert. Die UNO <a href=\"https:\/\/www.clusterconvention.org\/un-says-alarmed-by-report-on-cluster-bombs-use-by-ukrainian-troops\/\">zeigte sich alarmiert<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.clusterconvention.org\/un-calls-for-inquiry-into-reports-on-use-of-cluster-munitions-in-ukraine\/\">forderte Untersuchungen<\/a> und am Ende <a href=\"http:\/\/www.the-monitor.org\/en-gb\/reports\/2022\/ukraine\/cluster-munition-ban-policy.aspx#ftnref25\">verurteilten 32 Staaten<\/a> (darunter viele EU-Staaten, aber nicht Deutschland) den Einsatz dieser Waffen in der Ukraine. Es blieb jedoch bei dieser moralischen Emp&ouml;rung, die keine praktischen Folgen f&uuml;r die Ukraine hatte.<\/p><p>Seit Beginn der Invasion der Ukraine durch russische Truppen im letzten Jahr wurde abermals <a href=\"http:\/\/www.stopclustermunitions.org\/en-gb\/media\/news\/2022\/icbl-cmc-calls-on-all-parties-to-end-cluster-munitions-use-in-ukraine-and-respect-global-ban-on-the-weapon.aspx\">von beiden Seiten Streumunition eingesetzt<\/a>. Diesmal konnten sich jedoch weder die UNO und schon gar nicht die westlichen Staaten zu einer klaren Verurteilung beider Seiten durchringen. Dies ist sicher auch dem ukrainischen PR-Geschick zu verdanken. Am 2. M&auml;rz letzten Jahres geh&ouml;rte die Ukraine zu den 140 Staaten, die einer <a href=\"https:\/\/news.un.org\/en\/story\/2022\/03\/1113152\">UN-Resolution<\/a> zustimmten, in der alle Konfliktparteien aufgefordert wurden, ihren Verpflichtungen aus dem humanit&auml;ren V&ouml;lkerrecht in vollem Umfang nachzukommen, und in der alle diesbez&uuml;glichen Verst&ouml;&szlig;e verurteilt werden. Und dennoch setzte auch die Ukraine in der Folge immer wieder Streumunition ein. <\/p><p>Interessant ist in diesem Zusammenhang, woher die Ukraine diese Waffen hat. Wie gro&szlig; das eigene Lager aus alten Sowjetbest&auml;nden ist, vermag niemand mit Sicherheit zu sagen. Es schwebt zudem der Verdacht im Raum, dass die Ukraine l&auml;ngst inoffiziell aus dem Westen mit diesen v&ouml;lkerrechtlich ge&auml;chteten Waffen beliefert wird. So sorgte im Dezember <a href=\"https:\/\/www.businessinsider.de\/politik\/welt\/ukraine-krieg-spanische-streumunition-mat-120-gegen-russland-b\/\">ein Video f&uuml;r Aufregung<\/a>, das westlichen Milit&auml;rexperten zufolge den Einsatz spanischer Streumunition vom Typ MAT-120 seitens der Ukraine im Kampf um Bachmut zeigt. Dieser Vorgang ist ein echtes Politikum, da Spanien &ndash; anders als die Ukraine &ndash; zu den Unterzeichnern der Streubomben-Konvention geh&ouml;rt und ein Export dieses Waffentyps in die Ukraine ein klarer Versto&szlig; gegen das V&ouml;lkerrecht w&auml;re. Woher die Ukraine diese Waffen hat, ist unbekannt. Fest steht jedoch, dass neben Spanien auch die libysche Armee &uuml;ber gr&ouml;&szlig;ere Best&auml;nde dieses Munitionstyps verf&uuml;gte. Gut m&ouml;glich, dass diese Best&auml;nde nun &uuml;ber Umwege in die Ukraine gekommen sind. <\/p><p>Es ist jedoch nicht nur spanische Streumunition, die seitens der Ukraine im Krieg eingesetzt wird. Hierzulande von den Medien v&ouml;llig ignoriert wurde eine <a href=\"https:\/\/foreignpolicy.com\/2023\/01\/10\/turkey-cold-war-cluster-bombs-ukraine\/\">investigative Recherche des sicherlich nicht als &bdquo;prorussisch&ldquo; geltenden US-Fachblatts Foreign Policy<\/a>. Dem Bericht zufolge hatte die Ukraine sich mit dem Wunsch nach Streubomben bereits im letzten Herbst an die US-Regierung gewandt. Auch wenn die USA