{"id":94063,"date":"2023-02-21T09:00:48","date_gmt":"2023-02-21T08:00:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=94063"},"modified":"2023-02-25T10:44:27","modified_gmt":"2023-02-25T09:44:27","slug":"blick-zurueck-nach-vorn-gegen-die-atomare-bedrohung-gemeinsam-vorgehen-1981-aufstand-fuer-den-frieden-2023","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=94063","title":{"rendered":"Blick zur\u00fcck nach vorn: \u201eGegen die atomare Bedrohung gemeinsam vorgehen\u201c (1981) \u2013 \u201eAufstand f\u00fcr Frieden\u201c (2023)"},"content":{"rendered":"<p>Vor &uuml;ber vierzig Jahren demonstrierten 300.000 Menschen im Bonner Hofgarten gegen den Nachr&uuml;stungsbeschluss der NATO und f&uuml;r ein atomwaffenfreies Europa. Warum waren damals so viele Menschen f&uuml;r den Frieden aktiv? Und wie sieht das heute aus? Von <strong>Leo Ensel<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9452\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-94063-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230222_Blick_zurueck_nach_vorn_Gegen_die_atomare_Bedrohung_1981_Aufstand_fuer_Frieden_2023_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230222_Blick_zurueck_nach_vorn_Gegen_die_atomare_Bedrohung_1981_Aufstand_fuer_Frieden_2023_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230222_Blick_zurueck_nach_vorn_Gegen_die_atomare_Bedrohung_1981_Aufstand_fuer_Frieden_2023_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230222_Blick_zurueck_nach_vorn_Gegen_die_atomare_Bedrohung_1981_Aufstand_fuer_Frieden_2023_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=94063-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230222_Blick_zurueck_nach_vorn_Gegen_die_atomare_Bedrohung_1981_Aufstand_fuer_Frieden_2023_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230222_Blick_zurueck_nach_vorn_Gegen_die_atomare_Bedrohung_1981_Aufstand_fuer_Frieden_2023_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Stellen Sie sich mal bitte kurz vor: Hunderttausende von B&uuml;rgern kommen an einem Samstag aus allen Teilen der Bundesrepublik in die Hauptstadt, um f&uuml;r Frieden, Abr&uuml;stung und ein atomwaffenfreies Europa zu demonstrieren. Und es ist ein breites, buntes B&uuml;ndnis, wie es das Land noch nicht gesehen hat: Kommunisten neben Christen, Gewerkschafter neben Umweltsch&uuml;tzern, Kriegsdienstverweigerer und Reservisten, Esotheriker und Antifaschisten, Friedensinitiativen der verschiedensten Berufsgruppen bis hin zu Soldaten, sehr viele junge Menschen zusammen mit einigen &Auml;lteren, die eine Initiative &bdquo;Kriegsgeneration gegen Kriegsr&uuml;stung&ldquo; ins Leben gerufen haben.<\/p><p>Schon im Vorfeld wurde von vielen Leitmedien massiv Stimmung gemacht. Der Vorwurf, die Demonstranten seien naiv, ihre Bewegung sei eine &bdquo;Angstbewegung&ldquo; &ndash; und &bdquo;Angst&ldquo;, so hei&szlig;t es postwendend, &bdquo;ist ein schlechter Ratgeber!&ldquo; &ndash; war noch der harmloseste. Schwerer wog schon die Diffamierung, die Friedensbewegung sei &bdquo;von Moskau unterwandert und gesteuert&ldquo;, ihre Protagonisten bestenfalls &bdquo;n&uuml;tzliche Idioten&ldquo;, um &bdquo;den Westen zu spalten&ldquo;. Trotzdem lassen sich 300.000 Menschen nicht davon abschrecken, an der Demonstration teilzunehmen.