{"id":941,"date":"2005-11-13T11:33:40","date_gmt":"2005-11-13T09:33:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=941"},"modified":"2016-02-29T14:03:55","modified_gmt":"2016-02-29T13:03:55","slug":"ein-erster-kommentar-zur-koalitionsvereinbarung-wo-bleibt-das-positive","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=941","title":{"rendered":"Ein erster Kommentar zur Koalitionsvereinbarung &#8211; Wo bleibt das Positive?"},"content":{"rendered":"<p>So k&ouml;nnte vielleicht manch einer fragen, wenn ich jetzt den Versuch einer ersten Bewertung der Koalitionsvereinbarung und der Pressekonferenz der Koalitionspartner mache. Ich will vorweg sagen, dass ich nicht erwartet habe, dass in den Koalitionsgespr&auml;chen eine schonungslose Analyse der Wirkungen oder der Erfolge der bisherigen &bdquo;Reformpolitik&ldquo; und dass am Agenda-Kurs Korrekturen vorgenommen worden w&auml;ren oder gar ein Kurswechsel eingeleitet worden w&auml;re. Der wirtschaftspolitische Kurs der Gro&szlig;en Koalition bleibt in seiner Grundausrichtung genauso falsch wie unter der fr&uuml;heren rot-gr&uuml;nen Regierung und er kann nicht wesentlich mehr Erfolge f&uuml;r einen wirtschaftlichen Aufschwung bringen, die Umverteilung von unten nach oben nicht umkehren.<br>\n<!--more--><br>\nAuch der Marsch in die Privatisierung der sozialen Sicherungssysteme wird weitergehen. Die gesetzliche Rente wird sich von einer angemessenen Altersvorsorge in eine minimale Grundsicherung wandeln, dazu sind die von der Koalition beschlossenen Nullrunden, die ja de facto (schon durch die Inflationsverluste) eine Rentenk&uuml;rzung von rund 10% bedeuten ein weiterer verh&auml;ngnisvoller Schritt.<br>\nAber lassen wir einmal diese grunds&auml;tzliche Kritik beiseite und messen die Koalitionspartner an ihren eigenen Ank&uuml;ndigungen: &bdquo;Sanieren, investieren, reformieren&ldquo; <\/p><p>Obwohl mir seit Beginn der Koalitionsverhandlungen das Fanal zum wirtschaftlichen Aufbruch fehlte, obwohl die Spr&uuml;che wie &bdquo;Heulen und Z&auml;hneklappern&ldquo; alles andere als ermunternd wirkten, wollte ich mit einem freundlichen Teilkommentar beginnen und das Positive suchen. So problematisch die Mehrwertsteuererh&ouml;hung ist, sie auf den Januar 2007 zu verschieben und so einen Kaufanreiz f&uuml;r das Jahr 2006 zu schaffen, und das Ganze mit einem 25-Milliarden-Investitionsprogramm zu zieren, das wollte ich eigentlich positiv vermerken. Hier wird immerhin sichtbar, dass man ein bisschen merkt: es kommt darauf an, aus dem tiefen Tal der Binnenmarktkonjunktur herauszukommen. Die Terminierung auf den Januar 2007 k&ouml;nnte man als Zeichen handwerklicher Professionalit&auml;t werten. Aber dann habe ich mir die Bundespressekonferenz mit Angela Merkel, Franz M&uuml;ntefering, Edmund Stoiber und Matthias Platzeck angeschaut, und es hat mir die Sprache verschlagen. Und bei vielem anderen beim genaueren Hinsehen auch: <\/p><ol>\n<li>Wenn man wirklich Mut machen und das Vertrauen in die eigene Kraft st&auml;rken will, dann darf man doch nicht schon von Anfang an weiter verunsichern und jammern, die finanzielle Lage des Staates sei prek&auml;r (Stoiber) und der Haushalt 2006 sei &bdquo;nicht verfassungskonform&ldquo;. Wie kann eine neu startende Regierung eine solch def&auml;tistische Parole ausgeben? Das ist h&ouml;chst unprofessionell. Zumal das ja gar nicht stimmt. Die Bundesregierung m&uuml;sste nur erkl&auml;ren, was die Wahrheit ist, n&auml;mlich dass es ein gesamtwirtschaftliches Ungleichgewicht gibt. Dann w&auml;re auch eine Neuverschuldung oberhalb des Prozentsatzes f&uuml;r die Investitionen verfassungskonform. So geht sie mit dem selbstkasteienden Etikett des Verfassungsbruchs an die Arbeit.