{"id":9423,"date":"2011-05-13T09:30:19","date_gmt":"2011-05-13T07:30:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9423"},"modified":"2014-08-28T15:27:35","modified_gmt":"2014-08-28T13:27:35","slug":"die-autoimmunerkrankung-der-vierten-gewalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9423","title":{"rendered":"Die Autoimmunerkrankung der Vierten Gewalt"},"content":{"rendered":"<p>Am letzten Freitag war die Welt der Gro&szlig;journalisten noch in Ordnung. Man traf sich, in Smoking und Ballkleid gewandet*, im edlen Hamburger Schauspielhaus und feierte sich selbst f&uuml;r die eigene Gro&szlig;artigkeit. Vor allem in schlechten Zeiten dienen solche Rituale der weltanschaulichen Festigung &ndash; Strukturvertriebe zeichnen in &auml;hnlichen Ritualen ihren besten Klinkenputzer aus, Kaninchenz&uuml;chter den patentesten Rammler. In diesem Jahr ging der Egon-Erwin-Kisch-Preis, die bedeutendste Troph&auml;e der journalistischen Selbstinszenierung, an den SPIEGEL-Redakteur <a href=\"http:\/\/www.reporter-forum.de\/index.php?id=117&amp;tx_rfartikel_pi1%5BshowUid%5D=502&amp;cHash=7fd7186b8491fd38946eb28a709b9009\">Ren&eacute; Pfister<\/a>, der f&uuml;r seinen Arbeitgeber ein nett zu lesendes, sehr gut geschriebenes aber letztlich doch an der Oberfl&auml;che bleibendes Portrait des bayerischen Ministerpr&auml;sidenten Horst Seehofer geschrieben hatte. Eine Woche sp&auml;ter schl&auml;gt die Branche hysterisch aufeinander ein. Statt Selbstkritik zu &uuml;ben, tanzt die selbsternannte Elite der Vierten Gewalt um ein goldenes Kalb namens Wahrhaftigkeit und zeigt damit nur einmal mehr, dass sie sich von journalistischen Prinzipien entfernt hat und in einer inzestu&ouml;sen Parallelwelt lebt. Von Jens Berger<br>\n<!--more--><br>\nWas ist Ren&eacute; Pfister vorzuwerfen? In seinem Politiker-Portrait <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-73290158.html\">&bdquo;Am Stellpult&ldquo;<\/a> hat er in vier kurzen Abs&auml;tzen beschrieben, mit welcher Hingabe sich Horst Seehofer mit der Modelleisenbahn im Keller seines Ferienhauses besch&auml;ftigt. Pfister war zwar nie pers&ouml;nlich in besagtem Keller, lie&szlig; sich aber von seinen Kollegen beim SPIEGEL, die pers&ouml;nlich die Modelleisenbahn in Augenschein nehmen durften, jedes Detail seines Artikels best&auml;tigen. Den einzige &bdquo;Fehler&ldquo;, den man Pfister vielleicht vorzuwerfen kann, ist, dass er im Artikel nicht explizit erw&auml;hnt, nie die Modelleisenbahn Seehofers mit eigenen Augen gesehen zu haben. <\/p><p>Ein Skandal? Aber nicht doch. Wer so denkt, m&uuml;sste den Reporter-Legenden Bob Woodward und Seymour Hersh auch ihre Pulitzer-Preise wegnehmen, spielen sie in ihren Reportagen doch ganz bewusst damit, verifizierte Informationen aus dritter Hand so darzustellen, dass der Leser denkt, er sei selbst dabei. Diese Form des &bdquo;Schl&uuml;sselloch-Journalismus&ldquo;, die dem Leser eine Authentizit&auml;t vorspiegelt, die nicht gegeben ist, ist bereits seit langem ein Markenzeichen des SPIEGEL und wird von der Konkurrenz flei&szlig;ig nachgeahmt. Diese Form des Journalismus kann man sehr wohl kritisieren &ndash; sie zu kritisieren und gleichzeitig nachzuahmen ist jedoch unehrlich.<\/p><p>W&uuml;rden die Hohepriester des &bdquo;Qualit&auml;tsjournalismus&ldquo; f&uuml;r ihre eigenen Bl&auml;tter die gleiche Messlatte anlegen, mit der sie in den letzten Tagen wild um sich schlugen, w&uuml;rden ihre Bl&auml;tter wohl auf das Format einer Werbebeilage des lokalen Baumarkts schrumpfen. Wer sein Personal in rasantem Tempo abbaut, immer mehr qualit&auml;tssensitive Bereiche an Billigheimer outsourced und sich einen Gutteil des Blattes durch Agenturmeldungen f&uuml;llen l&auml;sst, sollte sich bitte sch&ouml;n auch bei Sonntagsreden &uuml;ber die Wahrhaftigkeit des Journalismus zur&uuml;ckhalten.