<\/p><p>Auf der zentralen Kundgebung sprechen weltbekannte Schriftsteller, Wissenschaftler, B&uuml;rgerrechtler, Theologen, aber auch einige prominente Dissidenten der f&uuml;hrenden Regierungspartei und ein pensionierter hoher Bundeswehrgeneral. Allen Unkenrufen zum Trotz bleibt die Demonstration friedlich, ja, trotz des ernsten Themas und der gro&szlig;en Besorgnis, die die Menschen auf die Stra&szlig;en getrieben hat, herrscht eine entspannte Atmosph&auml;re. Einige Transparente und Slogans beweisen sogar eine Menge Witz und Esprit.<\/p><p>Zukunftsmusik? &ndash; Nein, (vorerst noch) tiefste Vergangenheit!<\/p><p>Die Rede war, Sie ahnen es bereits dunkel, von der Friedensdemonstration im Bonner Hofgarten vom 10. Oktober 1981, die mittlerweile mehr als vierzig Jahre zur&uuml;ckliegt. Vergegenw&auml;rtigen wir uns nochmal den damaligen historischen Kontext, um von dortaus einen Blick auf die erneut &auml;u&szlig;erst d&uuml;stere Gegenwart zu werfen!<\/p><p>&bdquo;<strong>Was ich nur wei&szlig;, macht mich nicht hei&szlig;!&ldquo;<\/strong><\/p><p>Die Welt zu Beginn der Achtziger Jahre war eine Welt, die bis in die letzten Winkel von einer hochgef&auml;hrlichen bipolaren Systemrivalit&auml;t bestimmt war. &Uuml;ber drei Jahrzehnte bereits standen sich damals die Repr&auml;sentanten zweier antagonistischer Gesellschaftssysteme, die bis an die Z&auml;hne bewaffneten Milit&auml;rb&uuml;ndnisse NATO und Warschauer Pakt, feindlich gegen&uuml;ber. Der tiefe, nahezu un&uuml;berbr&uuml;ckbare Riss, der durch die Welt ging, zog sich mitten durch Europa und dort durch das Land im Zentrum, Deutschland, und hier nochmal am augenf&auml;lligsten durch die ehemalige Hauptstadt des &sbquo;Tausendj&auml;hrigen Reiches&lsquo;, Berlin. Zu beiden Seiten von Mauer, Stacheldraht, Minenfeldern und Selbstschussanlagen waren hunderttausende Soldaten der beiden Superm&auml;chte und ihrer Verb&uuml;ndeten stationiert, jederzeit bereit, den Kalten Krieg in einen hei&szlig;en zu verwandeln, der angesichts der weltweit angeh&auml;uften Massenvernichtungsmittel mit Sicherheit der letzte gewesen w&auml;re.<\/p><p>So unglaubhaft es aus heutiger Perspektive aussehen mag, aber an dieses Leben auf dem Pulverfass mit seinen konjunkturellen Zyklen von tempor&auml;rer Entspannung und Zuspitzung hatten sich die Menschen zu beiden Seiten des Eisernen Vorhanges l&auml;ngst gew&ouml;hnt. Nicht, dass sie es nicht gewusst h&auml;tten, in welcher finalen Gefahr sie alle schwebten &ndash; Worte wie &bdquo;R&uuml;stungswahnsinn&ldquo; waren sogar in aller Munde &ndash;, aber sie wussten es eben <em>nur<\/em>! Das abstrakte Wissen von der Gefahr allerdings blieb, da mit keinerlei Gef&uuml;hlen verbunden, in unmittelbarer Nachbarschaft des Nicht-Wissens, sprich: es l&ouml;ste nicht die geringsten Reaktionen aus. Im Gegenteil, das Reden von der Gefahr wurde von Tag zu Tag langweiliger. Ein bekannter Philosoph pr&auml;gte damals den Satz, &bdquo;Was ich nur wei&szlig;, macht mich nicht hei&szlig;.&ldquo;<\/p><p>Genau das begann sich nun Anfang der Achtziger Jahre zu ver&auml;ndern und die gro&szlig;e Bonner Friedensdemonstration vom Oktober 1981 war der erste sichtbare Ausdruck der &Uuml;berwindung der kollektiven Indolenz. &ndash; Was war geschehen?<\/p><p>&bdquo;<strong>Rampen f&uuml;r Raketen sind Untergangsmagneten!