<\/li>\n<li>Wenn man sich dann auch das 25-Milliarden-&bdquo;Investitions&ldquo;-Programm genauer anschaut, dann merkt man schnell, wie windig das ist. Zum einen hat es zur Realisierung lange Fristen, zum andern sind darin Ausgaben enthalten, die man beim besten Willen nicht in ein Investitionsprogramm umdeuten kann &ndash; so wird das Elterngeld bis 1800 &euro; und nach Einkommen gestaffelt zum Investitionsprogramm gerechnet. Eine Groteske. Grotesk ist dieser sozialdemokratische Programmpunkt auch deshalb, weil gut Verdienende besser wegkommen als schlecht Verdienende.<\/li>\n<li>Aus meiner Sicht reichen die expansiven Impulse, die man vorsieht, bei weitem nicht aus, um das Jahr 2006 zum Jahr des gro&szlig;en Aufschwungs zu machen, mit dem man dann im Jahr 2007 schon mit Mehrwertsteuererh&ouml;hung und anderen Sparma&szlig;nahmen konsolidieren will. Selbst wenn ein hohes Wachstum von &uuml;ber 4% erreicht w&uuml;rde, reicht das angesichts der Unterauslastung der industriellen Kapazit&auml;ten (knapp &uuml;ber 80%) und der hohen Arbeitslosigkeit bei weitem nicht aus, um schon im Jahre 2007 in eine so harte Konsolidierungsphase eintreten zu k&ouml;nnen, um das Maastricht-Kriterien von 3% einzuhalten, was Frau Merkel definitiv und explizit angek&uuml;ndigt hat. Wahnsinn, so etwas zu tun. Angesichts solcher Versprechungen beginnt schon sp&auml;testens Mitte n&auml;chsten Jahres die Debatte darum, dass das Ziel trotz allem nicht erreicht wird und dass man jetzt neue Sanierungs- und Sparma&szlig;nahmen ergreifen m&uuml;sse, und schon wieder ist das Pfl&auml;nzchen Konjunktur kaputt. Da ist der Vertrauensverlust jetzt schon programmiert.<\/li>\n<li>Immerhin, das bleibt positiv anzumerken, die k&uuml;nftige Kanzlerin hat gesagt: auch in Zeiten der Globalisierung k&ouml;nne die Politik gestalten. Das ist ein Fortschritt gegen&uuml;ber den &bdquo;objektiven&ldquo; Zw&auml;ngen, von denen Schr&ouml;der immer redete, wenn er seine &bdquo;Reformen&ldquo; oktroyierte.<\/li>\n<li>Dass die Koalition wichtige Bereiche ausgespart hat, finde ich nicht so schlimm. Im Gegenteil. Wenn die neue Regierung sich um so mehr auf das Anschieben der Wirtschaft konzentrieren w&uuml;rde, statt weiter und immer wieder weiter zu reformieren, dann w&auml;re das ja akzeptabel und sogar gut.<\/li>\n<li>Etwas verwirrend scheint die Wahl des Mottos der kommenden Regierung zu sein. Offenbar hat man sich nicht darauf verst&auml;ndigt, was die Parole sein soll. Frau Merkel sprach vom Dreiklang: Sanieren, Reformieren, Investieren. Herr M&uuml;ntefering sprach von Mut und Menschlichkeit. Stoiber meinte, Mut und Menschlichkeit sei okay, aber dazu m&uuml;sse kommen: Sanieren, Reformieren, Investieren.