selbst die Streubomben-Konvention nicht ratifiziert haben, so verbieten es amerikanische Gesetze jedoch, diese Waffen zu exportieren. Kurz nach der &bdquo;Abfuhr&ldquo; aus Washington fanden die Ukrainer jedoch offenbar ein anderes NATO-Mitglied, das hilfsbereiter war &ndash; die T&uuml;rkei. Seit November liefern die T&uuml;rken &ndash; Foreign Policy zufolge &ndash; die v&ouml;lkerrechtlich ge&auml;chtete Munition an die Ukraine. Es ist unwahrscheinlich, dass dies gegen den Willen der USA geschieht. Diese L&ouml;sung ist jedoch so sauber, wie ein dreckiger Deal nur sein kann. Die T&uuml;rkei geh&ouml;rt n&auml;mlich nicht zu den Staaten, die die Streubomben-Konvention unterzeichnet haben und die &bdquo;Duldung&ldquo; eines t&uuml;rkisch-ukrainischen Waffenhandels verst&ouml;&szlig;t auch nicht gegen US-Gesetz. <\/p><p>Neben der T&uuml;rkei gibt es jedoch noch ein weiteres NATO-Mitglied, das gerne Streubomben an die Ukraine liefern w&uuml;rde und dieser Fall ist auch ein deutsches Politikum. Das &bdquo;europ&auml;ische Land&ldquo;, das <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/europa\/ukraine-streumunition-101.html\">laut AFP<\/a> der US-Regierung seine Bereitschaft zur Lieferung von Streubomben an die Ukraine angezeigt hat, ist Estland. Dar&uuml;ber hatten <a href=\"https:\/\/taz.de\/Geaechtete-Streumunition-an-die-Ukraine\/!5911719\/\">vor wenigen Wochen<\/a> estnische Medien berichtet. Offizielle Stellen haben dies auch bereits best&auml;tigt und auch Estland geh&ouml;rt zu den Staaten, die die Streubomben-Konvention nicht unterzeichnet haben. Die Sache hat jedoch einen pikanten Haken: Die estnischen Streubomben, die nun in die Ukraine geliefert werden sollen, wurden in den 1990ern in Deutschland hergestellt und Estland braucht f&uuml;r den Export eine Genehmigung der deutschen Regierung. Ein entsprechendes Ersuchen liegt Berlin offenbar bereits vor. <\/p><p>Die ganze Debatte um die Lieferung von Streumunition an die Ukraine ist also alles andere als die &bdquo;Schnapsidee&ldquo;, als die sie &ndash; wenn &uuml;berhaupt &ndash; an diesem Wochenende von deutschen Medien dargestellt wurde. Diese v&ouml;lkerrechtlich ge&auml;chtete Munition wird bereits von NATO-Staaten geliefert und in Berlin liegen sehr konkrete Anfragen f&uuml;r Exportgenehmigungen vor. Bislang hat die Bundesregierung &ndash; teilweise nach l&auml;ngerem Lavieren &ndash; der Ukraine noch jeden Waffenwunsch erf&uuml;llt. So auch diesmal? Das w&auml;re &ndash; allen scheinemp&ouml;rten Statements zum Trotz &ndash; nicht &uuml;berraschend. <\/p><p>Die ganze Debatte ist mittlerweile an Heuchelei kaum zu &uuml;bertreffen. Der Begriff &bdquo;v&ouml;lkerrechtswidriger Angriffskrieg Putins&ldquo; scheint bei fast jedem Journalisten bereits als Tastaturk&uuml;rzel in den Makros abgespeichert zu sein und ist fester Terminus in jeder Debatte zum Thema. Wenn es jedoch um die &ndash; von Deutschland ratifizierte &ndash; &Auml;chtung von Streubomben geht, scheint das V&ouml;lkerrecht pl&ouml;tzlich nicht mehr als eine gutgemeinte, aber nicht unbedingt obligatorische Empfehlung zu sein. <\/p><p>Titelbild: John Wreford\/shutterstock.com<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/f30cd991f9c347b6a09889161d7ccb26\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass sogar Anton Hofreiter und Annalena Baerbock Forderungen der Ukraine nach neuen Waffen kritisch kommentieren, hat Seltenheitswert. 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