&ldquo;<\/strong><\/p><p>In den Siebziger Jahren hatte die Sowjetunion auf ihrem Territorium hunderte atomar best&uuml;ckter Mittelstreckenraketen, im NATO-Jargon: SS 20, stationiert, die auf Westeuropa zielten. Der deutsche Kanzler Helmut Schmidt, der eine &sbquo;strategische Abkoppelung&lsquo; der USA bef&uuml;rchtete, sprich: Zweifel daran hegte, dass die Vereinigten Staaten im Ernstfalle wirklich bereit w&auml;ren, sich im Rahmen der B&uuml;ndnissolidarit&auml;t in einen Krieg in Europa hineinziehen zu lassen, warnte im Herbst 1977 in einer Rede vor dem Londoner International Institute for Strategic Studies (IISS) vor einer Erpressbarkeit Europas infolge der sogenannten &sbquo;Raketenl&uuml;cke&lsquo; im Mittelstreckenbereich und l&ouml;ste damit eine Debatte aus, die am 12. Dezember 1979 zum sogenannten NATO-Doppelbeschluss f&uuml;hrte: Die NATO drohte, zum Ausgleich f&uuml;r die SS 20 Ende 1983 108 atomar best&uuml;ckte Mittelstreckenraketen vom Typ Pershing II und 464 bodengest&uuml;tzte, ebenfalls atomar best&uuml;ckte, Marschflugk&ouml;rper (Tomahawk Cruise Missiles) in Westeuropa zu stationieren, falls die Sowjetunion sich nicht verpflichte, bis dahin ihre SS-20-Raketen vollst&auml;ndig zu verschrotten. Parallel dazu bot das westliche Milit&auml;rb&uuml;ndnis der Sowjetunion Verhandlungen &uuml;ber die v&ouml;llige Beseitigung aller Mittelstreckenraketen in Europa an, wobei es allerdings nicht bereit war, die franz&ouml;sischen und britischen Atomwaffen miteinzubeziehen. &ndash; Soweit die damalige Argumentation der NATO und f&uuml;hrender westlicher Politiker.<\/p><p>In weiten Kreisen der westeurop&auml;ischen &Ouml;ffentlichkeit wertete man diesen Beschluss allerdings v&ouml;llig anders: Im Falle einer Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen, so f&uuml;rchtete man, w&uuml;rde sich die sicherheitspolitische Lage Westeuropas dramatisch verschlechtern, da es sich dann um eine &sbquo;Kubakrise mit umgekehrten Vorzeichen&lsquo; handele. Wie die Sowjetunion 1962 in Kuba, w&uuml;rden im Falle einer Stationierung nun die USA vom Boden ihrer Verb&uuml;ndeten aus die UdSSR unmittelbar vor deren Haust&uuml;r bedrohen, da die Pershing-II-Raketen in der Lage seien, innerhalb von acht Minuten alle strategischen Ziele im Westen der Sowjetunion zu erreichen. Gem&auml;&szlig; der Abschreckungslogik &ndash; der Androhung wechselseitiger Vernichtung &ndash; w&uuml;rde dies die Sowjetunion zwingen, ihrerseits atomare Kurzstreckenraketen in den vorgelagerten Staaten des Warschauer Paktes zu stationieren, die auf die amerikanischen Mittelstreckenraketen in Westeuropa zielten, was im Krisenfalle einen sowjetischen Pr&auml;ventivschlag wahrscheinlich und angesichts extrem verk&uuml;rzter Vorwarnzeiten von vier Minuten einen Computerirrtum unkorrigierbar mache. (Der Spruch, &bdquo;Rampen f&uuml;r Raketen sind Untergangsmagneten&ldquo;<em>, <\/em>machte die Runde.) Mit anderen Worten: Der Logik dieser wechselseitigen Hochr&uuml;stung von Atomraketen mittlerer und k&uuml;rzerer Reichweite wohne ein h&ouml;chstgef&auml;hrlicher <em>Selbstz&uuml;ndungsmechanismus<\/em> inne, der einen Atomkrieg in Europa immer wahrscheinlicher mache, in dessen Folge auf dem Kontinent, namentlich in beiden deutschen Staaten, kein Stein mehr auf dem anderen bliebe.