<\/li>\n<li>Frau Merkel sprach von einem gemeinsamen Werteger&uuml;st. Mit mehr als mit &bdquo;sozialer Marktwirtschaft&ldquo; hat sie dieses Werteger&uuml;st aber nicht definiert &ndash; und da sich auf die soziale Marktwirtschaft selbst die Marktradikalen berufen, sagt diese Formel gar nichts mehr aus. Da sind wir gespannt auf die Regierungserkl&auml;rung.<\/li>\n<li>Vor allem Frau Merkel und Herr Stoiber haben permanent vom Mittelstand geredet, den man besonders f&ouml;rdern wolle. Wie das bei einer 3%igen Mehrwertsteuererh&ouml;hung geschehen soll, ist mir etwas unklar. Denn die Mehrwertsteuererh&ouml;hung trifft ja gerade nicht die florierende Exportindustrie (sie zahlt f&uuml;r die Exporte keine MWSt), sondern gerade die auf den Binnenmarkt angewiesenen mittelst&auml;ndischen Unternehmen. Eine Erh&ouml;hung der Mehrwertsteuer bedeutet zudem eine Versch&auml;rfung der Tendenz zur Schwarzarbeit, die ja nicht so besonders im Interesse des Handwerks liegen d&uuml;rfte und auch nicht durch die sonstigen Erleichterungen wie zum Beispiel die Wiedereinf&uuml;hrung der degressiven Abschreibung ausgeglichen sein d&uuml;rfte.<\/li>\n<li>In diesem Zusammenhang hat Edmund Stoiber etwas Bemerkenswertes gesagt. Dem Sinne nach etwa: Wir haben in der Vergangenheit die Investitionsbedingungen der gro&szlig;en Unternehmen durch die Steuerreform verbessert. Bravo. Dass dies so sei, dass wir eine ganze Strecke von Steuerreformen hinter uns haben und die Unternehmen bei uns im Vergleich zu anderen L&auml;ndern nur noch wenig belastet sind, sagen wir und andere schon lange. Bisher haben die neuen Koalitionspartner wie auch die FDP immer das Gegenteil behauptet und zum Beispiel in einem gro&szlig;en &bdquo;Koalitionsversuch&ldquo; vom 17. M&auml;rz ein weiteres unsinniges Steuersenkungspaket beschlossen, das dann aber h&auml;ngen blieb. Teile dieses Pakets sind m&ouml;glicherweise jetzt wieder in der Koalitionsabrede enthalten.<\/li>\n<li>Franz M&uuml;ntefering hat &uuml;brigens wieder behauptet, Bundeskanzler Schr&ouml;der habe in seiner Zeit mit den Reformen begonnen. Man muss langsam bef&uuml;rchten, dass der k&uuml;nftige Vizekanzler das wirklich glaubt. Richtig ist jedoch: Schon die Regierung Kohl hat permanent &ldquo;reformiert&ldquo;. Die Sozialdemokraten nannten das fr&uuml;her Sozialabbau. Das einzige, was Schr&ouml;der begonnen hat, war, dass er auch seine Partei, die Sozialdemokratie, zu einem Kurswechsel hin zu einer neoliberalen Wirtschafts- und Sozialpolitik gezwungen hat und damit dieses Dogma zur herrschenden Lehre gemacht hat. Die Verm&ouml;genssteuer wurde zu Kohls Zeiten gestrichen, genauso wie die Gewerbekapitalsteuer und eine F&uuml;lle anderer Steuersenkungen zu Gunsten der Wirtschaft.<\/li>\n<li>Die Reichensteuer ist eine ziemlich freche Irref&uuml;hrung der sozialdemokratischen Klientel. Das klingt ja so k&auml;mpferisch, wie das Reden &uuml;ber die &bdquo;Heuschrecken&ldquo;. Wenn man sich das Kleingedruckte anschaut (und freundlich gestimmt ist), dann kann man nur milde l&auml;cheln: bei einem Einkommen von 250.000 &euro; und 500.000 bei Verheirateten steigt der Steuersatz um 3%, und die gewerblichen Gewinneinkommen sind obendrein ausgenommen. 