<\/p><p>Es ist nicht schwer, den SPIEGEL zu kritisieren. Bei den NachDenkSeiten vergeht kaum ein Tag, an dem der SPIEGEL nicht in den Hinweisen des Tages inhaltlich und formal scharf kritisiert wird. Doch diese inhaltliche &ndash; und in der Tat wahrhaftige &ndash; Kritik hat nichts mit der pomadigen Selbstgerechtigkeit zu tun, die in den letzten Tagen die Gazetten f&uuml;llt. Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Dass ausgerechnet der <a href=\"http:\/\/www.focus.de\/kultur\/medien\/juror-helmut-markwort-wir-waren-der-ueberzeugung-er-war-im-keller_aid_626260.html\">Focus<\/a> und die Springer-Zeitungen <a href=\"http:\/\/www.bild.de\/news\/inland\/spiegel\/medien-krieg-um-methoden-17850950.bild.html\">BILD<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/print\/die_welt\/kultur\/article13364695\/Viel-Aerger-um-eine-Modelleisenbahn.html\">WELT<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.abendblatt.de\/kultur-live\/article1883592\/Jury-erkennt-Spiegel-Redakteur-Nannen-Preis-ab.html\">Hamburger Abendblatt<\/a> sich nun zum Gralsh&uuml;ter (formal)journalistischer Werte aufspielen, entbehrt dabei nicht einer gewissen Komik. Wer ihre vor Scheinheiligkeit triefenden Mahnungen liest, f&uuml;hlt sich unweigerlich in die Rolle einer Randfigur in einem Roman von Kafka versetzt. Hat man bei Springer vergessen, dass die BILD einsamer Spitzenreiter bei den R&uuml;gen des Presserats ist? Hat Focus-Herausgeber Markwort vergessen, dass seine &bdquo;Finanzjournalisten&ldquo; in <a href=\"http:\/\/www.ndr.de\/fernsehen\/sendungen\/zapp\/medien_politik_wirtschaft\/boerse153.html\">erstaunlicher Regelm&auml;&szlig;igkeit<\/a> das Blatt nutzen, um ihre Leser <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/newsticker\/meldung\/Journalist-wegen-Insider-Handel-verhaftet-34034.html\">finanziell zu erleichtern<\/a>?<\/p><p>Woher kommt der geradezu panische Bei&szlig;reflex der selbstverliebten Gro&szlig;journalisten? Der SPIEGEL hat sich in der Branche in den letzten Jahren nicht unbedingt viele Freunde gemacht. In  ziemlich ungerechtfertigter Selbst&uuml;bersch&auml;tzung hat sich der SPIEGEL selbst in den Medien-Olymp erhoben und schaut mit &uuml;berbordender Arroganz auf den Rest der Branche herab. Es ist nat&uuml;rlich verst&auml;ndlich, dass die Lausebengel aus der letzten Reihe feixen, wenn der  unbeliebte Streber vom Klassenlehrer beim Mogeln erwischt wird &ndash; ob er wirklich gemogelt hat, spielt dabei keine Rolle und schon gar nicht, dass die meisten von ihnen selbst mogeln. Der Focus ist neidisch, dass er &ndash; vollkommen zu Recht &ndash; nicht als Nachrichtenmagazin wahrgenommen wird. Im Springer-Verlag grollt man immer noch, dass der SPIEGEL die Omerta gebrochen hat, als er vor wenigen Wochen die BILD in einer Titelgeschichte scharf kritisierte. Der SPIEGEL hat in der Branche eine gewaltige Fallh&ouml;he erreicht. Man muss sich nicht wirklich dar&uuml;ber wundern, dass den Hy&auml;nen der Sabber aus den Lefzen l&auml;uft, wenn der Leitbulle von der Brandstwiete taumelt.<\/p><p>Das selbstentr&uuml;ckte, pedantische Pochen auf abstrakte journalistische Ideale verfolgt jedoch auch den Zweck, die Branche in ein steriles Licht   zu tauchen, das deren dunkle Schatten &uuml;berstrahlen soll . Christian Schl&uuml;ter stellt in der Frankfurter Rundschau diese  Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit in einem der wenigen lesenswerten Kommentare zum Thema dar:<\/p><blockquote><p>Journalisten jagen die pralle Wirklichkeit und wenn sie dar&uuml;ber schreiben, lassen sie nichts weg, komponieren ihre Texte nicht, lassen &auml;sthetische Kriterien vollkommen au&szlig;er Acht, schreiben nichts um, k&uuml;rzen auch nicht, verl&auml;ngern