<\/p><p>Dass parallel dazu in den USA in offiziellen Kreisen genau solche Szenarien kursierten &ndash; dort auch noch mit dem Tenor, &bdquo;Victory is possible!&ldquo;, ein Atomkrieg k&ouml;nne auf Europa begrenzt, gar &sbquo;gewonnen&lsquo; werden &ndash; einige amerikanische Reiseb&uuml;ros sogar bereits mit dem Slogan &bdquo;Besuchen Sie Europa, solange es noch steht!&ldquo; warben und die Sowjetunion schlie&szlig;lich Ende 1979 in Afghanistan einmarschierte, l&ouml;ste in vielen Menschen Europas einen langsamen, aber stetigen Bewusstwerdungsprozess aus, der ein paar Jahre sp&auml;ter auch handlungsrelevant wurde.<\/p><p><strong>Die gr&ouml;&szlig;te Atomwaffendichte der Welt<\/strong><\/p><p>Im Februar 1981 ver&ouml;ffentlichte <em>Der Stern<\/em> &ndash; und er ging dabei gro&szlig;es Risiko ein &ndash; unter dem Titel &bdquo;Die gr&ouml;&szlig;te Atomwaffendichte der Welt&ldquo; eine Karte der (damaligen) Bundesrepublik Deutschland, auf der akribisch s&auml;mtliche Atomwaffenstandorte samt Tr&auml;gersysteme verzeichnet waren. Es war f&uuml;r viele Bundesb&uuml;rger ein heftiger, aber heilsamer Schock.<\/p><p>Denn nun waren Worte wie &bdquo;atomare Bedrohung&ldquo; oder &bdquo;Hiroshima&ldquo; keine v&ouml;llig abstrakten Begriffe mehr &ndash; jetzt konnte jeder, der es wollte, recherchieren, wieviele potentielle &bdquo;Hiroshimas&ldquo; sich seit langem schon in seiner <em>unmittelbaren Nachbarschaft<\/em> befanden und welche Einsatzszenarien f&uuml;r den ber&uuml;chtigten &bdquo;Ernstfall&ldquo; ihnen zugedacht waren. Wer den Mut hatte, eins und eins zusammenzuz&auml;hlen &ndash; und es wurden immer mehr &ndash; dem kippte die Kinnlade runter: Allein in der (alten) Bundesrepublik befanden sich bereits 1981 (also <em>vor<\/em> der geplanten Nachr&uuml;stung) mindestens 6.000 Atomsprengk&ouml;pfe, die meisten von der mehrfachen Sprengkraft der Hiroshimabombe, die &uuml;berwiegende Mehrzahl von ihnen w&auml;re im &bdquo;Ernstfall&ldquo; den Westdeutschen zur deren &bdquo;Verteidigung&ldquo; selbst auf den Kopf gefallen &ndash; kurz: <em>die offizielle Verteidigungsstrategie der NATO h&auml;tte unser Land zu Tode verteidigt!<\/em><\/p><p>Diese Einsicht lie&szlig; damals immer weniger Menschen mehr ruhig schlafen, der Schrecken wurde langsam produktiv: Zwei Jahre sp&auml;ter gab es in jedem westdeutschen Kuhkaff (und auch in nicht wenigen evangelischen Kirchengemeinden der DDR) eine Friedensinitiative von ganz normalen B&uuml;rgern, die sich bestens auskannten, was die Wirkung von Atomwaffen, die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gleichgewicht_des_Schreckens\">&bdquo;Mutual Assured Destruction&ldquo;<\/a> &ndash; die wechselseitig garantierte Vernichtung (sinnigerweise MAD abgek&uuml;rzt) &ndash; die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/AirLand-Battle-Konzept\">&bdquo;AirLand Battle-Strategy&ldquo;<\/a> der NATO, die globalen Folgen eines <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Nuclear_winter\">&bdquo;nuklearen Winters&ldquo;<\/a>, aber auch die in der unmittelbaren Nachbarschaft befindlichen Milit&auml;ranlagen betraf. Und die, nicht zuletzt im Interesse des eigenen &Uuml;berlebens, bereit waren, gegen diesen Wahnsinn etwas zu <em>tun.<\/em><\/p><p><strong>Und heute?