500.000 ! &euro; &ndash; um zu begreifen, wie hoch die Grenze liegt, bei der die zus&auml;tzliche Steuerbelastung stattfindet, muss ich den Betrag in DM umrechnen: fast eine Million. Maximale Einnahmen etwas &uuml;ber eine Millarde gegen&uuml;ber 24 Milliarden bei der Mehrwertsteuer, die alle zahlen m&uuml;ssen. Na ja, schon in der Kaiserzeit galt: &bdquo;Salzsteuer bringt mehr als Sektsteuer&ldquo;.<\/li>\n<li>Von Interesse f&uuml;r eine Bewertung dieses Koalitionsvertrages ist auch die Antwort auf die Frage, <strong>was nicht vereinbart<\/strong> worden und offenbar auch nicht beabsichtigt ist:\n<ul>\n<li>Das Ehegattensplitting wird nicht angetastet, obwohl diesen Vorteil der verheirateten Spitzenverdiener zu kappen nun wirklich an der Tagesordnung w&auml;re.<\/li>\n<li>Die zum 1.1.2002 eingef&uuml;hrte Befreiung von der Besteuerung der Gewinne beim Verkauf von Unternehmen und Unternehmensteilen wird nicht zur&uuml;ckgenommen. Das Gerede von den &bdquo;Heuschrecken&ldquo; bleibt folgenloses Backenaufblasen.<\/li>\n<li>Es gibt keine neue Verm&ouml;gensteuer und auch keine sonstige zus&auml;tzliche Belastung der gro&szlig;en Verm&ouml;gen. Der Appell von verm&ouml;genden Personen zur Erh&ouml;hung der Steuern auf Verm&ouml;gen, der uns in den letzten Tagen erreichte, bleibt ungeh&ouml;rt. Es gibt auch keine h&ouml;here Besteuerung des leistungslos ererbten Gro&szlig;verm&ouml;gens.<\/li>\n<li>Die gro&szlig;e Koalition macht nicht den Versuch, das Vertrauen der vielen betroffenen Arbeitnehmer in die Arbeitslosenversicherung als einer Versicherung, die sie im Notfall auff&auml;ngt, wieder herzustellen. Dies w&auml;re wirklich n&ouml;tig gewesen, um jenen vielen Menschen zwischen 40 und 60, die schon Jahrzehnte in diese Versicherung einbezahlt haben, etwas von der Angst weg zu nehmen, in die man sie mit Hartz IV versetzt hat &ndash; n&auml;mlich in einem Jahr vom Normalverdiener in die Bed&uuml;rftigkeit zu fallen.<\/li>\n<li>Ich vermisse wirksame Ma&szlig;nahmen zur Stabilisierung der sozialversicherungspflichtigen Besch&auml;ftigung: Das Minimum w&auml;re die Streichung der Subventionen f&uuml;r die 400-Euro-Jobs, f&uuml;r die 1-Euro-Jobs und der Subventionen f&uuml;r die Riester-Rente sowie die &Uuml;bernahme der versicherungsfremden Leistungen bei Kranken- und Rentenversicherung. (Siehe dazu auch das Minderheitenvotum des Sachverst&auml;ndigen Peter Bofinger auf Seite 216ff. des Gutachtens und unser Eintrag im <a href=\"?p=937\">Kritischen Tagebuch vom 9.11.<\/a>)<\/li>\n<li>Ich vermisse eine Ermunterung zu besseren Lohnabschl&uuml;ssen mit Lohnsteigerungen im Rahmen der Produktivit&auml;t plus zu erwartender Preissteigerungsrate.<\/li>\n<li>Ich erkenne nicht den wichtigen Versuch, die Macht einiger weniger Medienkonzerne zu beschr&auml;nken und so etwas zur Wiederherstellung pluraler Meinungsbildung zu tun Das w&auml;re etwas gewesen, was nur eine Gro&szlig;e Koalition leisten k&ouml;nnte. Nat&uuml;rlich wird man auch &uuml;berhaupt nichts tun, um der Kommerzialisierung und der Ausbreitung von Gewalt &uuml;ber die Medien einen Riegel vorzuschieben, sie jedenfalls zur&uuml;ckzudr&auml;ngen.<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So k&ouml;nnte vielleicht manch einer fragen, wenn ich jetzt den Versuch einer ersten Bewertung der Koalitionsvereinbarung und der Pressekonferenz der Koalitionspartner mache. 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