nie&hellip; Es ist die Wirklichkeit, die sich ohne subjektive Zutat in die Rotationsmaschinen der Presse einschreibt&hellip; Okay, das ist uns jetzt echt zu bl&ouml;d [&hellip;]<br>\n<a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/kultur\/spezials\/times-mager\/blechboeschung\/-\/1838190\/8431352\/-\/\">Christian Schl&uuml;ter &ndash; Blechb&ouml;schung<\/a><\/p><\/blockquote><p>Ohne es selbst zu bemerken, hat sich der &bdquo;Qualit&auml;tsjournalismus&ldquo; von seinen Lesern entfremdet. Wenn man die B&uuml;rger fragt, was sie an den heutigen Politikern auszusetzen haben, bekommt man h&auml;ufig die Antwort, dass die Politiker das Volk nicht mehr wahrnehmen w&uuml;rden, in ihrem eigenen Saft schmoren, einen elit&auml;ren D&uuml;nkel pflegen, sich selbst feiern und inhaltliche Kritik von au&szlig;en nicht mehr wahrnehmen. Wie sollen diese Politiker von Journalisten kontrolliert werden, auf die exakt die gleichen Beschreibungen zutreffen? <\/p><p>Wir erleben ein tiefgreifendes kollektives Versagen der Vierten Gewalt. Anstatt die M&auml;chtigen zu kontrollieren, empfinden sich die ehemaligen &bdquo;Sturmgesch&uuml;tze&ldquo; der Demokratie selbst als Teil der Macht. Anstatt offensichtliche Defizite im politischen und wirtschaftlichen System zu hinterfragen, streiten sich die Doyens der Branche wie Kleinkinder im Sandkasten &uuml;ber Petitessen und schlagen die Sandburgen ihrer Spielkameraden mit dem Sch&auml;ufelchen kaputt.<\/p><p>W&uuml;tenden Worte, wie diese, prallen an den Verantwortlichen freilich ungeh&ouml;rt ab. Um sie zu erreichen, m&uuml;ssen wir mit ihnen in der einzigen Sprache sprechen, die sie verstehen. Vielleicht sollte man den Vorschlag, den uns ein Leser vor wenigen Wochen <a href=\"?p=8729\">zuschickte<\/a>, noch einmal &uuml;berdenken:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Mein Vorschlag an die Leser der Nachdenkseiten ist sehr einfach. Bestellen Sie eine der Ver&ouml;ffentlichungen der Mainstreampresse ab und stellen den Betrag den <a href=\"?page_id=7726\">Nachdenkseiten zur Verf&uuml;gung<\/a>.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>* Der Autor war nicht pers&ouml;nlich bei der Verleihung des Henri-Nannen-Preises zugegen, ist sich aber sicher, dass seine &bdquo;szenische Rekonstruktion&ldquo; der Wahrheit sehr nahe kommt.<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/30b48240405a4c7c9e4f361752d2673e\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am letzten Freitag war die Welt der Gro&szlig;journalisten noch in Ordnung. Man traf sich, in Smoking und Ballkleid gewandet*, im edlen Hamburger Schauspielhaus und feierte sich selbst f&uuml;r die eigene Gro&szlig;artigkeit. Vor allem in schlechten Zeiten dienen solche Rituale der weltanschaulichen Festigung &ndash; Strukturvertriebe zeichnen in &auml;hnlichen Ritualen ihren besten Klinkenputzer aus, Kaninchenz&uuml;chter den patentesten<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9423\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[41,85],"tags":[840,582,420,271,244],"class_list":["post-9423","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-medienanalyse","category-pr","tag-focus","tag-seehofer-horst","tag-spiegel","tag-springer","tag-vierte-gewalt"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9423","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9423"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9423\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":22988,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9423\/revisions\/22988"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9423"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=9423"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=9423"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}