<\/strong><\/p><p>Von einem solch qualifizierten Problembewusstsein, von einer solch weitverbreiteten Handlungsbereitschaft, die sogar auf der h&ouml;chsten politischen Ebene Wirkung zeitigte &ndash; Michail Gorbatschow 2017: <em>&bdquo;Ich erinnere mich gut an die lautstarke Stimme der Friedensbewegung gegen Krieg und Atomwaffen in den 1980er-Jahren. Diese Stimme wurde geh&ouml;rt!&ldquo;<\/em> &ndash; kann man heute nur tr&auml;umen!<\/p><p>Denn es gab zwar ein vorl&auml;ufiges und v&ouml;llig unerwartetes &bdquo;Happy End&ldquo; &ndash; die Welt hat grandioses Gl&uuml;ck gehabt, dass im Fr&uuml;hjahr 1985 in der Sowjetunion eine Administration an die Macht kam, die den festen Willen hatte, diese brandgef&auml;hrlich zugespitzte Situation zu beseitigen und dabei auch den Mut zu einer &bdquo;kopernikanischen Wende in der Abr&uuml;stungspolitik&ldquo; aufbrachte, n&auml;mlich in <em>qualitativen<\/em> statt in quantitativen Kategorien zu denken und zu handeln &ndash; aber diese Zeiten sind definitiv vorbei!<\/p><p>Heute tobt in der Ukraine seit fast einem Jahr &ndash; ausgel&ouml;st durch Russlands &Uuml;berfall vom 24. Februar 2022 und seit Jahren, nein: Jahrzehnten, vom Westen geduldig provoziert &ndash; ein manifester blutiger Stellvertreterkrieg zwischen USA und NATO auf der einen und Russland auf der anderen Seite. Ein Krieg, in den Deutschland sich durch Sanktionen, Waffenlieferungen und die Ausbildung ukrainischer Streitkr&auml;fte immer tiefer hineinziehen l&auml;sst. Ein Krieg, der jeden Tag auf ukrainischer und russischer Seite immer mehr Menschen, Material und Ressourcen verschlingt, der sich mit jedem Schritt radikalisiert und der das Potenzial hat, bis zu einem Atomkrieg zu eskalieren.<\/p><p>Dass sich dieser Krieg auf Europa begrenzen lie&szlig;e, ist heute wie damals die &ndash; h&ouml;chstwahrscheinlich illusion&auml;re &ndash; Hoffnung unserer &sbquo;Verb&uuml;ndeten&lsquo;, den Politikern und Milit&auml;rs jenseits des Atlantiks. (Was diese allerdings nicht davon abh&auml;lt, ein weiteres Mal nach dem Prinzip &bdquo;Victory is possible!&ldquo; zu agieren.)<\/p><p>Die entsprechende Infrastruktur auf deutschem Boden ist l&auml;ngst (wieder) bereitet und einsatzbereit: Der gro&szlig;e &sbquo;Hub&lsquo; Ramstein, von dem aus die USA unter anderem ihre Drohnenkriege f&uuml;hren, wurde eh nie aufgegeben, die circa 20 Atomsprengk&ouml;pfe im rheinland-pf&auml;lzischen B&uuml;chel &ndash; jeder von ihnen mit einer Vernichtungskraft bis zu 13 Hiroshimabomben &ndash; werden gerade &sbquo;modernisiert&lsquo;, die passenden amerikanischen F35-Kampfjets f&uuml;r die &sbquo;nukleare Teilhabe&lsquo; der Bundeswehr sind bestellt und in Mainz-Kastel feierte Anfang November letzten Jahres das <a href=\"https:\/\/www.metropolnews.info\/mp522236\/wiesbaden-u-s-army-reaktiviert-das-56-artilleriekommando\">56. Artilleriekommando der US-Army<\/a>, in den Achtziger Jahren f&uuml;r die Pershing-II-Raketen zust&auml;ndig, mit 21 Salutsch&uuml;ssen ein beklemmendes <a href=\"https:\/\/free21.org\/die-neue-nachruestung\/\">Come-Back<\/a>. Nur dass es diesmal keine ballistischen Mittelstreckenraketen, sondern mit hoher Wahrscheinlichkeit lenkbare &ndash; und damit kaum noch zu eliminierende &ndash; <a href=\"https:\/\/www.hessenschau.de\/panorama\/hyperschallwaffen-in-mainz-kastel-der-kalte-krieg-kehrt-zurueck-nach-wiesbaden,airbase-kastel-hyperwaffen-100.html\">Langstrecken-Hyperschallraketen vom Typ &bdquo;Dark Eagle&ldquo;<\/a> sein werden, mit denen das Kommando ausger&uuml;stet werden soll. (Der alte Slogan, &bdquo;Raketen sind Magneten&ldquo;, ist wieder brand-aktuell!)<\/p><p>All dies unter h&ouml;chst instabilen geopolitischen Rahmenbedingungen, wo bis auf den New-START-Vertrag alle Abr&uuml;stungs- und R&uuml;stungskontrollvertr&auml;ge zwischen den USA und Russland &ndash; und zwar ausschlie&szlig;lich auf Druck der USA &ndash; gek&uuml;ndigt sind, der Ersteinsatz von Atomwaffen in den Milit&auml;rdoktrinen beider Staaten mittlerweile eine ausdr&uuml;ckliche Option darstellt und in Deutschland eine schrill bellizistische Partei aus konvertierten Pazifisten an den zentralen Hebeln der Macht ist.<\/p><p><strong>Die kaum wahrgenommene Gefahr<\/strong><\/p><p>Die Ursachen daf&uuml;r, dass diese erneut hochbrisante Entwicklung im Gegensatz zu den Achtziger Jahren bislang kaum Menschen in nennenswertem Ausma&szlig; auf die Stra&szlig;en trieb, k&ouml;nnen hier nur angedeutet werden: Deutschland wird nicht mehr als Frontstaat wahrgenommen, gef&uuml;hlsm&auml;&szlig;ig hat sich die Gefahr circa tausend Kilometer weiter nach Osten verlagert. Die Gefahr eines Atomkrieges ist zudem &ndash; ein fataler Nebeneffekt der Gorbatschow&rsquo;schen Abr&uuml;stungspolitik &ndash; der jungen Generation, die das Gl&uuml;ck hatte, von Atomkriegs&auml;ngsten unbehelligt aufzuwachsen, kaum noch bewusst. Durchaus reale Bedrohungen wie die des menschgemachten Klimawandels stehen der ungleich gr&ouml;&szlig;eren Gefahr einer m&ouml;glichen atomaren Totalvernichtung im Lichte. Hinzu kommen modische Ablenkungsman&ouml;ver der Leitmedien, die, massiv unterst&uuml;tzt durch die genannte Regierungspartei, die Aufmerksamkeit und Emp&ouml;rungsbereitschaft vor allem der j&uuml;ngeren Generation auf &sbquo;Valiumthemen&lsquo; wie Gendersprache und &Auml;hnliches lenken, die den &sbquo;woken&lsquo; Protagonisten das angenehme Gef&uuml;hl moralischer Superiorit&auml;t vermitteln &ndash; der R&uuml;stungsindustrie und ihren Lobbyisten in Medien und Politik allerdings in keinster Weise gef&auml;hrlich werden &hellip;<\/p><p>Aber vielleicht beginnt sich ja das jetzt zu ver&auml;ndern. Kommenden Samstag findet unter dem Motto <a href=\"https:\/\/aufstand-fuer-frieden.de\/\">&bdquo;Aufstand f&uuml;r Frieden&ldquo;<\/a> im Zentrum unserer Hauptstadt endlich wieder eine Demonstration statt, zu der ein breites B&uuml;ndnis prominenter Pers&ouml;nlichkeiten aufgerufen hat. Hoffen wir, dass dies &ndash; auch wenn die Zahl der Beteiligten sehr wahrscheinlich nicht ann&auml;hernd so hoch sein wird wie damals im Oktober 1981 &ndash; der Startschuss f&uuml;r eine von weiten Kreisen der Bev&ouml;lkerung getragene Friedensbewegung 2.0 sein wird!<\/p><p>Die Zeit daf&uuml;r ist &uuml;berreif.<\/p><p>Titelbild: ullstein bild; 00217089<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor &uuml;ber vierzig Jahren demonstrierten 300.000 Menschen im Bonner Hofgarten gegen den Nachr&uuml;stungsbeschluss der NATO und f&uuml;r ein atomwaffenfreies Europa. Warum waren damals so viele Menschen f&uuml;r den Frieden aktiv? Und wie sieht das heute aus? 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